Die Bewegung meiner Hand auf ihrer Haut – Short Story von Nicola Tams

Die Bewegung meiner Hand auf ihrer Haut – Short Story von Nicola Tams

Die Bewegung meiner Hand auf ihrer Haut – Short Story von Nicola Tams

Die Bewegung meiner Hand auf ihrer Haut

Nicola Tams hat Kulturwissenschaften in Lüneburg und Santiago de Chile studiert und widmet sich derzeit ihrer Doktorarbeit über die Philosophie der Freundschaft von Jacques Derrida. Der Text entstand im Kurs Speed-Writing

Eine Reise führte mich zu ihr. Ich weiß nicht mehr, was für eine Stunde des Tags es war, aber der Winter war gerade dabei zu verschwinden, und auf den Felsgrund an der Küste von Caen hatte sich Eis gelegt. Ich kam von der Hauptstadt und war auf dem Weg zu einem Geschäftstermin in der Normandie. In dieser Region von Frankreich war es kalt und rau, aber sonnig an diesem Tag. Ich erinnere mich jetzt, wie ich in diesen kleinen Ort fuhr und fasziniert war von den schmalen Gassen, die sich überall in die Landschaft hinauszogen.


Ich schreckte aus meinen Gedanken auf, als da plötzlich eine Alte aus dem Nichts der Gasse auftauchte und ich erinnere mich, wie ich scharf bremsen musste, um sie nicht zu erwischen. Sie war der einzige Mensch in der sonntäglichen Stille und sie erschrak, als das Auto so kurz vor ihren Füßen zum Halten kam. Als ich aus dem Wagen stieg, schlug mir der Wind ins Gesicht.
„Ich hätte Sie beinah erwischt!“
„Sie sollten besser auf Ihre Umgebung achten, junger Mann“
„Sind Sie von hier?“
Sie nickte.
„Ich bin froh, dass alles gut gegangen ist. Darf ich mich entschuldigen?“ Ich deutete auf das Café auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Wir gingen hinein.

Eine einfache Begegnung verändert das Leben

Hätte ich wissen können, dass diese einfache Begegnung mein Leben verändern würde? Als ich im Café den Anruf von der Arbeit erhielt, dass mein Termin auf den nächsten Tag verschoben wurde, fragte ich die Frau um Rat, die mir vor die Räder gelaufen war.
„Mein Termin wurde gerade verschoben. Kennen Sie vielleicht ein gutes Hotel in der Nähe?“ Sie überlegte. Ich war offen und guter Laune an diesem Tag und wollte mir etwas Zeit nehmen, und so nahm ich ihr spontanes Angebot an, mir bei ihr zu Hause ein Zimmer anzusehen. Ich würde zur Not einfach einen weiteren Espresso bei ihr trinken und dann wieder gehen. Also nahm ich sie im Auto mit in Richtung von Abbaye d’Ardenne, wo inmitten von Feldern ein großes altes Bauernhaus auftauchte. Wie die Frau mochte ich auch dieses alte Haus sofort. Ihr freies Lachen, das bei alten Menschen so selten ist, ein Gesicht voller Furchen, eine energetische Art, die Dinge anzugehen. So unbedacht konnte sie sein, weshalb ich sie fast umgefahren hatte. War es ihre ungestüme Art, die mich so gedankenlos die Einladung akzeptieren ließ?

Vasen und Objekte

Ich fragte sie, ob sie Künstlerin sei. Überall in ihrem Haus standen alte Vasen und Objekte herum, mich überraschte das Zusammenspiel von Büchern und Kunstobjekten auf der weiten Fläche ihres großen Hauses. Sogar die Unordnung erschien mir reizvoll, in Verbindung mit dem sanften Wesen, das sie auszeichnete. Ihre langen weißen  Haare umhüllten ihr Gesicht wie ein sanft herabfallender Schleier, der ihr etwas Jugendliches gab. Sie war das Gegenteil meiner eigenen Großmutter, die immer griesgrämig ausgesehen hatte, da sie auf ein Leben voller Arbeit und Pflichten zurückblickte.
Als sie mir auf dem Klavier Chansons mit ihrer rauen, für eine Frau tiefen Stimme vorsang, war es um mich geschehen. Ich hätte nicht gedacht, dass mir so etwas passieren könnte. Ich bin ein Banker, arbeitete für eine große spanische Bank und bin kein Mensch, der Veränderungen liebt. Ich kann mir selbst auch heute nicht wirklich erklären, wie ich es schaffen konnte, auf das ganze Geld, das ich tagtäglich gemacht hatte in diesem Job, zu verzichten oder was ich noch alles darum gegeben hätte, diese alte Frau ein paar Stunden länger anschauen zu dürfen.

Ich sah sie schreiben

Ich bin geblieben, in dieser Nacht. Ich sah sie schreiben, immerzu und ich schloss daraus, dass sie Schriftstellerin sein musste. Ich schaute ihr stundenlang bei ihrem Treiben zu, und vergaß mich selbst bei der Betrachtung dieser Frau, die selbst einem Kunstwerk glich. Ich verliere mich sonst selten in etwas. Irgendwann bemerkte ich, dass ich nicht mehr unbekümmert auf die Silhouette dieser alten Schriftstellerin starrte, sondern sie plötzlich auch als Frau wahrnahm. Mich faszinierten ihre vollen Lippen, die, obgleich sie alt war, eine schöne Form behalten hatten. Ich bemerkte, dass das Alter, das Furchen und Falten und Kanten bringt, dem Körper dieser Frau nichts anhaben konnte, sie hatte einfach nur mehr Bewegung erhalten überall auf ihrer Haut. Als mein Blick über ihre Schultern führte, landete ich erst ganz zufällig bei ihren Brüsten, die mir dann zunehmend das am wenigsten Unscheinbare auf der Welt erschienen. Ich fing an, diese Frau, und bin noch immer über mich selbst erstaunt, wenn ich dies schreibe, zu begehren.

Sie fragte gar nicht

Sie fragte gar nicht, ob ich bleiben wollte oder gehen. Ich blieb. Ich blieb eine Nacht, danach noch eine, und wir teilten uns die Tage auf eine Art, dass jeder für sich war und doch jeder dem Anderen zusah bei seinen Schritten. Wir verloren uns im Anderen, weil wir einander immerzu anblicken mussten. Wenn ich hinausging, um spazieren zu gehen, sah sie mir nach, und ich weiß, wie sie geschaut hat, wenn ich wieder hereinkam. Sie sah mich dann von oben bis unten an, als ob sie prüfen müsste, wer da hinein kam, bevor sie sich wieder an meiner Gegenwart freute. Und ich beobachtete sie stundenlang, einfach nur dasitzend: ihren Nacken, ihre Augen, wie sie ihren Whiskey hob und das Glas wieder senkte. Meine Blicke waren immer respektvoll distanziert, ich las nie, was sie schrieb, aber ich liebte es, ihrem Kreisen des Stifts auf dem Papier von Ferne zuzusehen. Ich stöberte oft durch ihre Bücher, ließ mich von den zahlreichen Holz- und Metallskulpturen inspirieren, die sie im Laufe ihres Lebens angesammelt hatte und ergab mich dem langsamen Rhythmus, den ein Leben auf dem Land den Vorbeirasenden bietet. Nach wenigen Wochen hatten wir eine Weise des Zusammenlebens gefunden, die jedem seinen Raum gab, aber auch Zeiten für die Einsamkeit bot. Meine Spaziergänge waren ausgiebig, und die Abwesenheit unter Tage steigerten meine Lust darauf, sie des nachts wieder zu bekochen, über ihre Arme zu streichen, ihrem Singen zuzuhören und dem Geräusch ihrer Schritte auf dem abgenutzten Holzfußboden zu lauschen. Ich gab kleinen Dingen den Vorrang in meinem Alltag. So etwas wie der Bewegung meiner Hand auf ihrer Haut. Oder ihrem ständigen Blick nach hinten, wenn wir zusammen unterwegs waren. Ich ließ mich auf dieses Wunder ein, war naiv, hatte noch nie jemanden geliebt in einem Leben voller Arbeit und beruflichem Erfolg. Als ich anfing, diese Frau zu lieben, löste sich das Gerüst, das ich als Mann mittleren Alters aufgebaut hatte in den vielen Jahren, innerhalb von wenigen Tagen völlig auf.

Das Hacken von Holz

In meinen Beruf bin ich nicht mehr zurückgekehrt. Ich beschäftigte mich das folgende Frühjahr mit so wenig zweckdienlichen Dingen wie dem Hacken von Holz, dem Ordnen ihrer Bücher, dem Haushalt oder dem Angeln am See. Ich wusste nicht von mir, dass mir ein Leben als Hausmann gefallen könnte. Ich gab meine Anstellung auf, provozierte eine Krise in dem spanischen Unternehmen, an das ich mich heute kaum mehr erinnern kann und zog aus meiner Pariser Wohnung aus, die ich jetzt an Touristen vermiete. Ich wohne immer noch in diesem Haus, aber sie ist längst verstorben. Wir hatten nur einen gemeinsamen Sommer in ihrem Künstlerhaus in der Normandie, bevor sie plötzlich an einem Zusammenklappen der Lungenflügel verstarb. Seitdem schreibe ich ohne Unterlass und bin nicht mehr bereit, mich etwas anderem als der Schriftstellerei hinzugeben. Ich hatte schon viele Liebhaberinnen, und ich verstehe nicht, warum ich keine so lieben kann wie diese Frau, deren Urne hier nun zwischen all den Tonkrügen steht. Als sie starb, ging ich irgendwann, als ich es vor mir verantworten konnte, durch ihre Papiere, und sah, was sie geschrieben hatte. Und ich entdeckte in diesen Schriften das gesamte Leben der Frau, der ich begegnet war. Ich war jahrelang in die Lektüre der Erzählungen über ihr Leben vertieft, über die Verfolgung ihrer Familie als sie Kind war, über ihre intellektuellen Abenteuer, über ein Manifest, das sie in den sechziger Jahren unterzeichnet hatte oder über ihre anderen Männer, und schließlich begann ich auch <em>über</em> sie zu lesen und zu schreiben. Es war seltsam, dieser literarischen Gestalt zu begegnen, die nichts mit diesem zarten und etwas zerstreuten Wesen zu tun hatte, welches mich aus meinen Tagträumen gerissen hatte, an jenem Tag. Über die Vergangenheit hatten wir nur selten ein Wort gesprochen. Ich war fasziniert gewesen von einer schreibenden Frau, von der ich niemals auch nur eine Zeile las.

Das Gefäß eines Menschen

Ich hatte mich in das Bild einer Frau verliebt, das Gefäß eines Menschen, das ich nur äußerlich streifen konnte. Sie hat mich bis heute in meiner Schriftstellerei inspiriert. Und dennoch bleibt zwischen den Zeilen die Erinnerung an sie präsent, als ob sie weiterhin ihre Wege durch das Haus geht und, wie so oft, schweigt, oder die Wohnungstür zuschlägt, oder ihre schönen Lippen zusammenpresst wenn sie sich konzentriert, oder mit wachen Augen auf die Wiesen vor dem Haus starrt, minutenlang. Vielleicht hat sie mein Leben zerstört, und ich sollte ihr böse sein, dass sie eines Tages so unbedacht vor mein Auto gelaufen war.
Ich drehe jetzt jeden Monat die Geldstücke um, das Haus verrottet langsam, und ich kämpfe ums Überleben. Ihr geringes Erbe ging an irgendeine entfernte Verwandte, die mich natürlich nicht kennt und die sich auch nie fragte, warum ein alter Banker seit Jahrzehnten in diesem Haus bei der Abtei wohnt und schreibt. Manchmal frage ich mich sogar, ob es sie je gegeben hat. Aber dann schaue ich wieder auf die Asche in dem Gefäß und weiß, dass sie da ist, neben mir. Und ich erschaffe dann wieder neue Wege für sie auf dem Papier, als ob ich sie dadurch noch ein wenig länger anschauen könnte.

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Hanne Landbeck

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