Wettbewerbsbeitrag Nr. 1: „Weihnachtsduft im Außenraum“

Wettbewerbsbeitrag Nr. 1: „Weihnachtsduft im Außenraum“

Weihnachtsduft

Wettbewerbsbeitrag Nr. 1: „Weihnachtsduft im Außenraum“

Weihnachtsduft im Außenraum

Am Abend vor dem zweiten Advent rief mich meine Freundin Fini an und fragte: „Gehen wir  morgen auf den Weihnachtsmarkt in eurer Straße?“ Es ist ein alternativer Weihnachtsmarkt, der jedes Jahr an den Adventssonntagen stattfindet; dort gibt es Kunsthandwerkliches, Selbstgebasteltes und Überflüssiges aller Art zu kaufen – noch ganz im Zeichen des Analogen. Das macht ihn für Fini mit ihrer linksradikalen Vergangenheit, die sonst jeglichen Kommerz verachtet, akzeptabel. Kleine Aufmerksamkeit nennt sie, was später bei ihren Freunden als Staubfänger herumsteht oder aus den Tiefen einer Schublade hervorgekramt werden muss, wenn ihr Besuch bevorsteht.

Dieser Markt, wo es im Unterschied zu den völlig geruchs- und weitgehend lautlosen digitalen  Märkten äußerst geruchs- und geräuschintensiv zugeht, zerrt jedoch an meinen diesbezüglich sensiblen Nerven – wenn auch nicht ganz so heftig wie auf den üblichen German Weihnachtsmärkten, diesen saisonalen Exportschlagern mit ihrem ohrenbetäubenden Karussell-Gedudel und den giftroten Bratapfeldämpfen, den Zahnschmerz verursachenden pinken Geruchsschlieren der Zuckerwatte und gebrannten Mandeln und den terracottafarbenen Schwaden aus der Bratwurstbude, vermischt mit dem grellroten Schweif des Schaschliks.  Nur haben solche Märkte den Vorteil, dass sie nicht in unserer Straße stattfinden und man sie also weiträumig umgehen kann.

Das auf „unserem“ Markt überwiegend sich konsumkritisch gebende Publikum liebt gerade diesen Markt und kommt dafür eigens aus dem fernen Kreuzberg, wenn nicht sogar vom Prenzlauer Berg angereist,  von wo es ein charakteristisches Duftgemisch aus dem frischen Muff selten gewaschener, dafür ganz ökologisch in den Wind gehängter Klamotten sowie dem süßlichen Babydunst von weichgespülter Wäsche mitbringt. Die Anwohner unserer Straße dagegen sind dem Weihnachtsmarkt, wenn auch aus anderen Gründen als ich, eher abhold: Die Verkaufsstände des Marktes werden bereits am Abend vorher aufgestellt, und wehe dem, der dann noch seinen Wagen dort geparkt hat. Mein Nachbar, der eben nur schnell vorm Haus gehalten hatte, um seine Getränkekisten herein zu schleppen, wobei er sich angesichts des Nieselregens besonders beeilt hatte, wurde gerade – ganz unanalog – per Instagram aufgefordert, auf der Stelle sein Auto woanders zu parken, andernfalls es abgeschleppt würde. Dabei hatte er noch das Glück, dass seine Internet-Adresse aus Werbegründen auf dem Firmenwagen stand, sonst hätte es nicht einmal diese Warnung gegeben. Dafür zog jetzt, anstelle des sonst üblichen blau-grünen Benzingestanks, angenehm dunkelgrüner Fichtenduft durch die Straße, denn bei Regen entfalten die hölzernen Stände noch den ihnen angestammten Geruch. Aber dieses belebende Aroma trat angesichts von Finis Frage in den Hintergrund, denn ich sah auf einmal einen chaotischen Farbteppich aus Gerüchen vor mir: den schmuddelig-gelben Stallmief der Schaffellwesten und -puschen, vermischt mit dem grau-grünen bis beige-braunen Muff nass gewordener Wollpullover, dem lavendelfarbenen Staubgeruch handgehäkelter Kuscheltiere mit hölzernem Beißring, die lilafarbenen Schwaden des Glühweins, aus denen rostrote und ockerfarbene Wölkchen aus Nelken- und Zimt empor steigen, das giftgrün-frische und gleichzeitig beißende Aroma ganz unökologisch mit Sprühfarbe kolorierter Weihnachtsmänner,  das indigoblaue Bukett des heißen Kakao, in den sich gelegentlich schneidendes Türkisblau von Raumdünsten mischt und vieles mehr.  Das alles hing vor meiner antizipierend witternden Nase wie einer der schweren Wandteppiche von El Anatsui – haben Sie die mal gesehen? Sollten Sie! Der ghanaische Künstler näht seine Teppiche mit Draht aus Flaschendeckeln zusammen, die er aus Müllbergen sammelt. Allerdings sortiert er die Deckel vorher nach Farben und lässt dadurch angenehm harmonische Kompositionen entstehen, welche die stechenden, beißenden und auf verschiedenste Weise giftigen Aromen der diversen Schnäpse, die von diesen Deckeln vormals unter Verschluss gehalten worden waren, völlig vergessen machen.  Auf dem Weihnachtsmarkt dagegen ist man mit einer unerträglich chaotischen Geruchsfarben-Kakophonie konfrontiert, die zumindest mich stark angreift, um nicht zu sagen: völlig überfordert.

Natürlich hing dieser disharmonische Geruchsteppich am Samstagabend noch nicht leibhaftig vor meiner Nase, sondern stieg aus den Tiefen ihrer Erinnerung empor, denn meine Nase ist nachtragend wie ein Elefant. Da zudem zwischen meiner Nase und meinen Augen eine geheime Verbindung besteht, wurden auch diese letzteren in Mitleidenschaft gezogen: nicht nur Farben, insbesondere Lacke und Sprühfarben, sondern giftig-beißende Ausdünstungen ab; umgekehrt entwickeln auch Gerüche ihre jeweils sehr eigenen Geruchsfarben. Damit noch nicht genug, sind auch meine Ohren nachtragend; sie zuckten förmlich zusammen, als sie daran dachten, was da morgen an Stille Nacht, heilige Nacht, Ihr Kinderlein kommet und Klingglöckchen, klingelingeling – wie alle Jahre wieder – auf sie zukommen würde. Denn die musikalischen Kinder unseres Viertels nehmen traditionell diesen Weihnachtsmarkt zum Anlass ihres ersten öffentliches Auftritts, wo sie das zum Besten geben, was sie im Anfängerkurs für Blockflöte oder Trompete in den letzten Wochen eingeübt haben. Und da die Familien hier offenbar fruchtbar sind, müssen viele Kinder auf begrenztem Platz untergebracht werden, weshalb alle zwei Meter ein anderes Lied erklingt. Aus allem ergibt sich eine nervenzersägende Gemengelage, die, dem penetranten Gestank aus einer Gerberei, kombiniert mit dem Kreischen einer um die Ecke biegenden Straßenbahn vergleichbar, mein olfaktorisch-akustisches System völlig zum Erliegen zu bringen droht.

Also seufzte ich angesichts von Finis Vorschlag und fragte: „Könnten wir nicht stattdessen ins Café gehen?“, wobei ich den warmen rotgoldenen Kaffeedunst antizipierte, in den sich ein hauchzartes Wölkchen aus babyblauem Anis und rosafarbener Vanille mit ein paar Tupfern goldglitzernden Likörs schob.

Aber Fini war erbarmungslos. „Das können wir ja hinterher immer noch“, meinte sie, „aber ich brauche unbedingt noch ein paar Geschenke. Und du: hast du dir denn deine diesjährigen Lammfellpuschen schon gekauft?“

Da ich unter permanent kalten Füßen leide, kaufe ich mir tatsächlich jedes Jahr diese Dinger, ohne die ich nicht überleben könnte, weshalb ich jedesmal meine Nase bitte, sich als kompromissfähig zu erweisen und den mit den Puschen verbundenen Stallgeruch, der zum Glück im Laufe des Jahres langsam verfliegt, in Kauf zu nehmen.

„Nein, noch nicht“, gab ich zu.

„Na also“, sagte sie.

„Okay“, seufzte ich abermals, „aber lass´ es uns kurz machen und gleich morgens gehen, wenn es noch nicht so voll ist. Später soll es außerdem wieder regnen.“ Dabei setzte ich all meine Hoffnung auf den mit Regen stets verbundenen kraftvollen blau-schwarzen Erdgeruch.

„Versprochen.“

Am Morgen des Adventssonntags hatte ich rechtzeitig meine Fenster verschlossen, so dass Düfte und Klänge nur in feinen Rinnsalen und gedämpft zu mir herein sickern konnten als eine noch ferne Witterung, die dem vertrauten Eigenodeur in meinem Heim nichts anhaben konnte. Doch sobald ich diese schützende Hülle verließ, umwaberte mich gnadenlos die Wolke aus Aromen, Buketts, Dämpfen, Dünsten, Düften, Gerüchen, Gestank,  Mief, Muff, Odeurs und was der olfaktorischen Äußerungen mehr ist und hüllte mich sofort erstickend ein. Ich marschierte stracks zum Lammfellstand und fragte nach den Schuhen, die ich ohne Anprobe und ohne das geringste Zögern kaufte, was die Verkäuferin, die offenbar umständliches Feilschen und langwieriges Hin und Her gewöhnt war, gleichermaßen erstaunte und begeisterte. „Sie sind meine erste Kundin heute“, sagte sie fröhlich.

Ich aber folgte Fini von Stand zu Stand, wobei ich versuchte, möglichst wenig zu atmen. Als es sich irgendwann nicht mehr vermeiden ließ, doch wieder einmal Luft zu holen, erreichte mich ein hauchzartes Etwas, geradezu Zärtliches, das wie eine funkelnde Schneedecke in einer sternklaren Vollmondnacht angeweht kam, ein Hauch von Vanille und Puderzucker. Ich wagte es zu schnuppern, das funkelnde Wölkchen wurde größer und intensiver, in den süßen Vanilleduft mischte sich ein rosafabener Schimmer, eine Ahnung von Rosenwasser und Mandeln, der Duft einer jungfräulichen Eisprinzessin, wie filigranes Silber oder wie Eischnee mit bunten Zuckerstreuseln. Trotz seiner Zartheit hatte dieser Hauch die Kraft, das nervenaufreibende Tohuwabohu all der penetranten Ausdünstungen, der schrill kreischenden und beißenden, disharmonischen Farbenmixe und akustischen Missklänge, zurückzudrängen und seine feine Klarheit wie eine geruchsdichte kristallene Scheibe rettend davor zu schieben. Und dann erkannte ich: Es war eine Waffelbude, die diesen Zauber vollbrachte und es meinem vor Überforderung verkrampften Riechorgan möglich machte, sich genüsslich in ihre weichen Duftpolster zu lehnen und sich vollkommen zu entspannen.

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