Das Corona-Tagebuch IV

Das Corona-Tagebuch IV

Schaf

In loser Folge veröffentlichen wir Texte aus dem Corona-Tagebuch, bei dem die AutorInnen die aktuelle Zeit der Kontaktsperre schriftstellerisch bearbeiten. Das Copy-Right liegt bei den AutorInnen

Das Corona-Tagebuch IV

 

6. April 2020

Beate van den Berg – Bad Hair Day

Wir schreiben Woche 3, Tag 1 der Kontaktsperre, und ich wache schon mit schlechter Laune auf. Nicht nur ein bisschen schlechte Laune, sondern so richtig schlechte. Bereits gestern war mir gar nicht nach Tagebuch-Schreiben, aber ich hatte gedacht, nach einem Ruhetag würde es wieder runder laufen.
Aber als ich heute morgen in den Spiegel schaue, denke ich, mich tritt ein Pferd. Meine Haare hängen in blond-graumelierten Strähnen derart lustlos in der Gegend herum, dass ich kurz den Impuls verspüre, selbst mal kurz mit der Schere Hand anzulegen. Dann denke ich, vermutlich um einem Akt der Selbstverstümmelung vorzubeugen, dass heute ja Montag ist und mein Friseur auch ohne Corona heute geschlossen hätte. Und dann, dass die Mutter meines Schreibgefährten Stefan es ziemlich gut hat, eine Fachkraft in ihrem Bekanntenkreis zu haben. Bin weiterhin sehr angespannt. Untersuche den Griechen auf Flöhe, da ich seit Tagen einigen Pusteln auf der Haut habe.

Meine Nachbarin von unten hat mir am Wochenende mitgeteilt, dass sie ja kein Corona hätte, aber dafür Gürtelrose – im Zweifelsfall auch recht ansteckend.  Also Gürtelrose ist das bei mir definitiv nicht – ich tippe eher auf Übersäuerung wegen der ganzen Schokolade mit viel Sojaglycerin (Soja-Allergie!!!), die ich seit Tagen in mich reinstopfe. (Interessanterweise habe ich aber nicht zugenommen???…. Der Coronastress scheint die Tausende an Extra-Kalorien einfach so weg zu saugen).
Auf jeden Fall statten wir heute dem Tierarzt einen Besuch ab, er soll nach eventuellen Flöhen schauen. Ich glaube, mein Unterbewusstsein hat diesen Termin  gemacht, einfach um sich mal kurz Normalität vorzugaukeln, denn Friseur geht ja momentan nicht (man stelle sich jetzt bereits die Warteliste vor, wenn sie wieder öffnen dürfen). Beim Veterinär ist alles fast wie immer, außer, dass er wahrscheinlich denkt „Die hat sie doch nicht mehr alle…“ und die Patienten in größer getakteten Abständen kommen. Es geht recht flott und der Hund bekommt ein Medikament, das dem Floh, wenn es ihn denn gibt, den Garaus machen wird. Wenn es mit Corona doch auch so einfach wäre.

Ansonsten wäre noch anzumerken, dass heute gefühlt ganz Berlin auf den Beinen war. Es war voll wie immer, anscheinend setzen sich der Frühling durch und die Menschen über manche Regel hinweg. Und ich bin versöhnt mit dem Tag.

 

 

Ursula Cole – COVID-19 Stresstelefon

Heute am 6. April hätte ich von einer lieben Freundin Besuch aus der Schweiz erhalten. Ich hätte sie in Iraklion am Flughafen abgeholt und wir hätten schöne Tage zusammen erlebt…

…hätten eben. Das Corona Virus verhinderte dies. Sicher, es geht vielen so in diesen Tagen. Zum Glück haben wir Telefon, Internet und können auch Skype-Anrufe tätigen, damit wir unsere Lieben weit weg wenigstens via Bildschirm sehen und sprechen können.

Schlimmer empfinde ich die enorme Einschränkung der persönlichen Kontakte in meiner nächsten Umgebung. Die Kontakte – es sind jetzt sehr wenige – finden sozusagen ‘heimlich’ statt. Man kann erahnen, was passieren könnte, wenn jemand im Dorf von diesem Virus befallen würde und allgemein bekannt wäre, dass sich diese Person mit anderen Leuten getroffen hatte. Die Bedrohung durch das Virus rückt in solchen Momenten wieder näher an mich heran, besonders wenn sich ein Mensch – wie heute jemand im Dorf – aus betont entfernter Distanz mit mir unterhalten will, untermauernd wie gefährlich das Leben geworden sei. Zwei Meter Distanz scheinen manchen nicht zu genügen. Aber ich bin doch nicht krank!

Vor kurzem traf ich am Strand eine Bekannte mit ihrem Hund. Sie war mindestens 20 Meter von mir entfernt und doch rief sie mir hektisch winkend aus dieser Distanz zu, ich solle auf keinen Fall näherkommen. Sie machte einen grossen Bogen um mich herum. In solchen Momenten werde ich unsicher und überlege mir, wer hier verrückt ist. Ich konnte mich nicht beherrschen und lachte lauthals. Die Bekannte fand nichts Komisches daran sondern zog mit ernstem Gesicht von dannen. Ich habe sie seither nicht mehr am Strand gesehen.

Heute am frühen Abend habe ich via Internet Schweizer Radio gehört. Wie allerorts ist auch auf diesem Sender COVID19 Thema Nummer eins.

Schon will ich den Sender etwas ermüdet zum Schweigen bringen, doch etwas lässt mich aufhorchen: man spricht für einmal nicht über die Kranken, die Toten und die neuen Fälle in den Kantonen und in anderen Ländern, sondern es ist eine Reportage über die Situation des Pflegepersonals und der Ärzte in den Spitälern in der Schweiz. Der Bericht schilderte eindrucksvoll die vielschichtigen Belastungen, denen das Personal ausgesetzt ist. Besonders akut ist die Situation im Züricher Universitätsspital, wo die Schichten drastisch verlängert werden mussten, weil schlicht zu wenig Personal vorhanden ist. Diese Menschen, die zurzeit in ihrem Beruf vermehrt Gefahren ausgesetzt sind, kommen an die Grenze ihrer Kräfte. Viele unter ihnen haben mit Sicherheit auch Kinder zuhause, die sie überdies betreuen, wenn sie erschöpft von ihrer Schicht nach Hause zurückkehren.

Das Universitätsspital hat aus dieser Situation heraus eine Ansprechstelle mit Fachleuten, das sog. ‘COVID19-Stresstelefon’ eingerichtet, wohin sich Angestellte wenden können, wenn Herausforderung, Stress und Erschöpfung nicht mehr bewältigbar sind. Es mag eine gute Sache sein, oder wenigstens ein Versuch wert. Die Frage stellt sich jedoch, ob tatsächlich Lösungen gefunden werden oder ob diese unter extremem Stress stehenden Menschen ‘einfach durchhalten’ müssen, weil sie keine andere Wahl haben?

Ein leitender Arzt des Spitals, welchen man um ein kurzes Interview bat, schlussfolgerte betr. Einrichtung eines ‘COVID19-Telefons’: man kann den Stress, welchem das Spitalpersonal täglich ausgesetzt ist, nicht durch einen Telefonanruf ‘wegreden’. Unklar war für mich, ob die Einrichtung des ‘Nottelefons’ eine Aktion der Spitalverwaltung ist.

Es hat mich sehr nachdenklich gemacht. Diese Menschen verdienen grösste Wertschätzung!

 

 

7. April 2020

Stefan Gross – Einheitsdenke

Als ich heute von der Arbeit nach Hause kam, habe ich die Wohnungstür versehentlich offen stehen und die Schlüssel draußen stecken lassen. Die Tür fällt dann Tai-Chi mäßig langsam nach innen auf. Das war mir wohl passiert, weil  ich heute ausnahmsweise mit zwei Taschen unterwegs und damit so beschäftigt war, dass ich drüber die Tür und den Schlüssel vergaß.  Ich bin in die Küche gegangen, habe  Kartoffeln aufgesetzt, Fischstäbchen aus dem Gefrierfach genommen und die Spülmaschine ausgeräumt. Geputzten Salat gibt es noch von gestern. Ich will meine Frau mit dem Essen überraschen. Sie kommt etwas später heute, schrieb sie vorhin.

Während ich in der Küche zu Gange bin, höre ich plötzlich jemanden meinen Namen rufen. „Stefan?“ Die Stimme ist jung. Es ist die meines jungen neuen Nachbarn von nebenan, ich glaube er heißt Florian, er ist erst von einer Woche eingezogen. Ich trete zur Tür und er fragt „Alles in Ordnung bei dir? Die Tür ist auf. Der Schlüssel steckt.“ Früher, als ich so jung war wie er, hätte es mich überhaupt nicht interessiert, ob die Tür offen steht oder halboffen. Ich liebe offene Türen und fließende Räume; damals noch mehr als heute.

Aber jetzt erkläre ich mich,  erläutere ihm was ich denke, warum und wieso; ich rechtfertige mich,  aber er wiegelt ab. „Kein Ding, alles bestens. Ich lasse die Tür ja auch immer mal auf.“ Ich muss lächeln über seine frische Art, mache unwillkürlich einen Schritt auf ihn zu und er weicht besorgt zurück. Nicht aus Angst, sondern weil es die neue Etikette so will. Alle Ratgeber übers Miteinander, höflichen Umgang, den richtigen Abstand von ‚misstrauisch‘ bis ‚vertraut‘, müssen neu geschrieben werden.

Meine Arbeit in der Bauabteilung der Uniklinik fühlt  sich meistens ziemlich beklemmend an inzwischen. Auf dem Campus ist für alle Mitarbeiter Mundschutz Pflicht. Und obwohl nur sehr wenige von uns in den eigentlichen Krankenhäusern verkehren,  müssen wir auch im Büro alle Masken tragen. Das gilt während der gesamten Arbeitszeit,  sobald wir uns von unseren Computerarbeitsplätzen erheben, zum Kopierer gehen, zum Kaffeeautomaten, zur Toilette oder auch nur an den Nachbartisch zu einer Kollegin, um auf Abstand miteinander zu sprechen. Wer, wie ich, zum Nuscheln neigt, hat es mit der Maske besonders schwer. Der Abstand gilt ja dennoch. Wie ich mich mit dem Ding vorm Mund abmühe, klar und deutlich zu sprechen, hat das was von Vorsprechen, oder wie Joggen mit Gewichten. Wie leicht es sich doch anfühlt, wenn man die lästigen Dinger wieder los ist. ‚Verkauft‘ wird uns der Mundschutz als Vorsorge, um andere nicht unwissentlich zu infizieren. Davon geht man also aus: dass wir als potenzielle Infizierte zur Arbeit gehen. Über die Theorie der Durchseuchung von ca. 70 Prozent der Bevölkerung (re Belegschaft) wird gar nicht mehr gesprochen. (Nicht vergessen: das war die These von Prof. Drosten.) Nur noch über Isolation, Nichtansteckung, die Risiken der Schwersterkrankung. Und jetzt auch noch Boris Johnson, wie zum Beweis, dass an der Sache wirklich was dran ist. Wir werden sehen, was aus ihm wird. Und natürlich wünsche ich ihm alles Gute und baldige Genesung. Was ist eigentlich aus den anderen infizierten Promis geworden? War da nicht mal was mit Friedrich Merz und Oliver Pocher und einem bekannten Fernsehkoch und ein paar unbekannte Fußballprofis? Hatten die nicht alle Corona?

Aber so ist die neue Einheitsdenke. Wir tun so, als wäre nichts, als sei das alles normal, und als glaubten wir wirklich, dass der Spuk in ein paar Tagen, nach Ostern oder spätestens Anfang Mai vorbei sein wird und wen interessieren dann noch ein paar vielleicht von überzogenen oder gar falschen Maßnahmen vergraulte Tage im April? Bis dahin, reden wir uns ein,  wollen wir das Phantom nicht stören, ihm nicht mehr Energie und Aufmerksamkeit schenken, als nötig. Wir verhalten uns wie Kinder  vor bedrohlich wirkenden Erwachsenen und gaukeln uns gegenseitig Normalität vor. Wir versuchen, das ständig präsente Unbehagen über die Fragwürdigkeit im Umgang mit diesem Phänomen zu ignorieren. Aber es gelingt nicht. Die neue Etikette ist eine des Leugnens. Wir leugnen unsere Ängste, unser Misstrauen, unser schwelende Wut, unsere Intuition, unser wahren Gefühle.

Soviel zur hässlichen Seite der Erscheinung. Die Schöne: Die Menschen gehen auch heute im Park spazieren, die wenigsten tragen Mundschutz. Beim Einkaufen laufen sie unbekümmert umeinander und geben, mir scheint fast vorsätzlich, die verordneten Abstände preis, auch, wenn sie an der Ampel warten oder in die Bahn einsteigen.  So nehmen sie sich das Recht heraus zu zeigen, wie sie mit der vermeintlichen Gefahr umgehen, sobald die Preisgabe der neuen, verordnete  Etikette keine allzu große Gefahr mehr darstellt und natürlich zeigen sie auch, für wie groß sie die Gefahr in Wirklichkeit halten.

Morgen zum Glück wieder Homeoffice… Gerade klatschen sie draußen. Ich finde es zu gruseln.

 

 

 

Rita Lindner – Wilhelmshaven

Vor einigen Tagen sah ich ein Interview mit einem Marinesprecher aus Wilhelmshaven im Fernsehen. Er erklärte, dass die Marine der Stadt in der Corona-Krise helfen würde. Nicht im Rahmen eines offiziellen Bundeswehrauftrages, sondern – und das sagte er mit einem leisen Lächeln – so wie ein Ehepaar in guten wie in schlechten Zeiten zusammenstehen würde. Die Stadt und die Marine.

Das Interview löste eine Flut von Erinnerungen an Wilhelmshaven in mir aus. Meine beiden Großelternfamilien waren als Flüchtlinge aus dem Osten nach dem Zweiten Weltkrieg in ehemaligen Marinekasernen in Wilhelmshaven untergekommen. Mein Großvater mütterlicherseits betrieb auf dem Kasernengelände zusätzlich zu seiner Arbeit als Obermeister in einer Webfabrik eine kleine Lohnweberei, in der meine Mutter als Weberin beschäftigt war. Meine Eltern lernten sich auf einer der zahlreichen Partys kennen, die die jungen Leute in den weitläufigen Gebäuden veranstalteten. Mein Vater war erst kurz zuvor aus russischer Gefangenschaft  in Rumänien entlassen worden. Sie heirateten 1951 und zogen nach Süddeutschland, wo ich 1953 geboren wurde.

Wir besuchten die Großeltern aber immer wieder. Sie besaßen in den Kasernen keine abgeschlossene Wohnung, sondern einzelne, durch breite, unendlich lange Gänge getrennte Zimmer. Für mich bedeuteten die düsteren Gebäude aus dunkelrotem Backstein eine riesige Spielwiese. Ich sehe ein Bild vor mir, wie ich als kleines Kind einen dieser Gänge entlang flitze, verfolgt von einer jammernden Oma, die mich einzufangen versucht. Meine Uroma steht in der Tür ihres Zimmers, in dem es so schrecklich nach Mottenpulver roch, und schaut mit missbilligendem Blick zu.

Später, als nur noch meine Oma in Wilhelmshaven zurückgeblieben war – die anderen Familienmitglieder weggezogen oder gestorben -, verbrachte ich mehrere Sommerferien bei ihr, zwischen meinem zehnten und fünfzehnten Lebensjahr. Sie lebte inzwischen in einer kleinen Wohnung in der Innenstadt. Ich mochte die Stadt, das Meer, die große Drehbrücke, wenn sie sich für die Durchfahrt eines Schiffes öffnete, und die Faszination der Marine, vor allem ihrer Matrosenuniformen. Am „Tag der offenen Tür“ kletterte ich auf einem Kriegsschiff herum, ich begleitete meine Oma zum sonntäglichen Konzert des Marineorchesters, und stand samstagsabends am Fenster und beobachtete erstaunt die Soldaten, die betrunken über die Straße torkelten.

Ein Onkel, nur 10 Jahre älter als ich, holte mich regelmäßig auf seiner Vespa zum Schwimmen am Südstrand ab. Eine eigene Vespa, einen solchen Motorroller, zu besitzen, war mein Traum.

Einmal badeten wir, als das Wasser nur vierzehn Grad hatte. In der folgenden Nacht bekam ich hohes Fieber, war aber bald wieder genesen. Mein armer Onkel musste den geballten Zorn seiner resoluten Tante, meiner Oma, ertragen, weil er nicht richtig auf „das Kind“ aufgepasst hatte. Sie war sowieso in der Verwandtschaft gefürchtet.

Als sie schließlich auch aus Wilhelmshaven wegzog, um näher bei uns zu wohnen, habe ich das zwar verstanden, aber – um der Stadt willen – bedauert.

 

8. April 2020

Andrea Gärtner – Frau Nikolaus

Ruth Nikolaus wird achtzig dieses Jahr. Im Sommer erst, aber vermutlich muss die Geburtstagsfeier ohnehin ausfallen. Wegen Corona, vermutet Frau Nikolaus. Und ist gar nicht böse darum. Diese große Feier, die ihre Kinder gern für sie ausrichten wollen, findet sie sowieso überflüssig.

Ruth Nikolaus lebt alleine, seit ihr Günther vor acht Jahren starb. Die Kinder sind beide groß, verheiratet und in anderen Städten zuhause. Als die Enkel noch klein waren, kamen sie öfter zu Besuch, seit die aber selbst eigene Wege gehen, führen auch die ihrer Tochter Svenja und ihres Sohnes Mattes nicht mehr allzu oft in ihre Stadt.

Doch das macht nichts. Ruth Nikolaus ist viel beschäftigt. Sie hat ihr ganzes Berufsleben lang als Lehrerin für Deutsch und Sachkunde an der hiesigen Grundschule gearbeitet. Nach der Pensionierung ist sie ehrenamtliche Leseoma geworden und besucht seither diverse Kindergärten. Außerdem singt sie im Kirchenchor, ist Mitglied beim Roten Kreuz, trifft sich einmal wöchentlich in einer Handarbeitsrunde und an jedem ersten Freitag im Monat zum Rommé spielen in der Gaststube ums Eck. Ruth Nikolaus ist immer noch flink im Kopf. In den Beinen nicht mehr ganz so, aber mit ihrem Rollator ist sie immer noch selbstständig unterwegs.

War sie. Bs vor wenigen Wochen. Bis zu dieser Corona-Epidemie. Sie hätte die Warnzeichen schon registrieren können, als Svenja und Mattes plötzlich abwechselnd jeden Abend bei ihr anriefen. Sie fragten nach ihrem Tag, wie es ihr ginge, was sie so mache, wen sie treffe. Zuerst war Ruth gerührt über dieses plötzliche Interesse. Bis sie nach einigen Tagen bemerkte, dass es sich eher um Kontrollanrufe, denn um freundliche Kontaktaufnahme handelte. Nach dem ersten Ärger rührte sie sogar das. Zuletzt hatten die beiden sich so sehr um sie bemüht, als Günther gestorben war.

Nicht, dass sie ein schlechtes Verhältnis zueinander hätten. Gar nicht! Aber die beiden hatten ihr jeweils eigenes Leben, eigene Familien und eigene Sorgen. Ruth hatte sich schon früh vorgenommen, keine Mutter zu sein, die nicht loslassen könnte. Und daran hatte sie sich gehalten. Sie nahm es ihren Kindern nicht übel, dass die sich etwas Eigenes aufgebaut hatten. Dazu hatte sie sie schließlich herangezogen.

Nun plötzlich diese neue Fürsorge. Ruth versicherte beiden, dass es ihr gutginge, sie sich ihr Leben lang schon gründlich die Hände wasche und sie, sollte sie irgendwelche Krankheitssymptome an sich wahrnehmen, natürlich sofort Doktor Treutz kontaktieren würde – ihren vertrauten Hausarzt.

Die beiden riefen dennoch weiter täglich an. Ruth nahm sich vor, es zu genießen.

Als Nächstes wurde der Rot-Kreuz-Nachmittag abgesagt. Dann schloss der Kindergarten. Eine Frau aus der Handarbeitsgruppe kam mit einer Lungenentzündung ins Krankenhaus, daraufhin verlor der Rest der Truppe den Mut. Die Treffen wurden abgesagt. Zuletzt schloss die Gaststube ums Eck, damit fiel auch der Rommé-Abend weg.

Innerhalb einer Woche saß Ruth Nikolaus ohne Verabredung, ohne etwas vorzuhaben und ohne Kontakte in ihrer Wohnung. Die plötzliche Stille erinnerte sie an die ersten Monate nach Günthers Tod.

Immerhin riefen die Kinder weiter an. Sie wurden ihr Strohhalm, ihre Gesprächspartner, die einzigen Stimmen, die sie hörte, außer jene vom Radio oder Fernsehapparat.

Svenja organisierte aus der Ferne jemanden, der für sie einkaufen ging und andere Besorgungen erledigte. Freundliche Menschen aus der Kirchengemeinde, die reihum bei ihr vorbeikamen.

Eine Weile hielt sie still. Sie sah ein, dass sie als alte Frau besonder gefährdet war, sich anzustecken. Sie verstand, dass ihre Kinder Angst um ihre Gesundheit hatten und deswegen nicht zu Besuch kamen. Sie akzeptierte, dass sie für eine Weile auf die Hilfe anderer angewiesen war.

Aber an diesem Mittwoch war es genug.

Schon beim Aufstehen hatte die Sonne sie an der Nase gekitzelt. Die Linde vor dem Fenster trug erste hellgrüne Knospen. Unten auf der Straße zogen die Menschen in leichten Jacken und hellen Frühlingsfarben vorbei, auf dem Weg zum Wochenmarkt. Ruth Nikolaus hatte keine Lust mehr, allein in ihrer Wohnung zu hocken.

Sie zog ihren leichten Mantel an, setzte die warme Mütze auf die unordentlichen grauen Haare, schnappte sich Handtasche und Rollator und verließ das Haus.

Es duftete nach Frühling. Die Menschen gingen in großen Abständen zu allen anderen ihrer Wege, doch hier und da riefen sich Bekannte einen Gruß zu, bleiben zwei zu einem kurzen Gespräch stehen. Ruth Nikolaus trottete langsam mit ihrem Rollator zum Marktplatz. Trotz Menschen mit Masken und Handschuhen, Desinfektionsspendern und abgetrennten Wartebereichen herrschte normaler Marktbetrieb. Der Fischverkäufer scherzte mit einer Stammkundin, die Verkäuferin am Wurststand rief einer anderen drüben beim Honig etwas zu. Frau Nikolaus sog all diese Gesprächsfetzen in sich auf. Hier war Leben. Anders, kleiner, irgendwie kümmerlich, wie eine zu wenig gegossene Pflanze, aber immer noch Leben. Es begehrte auf, es streckte sich, wo es nur konnte.

Ruth Nikolaus blieb etwas abseits stehen, setzte sich auf ihren Rollator und beobachtete mit stillem Lächeln das Treiben.

„Hallo, Frau Nikolaus“, rief da ein junger Mann und winkte ihr. „Wie geht es Ihnen?“

„Gut, danke“, rief sie zurück und erinnerte sich, dass der junge Mann Vater eines der Kinder in der Marienkäfergruppe war, bei deren Fest sie zuletzt vorgelesen hatte.

„Guten Morgen“, sagte eine vornehme Dame. „Brauchen Sie Hilfe, Frau Nikolaus?“

Ruth Nikolaus erkannte die Tochter einer Handarbeitsfreundin. „Nein, nein“, wiegelte sie ab. „Ich schaue nur.“

„Einen schönen Tag wünsche ich Ihnen!“, sagte die Dame noch und ging weiter.

Ein älterer Herr zog einen Einkaufstrolley durch die Gänge. Allein am Gang erkannte Ruth Nikolaus ihren Rommépartner Herbert. Sie rief seinen Namen und winkte ihm von weitem zu. Er winkte zurück, stakste aber weiter.

Ruth Nikolaus saß noch eine ganze Weile auf ihrem Rollator am Rande des Marktes. Sie lauschte, sie lachte, sie genoss. Irgendwann erledigte sie noch ein paar Einkäufe, hielt einen kleinen Plausch hier und begrüßte alte Bekannte dort. Als sie zurück in ihre Wohnung kam, hängte sie Mantel und Hut an die Garderobe und ließ sich erschöpft auf den Stuhl sinken. Ganz schön anstrengend, so viel Leben.

Aber auch ansteckend, fand sie.

Anmerkung der Autorin: Heute sah ich auf dem Wochenmarkt eine kleine alte Frau, die mit ihrem Rollator unterwegs war und von ganz vielen Menschen namentlich und herzlich begrüßt wurde. Sie erschien mir klein und schutzbedürftig, aber zufrieden und in sich ruhend.

Sie hat mich zu meinem heutigen Text inspiriert.

 

 

Petra Pieper-Rudkowski – Sie sahen sich täglich …

Liebe Ilse,

Heute ist Mittwoch und deine Oma war Einkaufen auf dem Wochenmarkt. Es ist immer noch komisch mitten in der Woche und nicht am Sonnabend zum Markt zu fahren. Aber in diesen Zeiten ist deine Oma eben auch in der Woche in Buchholz und nicht im Büro. Und natürlich war ich auch im Wald. Hinter den Bäumen, im Unterholz und zwischen den hochgestellten Baumstämmen haben wieder neue Geschichtenideen auf mich gewartet. Ich habe sie vorsichtig aufgehoben und in meinem Kopf gesammelt.

Seit Tagen hört man im frühen Nachmittag in den Straßen unserer Kleinstadt einen traurigen, mehrstimmigen, leider auch etwas disharmonischen Gesang. „Wir trafen uns täglich um viertel nach drei, am Stammtisch im Eck in der Konditorei,………- aber bitte mit Sahne“, hallt es aus den Häusern. Wer da versucht zu singen? Es sind die Museums-Zicken und ihre Freundinnen und sie sind am Ende mit ihren Nerven. Ihr Leid beginnt täglich, kurz nachdem ihre Oldtimer-Kerle aus dem Supermarkt zurück sind. Warum sie leiden? Ja, du ahnst es schon. Auch die Museums-Zicken hat die fiese Corona-Bande um ihre Lebensfreuden gebracht. Der Golfplatz ist geschlossen, Friseur zu, Shoppen nicht möglich, Pilates fällt aus und am Schlimmsten : Kein gemeinschaftliches Cappucino-Schlürfen, Latte Macchiato-Gelöffel oder zierliches Espresso-Schlucken, untermalt vom Austausch der wichtigsten Stadtneuigkeiten, ist mehr möglich. Sie sollen jetzt zuhause mit ihren Kerlen Filterkaffee trinken. Dabei liegen die Kerle entweder vorm Fernsehen und gucken Sport aus der Mediathek oder sie sind hinter der Tageszeitung verschwunden. „Nein, das ist alles zu viel! Das kann man nicht von uns verlangen! Wir halten das nicht mehr aus“, hört man sie schreien und klagen.

Und heute? Es ist kaum zu glauben, der Zickenchor „Disharmonie“ ist verstummt. Was ist geschehen? Gegen 15 Uhr öffneten sich Haustüren, aus denen auf leisen Sohlen, durchgestylte Kaffeeliebhaberinnen schnellen Schrittes zu ihren Autos strebten. Beladen waren sie mit Tasse, Löffel, Teller und Kuchengabel. Dann erschienen die schlechtgelaunten Kerle in den Türen und reichten Thermoskannen oder Torten-Tupperware heraus. Schnell war alles verstaut und die Autos fuhren los. Wohin? Wer weiß das schon!

Sicher ist nur, dass der schreckliche Gesang ein Ende gefunden hat.

Mal sehen, was der Corona-Bande als Nächstes einfällt.

Deine Oma Petra

 

 

Ulrich Fritz – Costa

Die Nacht heute war die ruhigste der letzten Wochen. Vielleicht Vorfreude auf meinen Fexit, das Fastenbrechen ? Zum Frühstück jedenfalls habe ich mit Genuss meinen ganzen Apfel verzehrt – ohne nachteilige Folgen für meinen Verdauungsapparat.

Bei der Lektüre der Tageszeitung steigt mein Blutdruck wieder ein wenig – ich bin halt immer noch empfindlich. Um Druck abzubauen und vielleicht auch darauf einzuwirken, dass die Leute ein wenig nachdenken, schreibe ich den Redakteur einfach kurz an:

„In Ihrem Kommentar erwähnen Sie zum Beweis der Dramatik der Corona-Pandemie, dass die USA bereits jetzt schon so viele Corona-Tote hätten, wie Frankreich, Italien und Spanien zusammen. Sie sind nicht der Einzige, der diese Zahlen verbreitet, ich habe das jetzt in vielen Zeitungen gelesen. Mit Verlaub: schaut sich einer von Ihnen mal die Bevölkerungszahlen an ? Die USA haben 327 Mio Einwohner. Italien, Frankreich und Spanien bringen 174 Mio Einwohner zusammen. Wäre es soo dramatisch, dann müssten die USA doch jetzt mehr als etwa das Doppelte der Corona-Toten dieser drei Länder aufweisen. Ihr Statement taugt in meinen Augen nicht zum Beweis. Meines Erachtens gehen Sie und Ihre Kollegen etwas schlampig mit Zahlen um. Und tragen damit zur Verunsicherung Ihrer Leser bei – oder ist das gewollt ?“

So, jetzt ist mir wohler und ich warte auf eine Antwort, damit wir vielleicht etwas ins Gespräch kommen.

Nach dem Mittagessen (eine grosse Pellkartoffel mit gedünsteten Karotten und Paprika) verziehen wir uns in den Garten. Jetzt kommt richtiggehend ein Urlaubsgefühl auf. S. ruft Felicitas an und fragt, ob sie vorbeikommen dürfe. Ihre enge Freundin, die zudem um die Ecke wohnt, ist natürlich herzlich willkommen – wenngleich ich mich auch ein wenig wundere, weil sie die Isolationsmaßnahmen so überaus ernst nimmt. Aber wir können ja den gebotenen Abstand locker einhalten. Und ein wenig freue ich mich, dass die Fronten so ein wenig aufgeweicht werden und dem gesunden Menschenverstand Folge geleistet wird.
S. erscheint kurz darauf und bringt sogar noch jemanden mit: ihren Gasthund Costa. Die Dackel-Irgendwer-Grösseres-Mischung ist sehr zugewandt und begrüsst alle freundlich. Wir mögen Hunde und freuen uns. In auseinandergezogener Reihe sitzen wir auf der Terrasse und trinken einen Kaffee. Costa nimmt brav vor uns Platz und zeigt keinen Drang, den Garten auf eigene Faust zu erkunden. Merkwürdig, Trixi und Trulla hätte es nicht so ruhig auf einem Platz gehalten. Unsere beiden Terrier-Mischlinge (Mutter Jagd-Terrier, Vater unbekannt, mehre Kandidaten kamen in Frage, am verdächtigsten war ein Jack-Russell, der beobachtet wurde, wie er sich aus dem Wohnzimmer von Felicitas’ Cousine stahl. Wir hatten die beiden Welpen seinerzeit bei uns aufgenommen und sie begleiteten uns 15 bzw. 17 Jahre. Sie haben unser Leben und unseren Garten geprägt. Aber das ist eine andere Geschichte.)
Ich lobe jedenfalls Costa für seine Herdentreue und auch S. ist anerkennend überrascht. Später wechseln die Damen in eine andere Gartenecke, um sich alleine zu besprechen. Costa folgt auffällig zögerlich und ich vermute erst, er könne sich nicht entscheiden, bei wem er verweilen möchte. Dann aber sehe ich sein gesträubtes Rückenfell und vernehme ein leises Knurren. Es folgt ein kurzes Bellen. Costa hat Arthur entdeckt – unsere Sitzbank in Form eines Schafes. Felicitas hatte ihn vor einigen Jahren in Potsdam entdeckt und mit nach Hause gebracht. Seither ziert er unseren Garten. Costa jedenfalls scheint ihn für ein Lebewesen zu halten und knurrt ihn an. S. versucht, ihm zu zeigen, daß Arthur harmlos ist und nimmt den Hund auf den Arm. Das Knurren und Bellen schwillt an, hektisch entwindet sich Costa den Armen und weicht zurück. Dieser Grieche ist nicht sehr tapfer ! (Der Hund wurde vergangenes Jahr aus Griechenland vom Freund der Patentochter mitgebracht). Aber tapfer verbellt er Arthur, bis er endlich wieder mit S. nach Hause darf.

Nach einem üppigen Abendessen (2 kleine Scheiben Vollkornbrot mit dünn Butter und eine halbe geschälte Paprika dazu), das wir auf der Terrasse einnehmen können, ziehe ich mich zurück, um diesen Text zu verfassen. Ich bin sehr glücklich, auch mal was Anekdotisches berichten zu können.

 

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