Frühling – von Stephanie Schwarzelbach

Frühling – von Stephanie Schwarzelbach

Frühling – von Stephanie Schwarzelbach

Frühling

Am Bett ihrer kranken Mutter

Der Winter war lang in jenem Jahr. Tag für Tag und Stunde um Stunde saß sie in dieser dunklen Jahreszeit am Bett ihrer kranken Mutter, las ihr vor, erzählte ihr kleine Anekdoten von früher und versuchte, sich die Angst vor dem nahenden Ende nicht anmerken zu lassen. Und dann war die Mutter in der Nacht gestorben, einfach so. Obwohl die Tochter darauf vorbereitet war, traf sie das Gefühl des Verlustes doch mit einer Wucht, die sie nicht für möglich gehalten hatte.

Kalte wächserne Haut

Nachdem der Arzt gegangen war, blieb sie noch eine ganze Weile an dem Bett, betrachtete das Gesicht, von dem alle sagten, wie ähnlich es dem ihren sei und das trotz aller Schmerzen ohne Groll geblieben war, zählte die kleinen Fältchen um die Augen, versuchte sich alles genau einzuprägen. Zum Abschied strich sie liebevoll über die Wange ihrer Mutter und fühlte doch nur noch kalte wächserne Haut. Dann nahm sie das aufgeschlagene Buch vom Nachttisch, aus dem sie ihr am Abend noch ein Kapitel vorlesen wollte, schloss es und verließ leise das Zimmer.

Sie stand am Fenster

Als die Männer kamen um ihre Mutter abzuholen, alle sehr freundlich, still und feierlich, blieb die Tochter für sich. Sie wollte nicht dabei sein, wenn sie sie fortbrachten und so ging sie die Treppen nach unten, leise, damit sie keinen unnötigen Lärm machte. Absurd, dachte sie, aber angenommene Gewohnheiten ändert man nicht von jetzt auf gleich. Sie stand am Fenster und beobachtete den Garten, dessen Umrisse noch immer in Dunkelheit lagen. Im Haus war es ganz still, außer dem Ticken der Uhr über dem Sideboard war nichts zu hören. Da wurde ihr bewusst: Sie war alleine. Seit langem das erste Mal.

Über Nacht

Seit Tagen war sie nicht mehr draußen gewesen – warum auch. Der graue wolkenverhangene Winterhimmel und das trübe Licht hätten ihr das Herz nur unnötig noch schwerer gemacht. Sie schloss müde die Augen, lehnte ihre Stirn an das kühle Glas der Fensterscheibe und stutzte. Was war das? Von weit her hörte sie etwas – sang da ein Vogel? Sie öffnete das Fenster und lauschte hinaus in den noch dunklen Garten. Da – schon wieder. Sie hörte es ganz deutlich: Eine Amsel begann ihr Lied zu singen. Sie öffnete die Terrassentür, trat nach draußen in den Garten und erkannte mit einem Mal, dass sich in den letzten Tagen etwas verändert hatte. Sie sog die frische Luft tief ein, die nicht mehr winterkalt war und die verheißungsvoll nach austreibendem Grün roch, noch schwach nur, aber das würde sich bald ändern. Über Nacht war der Frühling gekommen. Und es kam ihr vor wie ein Zeichen: Dass nach dem Sterben neues Leben erwacht.

Eine wilde Gier

Und angesichts dieser Erkenntnis überkam sie eine tiefe Dankbarkeit für den neuen Tag, der endlich den langen Winter beendete. Eine wilde Gier nach allem Lebendigen überkam sie, trotz des Wissens, dass ihre Mutter gerade gestorben war. Oder vielleicht gerade deshalb? Sie streifte ihre Slipper ab, entledigte sich ihrer Strümpfe und trat auf den Rasen hinaus, der kalt und nass war. Und wieder schlug eine Amsel an, der sogleich von irgendwo her eine Antwort gegeben wurde. Dann hörte sie von weiter weg das leise Rufen eines Rotkehlchens und dann noch eines und noch eines. Sie blieb ganz ruhig im kalten Gras stehen, spürte die beißende Kälte an ihren nackten Füßen, breitete die Arme aus, so als wolle sie den Tag, den Frühling, ihr neues Leben begrüßen. Sie fühlte sich lebendig und getröstet durch jeden Ruf eines Vogels, durch das nasse kalte matschige Gras zwischen ihren Zehen, durch das Wissen, dass nach jedem Winter immer auch ein Frühling kommt.

Die klare kalte Frühlingsluft

Das fahle Licht wurde langsam heller, plötzlich stand sie in einem Klangbad von Vogelstimmen, atmete die klare kalte Frühlingsluft ein und als es hell genug wurde, und die Umrisse der Büsche und Bäume deutlicher hervortraten, sah sie die Veränderungen, die bereits im Garten vorgegangen waren und die sie während der letzten schweren Tage nicht bemerkt hatte. Die Schneeglöckchen und Krokusse, die an vielen Stellen blühten, die kleinen Knospen an der Felsenbirne, den Zierquitten und Forsythien, die Austriebe der Stauden, die sich dem Frühlingslicht entgegenstrecken wollten.
Sie fühlte sich frei und bereit, ein neues Leben zu beginnen. Sie blieb noch, bis die Vögel ihr Morgenkonzert beendet hatten und es vollends hell wurde. Auf dem Weg zurück ins Haus lächelte sie.

Hanne Landbeck

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