Heute war der Tag

Heute war der Tag

Heute war der Tag

Kurzgeschichte von Ruth Golding – entstanden im Speed-Writing

Der König war nackt

Josefa wachte mit flatterndem Herzen auf, die Bilder des Traums noch lebendig. Der König war nackt in die Stadt gekommen. Es wurde zur Jagd geblasen. Die hellen Bilder des Traumes bedrängten sie. Es war noch früh, aber sie war zu unruhig, um wieder einzuschlafen. Sie stand auf, ging in die Küche und setzte Wasser auf. Dann trat sie auf den kleinen Balkon hinaus, der nur in diesen frühen Morgenstunden etwas Sonne hatte. Noch war kaum Verkehr auf der großen Straße vor ihr. Josefa streckte sich dem Licht entgegen.

Das Flattern in der Brust

Das Flattern in der Brust hörte nicht auf. Es war noch so ruhig, dass sie die Vögel hören konnte. Ihr war, als ob ein ängstlicher Vogel in ihrer Brust singen würde. Der Wasserkocher schaltete sich mit einem Klacken aus und sie ging hinein, um ihren Tee aufzugießen. Josefa setzte sich an ihren Küchentisch, betrachtete den Teebeutel, aus dem langsam braune Schlieren in das farblose Wasser drangen. Ihre Füße wurden vom Sonnenlicht gestreift, die Luft war noch kühl. Ein Laster rumpelte auf der Straße und hielt ein paar Meter weiter beim Bäcker. Der hatte schon ab fünf Uhr morgens geöffnet und versorgte die Frühaufsteher. Brötchen zum Frühstück waren eine gute Idee. Vielleicht würden die paar Schritte auch ihre innere Unruhe vertreiben. Sie zog sich eine Jogginghose und eine Strickjacke über, ordnete schnell ihre kurzen Haare, griff nach Portemonnaie und Schlüsselbund.

Er kam ihr viel zu nahe

Die Straße wachte auf, die ersten Menschen waren unterwegs, beim Bäcker hatte sich eine kleine Schlange gebildet. Josefa stellte sich an und überlegte, was sie nehmen wollte. Ein Mann kam mit schweren Schritten in den Laden und stellte sich hinter sie. Er war mittelgroß und bullig, sie ging einen halben Schritt vor. Der Mann rückte nach, sie konnte seinen Atem in ihrem Nacken spüren. Er kam ihr viel zu nahe, er berührte sie fast. Sie war dran. Hastig bestellte Josefa zwei Schrippen. Das war langweilig, aber sie konnte sich auf nichts anderes besinnen. Umständlich fingerte sie das Geld aus ihrer Börse auf dem Tresen, während sie mit der anderen Hand schon die Brötchentüte festhielt.
Sie musste hier raus, weg von diesem Atem im Nacken, weg von dem Bauch, der sie fast berührte. Sie trat auf die Straße, inzwischen rauschte der Verkehr, Menschen standen an der Bushaltestelle. Eilig ging sie in Richtung ihrer Wohnung. Josefa hörte, wie jemand etwas rief und dann ein Bremsgeräusch. Sie drehte sich um. Der bullige Mann lief hinter ihr her. Er folgte ihr zu ihrer Wohnung. Sie musste ihn abschütteln. Sie fing an zu traben, wollte nicht auffallen. Der Mann wurde auch schneller. Sie rannte in den nächsten offenen Hauseingang und dort in den Keller.

Eine Neonröhre

Es war dunkel und sie tastete sich den Gang entlang. Ein weiterer Gang öffnete sich nach links, sie ging ihn bis ans Ende und hockte sich in die Ecke, mühsam ihr Atemgeräusch unterdrückend. Oberhalb der Kellertreppe hörte sie Schritte, der Lichtschalter klackte, eine Neonröhre begann sirrend zu flackern. Jemand kam die Treppe herunter, räusperte sich, drehte um und ging eilig wieder hoch, ein paar Schritte im Treppenhaus, dann wurde es still. Das Licht schaltete sich von selbst wieder aus. Josefa blieb zitternd in der Ecke hocken, sie fühlte sich zu schwach um aufzustehen. Sie verlor jegliches Zeitgefühl. Plötzlich ging die Neonröhre wieder an, energische Schritte mit Absatz kamen den Kellergang hinunter.
Eine gepflegte Mittvierzigerin starrte sie an. „Was machen Sie denn da, machen Sie, dass Sie hier raus kommen. Verfluchtes Junkiepack.“ Schnell griff sie ihre Brötchentüte und machte sich mit unsicheren Schritten auf. Die Frau trieb sie regelrecht vor sich her.

War heute der Tag?

Irgendwie gelangte sie wieder in ihre Wohnung und saß an ihrem Küchentisch. Der Tee war inzwischen schwarz mit bläulichem Schimmer und kalt. Die Brötchentüte lag auf dem Tisch. War heute der Tag? Josefa nahm die PET-Flasche aus dem Kühlschrank und schüttelte sie. Kleine weiße Bröckchen wirbelten auf. Endstation. Nie wieder Angst. Sie trank den kalten, bitteren Tee. Unter ihrer Erschöpfung waberte die Unruhe. Sie brauchte Ruhe, sie würde rausfahren. In einen Jutebeutel packte sie die Plastikflasche, die Brötchen und ein Tetrapack Apfelsaft. Wo war ihr Portemonnaie? Eine Flex von der Baustelle nebenan unterbrach mit nervenzerfetzendem Kreischen ihre Überlegungen.
Egal, der Tank war voll, alles was sie sonst noch brauchte, war in diesem Beutel. Ein paar Stunden noch, dann würde sie dank der fein zermörserten Bröckchen in der Plastikflasche für immer ruhig sein. Allein diese Gewissheit nahm der unsäglichen Anspannung die Schärfe. Beim Hinausgehen betrachtete sie sich nochmal im Spiegel. Jetzt verstand sie die Frau im Keller, sie sah fürchterlich aus.

Wie ein durchgeknallter Teenager

Ihre Jogginghose war fleckig, sie musste den Dreck der Kellerecke mit ihren schweißnassen Händen hineingerieben haben. Das Schlaf-T-Shirt, das von ihrem mageren Körper formlos herunterhing, hatte ein Loch. Ihre Haare standen kreuz und quer vom Kopf ab. Außerdem war sie leichenblass, ihr Hals war fleckig und ihre Lippen ausgetrocknet. Mit ihren weit aufgerissenen, geröteten Augen sah sie wie ein durchgeknallter Teenager aus und nicht wie die Fünfunddreißigjährige, die sie war. Nichts riskieren, nicht auffallen, sonst landete sie wieder auf Station. Und da war es noch nie besser geworden, nur stumpfer. Josefa duschte, zog saubere Kleidung an und schminkte sich etwas. Das Auto stand auf der gegenüberliegenden Straßenseite, der Verkehr war unerträglich laut und die Luft voller Abgase. Fast hätte sie kehrt gemacht, weil sie es nicht aushalten konnte, nicht wusste, wie sie auf die andere Straßenseite gelangen sollte.

Ihre Wohnung war nicht der Ort

Heute war der Tag, aber ihre Wohnung war nicht der Ort. Sie musste heimfahren. Eine rote Ampelphase ließ ihr schließlich genug Luft, die Straße zu überqueren. Sie stieg in ihren alten, stumpfroten Fiesta und warf dabei einen Blick auf die seit Monaten gesammelte Post im Fußraum des Beifahrersitzes. Das hätte sie in einen Altpapiercontainer schmeißen sollen, sauber und vorschriftsmäßig entsorgen. Nun, das musste jetzt die Nachwelt erledigen. Zuverlässig wie immer sprang ihr kleines Auto an. Josefa fuhr über den Stadtring, an dem sie wohnte, auf die Autobahn. Der Tag war heiter, sie wurde immer gelöster, je weiter sie sich von der Stadt entfernte. Sie hatte Rettung in der Stadt gesucht, doch die gab es nicht.
Die Angst kam mit, egal wo sie hin ging, lauerte sie direkt unter ihrer Haut. Die Rettung lag neben ihr auf dem Beifahrersitz in der Jutetasche. Sie tastete danach und spürte die kühle Rundung der Plastikflasche durch den Beutel. Der Wagen schnurrte die Straße hinab, sie summte ein Kinderlied. Nach zwei Stunden fuhr sie von der Autobahn ab, nach einer Weile in östlicher Richtung auf der Bundesstraße bog sie auf eine kleine Landstraße Richtung Süden ab. Nun fuhr sie der Sonne entgegen, sie klappte die Blende hinunter und kramte ihre Sonnenbrille aus dem Handschuhfach. Die grünen Hügel waren vertraut, gleich hinter der Biegung würde der Glockenturm auftauchen.

Vor dem Gekreuzigten

Als der Turm in ihr Sichtfeld kam, war es schlagartig vorbei mit der fast schon heiteren Ruhe der Fahrt. Ihre Beine zitterten so, dass Josefa kaum noch das Gaspedal bedienen konnte. Sie hielt auf den Turm zu und sah hinauf. Der Zwiebelturm mit seinen Glocken zeichnete sich klar vor dem tiefblauen Himmel ab. Er gehörte zu einer Gutsanlage, in der eine Schule und ein Heim untergebracht waren. Unterhalb des Turms war eine kleine Kapelle. Dort hatte sie immer vor dem Gekreuzigten auf dem Boden gelegen und um Hilfe gebeten. Hilfe kam nie, aber Hoffnung darauf. Sie lag schon lange nicht mehr auf Kirchenböden und die Sache mit der Hoffnung war auch vorbei.
Ob der Schlüssel zur Kapelle noch immer in der Nische auf dem Mauervorsprung lag? Josefa ging um die Ecke und tastete danach. Das Schicksal meinte es einmal gut mit ihr, ihr Plan ging auf. Der dicke alte Schlüssel wanderte in ihren Jutebeutel. Sie würde am Abend hineingehen, sich vor ihn legen, wie damals. Dieses Mal würde sie erlöst werden. Dafür sorgte sie selbst.

Viele wollen aussagen

Sie setzte sich auf eine Bank gegenüber und betrachtete die Einfahrt und einen Ausschnitt des Innenhofes. Ihr fielen die Brötchen im Beutel wieder ein, sie holte eines heraus und aß es langsam und genüsslich. „Trocken Brot macht Wangen rot.“ Der Spruch ihres Großvaters fiel ihr wieder ein. Nachdem er gestorben war, war sie hierhergekommen. Eine ältere Dame setzte sich zu ihr.
„Schöne Anlage, nicht wahr? Besonders jetzt, im Mai“, begann sie das Gespräch. Um sie nicht zum Weitereden zu ermuntern, murmelte Josefa etwas Unverständliches. „Man kann gar nicht glauben, was hier alles Schreckliches passiert sein soll! Der alte Heimleiter sitzt jetzt in U-Haft. Alle Ehemaligen sind angeschrieben worden. Viele wollen aussagen. Eine arme Seele hat das Leben nicht mehr ausgehalten, der Abschiedsbrief hat alles ins Rollen gebracht.“
Josefa begann am ganzen Körper zu vibrieren. Die Alte drehte sich zu ihr und blickte sie kurz an. „Mein Gott, Sie sind auch von hier… und ich tratsche wie ein altes Waschweib. Kindchen, Sie zittern ja fürchterlich!“ Ohne weitere Umstände nahm sie Josefas Hand, tätschelte sie begütigend und hielt sie dann einfach weiter fest. Beide starrten sie in den Innenhof, während Josefa die Tränen übers Gesicht liefen. Ab und zu wurde sie von heftigen Schluchzern geschüttelt. Das Weinen verebbte langsam. Schließlich reichte die Frau ihr ein Taschentuch. „Geht es wieder?“ Josefa nickte. „Ich hoffe, sie sagen auch aus!“ Josefa guckte erstaunt auf. Die ältere Dame war aufgestanden und schickte sich an zu gehen. „Ich danke Ihnen!“, brachte Josefa recht klar hervor. „Schon gut, Kindchen, keine Dummheiten machen!“ Mit aufrechtem Rücken aber einem leichten Humpeln ging die alte Frau Richtung Dorfstraße.

Das Scharnier knarrte

Josefa ging zur Kapelle und schloss die Tür auf. Das Scharnier knarrte ordentlich und die Tür war schwergängig. Kühle umfing sie im Innenraum. Sie setzte sich auf das vorderste Bänkchen und betrachtete die altvertraute Jesusfigur am Kreuz. Die Glocken fingen an zu läuten, der Klang löste eine Flut von Erinnerungen aus. Es war unerträglich, alles stand genau vor ihren Augen, als würde es gerade jetzt geschehen. Sie hörte ihn schnaufen, roch seinen sauren Atem. Es hörte nicht auf zu läuten. Sie krallte sich im Gestühl fest. Das Holz war glatt und kühl unter ihren Handflächen. Die Glocken wurden still, es war vorbei. Sie holte die rettende Flasche hervor, stand auf und stellte sich vor den Altar.
Sie schüttelte die Flasche kräftig und schraubte den Deckel auf. Mit einem tiefen Blick in die leidenden Augen Jesu hob sie den Arm und schüttete ihm den Inhalt über das Haupt.
Kleine Brocken verfingen sich in seinen hölzernen Haaren und Wundmalen. Die Flasche war schnell leer, sie stellte sie einfach vor den Altar und ging, jeden Schritt bewusst setzend, aus der Kapelle. Nachdem sie abgeschlossen und den Schlüssel an Ort und Stelle zurückgelegt hatte, hockte sie sich in ihr Auto und durchwühlte die ungeöffnete Post. Sie fand recht schnell einen der Briefe an die Ehemaligen. Sie würde ihn zu Hause öffnen.
Den Rückweg fuhr Josefa nur über Landstraßen, das Fenster weit geöffnet, sie spürte den Wind im Gesicht. In der Stadt ruckelte sie gemächlich durch den Feierabendverkehr. Durch das weiterhin offene Autofenster sog sie alle Geräusche in sich auf. Josefa bekam einen Parkplatz direkt vorm Bäcker. Die Inhaberin kam ihr entgegen. „Junge Frau, sie haben heute Morgen ihr Portemonnaie bei uns liegen lassen. Ein Kunde hat noch versucht sie zu erwischen, aber sie waren plötzlich verschwunden.“ Josefa nahm ihr Portemonnaie entgegen, dankte vielmals und holte sich noch ein Schwarzbrot bei der Bäckersfrau. Sie würde sich in Erinnerung an ihren norddeutschen Großvater eine Stulle machen. Halbe Schrippe, ordentlich Butter und Leberwurst und obendrauf Schwarzbrot, das hatte er oft als Abendbrot zum Fernsehen serviert. Sie stieg die zwei Etagentreppen hoch und öffnete die Tür zu ihrer Wohnung.

Die Balkontür stand noch offen, der nackte König war erlegt.

 

Hanne Landbeck

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