Der Frauenarzt beim Abendessen – von Katharina Herrmann

Der Frauenarzt beim Abendessen – von Katharina Herrmann

Der Frauenarzt beim Abendessen – von Katharina Herrmann

Dieser Text ist im Online-Kurs Literarisches Schreiben entstanden. Die Aufgabe lautete, einen Helden mit professioneller Deformation zu inszenieren.

Katharina Herrmann lebt in Berlin-Tempelhof, ist im Bereich Kulturvermittlung/Museum tätig und hält gern in Wort und Bild Alltägliches und Absurdes fest.

Frauenarzt beim Abendessen

Hoffentlich hat die olle Seefeldt die restliche Bestellung im Blick? Poloshirts sind einfach zeitgemäßer, und die backsteinroten machen erst recht was her. Die jungen Damen achten ja auf sowas. Gut, dass ich die Praxis doch nicht verkauft habe. Die Gegend wird immer jünger und fruchtbarer. Aber heute werden wir Mittel- bis Spätmittelalten, in der ausklingenden fertilen Lebensphase, unter uns sein. Bis zum zweiten Gläschen Wein werden wir wieder versuchen uns vorzugaukeln, dass unser Leben im Fluss ist. Nie besser war. Dass wir im besten Alter durch´s Leben gehen, keinesfalls jünger sein wollen.

Apropos: Martin kommt mit einer deutlich verjüngten Version seiner Frau. Ich muss die Brille aufsetzen. Nein, ich diagnostiziere ein neues Modell; eindeutig im besten reproduzierbaren Alter mit einem gebärfreudigen Becken. Glatte Haut und auch die wohlgeformten Brüste verheißen ein ausgewogenes Hormonprofil. Martin, Du Glücklicher. Oh ja, schön Dich kennen zu lernen, Du kleine Venus!

Ja, natürlich, Ihr Lieben, setzt Euch gern neben mich. Obwohl die offenbar überteuerten Designerstühle so aussehen als wären sie für eine dauerhafte Inbesitznahme ungeeignet. Offensichtlich ist das der Grund für die Einladung. Katrin und Thomas wollen uns ihre neuen Stühle vorführen. Das Vorführen ersetzt nach vielen Ehejahren meistens das Verführen. Sind sie überhaupt schon zur Benutzung freigegeben? Martin scheint meinen Gedanken zu teilen. Er schaut mich zweifelnd an und bemüht sich schließlich, seine junge Begleitung auf der mit veloursartigem Stoff bezogenen Sitzgelegenheit dekorativ zu platzieren.

Sylvie, zu meiner Rechten, rückt ein Stückchen näher an mich heran und entfernt einen imaginären Fussel von meinem niegelnagelneuen Poloshirt. Ihr Parfüm ist heute noch aufdringlicher als sonst. Gegen ihren immer penetranter werdenden Schweiß- und Mundgeruch kann auch Chanel No. 5 nichts ausrichten. Wann begreift sie das endlich. Ihr Hand liegt jetzt auf meinem Knie und wandert zielsicher aufwärts. Proportional zur zunehmenden Ausprägung der Symptome ihrer bevorstehenden Menopause steigt offenbar ihre Paarungsbereitschaft. Hochinteressant.

Mir gegenüber sitzt ein vermutlich zyklusbedingter Fall von überbordender Hautunreinheit. Meine alte Freundin Sarah. Die Pickel bilden ein symmetrisches Muster auf ihrem eigentlich hübschen Gesicht. Erstaunlich.

Ich proste ihr zu. Sie hebt ihr Glas und nickt mir zögerlich zu, macht heute einen gedämpften und müden Eindruck. Umso intensiver und lebendiger kommunizieren ihre prallen Brüste mit mir. So habe ich Sarah nicht in Erinnerung. Sie ist doch nicht etwa …?!  Dann hat das späte Mädchen also doch noch jemanden gefunden, der ihr sein Material zur Verfügung stellt. Ihr Reservoir an Eizellen ist inzwischen sicherlich überschaubar geworden. Ich erinnere mich daran, dass ihre Oocyten ebenso perfekt geformt waren wie ihre Lippen. Ihr göttlicher Mund. Wie könnte ich den jemals vergessen.

Sylvie sagt etwas, das ich nicht verstehe und nicht verstehen will. Ich denke an Sarah, wie ich mit ihren perfekt proportionierten Körper zunächst in der Sprechstunde Bekanntschaft machen durfte. Nur wenige Tage später war sie wieder da. Ich gab vor, dass ich die Untersuchung per Ultraschall wegen eines technischen Defektes erneut durchführen müsse. Im Lauf des Abends stellte sich heraus, dass auch Sarah diesem Wiederholungstermin mit Vorfreude entgegen sah.

Unsere Affäre haben wir nie richtig beendet. Sie ist trotzdem meine Patientin geblieben. Versuche mir vorzustellen wie es wäre wenn … . Aber ich sehe nur ihren zystischen Unterleib vor mir.

Landbeck