Amor von Mallorca – Text von Matthias Pieper

Amor von Mallorca – Text von Matthias Pieper

Amor von Mallorca – Text von Matthias Pieper

Diese Geschichte ist im Speed-Writing entstanden; Matthias Pieper ist der Gewinner des Wettbewerbs „Ihr Kindheitssommer“

Und Gott machte die Tiere des Feldes, ein jedes nach seiner Art (…). Und Gott sah, dass es gut war. (1. Mose 1,25)

Amor von Mallorca

Herrlich beruhigend, diese Naturgeräusche

Melanie streckte sich im Gästebett und zog die Decke höher. Draußen ging etwas Wind und raschelte in den Steineichen, das Meer unterhalb der Steilküste brandete gegen die Felsen. Herrlich beruhigend, diese Naturgeräusche, aber heute Nacht konnte sie trotzdem nicht gut schlafen. Sie war erst spät am Abend angekommen und Uschi hatte sie am Flughafen abgeholt, zusammen waren sie zu ihrer Finca hier am nördlichen Ende der Insel gefahren. Hatten geredet bis nach drei und Wein getrunken. Auf Mallorca war es zwar auch noch frisch, April eben, aber allemal besser als Hamburg, das seit Tagen mit Regen überzogen wurde.

Wie feuchtes Herbstlaub

Die Boutique lief auch gut ohne sie, auf ihre Mädels konnte sie sich verlassen. Alles war gut gelaufen, bis ihr vor zwei Monaten klar geworden war, dass ihr Mann eine Andere hatte. Eine Jüngere natürlich. „Gegen die Natur lässt sich nichts machen“, diesen beschissenen Satz hatte er ihr noch mitgegeben und gegrinst, als sie ihn aus der gemeinsamen Wohnung geworfen hatte. Seitdem klebte die schlechte Laune an ihr wie feuchtes Herbstlaub.

Wieder gemeldet

Zum Glück gab es Tinder. Wäre doch gelacht, wenn sie nicht auch… . Es gab da diesen Stefan, mit dem sie sich seit Tagen Nachrichten schrieb. „Pilot“, na das wollen wir ja mal sehen, dachte sie bei sich, aber gutaussehend und charmant war der Mann.
Wollen wir uns nicht mal persönlich kennenlernen? Ich bin demnächst wieder in Hamburg, schrieb er. Ja, das würde sie auch gerne bald.
Ich bin für ein paar Tage nach Mallorca, musste mal raus, hatte sie ihm geschrieben.
Sie griff nach dem Smartphone, um zu schauen, ob er sich wieder gemeldet hatte. Nein, sicher schlief er gerade, hoffentlich allein.

Amor, der Wasserhundmischling

„Wie hast du geschlafen, meine Liebe?“ fragte Uschi. Kaffeeduft zog von der offenen Küche in das große Wohn- und Esszimmer.
„Schlecht“, musste Melanie zugeben und drückte ihre alte Freundin kurz an sich, „ich bin früh wachgeworden und konnte nicht mehr einschlafen.“
Amor, der Wasserhundmischling, den Uschi vor ein paar Jahren von der Tierrettung gegen eine großzügige Spende übernommen hatte, trottete schwanzwedelnd auf Melanie zu und drückte seinen Kopf gegen ihr Knie. Er war Uschis ein und alles. „Ich suche keine Beziehung, ich habe Amor“, pflegte sie zu sagen.
„Ach du alter Charmeur, warum haben sie dich wohl Amor genannt, hm?“ Melanie beugte sich hinunter und kraulte das weiche, schwarze Fell. Der Hund schloss die Augen und machte kleine Schmatzgeräusche mit der Zunge.
„Bleib hier, solange du willst, aber das habe ich dir ja gestern schon gesagt“, sagte Uschi und verschwand mit ihrem Kaffeebecher in Richtung Bad.

Das offene Meer

Melanie setzte sich mit ihrem Kaffee auf das Sofa, das vor der verglasten Fensterfront stand. Rechter Hand sah man ein paar Häuser des nahegelegenen Dorfes, jenseits der Bucht das offene Meer, grau-silbern durch den Wind, der seine Oberfläche streifte.
Warum war ich so lange nicht hier, fragte sie sich. Weil ich viel im Geschäft zu tun hatte, weil es nach Sylt schneller geht als hierher, weil ich für meine Beziehung kämpfen musste, ach was weiß denn ich… Sie wollte jetzt nicht an ihren Ex denken, sondern stand auf, schob die Terrassentür auf, zog den Morgenmantel fest vor der Brust zusammen und ging nach draußen. Frisch war es hier, es roch würzig. In den letzten Wochen hatte es hier viel geregnet, hatte Uschi erzählt, aber jetzt sollte es sonnig werden, heute oder morgen. Sie freute sich darauf und auf die Zeit mit ihrer Freundin. Noch war es sehr kühl.

Sie kraulte seine Brust

Sie setzte sich zurück auf das Sofa und zog die Knie hoch. Die Nägel waren perfekt manikürt, das hatte Olga wirklich toll gemacht, und gar nicht teuer, da würde sie jetzt immer hingehen. Aber ihr Hallux machte ihr zu schaffen in letzter Zeit, sie hatte die Operation hinausgeschoben, letztes Jahr hatte war wirklich genug los gewesen. Es war höchste Zeit, das sah ja furchtbar aus, so konnte sie doch keine Sandalen mehr tragen. Zum Kotzen, dass der Körper ständig machte, was er wollte, hier tat was weh, an anderen Stellen war zu viel oder zu wenig. Die Natur hätte sich mal mehr Mühe geben können.
Amor hatte sich ganz selbstverständlich neben ihr auf dem Sofa niedergelassen und schmiegte sich an ihren Oberschenkel. Sie kraulte seine Brust, er versuchte, ihr Gesicht zu lecken.

Erzähl mir von Deinen Träumen

Erzähl mir von Deinen Träumen, hatte er geschrieben und das hatte sie detailliert getan. Seitdem schlief sie schlecht.

Til Schweiger hat jetzt auch ein Haus hier

Melanie und Uschi fuhren runter ins Dorf und bummelten ein bisschen die Einkaufsstraße entlang. Das Wetter war freundlicher geworden, und plötzlich tauchten immer mehr Menschen auf. „Das war gerade Pheline, Schauspielerin aus Hamburg“, raunte Uschi ihr zu und zeigte mit dem Kinn einer großen schlanken Frau hinterher, die eine struppige Promenadenmischung an der Leine führte. „Til Schweiger hat jetzt auch ein Haus hier. Netter Typ.“
Hunde gab es hier zuhauf, halb wilde Straßenhunde in allen Größen, die regelmäßig von den Leuten der Tierrettung eingesammelt, untersucht und oft nach Deutschland vermittelt wurden. Dass die sich hier so ungehindert vermehren konnten, verstand Melanie nicht. In Deutschland wäre das nicht möglich.
Sie setzten sich in Uschis Lieblingscafé unten am Strand, mit Blick auf die Bucht. Glasscheiben hielten den Wind ab, so dass die Sonne sie wärmte.

Amor tat ihr gut

Melanie wollte zuhause keinen Hund. So ein Hund machte doch genauso viel Arbeit wie ein Kind, und sie war froh, dass das Kind ausgezogen war. Aber Amor tat ihr gut. Unglaublich, dass seine Vorfahren irgendwann Wölfe gewesen waren. Amor hatte so eine freundliche, ruhige Art, sprang einen nicht ständig an, wedelte mit dem Schwanz, guckte treuherzig wie George Clooney und schien alles zu verstehen, was man sagte.

You sexy MF

Wie ist das Wetter auf Malle? Hamburg ist immer noch unter einer Wolkendecke, und es regnet und regnet…
Er hatte ein Foto angehängt, in Jeans mit freiem Oberkörper, sehr muskulös, mit Hanteln in den Händen.
You sexy MF…, hatte sie geantwortet, schneller als sie denken konnte. Mist. Aber er machte sie an.
Die Antwort kam prompt: Und Du?!

Es gab einen Tierarzt um die Ecke

Das Unglück passierte am dritten Tag. Sie hatten ihre tägliche Tour in den Ort gemacht und waren auf dem Weg zu Uschis Wagen, als Amor von einem Auto angefahren wurde. Der Hund kreischte kurz furchtbar laut und lag dann still da. Der Fahrer gab sich arrogant und Uschi machte eine Szene, die jeder Schauspielerin (sie war keine) zur Ehre gereicht hätte.
Es gab einen Tierarzt um die Ecke, Uschi trug den verletzten Hund auf dem Arm, das gebrochene Hundebein schlenkerte bei jedem Schritt und tropfte rote Schlieren auf ihr Kleid. Amors Hinterlauf war gebrochen, ein helles Knochenende ragte heraus.

Amor lag in seiner Kiste

„Einschläfern“, sagte der Tierarzt knapp.
„Sie können ihn auch operieren lassen“, sagte er, „aber ich bin dafür nicht ausgestattet.“ „Wenn, würde ich es in Deutschland machen lassen.“
Uschi straffte sich, nickte und wischte sich die Tränen von den Wangen.
Amor wurde wie ein menschlicher Patient mit Schienenverband, Infusion, Schmerzmitteln und Sedativa versorgt und in einer gepolsterten Transportkiste gelagert.
So nahmen sie ihn mit aus der Praxis und fuhren langsam die zwei Serpentinen hoch zu Uschis Haus, um zu packen. Uschi war als geborene Organisatorin in ihrem Element, sie telefonierte, redete mit Engelszungen auf Leute ein und fluchte zwischen den Telefonaten wie ein Hafenarbeiter. Amor lag in seiner Kiste und atmete schwach.

 Gerade einen Job reinbekommen

Melanies Handy vibrierte. Da sah sie erst, dass schon mehrere Nachrichten gekommen waren: Hey, schöne Frau, Du meldest Dich ja gar nicht mehr…
Und er schrieb, wann genau er nach Hamburg kommen wollte.
Die letzte Nachricht lautete: Ups, jetzt habe ich gerade einen Job reinbekommen. Melde mich später wieder. Küsschensmiley.

 In dreeinhalb Stunden in Palma landen

Endlich wandte Uschi sich mit rauer Stimme an ihre Freundin:
„Von München kann niemand kommen, alles ausgebucht. Aber ich kenne den Typ, der den Flughafen auf Sylt betreibt, ganz gut von früher. Er schickt eine Chartermaschine her. Sie wird in dreieinhalb Stunden in Palma landen.“
Sie vereinbarten, dass Melanie den Hundetransport nach Sylt und dann weiter in die Hamburger Tierklinik begleiten würde. Melanie packte ihre Sachen, die Kiste mit dem Hund kam auf den Rücksitz, dann sprangen sie in Uschis Mercedes. Mit quietschenden Reifen fuhren sie los Richtung Flughafen.

Amor in seinem Medikamentenschlaf

Private Charterflüge umgehen Check-In und Security, deshalb konnten sie seitlich am Terminal vorbei an den Rand der Stellflächen fahren. Dort warteten sie auf ihre Maschine. Es war längst dunkel, sie saßen im Auto, die Fenster einen Spalt geöffnet. Auf dem Rücksitz schnaufte Amor in seinem Medikamentenschlaf. Ein leichter Wind vom Meer brachte Salzduft mit sich, vom Terminal her roch es nach Kerosin. Sie hörten hupende Autos auf der Autobahn, die am Flughafen vorbeiführte, und spürten ihre Herzen in der Dunkelheit pochen.
„Ich danke dir, dass du mitfliegst“, sagte Uschi, „ich kann zur Zeit wegen meiner Firma einfach nicht weg hier.“
„Mach ich doch gerne.“ Melanie verschwieg dabei, auch vor sich selbst, wenn das ging, dass sie gern nach Deutschland zurückwollte, um Stefan kennenzulernen.

 Die Triebwerke verstummten

Ein kleiner zweistrahliger Jet rollte vorbei, „Sylt Air“ las Melanie. Die Maschine parkte nicht weit entfernt von ihnen, die Triebwerke verstummten und die Türe öffnete sich. Ein Flughafenmitarbeiter sprach mit dem Piloten, der die Treppe heruntergekommen war, sie tauschten Papiere, und der Mann kam auf sie zu. Melanie musste an den Film „Casablanca“ denken, nur dass auf Mallorca kein Nebel war.
Dann waren sie in der Luft, Amors Kiste lag neben Melanies Sitz, der Hund schlief. Sie schaute aus dem Fenster, unter ihr im Dunkeln musste Frankreich liegen. Sie fühlte sich merkwürdig klein in dem cremefarbenen Ledersitz, in dieser surrenden Metallkapsel, Kilometer hoch über der Erde. Der Pilot kam aus dem Cockpit und setzte sich ihr gegenüber.

Wir lernen uns gerade kennen

„Die Wetterlage ist ruhig, wir fliegen jetzt mit Autopilot“, sagte er. „Was macht unser kleiner Patient?“, fragte er mit Blick auf die Kiste.
„Der schläft“, erwiderte Melanie und schaute ihr Gegenüber lange an.
Ihre Därme rumpelten, sie spürte Hitze tief in sich drin und ihre Finger waren zittrig.
Das war also Stefan. Einen größeren Zufall hatte es kaum geben können. Sie hatte es erst begriffen, als sie an der Treppe ankam, um das Flugzeug zu besteigen.
„Hallo Melanie“, seine Stimme war dunkel und etwas kratzig.
„Hallo… Das ist Stefan“, hatte sie sich an Uschi gewandt. „Wir –“
„Wir lernen uns gerade kennen“, hatte er trocken hinzugefügt und erst Melanie, dann Uschi die Hand geschüttelt. Sie hatte sich kurz unterhalten, Melanie hatte sich von Uschi verabschiedet, und kurz darauf waren sie wieder in der Luft gewesen.

Was kostet dieser Flug eigentlich?

Er holte einen Drink für sie, Cola für sich.
Sie sprachen über dies und das, sicher über ihre Berufe, zögernd über ihr restliches Leben und was sie jetzt gerade empfanden. Melanie entspannte sich und ließ ihre Müdigkeit endlich zu.
Er erklärte ihr gerade, wie sicher ein Autopilot funktioniert, als sie bemerkte, dass sie nicht mehr richtig zuhörte. Eine Frage aber drängte sich ihr immer wieder auf, und sie musste es ihn einfach fragen: „Was kostet dieser Flug eigentlich?“
„14.500 Euro“, sagte Stefan.

Landbeck