Pistole – Short Short Story von Helga Knocke

Pistole – Short Short Story von Helga Knocke

Pistole – Short Short Story von Helga Knocke

Diese Short Short Story ist im Kurs „Speed-Writing“ entstanden.
Helga Knocke, ehemalige Lehrerin, lebt in Berlin.

Pistole, das saß

Frank ist wie immer zu spät dran.
Gestern Abend hatte er mit Freunden ausgelassen gefeiert. Er hatte ihnen von seinem Plan erzählt und wie ihn im letzten Augenblick der Mut verlassen hatte. Vielleicht lag es am Alkohol oder an der Angst vor der eigenen Courage. Seine Kumpel hatten böse gestichelt … wie lange willst du noch damit warten? … du weißt doch, sie ist ein harter Brocken … du musst ihr schon die Pistole auf die Brust setzen!

Pistole, das saß, so würde es klappen!

Er darf auf keinen Fall zu spät kommen

Leicht chaotisch angezogen verlässt er das Haus und erreicht im Laufschritt die Metrostation. So früh an einem Sonntag sind nicht viele Menschen unterwegs, doch das belanglose Plaudern der Mitfahrenden macht ihn nur nervöser. Er darf auf keinen Fall zu spät kommen, nicht heute! Endlos reiht sich Station an Station, die Menschen neben ihm wechseln, das Stimmengewirr ändert sich nicht.

„Endstation, dieser Zug endet hier, bitte alle aussteigen!“

Hoffentlich steht ein Taxi bereit. Glück gehabt! Er nimmt auf dem Rücksitz Platz. Der Fahrer nickt nur, als er ihm sein Ziel nennt, zum Reden scheint er nicht aufgelegt. Auch gut. Es wird sicher eine halbe Stunde dauern, bis sie da sind. Er schaut auf die Uhr und lehnt sich dann entspannt zurück. Das wird reichen, denkt er und geht seinen Plan noch einmal Schritt für Schritt durch. Diesmal darf er es nicht vermasseln. Habe ich wirklich alles bedacht? Eine Hand gleitet zur Hosentasche, er fühlt die kompakte Form einer Feuerwaffe, die andere wandert zur Jacke, deren Sitz er sicherheitshalber noch einmal überprüft. Alles am rechten Platz.

Das Taxi lässt die Stadt hinter sich, weite Felder breiten sich aus mit zartem Grün des Wintergetreides. Dann beginnt der Wald, dunkel und dicht.

Rosa inmitten von Jägern

Hoch zu Ross sitzt Rosa inmitten von Jägern und fiebert ihrer ersten Fuchsjagd entgegen. Ein strahlend blauer Himmel überspannt an diesem frühen Sonntagmorgen Reiter und Meute. In der klaren, kühlen Luft wird der Atem vor den schnaubenden Nüstern der Pferde in kleinen Wölkchen sichtbar.

Wie schick sie aussieht in ihrem Outfit, das für eine solche Jagdgesellschaft angesagt ist. Dazu hat sie ihr langes, dunkles Haar streng nach hinten gebunden und zu einem Zopf geflochten. Kerzengerade sitzt sie auf ihrer Lieblingsstute, jeder Muskel angespannt. Gleich wird das Signal ertönen und die Hundemeute losgelassen.

Die Jagd ist schon in vollem Gang

Das Taxi hält vor dem Gasthof „Jägerklause“, dem Sammelpunkt der Jäger für ihre Treib- und Fuchsjagden. Alles ist still und friedlich – die Jagd ist schon in vollem Gange. Frank nimmt am Tresen Platz und bestellt ein Selters. Niemand ist anwesend, nur der Wirt, der ihm erstaunt einschenkt. Sprudelnd füllt sich sein Glas, mit leichtem Knistern zerspringen die Kohlensäurebläschen.

„Nicht neugierig, wer den Fuchs erlegt?“

Frank zuckt mit den Schultern, er hat ganz andere Sorgen. Gestern war er nicht zum Ziel gekommen, heute muss es gelingen. Ja, er ist ein kleiner Hallodri, hat aber das Herz am rechten Fleck, ein großes Herz, das ihm im Augenblick bis zum Halse schlägt. In kleinen Schlucken kühlt er seine Erregung – Warten ist nicht so sein Ding. Nervös geht er im Schankraum auf und ab, immer wieder gleitet seine Hand zur ausgebeulten Hosentasche und unter sein Jacket. Ja doch, alles am rechten Platz!

Das ersehnte Halali

Da ertönt das ersehnte Halali nach erfolgreicher Jagd, klar und lupenrein breitet es sich über dem großen Hof vor der Schenke aus. Frank tritt vor die Tür. Da stehen sie nun, die Jäger, in Reih und Glied, außer Atem noch mit strahlenden Gesichtern – und mitten zwischen ihnen Rosa. Er macht ein paar Schritte auf sie zu, zieht die Pistole aus der Hosentasche und zielt auf sie. Stille, nicht mal ein Hund knurrt. In dieses gefühlte Vakuum ruft er ihr so laut er kann zu:

„Rosa, willst du mich heiraten?“

Sie braucht nur eine Schrecksekunde, schultert ihr Gewehr, legt auf ihn an und schreit:

„Mich zwingt keiner!“, schießt in die Luft, springt vom Pferd, stürmt auf ihn zu und fällt ihm um den Hals.

„Du Idiot! Was wäre, wenn ich dich getroffen hätte?!“

Er grient nur und zeigt ihr die verborgene kugelsichere Weste.

Hanne Landbeck

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