Wettbewerb Food-Writing Text Nr. 2 – Das Frikassee

Wettbewerb Food-Writing Text Nr. 2 – Das Frikassee

Wettbewerb Food-Writing Text Nr. 2 – Das Frikassee

Text Nr. 2 zum Wettbewerb Food-Writing

Das Frikassee

Im Verlauf des Heiligen Abends höre ich in geringen Abständen Sätze wie: „Es hieß damals nur, die Russen kommen , sie sind nur noch vier Kilometer entfernt.“  „Wir packten unser Hab und Gut zusammen und begaben uns auf die Flucht.“ „Alle hatten Angst , einige weinten , wiederum andere riefen, Kinder und Frauen zuerst auf den Hänger.“ 

Frikassee

Im Hintergrund stand die von mir am Vorabend zubereitete Hühnersuppe, die darauf wartete, zu einem Frikassee verarbeitet zu werden. Meine drei mittlerweile erwachsenen Söhne wünschten sich dieses einfache Essen. Sollte es doch an den darauffolgenden Weihnachtsfeiertagen bei ihren Tanten festlicher und genüsslicher zugehen. Mit Gänse-und Entenbraten würden sie dann zugestopft werden, so ihre Aussagen. Einzige Bedingung war für mich, ihre 95jährige Oma mit uns den Heiligen Abend verbringen zu lassen, um ihr Alleinsein damit zu umgehen.

Vorfreude auf den besinnlichen Abend

Meine Vorfreude auf den besinnlichen Abend wurde schnell durch die fortwährenden Sätze getrübt, die nicht verstummen wollten.
Die Oma, eine stolze Frau, immer korrekt und sauber gekleidet, ihre Haare frisch zurecht gemacht, in einem rötlichen Ton gefärbt, hatte sich auch in den letzten Jahren sehr gut gehalten. Am Telefon eine sehr lebendige, klangvolle und jugendliche Stimme, konnte sie, kaum in der Wohnung angekommen, demonstrierend eine Gehstütze in der linken Hand, laut und schwer atmend, auf einmal keinen Schritt mehr vor den anderen tun. Meine Jungs hatten sie abgeholt und – wie es mir später vorkam – dann hier in meinen vier Wänden abgestellt.

Die persönliche Anrede

Im Grunde genommen kannte ich sie seit den ersten Wochen der Schwangerschaft mit meinem ältesten Sohn: meine Schwiegermutter, Mutter meines viel zu früh verstorbenen Mannes. Bis heute hatte sie mir nicht gesagt, wie ich sie anreden sollte. Somit umging ich seit nun mehr fünfundzwanzig Jahren die persönliche Anrede und sprach in der dritten Person mit ihr. „Die Oma möchte ein Glas Wasser?“, oder „was wird die Oma wohl dazu sagen?“ Dieses Unpersönliche ließ uns miteinander auskommen, aber immer eine größere Distanz wahren.

Mein Ziel im Auge behaltend, gemeinsam mit Omas Kochkünsten ein feines Frikassee zu einem genüsslichen Heiligen Abend Essen herzurichten, drängte ich sie behutsam in Richtung Herd und zählte all die Zutaten auf, die ich wohlwollend zuvor besorgt hatte. Ich erinnerte mich beim Einkauf an meine Kindheit. Es eines meiner Lieblingsessen, Zitrone und Kapern gehörten hinein, meine Mam hatte das immer so gut gekocht, nie hatte ich etwas vermisst und satt geworden sind wir auch immer.

Hühnersuppentopf

Die Oma stand vor meinem Herd und schaute mit Entsetzen in den Hühnersuppentopf. „Das soll reichen?“ „Das soll ein ganzes Huhn sein und zweimal Suppengrün, sagst du, sind da drin?“ Mein Selbstbewusstsein fuhr in genau diesem Moment auf den Nullpunkt, trotz meiner Erfahrungen des jahrelangen Selbstkochens. Ich sah mich um , die zweifelnden, schimpfenden Laute der Oma im Hintergrund fortwährend wahrnehmend und blickte auf meine normal genährten Söhne, alle gut geraten. Keiner sah unterernährt aus oder hatte sich jemals beklagt, ich hätte zu wenig gekocht in den letzten Jahren. Meine Jungs sahen mich an, zogen die Augenbrauen hoch und sandten mir Blicke des Wohlwollens zu, so ungefähr, Mama, du schaffst das schon mit der Oma. Und sieh doch ein, wir sind froh, sie noch zu haben und du warst einverstanden, dass sie mit uns den Abend verbringt.

Ob das reicht für uns

Ich wandte mich wieder der Oma zu, hörte die Sätze: „Es war schrecklich damals, weißt du?“ „Dieses Weinen überall.“ Ihre Augen dabei auf den Topf gerichtet, „ach Mädchen, ich weiß wirklich nicht, ob das reicht für uns, was sagtest du, hattest du noch besorgt? Mehl und Butter brauchen wir auch.“ Während sie die ganze Zeit redete, versuchte ich abzuschalten und stellte mir vor, ich wäre mit meinen Jungs irgendwo allein, fröhlich erzählend an einem großen Tisch, stellte dabei aber fest, es würde etwas fehlen.

Über ihre eigenen Emotionen sagte sie nie etwas, in all den Jahren nicht. Für diese Stärke bewunderte ich sie insgeheim und fragte mich, wie sie damit zurecht kam, nach all dem Erlebten.

4 Kommentare

Maria Pecha-Römer Veröffentlicht am10:06 pm - Jan 6, 2019

Diese kleine Episode hat mich sehr beeindruckt. Kurz und bündig ist eine Situation beschrieben, präzise auf den Punkt gebracht. Berührend und feinfühlig ohne verletzend zu werden. Weiter so!
Auf spannende kurze Episoden aus dem Leben einer dreifachen Mutter, die die gemeinsamen Kinder ohne den viel zu früh verstorbenen Vater groß ziehen musste.

Martin Neumann Veröffentlicht am10:17 am - Jan 5, 2019

Irgendwie traurig aber irgendwie auch schön. Ich mag die Details sehr gerne. Man möchte der Protagonistin helfen die Distanz abzulegen und somit die Unsicherheit zu beseitigen. Gleichzeitig spürt man, dass dazu keine Chance besteht. Hoffnung geben die Kinder, die ‚ihren‘ Heiligabend bekommen und gewohnte Dinge suchen statt Traditionen und Distanz.

Maria Unger Veröffentlicht am11:14 pm - Jan 3, 2019

Das Frikassee
Der Text berührt unser aller Weihnachtserfahrungen, weil er ein ganzes Bündel von Weihnachtsimpressionen anspricht, sie gewissermaßen impressionistisch auf die Leinwand tupft. Aber die Tupfen müssen dichter gesetzt und vernetzt sein, damit sich aus den einzelnen und in sich glaubwürdigen Erlebnisfragmenten (Rückblick … Essenvorbereitung … die widersprüchliche Oma …) ein homogener Gesamteindruck ergibt.

Eva de Voss Veröffentlicht am8:29 am - Jan 3, 2019

Das ist ein sehr origineller Schreibansatz, der Anregungen zu einem tollen Text enthält. Der vorliegende Text allerdings ist dazu nur eine Art Exposé.

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