Ein merkwürdiger Tag – von Diana Ohmann

Ein merkwürdiger Tag – von Diana Ohmann

Diese Short Story entstand im Speed-Writing – der Gewinn des Wettbewerbs „warum schreiben Sie?“

iAm sah sich um. Das konnte einfach nicht möglich sein. Absolut unmöglich. Er kniff die Augen zusammen und öffnete sie wieder, in der Hoffnung; alles würde sich nur als böser Traum entpuppen. Von dem braunen Sumpfmann, mit dem er sich die karge Schlafzelle in der Karawanserei geteilt hatte, war nur noch eine zerknüllte Decke zu sehen. Immerhin eine Decke! Denn iAms eigene Habseligkeiten hatten sich buchstäblich in Luft aufgelöst, seine Umhängetasche, seine Schuhe, sein Umhang, Proviant – alles war verschwunden. Man hatte es scheinbar sogar geschafft, ihn während der Nacht von seinem Schlafteppich zu rollen und ihm diesen unter seinem Hintern weg zu entwenden.

Alles vermasselt

Entnervt fuhr er sich mit seiner linken Hand durch die kurzen Stoppeln auf seinem Kopf, in denen sich trotz der morgendlichen Kühle innerhalb der dicken Mauern der Karawanserei schon Schweißperlen gesammelt hatten. Seine Wangen brannten und sein Magen fühlte sich merkwürdig flau an. Das war ja großartig! Sein erster Auftrag als Überlandbote und alles vermasselt. Mit welchem Stolz war er auf Trez, den er noch vorgestern für das schönste und beeindruckenste Pferd unter den beiden Sonnen gehalten hatte, aus seinem kleinen Heimatdorf an der Moinemündung im Nordwesten von Perúan losgeritten. Kein kleiner Briefbote mit rotem Umhang mehr, der von Haus zu Haus eilt und Briefe überbringt, oder denen, die nicht lesen können vorträgt oder vorsingt.  Nein, einer der wenigen eingeschworenen Überlandboten aus ganz Perúan mit wehendem grünem Umhang, hoch erhobenem Kopf, eigenem Reittier und einer Mission auf dem Weg in die Wüste Tahari nach Khush zu einer Audienz mit dem Schattenprinzen.

Und jetzt? Er hatte nichts mehr außer dem, was er am Leib trug, wobei er wahrscheinlich noch froh sein konnte, dass die Diebe (er wollte sich einfach nicht vorstellen, dass es ein einzelner gewesen war, der ihn so übertölpeln hatte können) ihn nicht nackt zurückgelassen hatten. Hektisch tastete er seine Brust ab, immerhin spürte er durch den Beutel unter seinem Hemd das kleine Kästchen, was er dem Schattenprinzen um jeden Preis aushändigen musste. Und der Silbertaler, den seine Mutter ihm beim Abschied zugesteckt hatte, war auch noch da. Viel würde er allerdings in einer Stadt wie Khush nicht dafür bekommen. Allein die Unterbringung von Trez – es war definitiv Zeit nach seinem Pferd zu sehen und sich dann einen Ausweg aus dem Schlamassel zu überlegen.

Als iAm durch das Tor die große Halle, in der die Reittiere der Besucher von Khush untergebracht waren, betrat, schlug ihm das exotische Duftgemisch der Tiere wie eine Wand entgegen. Gestern schon hatte er mit aufgerissenen Augen, die unglaublichen Kreaturen bestaunt. So etwas hatte er noch nie gesehen, ja nicht einmal geahnt, dass es solche Tiere überhaupt gab: ein smaragdfarbener, schimmernder Riesenschmetterling, eine Anzahl von Rennschnecken, die mit erstaunlicher Geschwindigkeit von Winzlingen in die Halle geritten worden waren, Flughunde mit Krallen die länger waren, als seine ganze Hand, und …

Helle grün-blaue Haut

„Wenn du deinen Mund nicht zumachst, fliegt dir da möglicherweise eine der roten Bremsen hinein, die dort drüben ein Nest gebaut haben.“ Ruckartig drehte sich iAm zu der Stimme um, die ihn angesprochen hatte und automatisch klappte sein Unterkiefer hoch, der scheinbar aufgestanden hatte wie das große Tor zur Halle. „So siehst du ein wenig intelligenter aus, allerdings auch nur marginal.“ Blitzende, violette Augen gehörten zu der Stimme, die belustigt klang. Und diese wiederum gehörte zu einer schlanken jungen Frau mit langen schwarzen Haaren und heller grün-blauer Haut, die iAm gerade mal bis zur Schulter reichte. „Ich bin übrigens Xhex“, sagte sie, wobei sie ihren Namen mit fremdartigen Klicklauten betonte. iAm konnte die Augen gar nicht von ihr abwenden. Sie war einfach … unglaublich. Schnell überprüfte er, ob sein Unterkiefer an der richtigen Stelle saß, und wollte sich gerade ebenfalls vorstellen, als sein Blick auf die Box fiel, die das Mädchen gerade geöffnet hatte. War das etwa, ach herrje, ja, das war eindeutig ein Drache in der Größe eines mittleren Felsmassivs, mit goldschimmernden Schuppen und den gleichen, violett-blitzenden Augen … Grundgütiger, das Mädchen war eine Drachenreiterin.

„Jetzt hast du wieder diesen absolut dümmlichen Gesichtsausdruck!“ Xhex schüttelte den Kopf und betrat die Box. Dann sah sie sich noch einmal nach iAm um. „Falls du den alten Klepper suchst, der hinten in der Ecke untergebracht gewesen ist, der ist schon seit dem Morgengrauen nicht mehr da.“ Mit hochgezogenen Augenbrauen über den violetten Augen musterte sie iAms nackte Füße. „Mir scheint, du solltest besser auf deine Sachen aufpassen.“ Noch bevor iAm irgendeine Erwiderung geben oder gar eine Frage stellen konnte, schloss sich die Tür zu der Box hinter dem Mädchen. Die gefährlich grunzenden Geräusche bedeuteten wahrscheinlich, dass der Drache seine Reiterin begrüßte. Konnte der Tag noch schlimmer werden?

Unter bunten Segeltüchern

Später am Morgen schlängelte iAm sich durch die engen Gassen des Bazars von Kush. Hier herrschte ein buntes, geschäftiges Treiben. Händler priesen lautstark ihre Waren an. Gewürze, Stoffe, Schmuck in einer Fülle, die iAm noch nie gesehen hatte. Käufer drängelten sich aneinander vorbei, darauf bedacht, unter den bunten Segeltüchern zu bleiben, die vor den gleißenden Sonnen schützten. iAm betrat einen kleinen Laden, der Teppiche feilbot und sah sich vorsichtig um. Große und kleine prachtvolle Teppiche in allen Farben zierten die Wände und den Boden.

„Geh nur weiter.“  War das tatsächlich der zusammengerollte, kleine Teppich vor seinen Füßen, der ihn gerade angesprochen hatte? „Ja, geh ruhig weiter, ich bin das gewohnt, dass alle an mir vorbeigehen. Und das ist noch das Beste, was mir passieren kann. An schlechten Tagen tritt man vorher noch mal kräftig auf mich, bevor man mich links liegen lässt“. Jemand zog iAm am Arm. „Mein Herr, was kann ich für Sie tun?“ Ein beflissener Verkäufer in weißem Gewand war natürlich sofort zur Stelle. „Wir haben hier besonders prachtvolle Stücke aus der östlichen Seidenstadt, so etwas…“.

„Ich suche einen Schlafteppich.“ iAm räusperte sich. „Äh … eher etwas Einfaches, falls Sie verstehen.“, „Ja natürlich, mein Herr, wenn Sie einmal schauen möchten, hier, beste Qualität aus…“. Die Preisschildchen verschwammen vor iAms Augen und ihm wurde schwindelig. „Was kostet dieser?“, fragte er matt und deutete auf den zusammengerollten Teppich. „Frag doch gar nicht. Du wirst mich sowieso nicht mitnehmen. Ich kenne das schon. Weißt du, wie lange ich schon hier liege?“, murrte der Teppich.

„Mein Herr,“ säuselte der Verkäufer, „wir haben doch wirklich bessere Stücke hier im Laden. Diesen da,“ seine Hand machte eine abweisende Bewegung in Richtung des kleinen Teppichs, „den schenke ich Ihnen einfach, wenn Sie…“

Blitzende, violette Augen

In diesem Moment brach ein Tumult in der Gasse aus. „Platz da für die Wachen des Schattenprinzen!“, hörte iAm lautstarke Stimmen rufen. Neugierig blickte er aus dem Laden in die Gasse, wo sich die Käufer aufgeregt an die Seiten drängten und sein Blick fiel direkt in blitzende, violette Augen. Xhex war auch hier!

Noch bevor er über diesen Zufall nachdenken konnte, kamen auch schon die prunkvoll in Schwarz und Silber gekleideten Palastwachen vorbeigeschritten. Nein, nicht vorbei. Genau vor dem Teppichladen hielten sie an. „He, du!“, bellte eine Wache, die den Kopf in den Laden steckte. „Du bist doch der Bote, der gestern angekommen ist. Der Schattenprinz will dich sehen. Sofort!“ Dann dreht er den Kopf zur Gasse. „Und du“, er deutete mit dem Kinn auf die Drachenreiterin, „kommst besser direkt mit!“

Als Xhex sich umdrehte, stockte iAm der Atem. Sie trug einen grünen Umhang, genauso einen, wie er vor kurzem noch selbst besessen hatte. Sie musste also ebenfalls eine Botin sein. Während ihn die Wache aus dem Laden schob, blieb iAm gerade noch Zeit, sich den zusammengerollten Teppich unter den Arm zu klemmen.

„Na, wenn das nicht der Anfang von einem schrecklichen Abenteuer ist“, jammerte der Teppich vor sich hin, „und hinterher sagt man mir wieder, ich hätte euch nicht gewarnt!“

Im Schattenpalast

Hatte iAm Khush bisher für beeindruckend gehalten, so war das nichts im Vergleich zu dem, was sich seinem Auge im Schattenpalast bot. Kunstvoll geschnitzte Säulen, polierte Marmorböden und saftige Palmen, die sich in den zahlreichen Innenhöfen träge im Wind wiegten. Dazu plätscherte Wasser von einigen Wänden und ergoss sich in Kaskaden in kleine Becken und Gräben.

„Du sollst dich bewegen und nicht Löcher in die Luft starren!“ Eine der Wachen, die ihn und Xhex vom Bazar zum Palast geleitet hatten, knuffte ihn unsanft in die Rippen. „Typisch Landei“, murmelte der Teppich leise unter iAms Arm. iAms Blick fiel auf Xhex, die genervt die Augen verdrehte. Wann immer er heimlich zu ihr herüber gelinst hatte, war sie mit erhobenem Kopf, nach vorne gerecktem Kinn und geradeaus gerichtetem Blick kühl und völlig unbeeindruckt von der Pracht um sich herum neben den Wachen her geschritten. Und auch für iAm hatte sie, wenn überhaupt, auf dem ganzen Weg nur hochgezogene Brauen übriggehabt.

Vor einer geschwungenen, silbernen Doppeltür blieben die Wachen stehen. Einer von ihnen begann rhythmisch gegen das Metall zu klopfen. Dann eine Pause und ein ähnlicher Rhythmus ertönte von innen, woraufhin die Wache außen erneut Klopfzeichen gab und sich die rechte Hälfte der Tür geräuschvoll öffnete. iAm und Xhex wurden in den Raum geführt und die Tür schloss sich quietschend hinter ihnen.

Von völliger Dunkelheit umgeben

Sie waren nun von völliger Dunkelheit umgeben, zumindest kam es iAm so vor, bis sich seine Augen langsam an die Umgebung gewöhnten. Es war dunkel, aber nicht vollständig. An den Wänden befanden sich Mosaike aus eingelassenen Diamanten, die ein schwaches, vielfarbiges Licht absonderten. Er konnte Xhex Umrisse unweit von sich ausmachen und nahm den schwachen violetten Schimmer ihrer Augen im Zwielicht wahr. Sonst konnte er allerdings niemanden entdecken. Wer auch immer von innen an die Tür geklopft hatte, war nicht mehr zu sehen. „Was genau machen wir hier?“, wisperte der Teppich. „Ich habe kein gutes Gefühl…“

„Da sind ja die Boten!“, kam eine tiefe Stimme aus dem hinteren Teil des Raumes. „Auch wenn das Botenmaterial heutzutage etwas zu wünschen übriglässt. Du da, mit dem Gerümpel unter dem Arm, wo ist dein Umhang? Hat man dir nicht beigebracht ihn in Ehren zu halten? Stolz auf diese Auszeichnung zu sein? Du kommst nur im Hemd und ohne Schuhe vor den Schattenprinzen?“

„Gerümpel? Natürlich!“, murrte der Teppich, allerdings so leise, das iAm hoffte, die Gestalt am anderen Ende des Raumes habe es nicht gehört. „Aber war ja wieder sonnenklar, dass ich bei einem Versager lande“, fuhr der Teppich fort, „es hätte mich ja auch ein …“

„Wisst ihr, warum ihr hier seid?“ unterbrach die körperlose Stimme die Tirade.

Xhex nickte knapp.

„Nein, eigentlich habe ich keinen Schimmer“, antwortete der Teppich.

„Nun sei doch mal still!“, zischte iAm und setzte zu einer Erklärung an: „Ich, äh…“

„Genau, du hast etwas, das mir gehört. Würdest du es mir bitte jetzt übergeben.“ Aus dem Zwielicht löste sich etwas von der Wand ab.

„Euer Hoheit!“, sagte Xhex und beugte kurz den Kopf, als der Schatten sich näherte.

Der Beutel war leer

iAm zog den Brustbeutel unter seinem Hemd hervor und nestelte nervös daran herum. „Ja, Eurer Hoheit, ich habe hier …“, und dann brach ihm der Schweiß aus allen Poren. Der Beutel war leer. „Wird ja immer besser.“, murmelte der Teppich, während iAms Ohren glühten.

„Suchst du vielleicht das hier?“, Xhex‘ Augen blitzen iAm aus der Dämmerung an und sie schüttelte den Kopf. iAm befürchtete vor Scham ohnmächtig zu werden. Sie streckte dem Schattenprinzen ein flaches Kästchen aus Holz entgegen. „Euer Hoheit, hier ist der zweite Teil der Nachricht der Träumer. Es war ein Kinderspiel, sie diesem … jungen Mann zu entwenden. Ich fürchte aber, der erste Teil bleibt weiter unauffindbar. Er hat ihn nicht!“

„Ahhh!“, machte der Prinz gedehnt und hielt das Kästchen kurz in die Höhe, bevor er das Siegel zerbrach und es öffnete. Es war so still im Saal, dass iAm sein eigener, flacher Atem in den Ohren dröhnte. Wie war ihm das nur alles zugestoßen? Der Schattenprinz nahm eine Rolle Papier aus dem Kästchen, entfaltete sie mit einer Hand und studierte sie lange, bevor er sich iAm weiter näherte. Dieser unterdrückte standhaft den Impuls zurückzuweichen.

Der dunkle Blick des Schattenprinzen

„Es tut mir leid, mein Junge, aber diese Nachricht ist wertlos ohne den ersten Teil. Ach, wie hatte ich gehofft, sie würde mir weiterhelfen. Uns allen weiterhelfen. Aber du besorgst dir besser einen neuen Umhang.“ Missbilligend wanderte der dunkle Blick des Schattenprinzen an iAm herab. „Denn ich muss dich auf eine neue Mission schicken, ob ich will oder nicht. Die Träumer haben es gesehen.“ Er hielt das Papier in die Höhe. „Und du“, nun sprach er Xhex an, „wirst ihn begleiten, der junge Mann verliert sonst eventuell noch seinen Kopf!“

Xhex nickte kurz, würdigte iAm jedoch keines Blickes. Der Schatten schüttelte den Kopf. „Was sind das für Zeiten. Ich muss eine Drachenreiterin mit einem grünen Jungen auf einem fliegenden Teppich auf den Weg schicken.“

iAm war unsicher, ob er über die Beleidigung erbost oder über die Aussage zu seinem Teppich belustigt sein sollte. „Äh… Euer Hoheit, ich fürchte da liegt ein Irrtum vor.“ „Dass du ein absolut grüner Junge bist? Nein keinesfalls!“, der Schatten schüttelte erneut den Kopf.

„Nein, ich meine den Teppich. Es ist ein Schlafteppich, kein …“

Ich bin kein Schlafteppich

„Ich bin kein Schlafteppich. Naja, richtig fliegen kann auch ich nicht,“, plapperte der Teppich los, „auch wenn ich aus einer Familie der allerfeinsten und bekanntesten Flugteppiche stamme. Ich … äh… würde sagen, schweben trifft es mehr. Ich kann ungefähr so …“, und damit rollte er sich aus iAms Arm hervor und blieb auf iAms Schulterhöhe ausgestreckt in der Luft stehen, “… hoch über dem Boden schweben. Ja ja, ich weiß, ich hab‘ das alles schon 1000 Mal gehört. Sie dürfen mich jetzt gerne beschimpfen wie es sowieso jedermann tut. Ich bin ja nichts Anderes gewohnt.“

iAm kniff die Augen zusammen. Der Tag war eindeutig noch merkwürdiger geworden, als er es sich je hätte träumen lassen können.

„So sei es also!“, sagte der Schattenprinz feierlich. „Bringt mir den ersten Teil der Nachricht, es wird viel davon abhängen.“

„Hab ich’s nicht gesagt?“, jammerte der Teppich. „Ein schreckliches Abenteuer! Und das ist erst der Anfang.“

 

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