Kostbare Augenblicke

Kostbare Augenblicke

Augenblicke

Text von Frigga Pfirrman als Antwort auf unsere Frage: „Ist autobiographisches Schreiben heilsam?

 

Kostbare Augenblicke der Erinnerung an Hildegard Anna Gottwald

Am 1.März jährte sich wieder ihr Geburtstag. Ich spreche von meiner Mutter. Sie war ein Kind des frühen 20.Jahrhunderts. Geboren im 1. Weltkrieg. Sie wuchs mit vielen Geschwistern auf und verließ mit 14 Jahren – nach dem Ende ihrer Schulzeit – das strenge Elternhaus in Schlesien. Nie wieder kehrte sie zurück.

Sie arbeitete als Haustochter bei verschiedenen Familien und an verschiedenen Orten. Sie wurde geschätzt, blühte auf und lebte sehr selbständig. Wenn sich etwas Besseres bot, wechselte sie ihre Stelle. Sie ließ sich eine Zeitlang in Berlin nieder, danach in Leipzig und später in Wien, wo sie meinen Vater traf.

Er war Berufssoldat. Der 2. Weltkrieg war in vollem Gang. Sie heirateten kurz vor der Geburt meines Bruders während eines Heimaturlaubs meines Vaters. Die Heimat meines Vaters – die Südpfalz – wurde auch ihre.

Sie bekamen einige Jahre später noch zwei Kinder, meine Schwester und mich. Wir Kinder wurden im Geist der 50er und 60er Jahre großgezogen. Der Junge war der Prinz. Er durfte vieles, hatte mehr Rechte und eine bessere Ausbildung. Er machte das Abitur. Wir Mädchen sollten brav und angepasst sein und wurden nicht ermutigt an unsere Fähigkeiten und Talente zu glauben. Für uns reichte Mittlere Reife. So waren die Ansichten über Kindererziehung in dieser Zeit.

Oft genug habe ich an mir gezweifelt, ob ich dieses oder jenes probieren sollte oder ob ich schlau genug bin. Ich war manchmal so voller Wut. In der Schule galt ich als dumm, frech und faul. Das glaubten meine Eltern dann auch. Die Lehrer hatten immer recht, verteidigt hat mich niemand. Diese Autorität anzuzweifeln, hätten sich meine Eltern nie getraut.

Sie genoss den Trubel

Nun, ich habe meinen Weg gemacht. Nach dem Gymnasium ging ich in eine Lehre, später in einen kaufmännischen Betrieb. Ich heiratete und ging zusammen mit meinem Mann nach Berlin. Dort bekam ich zwei Kinder.

Meine Mutter besuchte uns öfter, nachdem mein Vater gestorben war. Ihr gefiel die Großstadt. Sie hat sie an ihre Jugend erinnert, als sie vor dem 2. Weltkrieg da lebte. Sie genoss den Trubel, der fehlte ihr in ihrer kleinen Stadt. Sie sagte immer, dass es so schön sei, abends so viele flanierende Passanten auf den Straßen zu sehen. Manchmal sind wir spätabends noch zum Kurfürstendamm gefahren. Wir haben uns treiben lassen, uns in den munteren Fussgängerstrom eingereiht, die beleuchteten Schaufenster bestaunt und uns überhaupt nicht gefürchtet. Sie liebte es, sich um elf Uhr abends in ein Lokal zu setzen, eine Kleinigkeit zu speisen und ein Glas Wein zu trinken. Da lebte sie auf und tankte wohl auch Kraft für die Rückkehr. Sie sagte immer zu mir, ich solle im Augenblick leben und man wisse nie was die Zukunft bringt.

In der Zeit ihrer Besuche kochte sie uns was Gutes, wusch die Wäsche und bügelte sie. Nachmittags nach meiner Arbeit in der Klinik trafen wir uns oft an der U-Bahn-Station, an der ich ankam. Wir setzten uns in ein Café und gingen hinterher noch ein bisschen bummeln. All die Menschen anzuschauen und mit ihnen zu sprechen, war wie Labsal für sie. Sie genoss diese Abwechslung sehr. Ihr Alltag zu Hause war sehr ruhig geworden.

Seit mein Vater tot war, lebte sie in der Heimat zurückgezogen in ihrem Haus. Sie wollte niemanden zur Last fallen. Alle ihre Kinder waren woanders zuhause. Sie war sehr rüstig und versorgte ihren Haushalt selbst. Ab und zu sprach sie mit den Nachbarn, wenn sie sich begegneten. Regelmäßige Kontakte hatte sie nicht mehr, seit ihre jahrzehntelange Freundin weggezogen war. Kurze Gespräche gab es beim Einkaufen, das war alles. Oft besuchte sie ihren Mann auf dem Friedhof, setzte neue Pflanzen in die Erde und hielt unser Familiengrab in Ordnung.

Die beiden waren seelenverwandt

Das Schönste für sie war, wenn ihr Liebling, mein jüngster Sohn, zu ihr in die Ferien kam. Als er kleiner war, flog er die erste Strecke, dann holte ihn jemand aus der Verwandtschaft vom Flughafen ab und brachte ihn mit dem Auto zu ihr. Als er älter wurde, fuhr er mit dem Zug zu seiner Großmutter.

Die beiden waren seelenverwandt. Es gab nichts Schöneres für ihn, als alle Sommerferien zu seiner Oma zu fahren. Vor dem Frühstück spielten sie schon eine Partie Rommée. Mittags kochte sie ihm abwechselnd seine Lieblingsspeisen. Sie hockten zusammen im Garten und zupften das Unkraut aus der Erde. Im Sommer schnitten sie Pfefferminz- und Melissenkraut ab und legten die Pflanzen zum Trocknen auf flache Holzschütten. Nach zwei oder drei Wochen streiften sie die getrockneten Blätter von den Stängeln und verstauten sie in Blechdosen. Das ganze Jahr über tranken wir den guten Tee. Heute noch rieche ich diesen köstlichen Duft, der aus der geöffneten Dose stieg. Goldgelbe Pfirsiche wurden in große Gläser eingeweckt. Waren Erdbeeren, Johannisbeeren und Stachelbeeren reif, kochten Oma und Enkel zusammen Marmelade ein. Sie vergaßen nie, sich ein Schälchen Erdbeeren für abends als Nachtisch einzuzuckern.

Mein Sohn war es auch, der in ihren letzten Stunden bei ihr war. Zu dieser Zeit pendelten wir von Berlin in die Pfalz und zurück. Wir hatten ein Haus in ihrer Nähe gebaut. Die Einlieger-Wohnung war für meine Mutter vorgesehen. In vier Wochen sollten wir umziehen. Sie starb – völlig überraschend – kurz vorher.

Ich bin froh, dass ich heute in der Nähe ihres Grabes lebe. Bei meinen Spaziergängen mit dem Hund kann ich sie oft besuchen und ihr von meinem Leben erzählen. Das ist sehr tröstlich für mich.

Das war nicht immer so. Oft genug stand ich an ihrem Grab und war sauer und auch wütend. Ich habe laut geschimpft und meinen Eltern gegrollt, mich in meiner Jugend nicht genug unterstützt sondern ausgebremst zu haben, wenn ich etwas wagen wollte. Warum haben sie nicht an mich geglaubt und mir zugetraut, meinen Weg zu machen? Mit der Zeit habe ich meinen Frieden mit meinen Eltern gemacht. Sie wussten es nicht besser.

Ich freue mich heute, wenn ich ein farbiges Seidentuch von ihr oder die Obstschale mit dem geflochtenen Rand in der Hand halte, die Kerzenständer mit den rosa Rosen benutze oder eine von ihr bestickte Tischdecke auflege.

Mein Sohn besitzt auch viele Gegenstände aus ihrem Haushalt. Er schätzt es sehr, das Geschirr und Besteck von seiner Oma zu haben. Die Teile erinnern ihn an ihre gemeinsamen Mahlzeiten und Sommerferien. Er liebt ihre Kristallgläser und die bestickten Kissenhüllen auf dem Sofa. Ihre selbst geknüpften Teppiche liegen bei ihm in der Wohnung. Heute sitzen seine kleinen Söhne beim Spielen darauf. Besucht er seine Oma am Grab, raucht er mit ihr ein Zigarettchen und schnippt die Asche auf die Erde.

Zwanzig Jahre ist es her, seit sie gestorben ist, aber immer noch fehlt sie mir. Gar manches Mal zieht es weh in meinem Herzen. Ich bin froh, dass ich sie, meinen Vater, meine Großeltern und meine Tanten am Grab besuchen und mit ihnen sprechen kann.

Mein Entschluss steht fest: Auch ich möchte in unserem Familiengrab beerdigt werden. Es ist ein schöner Gedanke für mich, dass wir irgendwann alle beieinander liegen dürfen.

Landbeck

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