Wettbewerb Beitrag Nr. 3: Der letzte Sommer

Der letzte Sommer

Wettbewerbsbeitrag Nr. 3

Helikopter wie große Libellen

Über unseren Köpfen brummten die Helikopter wie große Libellen. Sie störten den perfekten Sommerhimmel, beendeten unsere Kindheit und der ganze Ort stand Kopf.
Kennt ihr das? Wenn ihr an die Sommer denkt, als ihr noch Kinder wart? Sommer, wie in den alten Astrid-Lindgren-Filmen, in denen die Sonne scheint und alle Farben gestochen scharf erscheinen. Eine Sommerfarbe am Himmel und ein Dunkelblau vom Meer verziert mit weißen Schaumkrönchen. Leuchtende gelbe Sanddünen, die sich gegen den Horizont abzeichnen, gesprenkelt mit saftigem Grasgrün und Dunkelgrün und den hellen Wedeln, die uns beim Verstecken-Spielen im Gesicht kitzeln. Poliertes, graues Treibholz am Strand, das darauf wartet, gefunden zu werden. Ein Sommer, der nach dem Wind in den Haaren schmeckt und nach Salz vermischt mit der Limonade aus schwarzen Johannisbeeren, die bei jedem unserer Picknicks dabei sein muss. Der Geruch der Sonne auf der Haut und von Sonnencreme, mit der wir eingeschmiert werden, wenn wir morgens nicht schnell genug entkommen können. Mövengeschrei, Fahrradklingeln und Freiheit, bis zur allmählichen Dämmerung, in der die Luft orange vibriert und wir vom Strandaufgang zum Abendessen gerufen werden.

Sommer in meiner Erinnerung

So sind die Sommer in meiner Erinnerung für Tom, Katharina und mich gewesen.

Jedes Jahr in den großen Ferien wurden mein Bruder Tom und ich zu unseren Großeltern an die Nordsee geschickt. Das perfekte Arrangement: für uns fühlten sich die Sommer da oben an wie das Paradies, unseren Eltern waren wir lästig und sie winkten uns am Bahnhof erleichtert zu, weil sie wussten, dass sie uns erst in sechs Wochen wieder abholen mussten. Sie hatten sowieso nie Zeit für uns, deswegen kamen wir ihnen im Doppelpack auch gerade richtig – Zwillinge: ein Aufwasch. Die Arbeit, die man mit einem Kind hat, kann man genauso gut direkt auf zwei verwenden. Wahrscheinlich haben sie uns auch aus Zeitnot und ökonomischen Überlegungen so kurze Namen gegeben: Tom und Ben, gerade mal drei Buchstaben pro Kind, kein weiterer Name, kurz und knapp. Sie hatten aber nicht bedacht, dass man kurze Namen nicht schreien kann. Spätestens, wenn wir etwas ausgefressen hatten, mussten sie uns ein paar Buchstaben mehr gönnen: „Tohoooom, Beheeen, wenn ihr nicht sofort…ich zähle jetzt bis drei…“ (als Kind habe ich eine Zeit lang geglaubt, meine Eltern könnten möglicherweise wirklich nur bis drei zählen).

Ab und zu sogar küssen

Katharina bot uns ein paar Buchstaben aus ihrem langen Namen an, denn eigentlich hieß sie Katharina Mathilda Sophie. Aus Solidarität zu uns wollte sie jedoch nur Kat genannt werden. Sie war die Tochter der Nachbarn unserer Großeltern, wuchs mit uns wie eine Schwester auf, war unsere allerbeste Freundin und sowohl Tom als auch ich waren unsterblich in sie verliebt.
Ich durfte sie in diesem Sommer ab und zu sogar küssen, wenn Tom Treibholz sammelte, oder in die Dünen zum Pinkeln ging. Ich meine, richtig küssen, auf den Mund. Kat sagte, das sei unser kleines Geheimnis und lächelte dabei so, dass mein Atem kurzzeitig komplett aussetzte und mein Herz wie verrückt hämmerte. Für den Rest des Tages schwebte ich dann auf einer rosa Wolke und selbst Toms unentwegte Sticheleien prallten von mir ab. Denn egal, was passieren würde, wenn wir mal groß wären, würde ich Kat heiraten, das war es doch sicherlich, was sie mir mit diesen Küssen sagen wollte.

Feuer aus Treibholz

Später, viel später, habe ich erfahren, dass Tom sie auch küssen durfte, wenn ich nicht dabei war. Kein Wunder, Tom, der ältere von uns beiden (wenn auch nur um fünfzehn Minuten) war der coolere und unser Anführer, obwohl Kat über ein Jahr älter war als wir.
Tom hatte fast immer die Ideen zu unseren Aktivitäten: er wusste wie man ein Feuer aus Treibholz am Brennen hielt, wo man eine Höhle bauen konnte und wie man ungesehen Äpfel und Schokolade aus Großmutters Vorratskammer stibitzte. Er konnte sogar ein richtiges Floß bauen, mit dem man sich auf dem Meer treiben lassen konnte. Natürlich nur, wenn die Brandung nicht so hoch war.

In dem Sommer, als ich sie küssen durfte, war Kat fast vierzehn Jahre alt und hatte schon richtige kleine Brüste. Und in diesem letzten Sommer, in dem wir drei so unzertrennlich waren und von morgens bis abends unsere Abenteuer erlebten, in meiner Erinnerung die Sonne immer schien und die Tage wie Himbeerbrause auf der Zunge prickelten, rief Kat „Ich bin gleich wieder da!“, rannte den Dünenweg zurück und wurde nie wieder gesehen. Und der ganze Ort stand Kopf.

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