Galizien – Ein Reisebericht von Brigitte M.

Galizien – Ein Reisebericht von Brigitte M.

Galizien – Ein Reisebericht von Brigitte M.

Der Text ist im Sommer 2017 im Kurs Schreib&Reise entstanden

Galizien – Eine fiktionalisierte Reise

Ich hatte Sehnsucht nach dem Meer, dem wilden Meer. Der Atlantik an Spaniens Westküste machte mich neugierig. Ursprüngliche Natur, saubere Gewässer und guten Fisch – das waren Gründe genug, meinen Urlaub dort zu verbringen. Viele Alleinreisen gewöhnt, wollte ich dieses Mal in Gesellschaft reisen.
Ich rief meinen alten Klassenkameraden Egbert an, geschieden und alleinlebend wie ich. „Hallo Eggi, kommst du mit mir eine Woche nach Galizien? Wandern, Lesen, gut Fisch essen und die wilde Todesküste erkunden?“ Egbert sagte ja.  Ich buchte eine Ferienwohnung mit zwei Schlafzimmern für uns und die Flüge. Am 30. Juni um halb zwölf Uhr trafen wir am Flughafen zusammen, um für unseren Flug einzuchecken.

Egbert

Die besondere Spezialität unserer Freundschaft ist, dass wir uns bei Verabredungen regelmäßig verpassen, aneinander vorbeilaufen und uns erst einmal suchen müssen, meist via Handy. So auch dieses Mal. Wir hatten uns am LH Schalter 339 verabredet. Dieses Mal sah ich Egbert sofort. Er stand ja nur fünf Meter von mir entfernt, in seiner Wanderkluft und mit dem Rucksack auf dem Rücken. Ich fixierte ihn, konnte aber seinen Blick nicht auf mich lenken. Er rief mich an und ich sah ihn ins Handy sprechen.

Ich weiß, dass er extrem weitsichtig ist und acht Dioptrien hat, er also die nähere Umgebung eher unscharf sehen muss. Vorsichtshalber schaut er daher immer freundlich, falls er mal jemanden übersieht oder ein Lächeln nicht erwidern sollte. Ach je, mein alter Klassenkamerad. Ist schon ein liebenswürdiger Mensch, auch wenn er manchmal etwas von einem Mr. Bean an sich hat, weil er ein bisschen aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Dann aber hat er auch etwas von Gary Grant,  ähnlich groß gewachsen und jungenhaft schlaksig, der durch seine eckigen Bewegungen häufig kleine Missgeschicke hatte, etwas zum unpassenden Zeitpunkt fallen ließ oder über etwas stolperte.

Ich wollte Egbert nicht länger zappeln lassen und lief ihm entgegen. Wir begrüßten uns mit Wange an Wange links und rechts. Wir waren beide guter Dinge.

Der Flug dauerte zwei Stunden. Am Flughafen Santiago mieteten wir uns ein Auto und waren in knapp vierzig Minuten an unserem Ziel- und Urlaubsort, Portonovo. Die Ferienwohnung  lag direkt am Meer. Ich war begeistert. Die Vermieterin, Carmen, übergab uns die Schlüssel. Wir bezogen unsere Zimmer. Egbert hatte seine Essensreste aus Deutschland mitgebracht. Er knabberte trotz unserer Einkäufe eine Woche lang an Käse und mitgebrachtem Obst herum, bis es aufgegessen war.

Vamos a la playa

„Also, den ganzen Tag am Strand liegen, ist überhaupt nicht mein Ding“, verkündete Egbert schon zu Beginn der Reise.
„ Genau, ich bin auch nicht der Strandtyp“, versicherte ich ihm. Wir wollten schließlich wandern und hatten uns für den Atlantik entschieden, weil hier moderate Sommerhitze zu erwarten war.
Von wegen. Wir hatten eine Woche lang jeden Tag Temperaturen über 30 Grad – einfach zu heiß zum Wandern. Also fanden wir uns dann doch einige Male an einer der schönen, kleinen Buchten in Portonovo wieder, wo man noch im Wasser lange Boden unter den Füssen hat. Egbert verschwand meist erst einmal für lange Zeit im Meer. Und ich merkte bald, dass mich das Strandtreiben um mich herum in den Bann zog, mehr als mein historischer Roman aus dem 19. Jahrhundert.

Von oben betrachtet hätte man sie gesehen, meine Single-Strandmatte mit einem blaugrün gestreiften Sonnenschirm, ein Buch, die Sonnenbrille und eine Flasche stilles Wasser. Umgeben war ich von kleinen Inselgruppen spanischer Familien. Familie heißt hier nicht, Papa, Mama, Kind, sondern Papa, Mama, Kinder, die Schwester der Mama mit ihren Kindern, Papas Vater und Mama, eine Tante ….Die Erwachsenen saßen im Halbkreis auf ihren Strandstühlen, die Kinder waren mit Eimerchen und Schäufelchen bis zur Abfahrt beschäftigt, Sandburgen zu bauen, die sie allerdings in kürzester Zeit kichernd wieder auflösten, mit wehenden Haaren zum Wasser rannten, um mit gefülltem Eimerchen sich wieder neu ans Werk zu begeben. Ich schaute zum Meer, verlor mich in dem Blaugrün der Wellen, die am Strand sanft aufschlugen. In der Ferne schaukelte ein Fischerboot. Grüppchen von älteren Frauen und Männern standen im Wasser und unterhielten sich.
Die Frauen tauschten sich über die neue Variation der empanadas aus und unterhielten sich über Señora Morales, die dieses Jahr nicht mit ihrem Mann aus Madrid kommen konnte, weil er beim Renovieren von der Leiter gefallen war. Sie schüttelten bekümmert ihre Köpfe – die ausladenden Strandhüte wippten im Takt – und bedauerten den alten Juan, der von seiner geizigen Frau mit fünfundsiebzig noch auf die Leiter gescheucht wurde, statt den Maler Cortez zu engagieren.
Zwei Sonnenhungrige  liefen die zweihundert Meter des kleinen Strandes zügig auf und ab. Die Luft flirrte und machte mich schläfrig. Plötzlich war ich im Geiste an der Nordsee, auf Juist, wo ich oft als Kind mit meinen Eltern in den Ferien war. Damals hatten die Deutschen Spaß daran, um ihre Strandkörbe eine möglichst hohe Sandburg zu ziehen. Kontakt mit Nachbarn war nicht unbedingt erwünscht. Als Kind nimmt man die Dinge so wie sie sind. Ich habe den Sand geliebt, ich mochte es, ihn durch meine Hände fließen zu lassen, ihn ihm zu versinken und zu verstecken und mit dem Element Wasser zu gestalten und zu bauen, was die Phantasie vorgab. Gibt es einen schöneren Spielplatz? Etwas kitzelte mich am Fuß. Eine Mücke brachte mich zurück in die Gegenwart.
Eine neue Familie war im Anmarsch. Es war die Schwester der Spanierin, die zwei Meter vor mir mit ihren zwei Töchtern lag. Mit dabei waren ihre zwei Töchter im Teenageralter und eine ungefähr Fünfjährige. Die Kusinen begrüßten sich überschwänglich, indem sie ihre Bikini-Leiber aneinander rieben und kicherten.
Hautkontakt ist hier selbstverständlich, besonders unter den Frauen in der Familie. Sie lagen dicht an dicht, schienen die Berührung zu genießen. Auch bei Gesprächen unter Freunden beobachtete ich oft, wie eine Hand den Arm oder das Bein des Gegenübers berührte, ganz selbstverständlich – wie eine ständige Bestätigung der guten Verbindung miteinander.

Mein Blick fiel auf ein Mädchen namens Valentina. „Valentina, Valentina“, ihr Name wurde ständig von den Erwachsenen gerufen, so als seien sie besonders um ihr Wohlergehen besorgt. Die blonden Locken steckten unter einem übergroßen Strandhut. Die kleine Lady bewegte sich in ihren pinkfarbenen Shorts und farbgleichem Oberteil selbstbewusst. Sie schien schon ziemlich genau zu wissen, was sie wollte und was nicht. „Valentina, Valentina“, tönte es schon wieder von der Tante, die der Kleinen etwas anbot, das ich nicht verstand. Die Antwort jedoch kam deutlich: „no“,  sagte die Kleine  und dazu machte sie eine Handbewegung, die sie wahrscheinlich bei ihrer Mutter abgeschaut hatte.  Sie streckte den Zeigefinger ihrer rechten Hand in die Luft und schüttelte ihre Hand lässig von links nach rechts. Und dann drehte sie sich entschlossen um und lief zum Meer,  ein Miniboard hinter sich herziehend, mit einem Foto von Daisy Duck im rosa Röckchen.

Lesen Sie hier die gesamte Story: Galizien – Eine Reisegeschichte von Brigitte M.

Hanne Landbeck

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