Schreiben im Zeitalter der Digitalisierung (1)

Schreiben im Zeitalter der Digitalisierung (1)

Schreiben im Zeitalter der Digitalisierung (1)

Internetliga

Die Digitalisierung hat unsere Welt verändert. Nicht nur wir „Bürgerinnen und Bürger“ sind digital vernetzt, auch die Politik will die Digitalisierung zur „Chefsache“ machen. Sie kommt damit reichlich spät, und jeder, der in ein anderes Land reist, wird bemerken, dass Deutschland mitnichten in der ersten Digitalliga spielt. Schlechtes Netz auf dem Land, viel zu wenig Hotspots, horrende Internetkosten … und natürlich viele Programme, die das alles verbessern wollen, aber bürokratisch daher kommen und die Glasfaser irgendwo im brandenburgischen Streusand versenkt – ohne Anschluss, wie manchmal bei der Deutschen Bahn.

Doch lassen wir mal die Klagen und schauen uns an, wie diese digitale Welle auf uns zugekommen ist.

Die Daumen einer ganzen Generation

Seit 1983 gibt es Handys. Mit SMS-Botschaften leben wir seit 1994 und1999 gab es das erste Kamerahandy. 2007 startete Apple das Zeitalter des Smartphones. Inzwischen verzichten sehr viele Menschen sogar auf ihre Laptops und machen alles mit dem kleinen feinen Apparat. Die Daumen einer ganzen Generation Heranwachsender verändern ihre ursprüngliche Form, die unentwegten Handynutzer nennt man „Head-down-Generation“, weil sie immer den Kopf nach unten auf den Bildschirm richten und dabei manchmal auch vergessen, auf den Verkehr zu achten; man kennt den Handy-Nacken und andere Krankheiten, insbesondere seelische Abhängigkeiten von dem Gerät und seinen Inhalten.

Kommunikationsmittel verändern unser Denken

Damit nicht genug. Unsere Kommunikationsmittel verändern unser Denken. Damit meine ich nicht nur die steigende Vergesslichkeit (ich habe einen Großonkel, 91, der immer noch Gedichte nicht nur auswendig kennt, sondern auch jetzt noch täglich eine Strophe lernt – und rezitiert); wir Jüngeren verlassen uns dafür auf das Netz und schauen, wenn es nötig ist, nach.

Selbstschleife

Aber es gibt auch andere Phänomene, deren Auswirkungen wir noch nicht richtig kennen. Wir retten die Welt auf facebook und in den anderen social media networks, werden dort aber zugleich daran erinnert, wie kaputt sie ist. Wir saugen die Gesundheitsinfos auf wie Heilsbotschaften und erfahren im fast selben Moment, woran wir kranken. Wir retten die Bäume des Hambacher Forsts (zumindest digital) und wir gehen nicht mehr raus in den Wald. Der uns doch, glauben wir der Gesundheitsministerin, die Möglichkeit gibt, „durchzuatmen“ und wohl auch immer ein Rückzugsort für Denker war.

Unser Sehnsuchts- und Schwundort

Die Natur ist unser Sehnsuchts- und Schwundort und im Netz in ihrer unerträglichen Doppelheit erkennbar. Um nicht zu sagen: die ganze Welt der Emotionen, des Denkens, des Lebendigen verschwindet und wird durch das mediale Bild/Text-Narrativ ersetzt, und das immer doppelt codiert: es war mal gut, sagen die Bilder, und wie schlecht es jetzt um die Welt steht, sagen auch die Bilder – und die zugehörigen Texte. Das verdammt unser Denken zu einer Selbstschleife, der wir nur durch Weiterscrollen entrinnen.

Denkgefühl

Dieser Artikel wird zu lang, ich sollte ihn in Häppchen schneiden, denn wer kann heutzutage noch so viel lesen? und mit-denken? Während ich den Beitrag schreibe, schaue ich immer mal wieder in fb rein, um auch ja nichts zu verpassen (was: Virilio gestorben? Was? Maaßen befördert? Was? Immer noch Polizei im Hambacher Forst? Was? Ach, diese Freundin hat heute Geburtstag? etc.).
Unser Schreibzeug arbeitet mit an unseren Gedanken – das tippte Friedrich Nietzsche auf einer Schreibmaschine, die nur Großbuchstaben zur Verfügung stellte. Da er sehr schlecht sah, konnte er auf der Maschine die Buchstaben ertasten und sich so weiter schriftlich äußern. Dabei muss ihm aufgefallen sein, dass es ein anderes – sagen wir mal –“Denkgefühl“  ist, wenn man direkt mit der Hand schreibt oder auf einer Maschine tippt. Das Tippen auf einer mechanischen Schreibmaschine wurde abgelöst von der elektrischen, dann kam der Computer und dann das Handy mit SMS und nun das Smartphone. Und jetzt ist alles anders.

und was da alles anders ist, besonders, was das Schreiben (von Geschichten) betrifft, darüber bald mehr. Ich habe den Artikel einfach nach der Hälfte durchgeschnitten: wer liest denn heutzutage noch soviel? Sie etwa?

Landbeck