Die Zeit, die Zeit – Teil 1

Die Zeit, die Zeit – Teil 1

Zeit

„Keine Zeit, keine Zeit“ ruft der Hase bei „Alice im Wunderland

Die Zeit, die Zeit

Unser Zeitempfinden ist ein seltsames Ding. Manchmal rast sie, die Zeit. Dann wieder vergeht sie unendlich langsam. Insbesondere Kinder, die auf die großen Ferien, den Weihnachtsmann oder den Vater … warten, wissen, dass die Zeit auch quasi stillstehen kann. Dann wieder gibt es Momente, eben wenn der Papa gekommen ist, das Christkind klingelt, die Ferien schon wieder fast vorbei sind, wo wir sie gerne anhalten würden. Oder gar: sie zurückdrehen wollen. Wenn der erste Kuss zu schnell vorbei war, die erste Liebe vertrocknete, oder: Wenn wir endlich nach langer Suche nach neuen Ideen, Sätzen oder Wendepunkten im Flow, in der Versenkung sind. Die Zeit beschäftigt uns ein Leben lang und immer mal wieder im Leben. Sie begleitet uns durch die Jahreszeiten und natürlich, wenn wir uns beim Altern zuschauen.

Dehnung

Dass die Zeit ein Paradox ist und an unterschiedlichen Orten im Weltall unterschiedlich schnell vergeht, wissen wir spätestens seit Einsteins Relativitätstheorie, auch wenn wir das nicht immer wirklich verstehen. Nach Einstein wird sie langsamer, je näher die Geschwindigkeit an die Lichtgeschwindigkeit kommt. Allerdings nur relativ. Denn im Rest des Universums vergeht die Zeit anders, da alle Körper eine eigene Geschwindigkeit haben und somit jeweils unterschiedlich in Bezug zueinander stehen.

Kurz: Die Zeit ist ein großes Rätsel. Wahrscheinlich fürchten wir uns vor ihr so sehr, dass wir ihr nur selten Zeit lassen. Uns nicht die Zeit nehmen – für die wichtigen Dinge. Und so die Zeit in gewisser Weise verraten. Wenn man „Alice im Wunderland“ von Lewis Carroll genau nimmt, dann ist es nichts anderes als eine Abhandlung über die Relativität von Zeit – und Raum. (Zum Phänomen des Chronotopos folgt vielleicht irgendwann, irgendwann auch einmal ein kleiner Text. Vorher lesen Sie vielleicht noch mal Alice im Wunderland).

Erzählzeit

Die Zeit: 1 – Erzählte Zeit und Erzählzeit

AutorInnen tun gut daran, sich beim literarischen Schreiben ein wenig näher mit der Zeit auseinander zu setzen.

Die Literaturwissenschaft arbeitet mit den Bezeichnungen Erzählzeit und erzählte Zeit. Die Erzählzeit ist jene, die ein Erzähler für das Erzählen seiner Geschichte benötigt, die erzählte Zeit dagegen beschreibt die Dauer der erzählten Handlung.

Entspricht die Erzählzeit der erzählten Zeit, so liegt eine Zeitdeckung vor. Ist die Erzählzeit kürzer als die erzählte Zeit, hat man es mit einer Zeitraffung zu tun, im umgekehrten Fall mit einer Zeitdehnung.

 

Dehnung, Raffung und zeitdeckendes Erzählen

Bei James Joyces „Ulysses“ wäre das ein Tag, der 16. Juni 1904, der auf rund 1000 Seiten in 18 Episoden erzählt wird: hier handelt es sich also um eine extreme Dehnung der Zeit. Bei „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ von Jonas Jonassen handelt es zwar um 100 erzählte Jahre, aber in weiten Teilen bei 416 Seiten um eine Raffung – oder auch um Auslassung.

Die Erzählzeit formt die Wichtigkeit einer Passage: Verwenden wir viel davon – die wir dem Publikum als Lesezeit weitergeben – z.B. auf das Windelwechseln, Einkaufen oder andere scheinbar unwichtige Dinge (wie Karl Ove Knausgård das in seinem „autobiographischen Projekt“ tut) – so verändert sich die Wahrnehmung der Leser durch die Dauer der Beschreibung auf diese Dinge: bisher als unwichtig empfunden, werden sie nun relevant.

Spielen Sie mit der Zeit in Ihren Erzählungen. Probieren Sie verschiedene Verhältnisse von erzählter Zeit zu Erzählzeit aus, vielleicht erleben Sie dadurch selbst ganz neue Bedeutungen im Leben Ihrer Protagonisten.

Aber: Verwenden Sie immer die passende Zeitform! Dazu mehr in Teil 2. Der folgt, wenn die Zeit dafür gekommen ist.

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