Hummer satt – eine Short Story von Beate van den Berg

Diese Short Story ist im Speed-Writing entstanden.

Autorin Beate van den Berg lebt in Berlin

Hummer satt!

Lieber Cruiser als Loser

Neben mir sitzt Frau Kirsch. Sie macht wie ich ihre Rente zum Erlebnis und beglückt alle Anwesenden am „Round table“ während des Abendbüffets regelmäßig mit dem etwas zu laut geratenen Schlachtruf „Lieber Cruiser als Loser. Stimmt doch, oder?“ Die manchmal pikiert wirkenden Blicke ihrer Büffetgenossen ignoriert sie ebenso wie ihre kleine Speckrolle um die Hüften, die ihr den Genuss von Aal in Gelee eigentlich verbieten müsste. Egal, Frau Kirsch macht ihrer rheinländischen Herkunft alle Ehre und sorgt dafür, dass am Tisch keine störenden Denkpausen entstehen.

Am Anfang meiner Lustreise

Mir gegenüber sitzt Herr Herrmann. Am Anfang meiner Lustreise hatte ich gedacht, er wäre vielleicht für die Dauer dieser Auszeit ein geeigneter Kandidat als „Mann für gewisse Stunden“. Graumeliert, distinguiert und wohl situiert wirkt er, wenn er mit seinen blau-melierten Augen über den Rand seiner goldumfassten Brille die kredenzten Hummerschwänze taxiert.

Besonders anziehend wirkt seine hochgezogene Augenbraue, mit der er das Abendgebet von Frau Kirsch kommentarlos kommentiert. Ich habe das Gefühl, einen Seelenverwandten vis à vis zu treffen, für den sich ein zweiter Blick lohnen könnte und bin in Anbetracht des heutigen Captain-Dinners besonders guter Laune.

Nicht mit popeligen Schwänzen

Dem Anlass entsprechend werden wir nicht mit popeligen Schwänzen abgespeist, nein, es gibt Hummer satt und im Ganzen. Also etwas für Kenner und Könner. Dazu zähle ich mich nicht unbedingt, bin aber willens, dem Tier die Stirn zu bieten und lege mir etwas nervös Zange und Gabel zurecht. Mir kommt spontan in den Sinn, mich im Bedarfsfall etwas unbedarft zu zeigen und so Herrn Herrmann aus der Reserve zu locken. Für einen Mann von Welt wird so ein Hummer die kleinste aller Herausforderungen darstellen, und er wird sich sicherlich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, mir im Zweifelsfall mit dem entsprechenden Instrumentarium unter die Arme zu greifen.

Im schönsten Sonnenuntergangsrot

Es ist soweit. Unter vielen Aaahs und Ooohs werden die Tiere in schönstem Sonnenuntergangsrot und auf großen Platten an die runden Tische geführt. Frau Kirsch vergisst vor lauter Aufregung, ihr Cruiser-Mantra aufzusagen und scharrt hektisch mit der Gabel auf der Tischdecke. Ich meine zu hören, wie sie auch mit ihren Füßen aufgeregt unter dem Tisch trappelt. Aber das bilde ich mir sicherlich nur ein.

Ich schaue zu Herrn Herrmann und erschrecke. Die Gläser seiner Brille scheinen zu beschlagen und seine Augen dahinter, die bis dato in zurückhaltendem Saphierblau strahlten, wirken leicht hervorgetreten, während er auf den Hummer starrt. Irre ich mich, oder läuft ihm nicht nur erwartungsvoller Schweiß von der Stirn, sondern auch aus den Mundwinkeln?

Zucken an einer Hummerschere

Ich sehe wie in Zeitlupe, dass die Platten auf den Tisch gestellt werden und meine, noch ein leichtes Zucken an einer Hummerschere zu erkennen. Igitt, mir wird schlecht. Nicht so Frau Kirsch. Kaum gelandet, da langen ihre rotlackierten Nägel in Richtung Hummer und es kracht. Sie hat dem Tier kurzerhand das Genick gebrochen, nun ist es endgültig vorbei mit ihm – ein Loser eben.

Während sie dabei ist, sich ihre Beute zu sichern, interveniert Herr Herrmann. Er weist Frau Kirsch darauf hin, dass der Hummer schließlich für alle am Tisch reichen muss und verfrachtet dabei die andere Hälfte des Tieres auf seinen Teller. Sprachlos sehe ich ihm dabei zu, wie er mit flinken Fingern den Panzer knackt und das weiße Hummerfleisch in seinem Mund verschwindet. Brocken für Brocken, nur unterbrochen durch den Handrücken, mit dem Herr Herrmann über seine verschwitzte Stirn streicht.

Derweil nippe ich ratlos

Derweil nippe ich ratlos an meinem Weißwein und überlege, ob Herr Sonnenberg zu meiner Rechten nicht einen zweiten Blick wert wäre. Während ich ihn so verstohlen von der Seite anschaue und zunehmend an dem, was ich sehe, Gefallen finde, wird die nächste Fuhre Hummer angekarrt. „Jau, supi, dann woll´n wir mal. Wurde aber auch Zeit“, höre ich es neben mir und denke, dass ein Urlaub auf einer kleinen griechischen Insel vielleicht auch ganz schön wäre.

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