Ist autobiographisches Schreiben heilsam?

Ist autobiographisches Schreiben heilsam?

Autobiographisches Schreiben ist oft der erste Impuls, AutorIn zu werden. Das kann ein Trauma sein, irgendeine Art von Missbrauch, den sie oder er in der Kindheit oder auch später erlitten hat, eine Krankheit oder eine schwierige aktuelle Situation. Ein Tagebuch beginnen wir meist in der späteren Kindheit oder Jugend und notieren alle schlechten Gefühle – weniger die guten. Paul Auster hat in einem Interview gesagt, dass er zwar nicht glaubt, dass ein Mensch beständig glücklich sein könne, dass aber überwiegend glückliche Menschen keinen Anlass zum Schreiben hätten. Das Interview ist noch auf Arte zu sehen:

https://www.arte.tv/en/videos/080137-000-A/paul-auster-a-game-of-chance/

Wie ist es Ihnen ergangen? Haben Sie Ihren Schreibanlass im Glück oder eher im Unglück gefunden? Hat Ihnen das Schreiben geholfen? Hilft es Ihnen bei der Überwindung schwieriger Situationen?

Meine Antwort ist ein klares Jein

Um Ihnen ein Beispiel zu geben, nämlich mich: Ich kann diese Frage mit einem klaren Ja und einem klaren Nein beantworten. Meine Antwort ist ein klares Jein. Ja, weil ich oft beim Schreiben Freude empfand; nein, weil ich nicht denke, mich jemals selbst dadurch geheilt zu haben.

Blumen, Fliegenpilze, Kinder, Engel


Als ich mit dem Schreiben begann, also als Kind – da führte ich intensive Briefwechsel mit FreundInnen aus Deutschland, Holland und Frankreich – und dieses Tun erfüllte mich mit großer Freude. Freude an und für sich ist ja auch schon eine Art „Heilung“. Insofern lautet hier die Antwort: ja.
Ich klebte oft schöne Glanzbildchen in die Briefe und schrieb über Alltägliches und – im Rahmen meiner Möglichkeiten – Philosophisches. Die Glanzbildchen hatten unterschiedliche Motive, Blumen, Fliegenpilze, Kinder, Engel …

Fliegenpilz autobiographisches Schreiben

Ja, auch Engel. Dabei freute ich mich über den Glanz der Bilder und empfand Vorfreude darauf, dass auf meinen Brief ein Brief zurückkommen würde. Bis mein Vater diese Tätigkeit zu exzessiv fand und immer wieder über die vielen Briefe schimpfte. Wahrscheinlich strapazierten – er war überzeugter Atheist – die Engel seine Geduld. Dennoch freute ich mich auf die Briefe, die ins Haus flatterten – vielmehr von der Dorfbriefträgerin, Frau Schwarz, gebracht wurden.

Posttasche autobiographisches Schreiben

Sie hatte eine große schwarze Ledertasche für die auszutragende Post und ein schwarzes Postrad, mit dem sie mir öfter mal auch den Schulweg erleichterte, denn ich musste von Dorf zu Dorf laufen. Zwischen zwei Dörfern gab es kein einziges Haus, nur Wald und Wiesen. Da ich ein Angsthase war, fürchtete ich mich vor dieser unzivilisierten Fläche so sehr, dass ich manchmal am Rand des einen Dorfes stand und heulte.

schwarzes Postrad autobiographisches Schreiben

Da kam dann zu meinem Glück Frau Schwarz mit ihrem Fahrrad, setzte mich auf den Gepäckträger und rettete mich. Darüber habe ich aber nie geschrieben, das hatte ich – bis heute – verdrängt. Ebenso wie die Glanzbildchen. Also lautet die Antwort, ob das autobiographische Schreiben mir diesbezüglich geholfen hat: nein. Denn ich schrieb ja nicht darüber. Aber jetzt empfinde ich Lust dabei, mich an Glanzbildchen und schwarze Fahrräder zu erinnern. Ob mich das jetzt heilt? Auf jeden Fall schafft es gute Laune. Jetzt noch verbinde ich den angenehmen Geruch benutzten Leders mit der Verheißung auf eine Botschaft aus der Ferne. (Übrigens: Welchen Geruch hat eine E-Mail?)

Irgendwann hörte ich einfach auf, Briefe zu schreiben. Dieser traurige Umstand wäre doch ein Anlass gewesen, ihn im Tagebuch zu bearbeiten, oder? Das habe ich aber nicht getan. In meinen Tagebüchern stehen Gedanken über Geschehenes, Abstraktes, manchmal auch Philosophisches, Trauriges und sehr selten Schönes. Aber nichts über Posträder, Glanzbildchen oder atheistische Väter.

Später dann, als ich mich in die Kunst des Schreibens vertieft hatte, finden sich autobiographische Sätze wie:

„Blick auf den See, das Wasser schimmert silbern, wie der Reiher am Ufer. Stolz glänzt er in seelenruhiger Gewissheit seines baldigen Fangs und der alterslosen Schönheit seiner Gestalt: Majestätisch, das ist es, was mir fehlt, ich aber entwickeln sollte. Seelenruhige Gewissheit meiner Selbst, überzeugtes Dasein im Nur-so-Sein, auch ein Spatz ist mit sich eins, zwar kleiner, schneller, verschwatzter und gemeiner, aber er zweifelt nicht. Der Mensch ist das an sich (ver)zweifelnde Wesen. Allerdings zweifeln nicht alle…“

Dem Text ist es egal, ob wir uns durch ihn „heilen“

Ob mir dieser Eintrag geholfen hat, mein zu wenig majestätisches Wesen zu trösten oder gar zu stärken, das weiß ich nicht mehr. Was mir in Erinnerung geblieben ist, ist die Freude am Vergleich des Menschen mit dem Vogel.

Das macht (für mich) das wirkliche Schreiben aus: Die selbst erlebten und empfundenen Dinge heben sich auf eine andere Stufe. Dem Text ist es egal, ob wir uns durch ihn „heilen“ oder nicht. Die Freude am Vergleich gestatte mir einen Moment des Glücks, der allein mein Schreiben adelt. So auch jetzt, als ich mich wieder der Glanzbildchen und der Posttasche erinnerte. Ich könnte jetzt weiter schreiben, Ereignisse und Atmosphären aus der Kindheit überfallen mich geradezu … aber ich will Sie ja nicht quälen (sehen Sie, da ist er wieder, der Zweifel). Ich will Sie nämlich etwas fragen:

Hilft Ihnen autobiographisches Schreiben?

Hilft Ihnen autobiographisches Schreiben – hat es jemals eines Ihrer Traumata geheilt? Oder gar intensiviert?
Mich interessieren Ihre Erfahrungen mit dem autobiographischen Schreiben: Antworten Sie entweder hier im Kommentarfeld oder schicken Sie uns Ihren Text. Die schönsten, tragischsten, erschütterndsten, intensivsten Texte publizieren wir in unserem Blog. Wir freuen uns über jede Erinnerung, die Sie mit uns teilen, über jede Erfahrung (mit dem Schreiben) und vor allem, wenn Sie dadurch ins Schreiben kommen.

Hier noch ein Hinweis auf einen Text, der mir die Idee des heutigen Blogs bescherte. Autorin T Kira Madden verneint die Frage des kathartischen Schreibens eindeutig. Das ist eine Sichtweise, Ihre eigene ist möglicherweise ganz anders? Ich bin gespannt darauf.

2 Kommentare

Stefan Gross Veröffentlicht am10:08 am - Mrz 31, 2019

Früher habe ich viele Briefe geschrieben, an meine Eltern, Geschwister, Angebeteten und Freunde, die ich ihnen aber nie geschickt habe. Denn ich schrieb sie eigentlich für mich. Beim Schreiben an andere kann ich nämlich ganz gut herausfinden, was ich eigentlich auf dem Herzen habe und ihnen eigentlich sagen will oder eben auch nicht. Ja, eigentlich schreibe ich, um herauszufinden, was und wie ich fühlen und denken will, und das ist dann eine Art Heilung, jedenfalls glaube ich das. Aber ich kann mich nicht vorsätzlich ins Glück schreiben, obwohl ich für viele Ideen über das Konstruieren und Schmieden und Besprechen des Glücks sehr empfänglich bin. Der Segen, den die Lust, die Hingabe und die Selbstvergewisserung mir beim Schreiben schenken, entzieht sich nämlich meinem Beschluss. Er pocht in mir als entzückende Laune und verschwindet wieder, ohne etwas von mir zu verlangen. Dieser Kuss und die Liebe sind sehr schön, aber wenn die Muse anfängt zu nerven versuche ich höflich zu bleiben und gebe ihr zu verstehen, dass ich Zeit zum Schreiben brauche. Dann geht sie meistens auch. Wir haben nicht so oft Streit.

Eva de Voss Veröffentlicht am4:44 pm - Mrz 29, 2019

„…dass ich nur schreibend über die Dinge komme“ steht irgendwo bei Christa Wolf.
Für mich gab es immer wieder im Leben Situationen, wo allein das Schreiben, will sagen, das Ordnen von Gedanken mittels korrekter Syntax und Grammatik das Gedankenchaos glättete. Das wiederholte Überarbeiten von derartigen Texten, ggf. deren Anreicherung mit Zitaten der geliebten Dichter, war dann zwar nicht „Heilung“, aber tröstlich.
In der mittelalterlichen liturgischen Kunst gibt es kostbare Kämme aus Elfenbein, mit denen sich der Priester vor der Messe die Haare strählte und damit auch seine Gedanken ordnete, ein wunderbares Bild, finde ich.

Derartige Texte sind niemals zur Veröffentlichung bestimmt.
Bevor ich im vergangenen Sommer alle meine Tagebücher (30 Bände) entsorgte, las ich sie noch einmal, verwandelte den einen oder anderen Text, der mir bemerkenswert schien – nur wenige – in eine Datei.
Interessant war: Die Entwicklung meines Stils vom zehnten bis zum 29. Lebensjahr, das Auge der siebzigjährigen Philologin ruhte textkritisch auf Elaboraten der fünfziger, sechziger und siebziger Jahre.

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