Späte Rückkehr – von Iris Otto

Späte Rückkehr – von Iris Otto

Nichts verursachte in ihm ein solches Gefühl von Behaglichkeit wie das dumpfe Geräusch, mit dem der Keramikdeckel vom Flaschenhals sprang, als er den Bügelverschluss nach hinten drückte. Olaf lehnte sich auf der Couch zurück, während die Jungens von Schalke über den Rasen rannten, um den Bayern den Ball abzujagen. Das Läuten an der Haustür konnte unpassender nicht sein. Olaf blieb sitzen. Der Stürmer ging nach einem Foul der Bayern zu Boden, begleitet von den Pfiffen der Fans und dem schrillen Dauerton der Türklingel. „Hat man hier nicht mal am Wochenende seine Ruhe?“ Fremd klang seine eigene Stimme, die er das erste Mal an diesem Tag hörte. Zweimal drehte er den Schlüssel, bevor sich die Eingangstür öffnete. „Hallo Olaf, lange nicht gesehen. – Und trotzdem gleich wiedererkannt“, fügte die Frau hinzu. Ihr Lachen war eine Spur zu schrill, um echt zu sein. „Monika.“ Mehr fiel ihm nicht ein. „Darf ich reinkommen?“ „Es ist lange her.“ Olaf füllte den Türrahmen mit seiner kräftigen Statur aus und musterte im Gegenlicht der tief stehenden Sonne seine Schwester. Die Zeit hatte bei ihr Spuren hinterlassen. Der Haaransatz schimmerte grau entlang ihres Scheitels, erste Falten umzogen ihre Augen. Jeans und Lederjacke waren wohl nicht nur aus modischen Gründen abgewetzt. „Was willst du?“ Ihr Lächelnd verschwand und sie zog aus einem Stoffbeutel, den sie über der Schulter trug, einen Brief. „Ich bin angeschrieben worden. Wegen der Erbschaft.“ „Das ist lange her.“ „Ich weiß, aber ich war unterwegs. Ausstellungen und so, weißt du.“ Olaf drehte sich um. „Warte hier, ich hole den Schlüssel zur Werkstatt.“ Als er aus der kleinen Kammer zurückkam, die ihm seit Kindertagen als Schlafzimmer diente, stand Monika in der Tür zum Wohnzimmer und sah sich um. „Ich fass es nicht! Hier hat sich nichts verändert in zwanzig Jahren.“ „Warum sollte es? Komm.“ Er fasste ihren Ellbogen und zog sie mit sich. Nacheinander leuchteten die Neonröhren auf. „Wow, das sieht ja picobello aufgeräumt aus. Läuft die Schlosserei gut?“ „Geh so“, antwortete er und ging an einem halb fertigen Treppengeländer vorbei. „Deine Erbschaft steht hier hinten“, sagte er und deutete auf eine Plane. Monika trat näher und hob zögernd die Abdeckung. Dann brach sie in Gelächter aus. „Das soll wohl ein Witz sein! Hier steht, ich bekomme aus dem Nachlass ein Auto.“ Sie wedelte mit dem Brief in ihrer Hand. „Was hast du erwartet, einen Jaguar?“ „Sicher nicht, aber auch nicht diese Schrottkiste ohne Räder und mit zerfetzten Sitzen!“ Olaf zuckte die Schultern. „Es war Vaters ausdrücklicher Wille, dass der Käfer an dich geht.“ „Und was soll das sein? Die Strafe für die entlaufene Tochter, die jetzt mit einer Rostlaube abgespeist wird, die sie nicht einmal von hier fortbewegen kann? Eine Erinnerung an harmonische Familienfahrten, die zum Kotzen waren?“ Wütend ließ sie die Plane fallen und drehte sich um. „Dann eben nicht. Entsorgst du ihn oder soll ich das übernehmen?“ Olaf folgte ihr zur Tür. „Das kannst du machen!“, schrie sie ihm entgegen. „Du hast ja schließlich den ganzen Rest bekommen: das Haus, die Firma, das Grundstück.“ Monika zog an dem Ausschnitt ihres Pullovers. „Mein Gott, wie muffig, hier alles ist. Es nimmt mir den Atem!“ Die metallene Eingangstür donnerte gegen die Hauswand, als sie ins Freie eilte. Olaf folgte ihr. „Mir steht ein Pflichtteil zu!“ Sie rang nach Luft. „Pflichtteil?“ Olaf lachte auf. „Und wo war dein Pflichtteil all die Jahre als Mutter krank war und gepflegt werden musste? Wo war dein Pflichtteil als Vater mit Demenz ins Pflegeheim kam? Wo war dein Pflichtteil, als das alles jeden Monat bezahlt werden musste? Du erzählst mir was von deinem Pflichtteil?“ Olaf spuckte auf den Boden. „Du kannst gern deinen Pflichtteil haben. Die Bank wird sich freuen, wenn einer für die Schulden hier aufkommt. Nur zu!“ Feuchtigkeit sammelte sich in ihren Augen. „Das habe ich nicht gewusst. Ich konnte damals nicht bleiben, es hat mich alles erdrückt. Vielleicht können wir zwei noch einmal…“ Olaf winkte ab. „Lass gut sein. Die Chance ist vorbei. Früher hätte ich dich gebraucht. Jetzt nicht mehr. Gib dem Nachlassverwalter Bescheid, dann kann das Ganze hier abgewickelt werden.“ Er ging zurück zum Wohnhaus. „Olaf, kann ich dir helfen?“ Langsam wanderten seine Augen über ihre Gestalt. „Du siehst nicht so aus, als ob du mir helfen könntest.“ Er schloss die Haustür auf. „Und das war es jetzt?“, fragte sie ungläubig vom Hof. „Sieht so aus“, antwortete Olaf und verschwand in seinem Elternhaus. Er schaltete die Werbung im Fernsehen aus und griff nach der Bierflasche. Olaf trank einen letzten Schluck Bier bevor er die gepackte Reisetasche aus dem Kleiderschrank holte. Er würde weit fahren müssen, um sich aus seinem alten Leben zu befreien. Gefangen und eingesperrt in der Rolle des Lieblingssohnes, der alle Eskapaden der ausgeflippten Schwester ausglich. Der Sonnenschein der Mutter. Der Stolz des Vaters, dessen Beruf er sogar erlernt hatte, um die Firma zu übernehmen. Wie oft hatte er mit seinem Vater gestritten, ob der alte Käfer nicht endlich entsorgt werden könne. Doch der war für Monika bestimmt, wenn sie eines Tages nach Hause zurückkäme. Stolz war Olaf gewesen, dass ihm ein ganzes Anwesen zufiel und seiner Schwester nur die alte Rostlaube. Und dann der Tag an dem er allein am Grab des Vaters stand! Er hatte seiner Verzweiflung Luft gemacht, war anschließend in die Werkstatt gegangen und hatte sinnlos auf die Rückbank des Käfers eingestochen, auf der sie bei so vielen Fahrten nebeneinander gesessen hatten. Irgendwann war das Messer abgeglitten. Er hatte einen kleinen Goldbarren getroffen, der unter ihrem Sitz für Monika bereit lag.

Hanne Landbeck

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