Das Corona-Tagebuch V

Das Corona-Tagebuch V

Das Corona-Tagebuch lebt! Inzwischen schreiben noch vier AutorInnen täglich ihre Beobachtungen zum Tage, zum Virus, zu den Veränderungen – oder auch nur zu ihren Gefühlen. Interessant ist die Hinwendung zu literarischen Genres, hier besonders am Eintrag von Ulrich Fritz am 21. April 2020 (letzter Eintrag) erkennbar. Das Foto gehört zum Beitrag von Stefan Gross vom 20. April 2020. Die Urheberrechte liegen selbstverständlich bei den AutorInnen. Die Beiträge vom Corona-Tagebuch V sind chronologisch geordnet.

 

18. April 2020

Beate van den Berg – Herdenimmunität

Wir nähern uns dem Ende von Woche 4 der Kontaktsperre und Berlin hat mit dem heutigen Tag die Herdenimmunität ausgerufen. Mit anderen Worten: Berlin hat die Schnauze voll von Kontakt- und sonstigen Beschränkungen und kehrt zu alter, fast nostalgisch anmutender Renitenz zurück.
Ich war heute viel unterwegs, mit dem Griechen und um Besorgungen zu machen, und dachte, ich wäre im falschen Film oder wieder mal in einem meiner nächtlichen Träume stecken geblieben. Es war so viel Treiben: hupende, nervöse Autofahrer; rasende Fahrrad-GRUPPEN(!!), Wiesen voller Menschen, ebenfalls in Gruppen. Es war… wie immer.
Wo ist sie nur hin, diese „Große Ferien-Atmosphäre“, die dicke Wolldecke, die sich in den letzten Wochen über die Stadt gelegt hatte, und unter der sich alle verkrochen zu haben schienen.
Auch die Berliner Motzigkeit, die mir noch gut aus der Vor-Wendezeit in Erinnerung ist, gelangt zu neuer Blüte, wie man an der ein oder anderen Straßenecke vernehmen kann, obwohl es ja nur noch wenige Urgesteine hier gibt.
Diese schnodderige Berliner Art fand ich in den 80er Jahren, wenn ich aus Hamburg zu Besuch kam, immer irgendwie befremdlich. Ich mochte das nicht, dass ich beim Bäcker, wenn ich 5 Brötchen bestellte, angebellt wurde: „Brööötchen?? Wat soll´n dit sein. Hier jibt et nur Schrippen.“ Später habe ich gemutmaßt, dass diese immerwährende unterschwellige Aggressivität mit dem Status der Eingeschlossenheit der West-Berliner zu tun haben müsste und weniger mit Lokalpatriotismus. Also eine Art Lagerkoller im Kalten Krieg.
Das denke ich auch heute noch, denn als ich vor 20 Jahren hier meine Zelte aufschlug, fühlte sich alles deutlich entspannter an und – obwohl ich kein Fußballfan bin – erinnere ich mich z.B. sehr gern an die WM 2006, als in der Stadt so viel Freude und herzliches Miteinander herrschten. Insofern kann ich mir gut vorstellen, dass die Corona-Auflagen bei Vielen in unangenehmer Weise an die schlechten alten Zeiten gerührt haben, selbst wenn sie sie nur aus Erzählungen kennen. Und somit kurzerhand beschlossen wurde: Ab heute sind die Grenzen wieder offen.

 

19. April 2020

Ursula Cole – Die Stille im Dorf

(…)

Die Stille heute draussen empfand ich als nahezu mystisch: ich konnte die Bienen summen hören, ja es war gar das ‘lauteste’ Geräusch, nebst des leisen Blätterrauschens, welches die leichte Brise verursachte. Es gab ausserdem ein paar Vögel, die ein Lied zum Besten gaben, dezent, ganz leise im Hintergrund, so als wollten auch sie die Stille nicht stören.

Am Morgen haderte ich noch etwas mit der Einsamkeit (dabei habe ich hier bereits ein sehr gutes sozial Netz, sowohl im Dorf als ausserhalb), aber dann spürte ich plötzlich das Wunderbare dieser Stille: kein Autolärm, nicht einmal ein Pickup eines Bauers, kein Motorrad, nichts, nur die erwähnten Geräusche der Natur. Ich hielt plötzlich inne und spürte, wie unglaublich schön hier mein Leben ist, wie stark die Natur hier noch auf die Menschen wirkt. Es kommt oft auch auf den langen Spaziergängen mit meiner Hündin vor, dass ich überraschend innehalte und mir dieser wunderbaren Welt bewusstwerde. Man kann die Stille ‘hören’, man kann innehalten und lauschen, wie sich ‘Stille anhört’. Am allerschönsten ist es am Abend bevor es dunkel wird, dann nämlich wenn Tag und Nacht sich berühren, sich sozusagen die Hände reichen. Diese Stunde abends liebe ich ganz besonders. Die Bauern haben ihre Arbeit getan, die Pickups verstummen, die Schafe und Ziegen sowie Hühner und anderes Federvieh sind gefüttert und dies ist der Moment der absoluten Stille – dieser Wechsel lauten Lebens zur mystischen Stille dauert manchmal nur Sekunden, manchmal Minuten oder auch länger. Es ist die Zeit der echten Erfüllung, wo keine Wünsche, keine Sehnsucht, keine Schmerzen, wo einfach nichts mehr wichtig ist – alles ist so wie es sein soll. Dieser Zustand selber dauert nur kurz (vielleicht leider?), ist aber etwas vom Kostbarsten, was ich in meinem ‘bewegten, suchenden Leben’ je erfahren habe. Ein innerer Friede – so möchte man schlussendlich von dieser Erde gehen! Klar – noch nicht sofort, so aber würde ich mir das wünschen.

Solche oder ähnliche Wahrnehmungen und Gefühle hatte ich in der ‘überbevölkerten’, arbeitswütigen Schweiz nie erfahren. Nicht in diesem Ausmass – vielleicht in seltenen Momenten ein bisschen ‘verhüllt’. Natürlich, ich hatte immer viel gearbeitet, war immer auf Trab… – der Druck, mir und anderen zu beweisen, dass ich den stressigen Anforderungen des hektischen Lebens bestens gewachsen sei und allem und allen gegenüber gerecht werden könne, war gross. Der Wechsel angespannten Tätigseins zum Zustand des ‘absoluten Nichts-Tuns’, d.h. plötzlich (jedoch gewollt) Rentnerin zu werden, war eine einschneidende, im ersten Jahr sehr anstrengende Erfahrung für mich. Zudem zog ich nach Kreta und befand mich plötzlich in einer völlig anderen Kultur mit einer Sprache, die ich alles andere als gut beherrschte. Zwar hätte ich meinen Job an der Uni auch übers Pensionsalter hinaus behalten können, solange ich dies gewollt hätte. Aber das kam nicht in Frage. Der erwähnte Unfall kurz vor meiner Pensionierung war schlussendlich doch so etwas wie ein ‘Segen’, weil ich eine Zeit lang nicht arbeiten durfte und zuhause war und viel Zeit zum Nachdenken hatte. Während dieser Zeitspanne entstand der starke Wunsch, mich etwas anderem als der Leistung zuzuwenden. Ich bereue es in keiner Weise – es war ein ausgezeichneter Entscheid!

Ich habe wieder einmal an der Kreuzung die Richtung gewechselt: ich wollte heute etwas über COVID19 schreiben, weil es mich doch auch beschäftigt. Jetzt ist mein Text aber derart lange geworden und mein Magen ruft nach dem Abendessen! So verschiebe ich ‘Corona’ auf einen anderen Tag.

 

 

20. April 2020

Stefan Gross – Demokratie erneuern

Heute bin ich mit Laptop am Rhein. Die Idee kam mir heute, als ich mit dem Fahrrad nach Hause fuhr. Heute ist es extrem klar und sonnig und sehr windig. Auf dem schnell fließenden Strom bürstet der Wind die glatte Oberfläche gegen den Strich und erzeugt ein raues, dunkles Muster.

Ich dachte heute an Hannes schönen Bericht übers Osterfest auch Kreta. Ich muss auf ein paar Annehmlichkeiten verzichten, aber nicht auf religiöse Rituale und das kollektive Erlebnis von Gemeinschaft. Auch Ursulas Hinweis, dass es gerade nicht erlaubt ist schwimmen zu gehen mit dem Meer vor Augen, ging mir immer wieder durch den Kopf. Ich verzichte aufs Schwimmbad, aber aufs lockende Meer verzichten muss viel schwerer sein.

Weil es so windig ist, bin ich umgezogen und sitze im Windschatten des Rheinpegelgebäudes. Es steht erhöht auf einem künstlichen Hügel mit einer Böschung, die gut zum Schlittenfahren geeignet wäre. Hier sitzen noch ein paar andere. Neben mir ein Paar mit einem Jungen, vielleicht 14, Ausländer, Südländer, vielleicht Flüchtlinge. Er spielt Kriegsspiele auf seinem Handy oder was es ist. Maschinengewehre knattern. Seine Mutter trinkt Bier aus einer Dose, ich aus einer Flasche. Ich beschließe hier sitzen zu bleiben und zu schreiben, was ich mir vorgenommen habe.  Über die Eisenbahnbrücke, auf die ich schaue, fährt ein ICE ein und kommt zum Halten. Er muss warten, bis der Bahnhof frei ist. Ich kenne das. Mir steht langsam der Sinn nach Reisen. Ich muss mal woanders hin, weg von Köln. Seit zwei Monaten sind wir nicht mehr verreist. Erst aus Trägheit nicht und weil das Wetter mies war. Jetzt wegen Corona nicht.

Ich habe auch über Ulrichs Lagebericht und die Kommentare dazu öfter nachdenken müssen, heute, im Büro. Verlieren wir gerade elementare Bürgerrechte oder bleibt alles einfach nur anders, wie Herbert Grönemeyer das mal formuliert hat.

Neben mir ist Ruhe eingekehrt. Die Flüchtlingsfamilie isst Teigtaschen mit Spinat. Essen bringt Frieden, soviel ist sicher.

Müssen Menschen, die frei und in Frieden leben wollen, objektiv denken können? Die Frage hat mich wegen unserer kleinen Debatte auch beschäftigt. Ich denke schon. Anders kommt man ja nicht raus aus seiner Subjektivität, der Blase. Um überhaupt etwas objektivieren, versachlichen zu können, muss man da wohl raus und einen überpersönlichen Standpunkt einnehmen. Allein der Gedanke, das  unternehmen zu wollen, setzt einiges voraus an Denkvermögen, Kreativität und Wagemut.

Neben mir haben sie zu Ende gegessen. Der Junge spielt gleich wieder an seinem Dingsda, dass seine  Zuflucht zu sein scheint. Er hört jetzt stumpfsinnige Bum-Bum-Bum Elektromucke. Ich frage mich, ob er noch in der Lage ist ein paar Takte mit den Händen auf seinen Schenkeln mit zu trommeln. Trommeln entwickelt das Gehirn, vernetzt Synapsen. Denken natürlich auch, eigentlich jede Aktivität, während uns Passivität zu nutzlosen Idioten macht. Vielleicht ist der Junge ganz nett. Ich schaue manchmal unverbindlich rüber. Er hat schöne Augen, ein schönes Gesicht, schon ziemlich männlich und ausgeprägt, ein markantes Gesicht, eine pfiffige Frisur, vorne Pony, oben länger, Schläfen und Nacken mit der Maschine akkurat und frisch getrimmt. Er hat sich etwas abseits von seinen Eltern gesetzt und kratzt mit einem Stock was in die Erde. Schön sieht das aus. Seine Eltern sitzen sich auf eine Decke gegenüber. In ihrem Gesicht spielt die Sonne. Sie trägt eine strahlend weiße Adidas Jacke mit den drei schwarzen Streifen und eine schwarze Baseballmütze mit weiß aufgesticktem Logo und auch eine schwarze Sporthose von Adidas, mit  mit weißen Streifen. Ihre Kleidung ist eine Liebeserklärung an den Mythos Deutschland. Hätte ich sie nicht beschrieben, wäre es mir nicht aufgefallen, wie froh und stolz sie ist hier zu sein. Der Junge sagt unmissverständlich und jungenhaft, Mami zu ihr.

„Die allgemeine Bevölkerung weiß nicht was passiert und sie weiß nicht einmal, dass sie es nicht weiß.“ Das hat Noam Chomsky Jeder sieht eben das, was er kann.

 

 

20. April 2020

Ulrich Fritz – Theorien

Sollte es dieser Quasar sein, den wir hier noch gar nicht sehen können, dessen starke kosmische Strahlung aber derzeit unsere Welt – nun was eigentlich ? Verstrahlt ? Verzaubert ? Verhext ? Irgendetwas mit „Ver“. Etwas, was die Welt jedenfalls verändert, sie in einen anderen Aggregatzustand versetzt. Nicht direkt die Welt, sondern deren Bewohner. Vorzugsweise die Menschen natürlich, aber wer weiß. Es sterben derzeit verdächtig viele Blaumeisen. Nachtigall… Die trapsen aber natürlich nicht mehr, die Meisen, aber Du verstehst, was ich sagen will, nicht wahr? Könnte nicht dieser Quasar mit seiner intensiven – sehr intensiven – kosmischen Strahlung zu einer Mutation dieses Virus in Wuhan… ? Ich habe da so meine Vermutungen, ganz unter uns, aber wer die Zeichen zu deuten weiss… Stand ja auch schon in diesen Prophezeiungen, die der Vatikan seit Jahrhunderten unter Verschluss hält. Hat keiner lesen dürfen, aber es gibt so ein Paar Rosenkreuzer, die geben die Information mündlich weiter. Ein jeder an seinen Nachfolger, ganz geheim, er spricht es ihm ins Ohr an einem verschwiegenen Ort. Immer in der Nähe eines fliessenden Gewässers, damit das Rauschen der Natur ein Mithören unmöglich macht. Jedenfalls, da ist schon von diesen spannenden Zeiten die Rede, die auf die Menschheit zukommen werden, ausgelöst durch einen Himmelskörper. Und: was ist ein Quasar ? Siehste ! Lass uns mal runter an die Nieste laufen, dann erzähl ich Dir mehr. Natürlich, Du kannst auch erst Deine Einkäufe nach Hause bringen, wir treffen uns dann später. Bis dann ! Und setz Deine Maske auf !

 

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