Doppelter Boden – von Franziska Prankl

Doppelter Boden – von Franziska Prankl

Stolz steckte sie ihr Abschlusszeugnis in die Umhängetasche. Ihre blauen Augen glänzten vor Freude und sie konnte es nicht erwarten, den Hutsalon ihres Lehrherren zu übernehmen. Es war ihr Traum, eine berühmte Modistin zu werden, und Hüte für elegante Damen zu fertigen. Während sie den langen Gang der Gewerbeschule entlanglief, strich sie ihre blonden Haare aus der Stirn und drückte sich den kleinen, roten Hut auf den Dutt. Er musste gut sitzen und alle Eskapaden mitmachen. Jahrelang hatte sie gespart, um sich einen großen Wunsch zu erfüllen: einen eigenen Motorroller. Er war zwar nicht mehr ganz neu, aber immer noch voll in Schuss. Irmgard schwang sich auf ihr einspuriges Fahrzeug und düste nach Hause. Sie wollte ihrer Mutter eine Freude machen, Katharina hatte schon so viel verloren. Ihren Mann im Krieg und den einzigen Sohn durch einen Unfall, da blieb ja nur noch sie. Ihre Mutter saß im Schaukelstuhl und strickte an einer blauen Weste, als Irmgard ins Zimmer stürmte und von der bestandenen Prüfung und ihren Plänen erzählte. Wie in Trance sprach sie von ihrem Wunsch, moderne und einmalig schöne Hüte zu kreieren.

Gegen Abend machte sich Irmgard auf den Weg zum Beatles-Konzert, das sie mit ihren Freunden besuchen wollte. Es war der Wahnsinn! Ihre Freunde und sie, inmitten der tobenden Menschenmenge. Karsten, der an diesem Abend das erste Mal dabei war, hatte es ihr besonders angetan. Mit seiner schwarzen Haartolle und dem verwegenen Blick war er der Schwarm vieler Mädchen. Aber es schien, als hätte er Gefallen an ihr, der süßen Modistin gefunden. Den ganzen Abend suchte er ihre Nähe und strich wie unbeabsichtigt über ihr Haar oder ihre Schulter, aber er kannte auch seine Grenzen. Irmgard fühlte sich wie in einem Traum. Dass an einem einzigen Tag so viel Schönes passieren konnte?

Es war weit nach Mitternacht, als sich die Gruppe auflöste und letztendlich nur noch Karsten und sie vor ihren Rollern standen. Die beiden jungen Leute mussten nicht viel sprechen. Irmgard spürte seine Hände, eine im Kreuz und eine, etwas fordernder, weiter abwärts. Seine weichen Lippen strichen über ihre Stirn, die Nase und die Ohren, während er zärtliche Worte flüsterte. Sie hatte das Gefühl, gleich explodieren zu müssen. Ohne an die Ermahnungen ihrer Mutter zu denken, fuhr sie ihm nach, aus der Stadt hinaus, über einen Feldweg, bis sie vor einem alten Hof anhielten. Zielstrebig führte Karsten sie in ein Zimmer, bedenkenlos gab sie sich ihm hin. Es war für sie das erste Mal, für ihn, seiner Erfahrung nach zu urteilen, wohl schon einige Male mehr. Aber das störte sie nicht. Danach fiel Irmgard in einen tiefen Schlaf. Sie wachte erst auf, als sie spürte, dass ihre Lippen vor Trockenheit zusammenklebten. Sie blickte sich um und Angst überkam sie, es war alles so fremd. Von Karsten keine Spur, kein Kleidungsstück, das einem jungen Mann gehören könnte, kein Buch oder Bild, NICHTS. Nur das spärlich eingerichtete Zimmer. Wo war sie? Langsam, jede Bewegung genau überlegend, um keinen Lärm zu verursachen, stand sie auf. Zaghaft öffnete sie die Tür – und erstarrte.
***

Katharina saß in ihrem Schaukelstuhl vor dem Fenster und blickte starr auf die Straße, ihr roter Kater lag wohlgenährt auf ihrem Schoß und schnurrte vor sich hin. Er war ihr einziger Lichtblick, gab ihr Lebensmut und das Gefühl, das ihr Leben noch einen Sinn hatte. Jeden Tag dachte sie an ihre Tochter, die bereits vierzig Jahre lang verschwunden war. Die Polizei hatte alles rekonstruiert, alle Freunde befragt, doch dieser Karsten blieb unauffindbar. Keiner kannte ihn näher, keiner wusste seinen Familiennamen, oder wo er herkam.

Und ihre geliebte Tochter blieb verschwunden. Das faltige Gesicht drückte nur noch Kummer aus, und Einsamkeit, die kein Ende kannte.

Da glaubte Katharina ihren schwachen Augen nicht zu trauen. Vor dem Haus hielt ein Motorroller, so einer, wie Irmgard damals hatte. Diese Modelle gab es heutzutage nicht mehr auf öffentlichen Straßen, das waren Oldtimer und standen nun in Garagen von Liebhabern und Sammlern. Unglaublich war die Wandlung, die in der alten Frau vorging, die Augen zeigten Regung und wurden immer größer, der Mund öffnete sich zu einem Staunen.

Von dem Roller stieg Irmgard. Sie strich den gestreiften Rock, den sie zu ihrer Gesellenprüfung getragen hatte, glatt und drückte den roten Hut auf ihrem Dutt zurecht. Katharina konnte es nicht fassen. Das war ihre Tochter, ja, aber sie sah so jung aus wie vor vierzig Jahren. Und genau betrachtet auch ihre Figur.

Die alte Frau rieb ihre Augen, als gleich darauf die Tür aufging. Irmgard lief freudestrahlend auf ihre Mutter zu, die mit offenem Mund und hängenden Armen dastand:

„Ach Mutti, es ist so schön, dich endlich wieder zu sehen. Bitte verzeih mir, dass du so lange warten musstest, du hast mir so gefehlt.“

Katharina dachte, ihr Herz würde zerspringen. Sie umarmte ihre Tochter, und lachte – lachte wie eine reife Frau. Ihre Falten und das graue Haar verschwanden, ihr Herz wurde leicht.

„Kind, wo warst du? Was ist denn nur passiert? Ich hab mir so große Sorgen um dich gemacht, wo ich doch nicht gewusst habe, ob du überhaupt noch lebst.“

Irmgard küsste ihre Mutter auf die Wangen und die Stirn, als sie aufgeregt fortfuhr:

„Das ist so verrückt, ich erzähle dir alles!“

Und so berichtete Irmgard ihrer Mutter von der Nacht mit Karsten, – und von dem sonderbaren Haus. Wie sie zum ersten Mal diesen Raum betrat, der in eine eigene Welt mündete. Mit Geschäftsstraßen und ihrem eigenen Hutsalon, der ihr angeboten, ja richtig aufgedrängt wurde. Karsten war immer an ihrer Seite und ein treusorgender Partner, er half ihr im Laden, besorgte die Stoffe und sämtliche Utensilien, die sie für ihre Kreationen benötigte. Sie fertigte Modelle für die High Society und mondäne Damen an, und wurde berühmt. Ihr Traum war in Erfüllung gegangen.

Ihre Mutter hörte staunend zu: „Aber Irmgard, wieso hast du dich nie gemeldet. Es hätte mir doch schon gereicht, ein Lebenszeichen von dir zu erhalten. Zu wissen, dass es dir gut geht!“

Ein greller Blitz erhellte den Raum; Möbel, Vorhänge und Teppiche waren wieder dieselben, wie vor so vielen Jahren, als die Magie ausgelöst wurde. Katharina hatte dasselbe geblümte Kleid an, in dem sie damals im Schaukelstuhl saß und an der blauen Weste strickte. Auch auf der Straße bot sich dasselbe Bild wie damals, VW-Käfer, Motorroller und Fahrräder, die damals zumeist auf den Straßen ihre Kurven zogen, Menschen in Kleidern aus diesem Jahrzehnt, die Häuser mit grauem Putz. So, wie es war, als Irmgard freudestrahlend ihrer Mutter von den Plänen und Wünschen erzählte. Die Zeit war zurückgedreht.

Erleichterung erhellte das Gesicht von Irmgard:

„Es tut mir so leid. Aber ich war in einem anderen Universum, in Morpheus Welt, ich war so sehr gefangen in meinem Wunsch, eine berühmte Modistin zu werden, dass die Magie eingegriffen hat. Ich wäre so gerne gleich umgekehrt. Als ich aber diese neue Welt betrat, konnte ich nicht mehr zurück, das hätte ich mit meinem Leben bezahlt. Auch konnte ich keinen Kontakt zu dir herstellen, aber immer, wenn ich wollte, durch ein magisches Fenster zu dir sehen. Und es tat mir unendlich leid, dich so traurig zu sehen. Ich musste erst mein Soll erfüllen: 500.000 Hüte kreieren – und verkaufen. Dann durfte ich wieder in meine Welt zurück!“

Katharina blickte immer noch staunend zu ihrer Tochter, bevor sie mit stockender Stimme fragte: „Und jetzt,… was passiert jetzt?“

Irmgard hielt ihre Mutter an den Händen, und blickte ihr fest in die Augen: „Ich bin wieder frei. Und alle Menschen, die aus Morpheus Welt in die reale Welt heimkommen, dürfen ab dem Zeitpunkt neu beginnen, wo sie die Überwelt betreten haben, um ihre Bestimmung zu erfüllen.“

Irmgard schmiegte sich an ihre Mutter: „Mach dir keine Sorgen. Wir fangen von vorne an, ich gehe zu dem Beatles-Konzert und treffe Karsten. Und am frühen Morgen komme ich nach Hause, ich übernehme die Werkstatt von meinem Lehrherren und entwerfe Hüte, klein – aber fein. Ab jetzt sind wir frei, auch Karsten, der durch seine aufrichtige Liebe zu mir den Bann gebrochen hat. Durch dieses große einmalige Gefühl zu mir wurde er in einen Menschen verwandelt, um mit mir zu leben.“

Katharina setzte sich wieder in den Schaukelstuhl und nahm ihr blaues Strickzeug zur Hand, wobei das Knäuel zu Boden fiel. Aus einer Ecke schoss ein kleiner roter Katzenbub hervor und stürzte sich auf das wollige Spielzeug. Nicht im Traum dachte der kleine Wirbelwind daran, dass seine Gene noch viele Generationen lang übertragen würden. „Und wann lerne ich diesen Karsten kennen?“ Sie legte die Handarbeit auf den Schoß und schaute ihre Tochter prüfend an.

„Karsten wollte mir etwas Zeit geben, um dich vorzubereiten. Er kommt heute Abend nach, und dann haben wir noch eine gute Nachricht. Wir werden mit dir in einem Haus leben, und nach der Hochzeit, … Da freuen wir uns, wenn du kleine Jäckchen und Hauben für unsere Kinder strickst!“

Hanne Landbeck

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