Warum schreiben Sie? Eingereichte Texte: Nr. 1

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Warum ich schreibe

Von Wolfgang Wimmer
Wolfgang Wimmer – WW. Filmschaffender, Berater, Autor. Zuhörer und Erzähler. Suchender und Finder.

Schreiben und sprechen waren für mich tabu. Ich stottere und bin Legastheniker. Das war 1956 bei   meinem Schuleintritt echt ein Problem. Ich sollte auf die Sonderschule. Zum Glück hatte ich auch noch ein Problem mit meiner Phantasie, ich glaubte nämlich meine eigene Realität. Die Anderen nannten das lügen. Deshalb kam ich sicherheitshalber gleich in die Kinder-Psychiatrie. Da war’s dann eh egal. Ein stotternder Legastheniker, der Worte umdreht und alles, was er rausbringt – sind Lügen. Das war dann erst mal für zwei Jahre meine Diagnose. Hochintelligent aber… tja, muss man medikamentieren.

Irgendjemandem muss ich das erzählen

Mir war klar, ich muss irgendjemandem erzählen, was in meinem Kopf ist, sonst bleibe ich da drin stecken. Also habe ich es aufgeschrieben. In einer Art Geheimschrift, die niemand lesen konnte. Und es sollte auch niemand lesen. Ich habe manisch geschrieben. Eigentlich Buchstaben gemalt. Oft nur, weil ich es eben schon konnte und die Anderen noch nicht. Auch als mich kontrollieren gelernt hatte und wieder ins normale Leben durfte.

Das Schreiben blieb. Immer.

Das Schreiben blieb. Immer. Der magische Moment, mich mit einem leeren Heft und einem Füllfederhalter hinzusetzen und die ersten Zeichen auf das Papier zu malen. Das mache ich bis heute. Ich bin dankbar, dass das Pages-Programm meine Wörter zurecht dreht und geduldig eines von den drei „T“ aus „hatt“ verschwinden lässt – ups – es ist sogar nur ein einziges T, hätte ich jetzt schon wieder falsch geschrieben.

Meine Flucht in die Realität

Aber zurück zum Papier und dem Füller. Das ist bis heute meine Flucht in die Realität. In einer Papeterie ein leeres Buch mit gutem Papier kaufen, die Kappe von meinem alten Montblanc abschrauben und die ersten magischen Zeichen malen. Am liebsten mitten am Tag in einem kleinen Café mit anonymen Menschen um mich herum. Der Moment, in dem mein Kopf das Ventil aufmachen darf und die Gedanken als dunkelblaue Tinte auf das Papier fließen: Das ist ein Moment der Balance. Da bin ich.

Meinem perfektionistischen, kontrollierenden Verstand den Finger zeigen

Ich muss meinem perfektionistischen, kontrollierenden Verstand den Finger zeigen und die Buchstaben fließen lassen. Keine Erwartungshaltung. Keine „story“ liefern müssen. Zum Loslassen schreibe ich Listen von „to do“ und „not to do“ oder erzähle mir selbst, wie es mir geht. Und wenn der ganz besonderer Moment da ist, dann erzählt sich auf einmal die Geschichte der Dame am Nebentisch. Dann bete ich, nur zu atmen. Wie bei einem „Déjà-vu“ schreibe ich mit klopfendem Herzen weiter und hoffe leise, dass ich nicht aufwachen muss. Die Tinte formt Buchstaben neben Buchstaben. Ich beobachte, wie meine Hand die Geschichte von Frau Kerbel schreibt. Von Anna, die jeden Tag in dieses Café kommt, um am selben Tisch ihren „Americano“ ohne Zucker zu trinken. Hier an dem Tisch hat sie vor zwei Jahren zu Ernest gesagt: „Ich kann es nicht. Ich kann ihn einfach nicht verlassen. Aber ich werde dich immer lieben. Mit 1200 km Abstand“. Und dann läuft mir eine Träne über die Backe und die Tinte macht einen blauen Punkt in meiner Welt.

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1 Kommentar

  1. simone Grawe
    Dies finde ich eine wunderschöne Geschichte. Zum Nachfühlen. Und- liebe Hanne, eine tolle Idee wie alle deine Ideen. Super. Ich bewundere dich und deine nimmermüde Phantasie und Tatkraft. Simönchen

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