Le Bassin – Siegerbeitrag von Matthias Pieper zum Wettbewerb Kindheitssommer

Le Bassin – Siegerbeitrag von Matthias Pieper zum Wettbewerb Kindheitssommer

Le Bassin – Siegerbeitrag von Matthias Pieper zum Wettbewerb Kindheitssommer

Wettbewerbsbeitrag Nr. 4 von Matthias Pieper, Platz 1

Le Bassin

Unser hellblauer VW Käfer

Unser hellblauer VW Käfer fuhr mit klingelndem Auspuff am Flüsschen Furand entlang die letzten kurvigen Kilometer Landstraße von der Route Nationale zu dem alten Kloster Saint Antoine in der Nähe von Grenoble.
Das war 1977, ich war 10, meine Eltern hatten sich gerade getrennt. So fuhren meine Mutter, meine Zwillingsschwester und ich zu dritt in den Urlaub nach Frankreich. In einem Käfer war das eine lange Fahrt, stundenlang auf Autobahnen, mit einem Dachgepäckträger voller hell- und dunkelbrauner Kunstlederkoffer oben drauf.
Ich hatte einen neuen Stoffaffen, genannt Herr Nilsson, aus dessen Kopf oben eine Schnur mit einer weißen Perle am Ende herauskam. Zog man sie heraus, spielte eine Spieluhr im Innern „Weißt du, wieviel Sternlein stehen?“

Ich vermisste meinen Vater

Endlich waren wir da und bezogen unser Quartier in hohen, hellen Räumen, die an Feriengäste vermietet wurden.
Die Klosteranlage war weitläufig und altehrwürdig. Außer uns hatte sich eine Französin eingemietet mit ihrem Sohn Jean-Louis, der blondes lockiges Haar hatte und schon Flaum auf der Oberlippe bekam. Er sang mit einer seltsam hohen, monotonen Stimme französische Lieder vor sich hin, die wir nicht verstanden. Wegen seines Haars wurde er von seinen Mitschülern als Jeanne-Louise verspottet, erzählte uns seine Mutter und fuhr ihrem Sohn dabei mit der Hand durch die Locken. Jean-Louis Vater war auch nicht dabei.

Ein steinernes Bassin

Dicht bei einem der Nebengebäude, am Rand des großen Klostergartens, stand eine Reihe alter Bäume und darunter ein steinernes Bassin, moosbewachsen, voll kühlen Wassers, das aus einem eisernen Schnabel an der Stirnseite lief. Ein handgeschriebenes Schild warnte vor giftigen Schlangen, eine Haushälterin führte uns das pantomimisch vor, denn das französische Wort „vipères“ kannten wir noch nicht. Schade, man durfte also nicht in diesem magischen, einladenden Becken baden.
Niedrige steinerne Mäuerchen säumten den Garten, der Blick ging über die sanften grünen Hügel, die das Kloster und das Dorf mit seinen Steinhäusern umgaben. Doch unser bevorzugter Spielplatz blieb der Garten und darin das steinerne Becken mit dem überströmenden Wasser, dem Moos an seinen Mauern, den Wasserpflanzen, die es zu erobern begannen, dem Giersch und Ampfer außen herum. Wir sahen Libellen und eine Blindschleiche, Schmetterlinge auch, aber die Giftschlangen hielten sich verborgen.

Er schrieb mir Briefe zurück

Ich schrieb meinem Vater Ansichtskarten vom Kloster und der Umgebung und erzählte von unseren Erlebnissen, und er schrieb mir Briefe zurück.
Einmal umschwirrte eine Wespe Jean-Louis und er schlug nach ihr, so dass sie ins Wasser geschleudert wurde. Mit einem Stöckchen fischte er sie wieder heraus und setzte sie auf den Rand des Bassins. Wie entsetzt war ich, als er sie mit dem Stöckchen auf den Stein niederdrückte und ihr einen Flügel ausriss. Dann lachte er über das sinnlose kreiselnde Summen des Tiers und über meinen Gesichtsausdruck.
Schließlich verbrannte er die hilflose einflügelige Wespe mit einem Feuerzeug, das er aus der Tasche zog. Es stank.

Wie die Wahnsinnigen

Das Bassin hatte noch andere Bewohner: wir fanden Egel darin, schwarzbräunliche Würmer, die sich um die Ästchen ringelten, mit denen wir sie aus dem Becken hoben, um sie dann in wassergefüllten Schraubgläsern zu halten. Deshalb badeten wir lieber nicht, aber wir spritzen uns mit dem Wasser nass und schrien dabei wie die Wahnsinnigen.
Meine Schwester fand ein Vogeljunges unter den Sträuchern, noch nicht flügge, das aus dem Nest gefallen war. Sie hegte und fütterte es in einem mit Blättern ausgepolsterten Schuhkarton. Nach einem Tag und einer Nacht der Pflege, als Gott die Sonne für einen weiteren heißen Tag in den französischen Himmel steigen ließ, lag es tot in seinem Karton.

Unter dem Gebüsch

Meine Schwester war untröstlich und begrub den kleinen fedrigen Leib mit den steifen, zusammengekrümmten Krallen in der weichen feuchten Erde, unter dem Gebüsch gleich neben dem Bassin.
Herr Nilsson war immer dabei. Ich warf ihn gerne in die Luft und fing ihn wieder auf. Als er dabei einmal auf die steinerne Beckeneinfassung fiel, ging die Spieluhr in seinem Innern kaputt. Also gab es fortan kein Lied mehr zum Einschlafen. Ich schnitt die nutzlos gewordene Schnur ab.
Gegen Ende des Sommerurlaubs erfuhren wir, dass es gar keine Giftschlangen gab: Das Schild diente nur der Abschreckung, dass die Kinder der Urlauber nicht im Becken badeten und dabei zu sehr lärmten. Aber das hatten wir ja trotzdem getan, gelärmt.

In einem Karton

In einem Karton alter Briefe habe ich einen Antwortbrief meines Vaters gefunden, er schrieb mir in seiner präzisen Handschrift von seiner neuen Wohnung und unserer Katze Purzel, die während des Schreibens auf seinem Schoß lag. Herr Nilsson hat heute eine Glatze und sitzt im Regal, während ich diesen Text schreibe.

Landbeck