Wettbewerb Food Writing Text Nr. 4 – Endstation Essen

Wettbewerb Food Writing Text Nr. 4 – Endstation Essen

Wettbewerb Food Writing Text Nr. 4 – Endstation Essen

Endstation Essen

Die Gänsebrust duftet verführerisch, ein wenig vergoren, wie es dieses Fleisch, meine ich, an sich hat und leicht säuerlich herb der Rotkohl, die Klöße prall nach Sättigung, die Soße würzig und ein bisschen nach was Verbotenem. Ah und Oh, lass es dir schmecken, tönt der Familienchor. Meine Frau wendet sich an meine Eltern. Vielen, vielen Dank ihr Lieben, das sieht richtig, richtig lecker aus und wie das duftet! Meine Schwester sagt, lass es dir munden.

Ich sehe es sofort vor mir: Die Lippen öffnen sich, die Speise darf rein, rauf auf die Zunge, der Gaumen will schmecken, die Zähne wollen kauen, die Muskulatur will arbeiten, die Chemie feiern – es sei denn, es läge wirklich ein ganz grober Irrtum vor. Dann müsste man sich, weil eingebaut in die Tischordnung und ohne die geringste Chance, noch rechtzeitig an den Ort zu gelangen, wo man gleichzeitig erbärmlich elend und unendlich erleichtert sein kann, ins Familienrund übergeben.

Kult des Fressens

Man ist was man isst, sage ich und meine Schwester reagiert sofort. So ist er, und das klingt weder vorwurfsvoll noch entschuldigend, aber auch nicht einfach lieb wie von großen Schwestern, eher so, als würde sie es genießen, dass ich wohl nie erwachsen werde für sie. Was könnte eine Schwester von ihrem Bruder auch mehr verlangen? Rindvieh, sagt meine Frau trocken und deutet auf mein saftiges Rumpsteak. Alle lachen und gewiss nicht nur über ihre clevere Wendung meiner Spitze, sondern auch darüber, wie sie das tut, so völlig authentisch, wollen sie meinen.
Mein Vater erhebt sich und hält eine kleine Ansprache; auf das Jahr, das schon wieder um ist, wie gut es Mama und ihm, altersbereinigt, geht, wünscht uns Glück und Wohlergehen und einen gesegneten Appetit. Wir prosten uns zu, meine Schwägerin spielt etwas angesäuert mit ihrer Apfelsaftschorle mit. Sie trinkt null Alkohol und hat deswegen in dieser Familie tatsächlich ein Akzeptanzproblem. Ich möchte wissen, wie sie das beim Abendmahl macht, da läuft sie doch ständig hin, ätzt meine Schwester, wie bei jedem Fest. Ich rücke dicht an ihr Ohr. Pass mal auf: Beim Abendmahl geht’s eigentlich um den großen Kult des Fressens und gefressen Werdens. Diese heutige Verniedlichung zum geweihten Sündchen mit staubigen Plätzchen und schlechtem Wein ist eine tragische kulturelle Verirrung, denn die wirkliche Sünde brauchen wir feist und sättigend und dringender als die Luft zum Atmen. Und gar zu gerne würden wir ihr doch noch den allerletzten Schlag unseres Herzens im Lustrausch opfern, wenn uns nicht der Verzicht auf die völlige Hingabe im letzten Moment doch immer wieder verlockender wäre, nur weil wir uns von der albernen Hoffnung auf ein ewiges Leben als heilige, de-inkarnierte Geister blenden lassen.

Er hat einen guten Roten

Ist es nicht so? Sie räuspert sich eingeschüchtert. Hirngespinste! Ich bedaure, dass ich nicht Ethnologe geworden bin. Dann könnte ich jetzt im Dschungel sitzen, Menschenfleisch essen, mich hemmungslos berauschen und in den Körper eines Schakals schlüpfen! Ist ja schon gut. Ich kann ja auch auch nichts dafür, dass du nicht Pfarrer, äh… Dingsbums geworden bist.
Beim Essen versuchen wir zu schweigen. Aber menschliche Essgeräusche sind ohne menschliche Sprache nicht lange auszuhalten. Lust, nachher UNO zu spielen?, der Kleine ist auch dabei, fragt mein Bruder genau in dem Moment, als ich die Gabel aus dem Mund nehme. Ich muss kauen und das zwingt mich, über meine Antwort nachzudenken und nicht gleich abzublocken, weil ich nur selten ein geselliger Spieler bin, aber UNO geht ähnlich wie Mau-Mau, man muss so schnell und geschickt wie’s geht alle Karten loswerden und das wiederum liegt mir, dieses Ablegen von Aufgaben und Pflichten. Und er hat einen guten Roten, den er ohne mich heute alleine trinken müsste und das ist nun wirklich nicht nötig.

 

Seele von Tieren

Der Sohn meiner Schwägerin, der gerade bei seinem Vater ist, hat mir gestern einen Witz erzählt, einen, bei dem ich mitarbeiten musste: Hunde in unterschiedlichen Ländern machen unterschiedliche Geräusche, fing er an, und jetzt kommt die Frage: Wie klingen Hunde in England? Ich machte Wow, Wow, mit vorgetäuschtem Kaugummi im Mund. Das ließ er durchgehen. Und wie in Deutschland? Wau, Wau. Auch das war richtig. Und in Chi-na??? Ich bemühte mich, aber das klang wohl irgendwie nicht nach Hund, jaul, jaul oder so. Neeeee…, lachte er. Brutzel! Brutzel! Ich lachte bissig zurück. Schwarzen Humor liebe ich zu sehr, um ihm mit der Seele von Tieren zu kommen, die man kulturell bedingt bei uns besser nicht grillen sollte. Guter Witz, lobte ich und dann war mir kurz bange, ob er das nicht doch bald ausprobiert, denn was weiß ich noch, was mit Dreizehnjährigen heutzutage so vor sich geht, wenn sie anfangen, sich mit dem Ernst des Lebens zu beschäftigen und für sich selbst zu sorgen.

 

Grünkohl-Chips

Bescherung war heute Morgen. An Heiligabend kriegen wir uns schon lange nicht mehr alle unter einen Hut. Dieses Jahr gab’s Nüsse ohne Ende, sagte meine Mutter und behauptete, sie habe tagelang Walnüsse geknackt, als sie ihre Tütchen verteilte. Meine Frau und ich bekamen je eines. Ist das nun Altersweisheit oder aus Versehen, fragte ich meinen Bruder. Absicht, lachte er, wir haben auch zwei bekommen. Schon in Ordnung, wir schlafen ja auch in getrennten Betten. Meine Frau puffte mich in die Seite. Stimmt doch gar nicht! Wir haben allen ein Glas selbst gedörrte Grünkohl-Chips geschenkt. Ab Mitte November haben wir Gurken gegessen, die aus den kleinen Gläsern, die sind perfekt für die Chips, zumal mit grünem Deckel. Die Grünkohl-Chips waren letztes Jahr schon der Renner, vor allem bei den Jungen. Dieses Jahr interessierten sie sich auch fürs Rezept.

Meine Nichte hat uns ihr Trockenfleisch geschenkt, eine in Plastik eingeschweißte rotbraune Masse, die aussieht wie eine verschrumpelte Blutkonserve, die man bei Ausgrabungen gefunden hat. Sie beschäftigt sich mit Paleo, hängt das Fleisch aber nicht mehr in die Bäume, sondern nimmt den Backofen zur Hilfe. Praktisch, so ein Einschweißgerät, sagte meine Frau und begann sich näher dafür zu interessieren. Ich blickte hinaus ins Freie. Die Wiesen, Bäume und Felder glitzerten geradezu übermütig silbern und golden. Kommt, lasst uns raus gehen ins himmlische Licht, bevor die Sonnengöttin den Raureif trinkt und die fragile Schönheit zusammen bricht, rappte ich, und alle kamen mit, nur meine Eltern nicht.

 

Rindsfett

Am zweiten Weihnachtsfeiertag fährt meine Frau zu ihrer Schwester nach Karlsruhe. Ich bleibe noch zwei Tage. Zum Abschiednehmen gehen wir wie immer durch den Garten. In die Bäume und Sträucher hat mein Vater Tannenzapfen gehängt, die er in ausgelassenem Rindsfett getränkt und mit Sonnenblumenkernen gespickt hat. Kommen nur ganz wenige. Wir hatten einige Brutpärchen hier übers Jahr, in fast allen Kästen waren tote Küken. Sie finden nichts mehr. Dann zeigt er auf das Gehöft hinten in der Landschaft. Die haben dieses Jahr fünfmal gespritzt. Die ausgewiesenen Brachstreifen für Wildkräuter haben sie einfach umgepflügt, obwohl sie für die Überlassung gut bezahlt werden. Müssen sie nicht mal einsäen. Das macht die Gemeinde. Das ist doch strafbar, sage ich. Tja, meinst du etwa, da kümmert sich hier die Polizei drum? Die Hessen haben die Grünen in der Regierung und das Dreckszeug verboten. Da, ein Rotkehlchen! Mitten auf dem Gartenweg. Ja, guck mal, wie es sich aufplustert, ruft meine Mutter und schaut ihrem kleinen Jungen in die Augen. Ist aber doch ein Kleiber! Roter Bauch, nicht nur Kehlchen! Und doch mehr braun als rot, schon vergessen? Ich nehme die Brille ab und schaue sie an. Die Unschärfe tut mir irgendwie gut. Ich setze schon mal Kaffee auf. Gibt auch noch Frankfurter Kranz, sagt sie und geht ins Haus. Wenn wieder mal eine Art ausstirbt, können wir sie ja immer noch googeln, hat neulich jemand in der U-Bahn gesagt. Das Tier in mir hätte ihm gerne auf der Stelle die Kehle durchgebissen. Die ganze Schöpfung steht auf dem Spiel. Wenn sich bald nichts ändert, gibt es Hunger und Krieg, sagt mein Vater und macht mich sprachlos. Schreib darüber. Wir gehen schweigend in den Vorratskeller. Er schenkt mir ein Stück frisch geräuchertes Bauchfleisch und packt mir so viele von seinen Golden Delicious, auf die er besonders stolz ist, in eine Plastiktüte ein, dass ich Stopp sagen muss. Den Boskop magst du ja nicht… Ich lasse mir noch zwei Boskop schenken. Wir umarmen uns. Komm bald mal wieder. Er vergisst wie immer, meine Frau zu erwähnen. Grüße an deine Frau, sagt er dann doch, als ich mich zum Gehen wende. Nein, er vergisst nicht, sie ausdrücklich auch einzuladen, er will mir nur sagen, dass ich jederzeit, egal was ist, auch alleine kommen kann. Die Gedankenleserei, die er voraussetzt, ist anstrengend und eine unerschöpfliche Quelle für nervenaufreibende Missverständnisse. Ja klar, logisch, mach ich, sie freut sich schon auf nächstes Mal, hat ihr echt super gefallen, sag’ ich, und dann ist er mir plötzlich wie fremd, weil er meinen schnellen, aufgeladenen Sätzen überhaupt nicht zuhört.

 

Endstation Essen

Im Speisewagen frage ich eine Frau, die nach Kunstlehrerin aussieht, ob ich mich an ihren Tisch setzen darf. Sie erlaubt es. Ich klappe mein Notebook auf und kriege einen Kaffee gebracht. Sie bietet mir Plätzchen aus einer hübschen runden roten Plastikdose an, die vermutlich einen Designpreis gewonnen hat. Selbstgebacken? Ich nicht, meine Tochter. Ein Nein verbietet sich also und ich wäre auch zu schwach dafür. Nach fünf Tagen Familie an Weihnachten esse ich alles so demütig wie ein seelisch gebrochener Kriegsgefangener. Wohin sie fahre. Nach Essen. Endstation Essen, scherze ich. Sie lacht. Ja, das kann man wohl sagen.

3 Kommentare

Beate Veröffentlicht am1:19 pm - Jan 5, 2019

Interessante Perspektive, inhaltlich der originellste Text. Menschen, die sich selten sehen und sich inzwischen auch nicht mehr allzu viel zu sagen haben, müssen Zwangsgemeinschaft erleben – herrlich. Rette sich, wer kann!

Maria Unger Veröffentlicht am11:18 pm - Jan 3, 2019

Endstation Essen
Gänsebraten, Rotkohl und Klöße in der ersten Zeile ¬ da weiß man gleich, worum es geht. Nach zehn oder spätestens zwanzig Zeilen weiß man, um wen es geht: um hochdyfferenzyrte, sehr gebyldete Menschen, die sich nicht wirklich mögen, aber an Weihnachten und von wegen Familie doch irgendwie. Viele sind ökologisch infiziert. Die Stimmung ist durchsetzt von Sticheleien, aber auch Liebesversuchen, die als Apfelspenden daherkommen. Die Gattin des Erzählers entkommt dem weihnachtlichen Hochspannungsgeflecht früher, er selbst später, begegnet aber im Zug einer Frau, die seine Geschichte thematisch abrundet.
Im Ernst: Ich finde es gut, wenn man das oftmals verlogene Weihnachtsgesäusel nicht weiterträllert und dass in dieser Geschichte komplizierte Menschen ihre als intellektuelle Überlegenheit getarnte Beziehungsstörungen in Monologen oder Witzchen zeigen dürfen, aber dass hier alles so diffus im Sande verläuft, empfinde ich als deprimierend.
Mein naiver Wunsch: dass am Schluss die Kunstlehrerin ihre Plätzchen alleine isst, aber die clevere Ehefrau per SMS ihrem Ehemann vorschlägt, nach all dem Weihnachtsessensstress mit ihr zu zweit (!) zum Essen auszugehen. Damit könnte die Story enden.
Ich befürchte bloß, DIESER Mann kommt dem nicht nach.

Eva de Voss Veröffentlicht am8:48 am - Jan 3, 2019

Für mich wird nicht klar, wo der Text hinwill, zahlreiche Themen (Essen, Familienbande, Ökologie etc.) werden angerissen, kaum miteinander verzahnt – schwierig.

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