Kindheitssommer – Beitrag z. Wettbwerb Kindheitssommer – von Ruth Maria Knapp

Kindheitssommer – Beitrag z. Wettbwerb Kindheitssommer – von Ruth Maria Knapp

Kindheitssommer – Beitrag z. Wettbwerb Kindheitssommer – von Ruth Maria Knapp

Kindheitssommer

Wettbewerb Beitrag Nr. 5 von Ruth Maria Knapp, 3. Platz (geteilt)

Der Himmel hoch und ungeheuer blau

Es ist warm, der Himmel hoch und ungeheuer blau. Solche Sommer gab es damals. Emilie zeigte ihr die fetten Dotterblumen am Bach. Nein, das sind keine Butterblumen, richtige Sumpfdotterblumen sind das, eine Kostbarkeit, die darf man nicht pflücken, die fühlen sich in der Vase nicht wohl. Anders als die Veilchen im Frühjahr, je dunkler das Lila, desto stärker ihr Duft. Dazu nahmen sie die Schlüsselblumen, die Himmelsschlüssel, der Name schöner als die unscheinbaren blassen Blütenkelche. Kuckucksblumen gab es viele, aber die taugen nicht für den Strauß, der Löwenzahn auch nicht – nicht schön genug.

Und der Mohn!

Dann, wenn richtig Sommer war, erschienen die Margeriten mit ihrem strengen Duft und ihren zähen Stängeln, die Kornblumen und Kornraden, die seltenen lila Malven gar. Und der Mohn! Im Juni der Mohn. Sie lernte, die Knospen in Mohnprinzessinnen zu verwandeln, öffnete vorsichtig die grünen Deckblätter, entfaltete das seidige rote Kleid, glättete es mit den Fingerspitzen. Mit dem Fingernagel knipste man den Stempel aus der Blüte und setzte ihn als Kopf auf den Rest des Stiels. Schau meine Mohnfrauen, eine große, eine kleine, eine im rosa Gewand, mit Reifrock, eine langhalsige, eine ganz ohne Hals. Die Mohnpuppen stülpten sie sich über die Fingerkuppen und ließen sie tanzen. Nur schade, dass sie so schnell verwelkten.

Ein Schnapprohr    

Schau mal hier, rief Emilie, wir können ein Schnapprohr basteln. Mit dem Küchenmesser schnitt sie einen dicken hohlen Stängel zurecht, ein langer Grashalm mit wulstiger Ähre wurde hineingeschoben und das Rohr im oberen Teil so angeschnitten, dass es nach unten klappte. Wenn sie nun unten am Halm zog, richtete sich der obere Teil wieder auf, wenn sie den Halm nach oben schob, neigte er sich. Das Schnapprohr nickte, weiter nichts – und doch, was für ein Spaß.

Schwarze Flecken auf der Haut

Aber dann – Oh, hier wächst ja Zittergras! Emilie war begeistert. Sie pflückten es vorsichtig, lauter kleine Herzen, die schaukelten leise im Wind. Es gibt also Pflanzen, die Herzchen haben, andächtig vergewisserte sich das Kind. Bis zum Winter standen die trockenen Halme dann zuhause im Glas. Wolfsmilch aber – Vorsicht! – ist giftig und hinterlässt schwarze Flecken auf der Haut.

Unten blieb sie liegen

Ob die Wildkirschen schon reif sind, die Walderdbeeren, die wilden Himbeeren, die Frühäpfel am Straßenrand? Die Brombeeren waren zuletzt reif. Zwei eifrige Sammlerinnen durchstreiften die Gegend am Waldrand, pflückten, aßen, trugen nach Hause. Und zwischendurch immer wieder, wenn sie einen Wiesenhang hinaufgestiegen waren, kam das Kullern. Am längsten und steilsten war der Hang neben dem Friedhof. Glückliche Sekunden, wenn sie sich da hinunterrollen ließ, hingegeben an das Gras, an die Schwerkraft, immer schneller sich drehend um die eigene Achse. Unten blieb sie liegen, bis Emilie, den schwarzen Rock gerafft, langsam heruntergestiegen war. Auf dem Rücken liegen und ins Blaue schauen, die kleinen weißen Wolken anschauen, die zuerst wie eine Schafherde aussehen und dann unmerklich verschmelzen zu einem Drachen oder einem großen Fisch.

Schwer zu knacken

Und immer wieder ging ihr Blick zum Boden. Die blanken Kastanien nahmen sie mit, daraus konnte man später Streichholztiere basteln. Manchmal fanden sie ein paar Haselnüsse, schwer zu knacken, und später im Jahr gab es die weißen Knallerbsen, die unter dem Fuß mit einem Plopp zerplatzten, wenn man nicht zu zaghaft und nicht zu heftig darauftrat. Wo Klee wuchs, bückten sie sich und schauten, ob da zwischen all den dreiblättrigen nicht ein vierblättriges Kleeblatt zu erspähen war, das Glück bringt. Glück konnten sie brauchen, beide. Damals gab es sie noch, die Vierblättrigen, und sie wurden sorgsam gepflückt und verwahrt und zuhause in einem dicken Buch gepresst, damit es lange halten möge, das Glück.

Landbeck