Schachmatt – Short Story von Martina Siems-Dahle

Schachmatt – Short Story von Martina Siems-Dahle

Schachmatt – Short Story von Martina Siems-Dahle

Diese Short Story ist im Kurs Speed-Writing entstanden. Martina Siems-Dahle ist Autorin und lebt in Köln

Schachmatt

Aus den Augen verloren

Wie hatten alle etwas anderes studiert. Aber unsere Unistadt war übersichtlich gewesen, man konnte sich nicht aus dem Weg gehen. Was auch prima war – wir wurden beste Freunde. Aber wie das so ist: Zu unseren Hoch-Zeiten waren wir acht Mädels und Jungen, die ihren Spaß hatten. Drei sind übrig geblieben. Felicitas, Ferdinand und ich. Nein – soweit ich weiß, ist vom Rest bisher niemand gestorben Aber man hat sich aus den Augen verloren.

In den vergangenen dreißig Jahren haben wir uns maximal fünf Mal gesehen, ab und zu miteinander telefoniert oder gemailt. An meiner Seite begleitet mich seit zwanzig Jahren Gisela, meine Frau. Sie hat mit unserer Studienzeit nichts zu tun, sie kennt die anderen nur flüchtig. Ich habe eigentlich auch nie viel erzählt – von früher. Das war meine Zeit. Unsere ist eine andere.

Eine Sache zwischen uns

Endlich hatte ich mich überwinden können und die beiden eingeladen. Ich wollte unbedingt eine Sache zwischen uns klären, die sich so lange in mich hineingefressen hatte. Tatsächlich trudelten Felicitas und Ferdinand an einem sonnigen, aber bitter kalten Samstagnachmittag ein. Sie kamen zusammen den weiten Weg von Süddeutschland an die Ostseeküste: per Flugzeug und dann per Mietwagen.

„Ihr lebt getrennt, nicht wahr?“, hörte ich Gisela fragen, als sie Kuchen und Tee auf den Esszimmertisch stellte.

„Schon lange.“ Ferdinand schlenderte durchs Wohnzimmer, seine Hände wie früher tief in den Hosentaschen vergraben. Viele Schritte musste er nicht machen, um es zu durchqueren: erstens war er – immer noch – um die einen Meter neunzig groß und zweitens ist unser Wohnzimmer klein; das Haus ist Baujahr Anfang der sechziger; Spitzgiebeldach.

„Geschieden sind wir aber nicht“, sagte Felicitas. Sie schmunzelte und schaute Ferdinand süffisant an. Oder war es zynisch? Sie hatte sich kaum verändert. Ich konnte mir vorstellen, dass sie immer noch für eifersüchtige Blicke bei Frauen sorgte. Sie hatte ihre schlanke, sportliche Figur gehalten, kaum Falten im Gesicht und am Hals, und dickes dunkles Lockenhaar; eine offene, herzliche aber direkte Person, spitzzüngig konnte sie sein. Mit einem Wort konnte sie einen mundtot machen. „Ich bin ihm zu teuer. Und mir ist es egal – noch. Wenn die Kinder aus dem Haus sind, sehen wir weiter.“ Wumm – das war Feli.

Unsere Unterhaltung lief zäh. Ferdinand konnte es sich nicht verkneifen, auf seine Karriere als Schönheitschirurg zu verweisen. Das konnte er schon damals gut: Themen so verdrehen, dass er sie für sich als Mittel zur Selbstdarstellung benutzte – typisch dabei sein Garfieldblick. So eine Mischung aus Gelangweiltsein und Arroganz. Aber er hatte auch eine erfrischende Art, sich selbst zu veräppeln. „Hängen Brüste, hängen Lider, geh‘ zum Ferdi, er richtet’s wieder!“, hatte er am Anfang seiner Karriere rausgehauen.

Ich schlug vor, an den Strand zu gehen um Wikinger-Schach zu spielen. Spiele regen die Konversation an.

Ich hatte das Spielfeld abgeschritten und mit den Pflöcken markiert – es konnte losgehen. Paarweise bildeten wir die konkurrierenden Teams. Eine ordentliche Brise schlug uns um die Ohren.
„Lange halte ich das hier am Strand nicht aus“, rief Ferdinand über die Spielfläche hinüber, nachdem sein Wurfstab mal wieder am Ziel vorbeigeflogen war.
„Du warst schon immer ein wenig fiemschig“, entgegnete ich. Mein Wurfholz traf mittlerweile den fünften von sechs der gegnerischen Holzquadern, den sogenannten Bauern.
„Was heißt das: ‚fiemschig‘?“
„Empfindlich.“ Ich goss mir das x-te Mal einen Schluck Aquavit ins Schnapsglas.
„Gisela“, rief Felicitas, „ich glaube, du bist dran.“

Meine Frau bückte sich nach ihren Wurfhölzern und raunte. „Eckehardt“. Eine Warnung an mich – sonst nennt sie mich Ecki.

„Ich fühle mich bestätigt“, rief ich hinüber.

Gisela verfehlte den gegnerischen Bauern.

„Ihr habt nie zusammen gepasst!“, setzte ich fort. „Aber ihr wolltet meine Meinung ja nicht wissen.“
„Wie bitte?“, brüllte Ferdinand gegen den Wind.

Ich sah, wie Felicitas kurz ihre Hand auf seinen Arm legte, als wollte sie ihn beruhigen.

„Nun wirf schon deinen umgefallen Bauern in mein Feld!“, forderte ich ihn auf.

Ich ging zu dem Bauern

Er hob den Klotz auf und warf ihn in meine Hälfte, knapp neben den König, der in der Mitte des Feldes stand. Ich ging zu dem Bauern und stellte ihn senkrecht wieder auf.

„Dein Brief. – Deine Nachricht. – Deine Information.“ Ich zog ihn aus meiner Mantelinnentasche. Meine Hand zitterte und ich las: „‘Nicht böse sein, mein Lieber. Felicitas und ich haben geheiratet‘. Du warst mein bester Kumpel. Durch mich hast du diese wunderbare Frau kennengelernt. Ich hätte gewarnt sein müssen, als du auf unserem Skiurlaub nachts heimlich zu ihr geschlichen bist. Aber ich dachte, ‚ach – lass ihn, diesen Filou. Felicitas wird schon richtig einschätzen können, wie flatterhaft er ist‘.“ Ich blickte kurz zu Felicitas hinüber. Sie hatte die Arme vor ihrem Brustkorb verschränkt und ihren Schal über die Nase gezogen. Ihre tiefdunklen Pupillen funkelten mich an.

„Das tat so weh! Ich, dein bester Freund. Einfach so vor vollendete Tatsachen gestellt.“

„Das war meine Idee gewesen“, sagte Felicitas, sie stand da wie ein Fels in der Brandung. „Ich musste mich entscheiden, wer der Vater des Kindes in meinem Bauch sein sollte.“

Für einen Moment hörte ich nur den Wind rauschen, … und dann fiel der König um.

Landbeck

1 Kommentar bisher

Christiane Maartina Neppel Veröffentlicht am12:20 pm - Nov 29, 2018

Anfang na ja!
ENDE guuut und knapp erzählt: Wohltat
dranbleiben. Weiterschreiben!