Das Corona-Tagebuch I: 22. und 23. März

Das Corona-Tagebuch I: 22. und 23. März

Katzen

Das Corona-Tagebuch

Sie finden hier Texte aus dem „Corona-Tagebuch“ Texte unterschiedlicher AutorInnen vom 22. und 23. März 2020. Weitere Texte folgen in loser Reihenfolge. Die Auswahl der Texte und ihre Zusammenstellung ist zufällig und transportiert keineswegs ein Urteil der Textqualität.

Text 1 von Saskia Vgroc

Die Autorin lebt mit ihrer Familie auf einer Insel in Kroatien

22. März 

Gestern Abend waren in Sutivan nur noch die Katzen unterwegs. Auch heute Morgen ist es menschenleer und still, nur Wind weht und Wellen brechen an den Strand. Sutivan ist ein kleines Dorf, vor allem im Winter leben nicht allzu viele Menschen hier, aber es ist sehr lebendig und an Sonntagen ist Gottesdienst;  danach ist das Café voll, besonders bei schönem Wetter. Zatvoreno steht heute an der Cafétür: geschlossen.

Blütenstaub färbt die kargen Felsen gelb, Vögel singen, Schmetterlinge sind unterwegs, Sport- und Spielplatz abgesperrt, spielen ist jetzt verboten, daneben blühen die Frühlingsblumen. Seit gestern gibt es keinen Fährverkehr mehr zwischen Insel und Festland, Corona ist zugleich weit weg und längst hier.

Wir werden desinfiziert, bevor wir den Supermarkt betreten dürfen, nur in der Kernfamilie oder maximal zu zweit darf man jetzt noch unterwegs sein. Kein Mensch ist zu sehen.

Unsere vorpubertäre Tochter arrangiert sich gut, sie verbringt ihre Zeit am liebsten in ihrem Zimmer und viel ihrer Welt steckt in ihrem Tablet – darüber telefoniert sie mit ihrer besten Freundin in Berlin, die ganz ähnliches erlebt wie wir hier. Sie vergisst auch schneller. „Ich geh schnell in den Supermarkt“, ruft sie und ist überrascht, wenn wir sie aufhalten, denn unsere Welt sieht immer wieder ganz normal aus.

Unser Sohn weint wütende und traurige Tränen, denn das Beste an Sutivan hat er gerade verloren: Freiheit, immer draußen sein mit seinen Freunden. Nach einigen verzweifelten Tagen arrangiert er sich.

Anfangs steht er mit dem Fernglas auf der Terrasse, hält Ausschau nach den Freunden, dann hört er auf. Sie sind alle verschwunden.

Die Menschen auf der Insel leben hauptsächlich vom Tourismus. Wird die jetzt schon aufgeregt erwartete „Saison“ ausfallen? Werden die Strände leer bleiben, wie heute die Kirche?

Unvorstellbar.

Ein sonniger Frühlingstag ist vorbei. Sturm ist aufgezogen.

Text 2 von Beate van den Berg 

Die Autorin lebt in Berlin

Noch vor zwei Wochen …

…. fand ich es recht amüsant, mich am Telefon mit „Corinna Corona, ja bitte?“ zu melden, wenn Freunde und Freundinnen anriefen. Zu dem Zeitpunkt war das meine Antwort auf den von mir als medial völlig aufgeblasen empfundenen Seuchen-Hype. Mir schossen unentwegt Bilder und Gedanken durch den Kopf: Mal sah ich in dem Virus das Abbild unseres durch menschliche Taten sorgenvoll ergrauten Planeten, gespickt mir roten Nadeln, die die Ausbruchsorte markierten, dann wieder dachte ich „das ist echte Demokratie, ein Phänomen gänzlich ohne Grenzen“. Mittlerweile ist Corinna abgemeldet – wie so vieles andere auch. Irgendwie fällt es mir schwer, die Humorfahne weiter wehen zu lassen, wenn ich morgens aufwache und mir als Erstes durch den Kopf geht, wer jetzt alles in massiven Schwierigkeiten steckt oder noch stecken wird. Na ja, während ich das schreibe, schaut mich mein griechischer Vierbeiner an, liegt bräsig in der Sonne, und ich denke „Manno, der Hund hat echt Schwein.“

Text 3 von Stefan Gross

Der Autor lebt in Köln

Die Büchse der Pandora wurde geöffnet und wir leben nun in noch unsicheren Zeiten ohne Mut und Perspektive. Nur die Krise ist sicher. Mir tun all die Alten armen Menschen unendlich leid. Sie kriechen über den Bürgersteig schauen zu Boden und werden gemieden, als hätten sie die Pest. Ich gehe heimlich heulend durch die Stadt in diesen Tagen.

Hygienemaßnahmen

Eigentlich mag ich Distanz. Sie gibt viel Raum, um sich einander anzunähern, kennen zu lernen. Jetzt wurde sie verordnet und wird immer größer. Ich arbeite im Baumanagement einer großen Klinik und dort ist man, was die neuen Umgangsformen und Hygiene-Maßnahmen betrifft, vorbildlich. Schon gleich zu Beginn der Krise, als diese neuartige Grippe sich auch nördlich der Alpen ihre Wirte zu suchen begann und ein paar Ski-Urlauber befiel, wurde uns erklärt, wie man sie die Hände richtig wäscht,  dass Klopapier nur für den vorgesehenen Zweck „vernünftig“ benutzt soll und wie man in die Armbeuge niest (Igitt!). Einige Tage später wurden die Teams halbiert und in Wechselschichten weitergearbeitet, mal auf Abstand im halb leeren Großraumbüro und am nächsten Tag im „Home-Office.“ Das fühlte sich ein paar Tage lang gut an, bis angeordnet wurde, permanent Mundschutz zu tragen. <und der Joke über  den Maulkorb, den wir alle bald tragen müssten, verstummte genauso wie die Flurgespräche über das Big Picture der Situation. Im Internet gibt es kaum noch andere Themen außer Corona.  Immerhin ging gestern noch die Meldung durchs Netz, dass  „Defender 2020“, das lange geplante Nato-Manöver in Ost-Europa abgesagt wurde. Endlich mal eine gute Nachricht, wenn sie wirklich stimmt.

Text 4 von Rita Lindner

Die Autorin lebt im Havelland

Tag 1

Tag eins des Corona-Tagebuches, nicht Tag eins der Corona-Pandemie. Wann begann sie bei uns, wann wurde sie zur Pandemie erklärt?

Webasto. Ein Mitarbeiter dieser Firma in Bayern ist doch der erste, der in Deutschland an COVID 19 erkrankt. Das passiert Ende Januar 2020, einen Monat nach dem Ausbruch in China. Der Name Webasto ist mir vertraut, weil mir meine Eltern vor vielen Jahren eine Standheizung dieser Marke für mein Auto schenkten. Das Auto fahre ich heute noch, seit zweiundzwanzig Jahren, aber die Eltern sind tot, und die Standheizung funktioniert nicht mehr.

Am 25. Februar 2020, am Faschingsdienstag – oder war es erst am Aschermittwoch? -, wird der erste Fall in Baden-Württemberg gemeldet. Wir sind am Tag zuvor, von zuhause in Brandenburg kommend, in meiner südwestdeutschen Heimat eingetroffen, um ein paar Tage Urlaub dort zu verbringen.

Unser ursprünglich gebuchter Flug von Berlin nach Stuttgart war, offensichtlich mangels Passagieren, kurzfristig gestrichen und wir auf einen anderen umgebucht worden. Auch dieser Flug ist, entgegen unseren bisherigen Erfahrungen, nicht voll ausgelastet.

Am Dienstag- oder Mittwochabend machen wir es uns in unseren Lesesesseln gemütlich. Ich schalte das kleine Kofferradio auf dem Tischchen neben mir ein. Da ist sie, die Meldung: ein am Corona-Virus Erkrankter im Landkreis  Göppingen, nur wenige Kilometer von unserer kleinen Ferienwohnung entfernt, der erste in diesem Bundesland.

Am nächsten Vormittag erklärt der baden-württembergische Sozial- und Gesundheitsminister: „Es gibt nach wie vor kein kursierendes Virus bei uns“. Die Infektion sei ein Einzelfall. Er hat allerdings deswegen seinen Urlaub in der Schweiz abgebrochen.

Zwei Tage später fahren wir mit dem Zug zu einem Besuch nach Ulm. Bei der Durchfahrt durch Göppingen witzeln wir darüber, ob wir uns im Vorbeifahren das Virus einfangen können.

Während wir am 5. März auf dem Stuttgarter Flughafen auf unseren Rückflug warten, halten wir Ausschau nach Menschen, die einen Mundschutz tragen. Wir entdecken nur drei.

Beunruhigt sind wir noch nicht.

Wir sind jetzt zurück in Brandenburg, im Landkreis Havelland. Und befinden uns hier sozusagen auf der Insel der Seligen, denn im ganzen Landkreis sind mit heutigem Datum nur zehn am Corona-Virus Erkrankte gemeldet. Der Landkreis Göppingen verzeichnet 110.

In Italien sind bis heute fast 5.000 Menschen am Virus gestorben, mehr als in China.

Angst? Weniger vor der Krankheit, als dass die Versorgung und die Infrastruktur zusammenbricht. Das öffentliche Leben wird immer weiter eingeschränkt, seit heute müssen bundesweit auch Restaurants und Friseure geschlossen bleiben. Ich brauche sie nicht, aber es fühlt sich an, als ob sich eine Schlinge um den Hals immer enger zusammenzieht. Es fühlt sich zugleich irreal an, weil es sich um eine Situation handelt, die ich bisher nie erfahren noch mir je vorgestellt habe. Ein Alptraum, aus dem ich gleich aufwachen werde? Oder eine Realität, wie sie der französische Präsident Macron vor kurzem pathetisch beschrieb: „Wir sind im Krieg“?

Ich sage im Scherz zu meinem Mann: „Wahrscheinlich liegen schon Lebensmittelmarken bereit.“ Und erschrecke dann selbst, weil es mir plötzlich für einen Witz viel zu nah an der Wirklichkeit erscheint.

Ich hole mein Tablet und spiele  einen meiner Lieblingssongs:

“Don’t worry, be happy
In every life we have some trouble
But when you worry you make it double”,

(Bobby McFerrin)

Hoffentlich fällt der Strom nicht aus.

Text 5 von Petra Pieper-Rudkowski

Die Autorin (PPR) lebt in der Nordheide

PPR 22.03.2020, TAG 7 C19

Und nun das Wetter für morgen
Viel Gott,
Gebietsweise Unsicherheit
im Wechsel
mit mittlerer Zuversicht,
später aufkommende Gewissheit
um die zunehmende Vernunft aller.
Klare Gedanken sollen unseren Schlaf begleiten

In einen neuen Tag.

 

Text 6 von Andrea Gärtner

Andrea Gärtner sammelt Wörter, Gedichte und Geschichten wie Eichhörnchen Nüsse – zur Befriedigung eines Grundbedürfnisses

Sortieren, ausprobieren, kurzschließen …

Das war sie – die erste Corona-Ausnahmezustands-Woche. Bis zum letzten Wochenende lief das Leben noch seine normale Bahn. Doch die Absage des Vorstellungsgottesdienstes meiner Hauptkonfis und der Konfirmation machten ziemlich drastisch deutlich, dass große Veränderungen hereinbrachen.

Anfang dieser Woche ging es dann ums sortieren, ausprobieren, kurzschließen, absprechen, überlegen, verwerfen, entscheiden, …

Die Termine in Kalender wurden gestrichen, stattdessen die Online-Präsenz ausgeweitet. Mein anfängliches Gefühl – jetzt viel mehr Zeit für die Dinge zu haben, die ich ewig nicht geschafft habe, wie lesen oder schreiben – hat sich bisher nicht bestätigt.

Das liegt aber sicher auch daran, dass mein Schwiegervater diese Woche Geburtstag hatte und wir gleich an zwei Tagen deswegen Gäste hatten. Und vermutlich auch daran, dass wir scheinbar jeden Tag einkaufen gegangen sind.

Ich wundere mich selbst und behaupte, nicht zu den Hamsterern zu gehören. Trotzdem kann ich nicht leugnen, dass die leeren Regale überall auch mich nervös gemacht und zu dem ein oder anderen Vorratskauf angestiftet haben. Grundsätzlich ging es bei unseren täglichen Einkäufen aber um den Wochenmarkt am einen, den Bedarf von frischem Geflügel am nächsten und der verbrauchten Milch an noch einem anderen Tag, der uns an die Kassen trieb. Dabei jeden Tag zu beobachten, wie die Bedingungen verschärft wurden, hat nicht zu meiner Entspannung beigetragen.

Ich gebe zu, ich habe Angst. Manchmal boxt sie mir in den Bauch, ein anderes Mal krabbelt sie mir langsam den Nacken hoch und lässt mich erschauern. Dabei kann ich gar nicht genau sagen, wovor ich eigentlich Sorge habe.

Vor einer eigenen Ansteckung? Davor, dass mein Mann ernsthaft erkrankt, oder meine Schwester? Davor, dass meine Mutter erkrankt und wir irgendwie die Pflege meines Vaters übernehmen müssen – was mich ohne Corona-Krise im Hintergrund schon mit Schrecken erfüllt?

Ich weiß es nicht.

Es ist mehr dieses diffuse Gefühl, nicht zu wissen, was da auf mich zukommt. Und für wie lange. Und was danach passiert.

Und dabei weiß ich genau, dass es mir noch unverschämt gut geht!

Ich habe einen sicheren Job. Ich muss (vermutlich) weder Gehaltskürzungen noch den Jobverlust fürchten. Ich lebe auf dem Land in einem wirklich großen Haus in einer glücklichen Beziehung. Würden wir also „eingesperrt“, hätten wir erstens miteinander nichts auszustehen und zweitens einen großen Garten, der jetzt im Frühjahr zum gärtnern einlädt. (Und ich gebe zu: Gartenerde haben wir gehamstert 🙂 )

Ich habe so lange über das ewige Hamsterrad gejammert, dass ich mich sogar über eine verordnete Auszeit freue, um endlich zu lesen, zu schreiben, zu gärtnern, zu putzen, aufzuräumen, in die Sauna zu gehen (die bei uns im Bad ist – unverschämt, ich weiß), mein (ständiges) Homeoffice endlich einmal auszumisten, … Bisher habe ich all das noch nicht getan.

Tatsächlich entstehen schon jetzt neue tägliche Routinen. In der Mittagszeit sitze ich mit einem großen Milchkaffee und meinem Mann auf dem Sofa und wir lauschen dem täglichen Podcast des Virologen Christian Drosten von der Charité, der Zahlen, Forschungsstand und Gerüchte in verständliche Sätze übersetzt. Abends schauen wir neuerdings regelmäßig die landeseigenen Nachrichten und meistens auch die Tagesschau (dafür war im normalen Leben weder Zeit, noch hat es mich in dieser Regelmäßigkeit interessiert). Und irgendwann im Laufe des Tages telefoniere ich mit Schwester und Mutter, um zu hören, dass alles gut ist. Das tägliche Homefitnessprogramm läuft auch weiter wie gewohnt und tatsächlich muss ich einiges abarbeiten. Von Langeweile also nichts zu sehen.

Ich höre so viele gute Tipps, wie wir uns die Zeit „vertreiben“ können – dabei wollte ich doch endlich einmal Zeit „haben“.

Noch warte ich auf das Gefühl, sie im Übermaß zu haben oder mir irgendwie vertreiben zu müssen. Aber meine Gedanken, Gefühle und Erlebnisse in Form eines Tagebuchs zu reflektieren und dabei meinen viel zu lange lahmgelegten Schreibmuskel zu trainieren, finde ich eine gute Idee!

Sie kann also kommen, die zweite Corona-Ausnahmezustands-Woche. Ich bin gespannt.

Text 7 von Ulrich Fritz

Sein Motto: Der Kopf ist rund

Corona-Ticker

Datum: 23.03.20 Zeitraum [Tage]: 61
Bereicherwartete ToteCorona-Tote
Deutschland159.582111
Italien105.8115.476
Welt9.150.00015.328

Dieser „Corona-Ticker“ wird jetzt mein Tagebuch begleiten. Damit ich die Relationen nicht aus den Augen verliere. Derzeit sieht es noch ganz gut aus (ich hoffe, in den nächsten Wochen ändert sich das nicht dramatisch…). Die „erwarteten Toten“ ist die Anzahl der Menschen, die im gleichen Zeitraum auch ohne Corona zu erwarten gewesen wären. Wenn das Virus dermassen tödlich wäre, wie es unterstellt wird, dann müsste das ja auf Dauer sichtbar werden. Lägen aktuelle amtliche Sterbezahlen vor (das gelingt aber den Behörden nicht, warum eigentlich ?), dann könnte man ja gleich sehen, ob sich die von den zu erwartenden Toten unterschiede. Wenn also die Italiener jetzt in den vergangenen 61 Tagen 110.000 Todesfälle gehabt hätten, dann hätte das Virus ordentlich gewütet. So aber lässt sich keine Aussage treffen. Mein aktuelles Fazit: zumindest für Deutschland und die Welt noch eine „normale“ Grippesaison denkbar.

Ansonsten heute: erfreulich, wieder arbeiten zu dürfen. Ja, es ist schön, aus der häuslichen Isolation herauszukommen und anderen Menschen begegnen zu dürfen. Ich beobachte viel Verunsicherung – bei Patienten und Personal. Während ich den Patienten so etwas wie Zuversicht vermitteln kann, gelingt das beim Personal nicht immer. Einige blieben lieber zuhause, weil sie Angst haben, sich das Virus einzufangen und an ihre Angehörigen weiterzugeben. Da ist eine gewisse Unwilligkeit spürbar und ein Vorwurf, warum jetzt überhaupt noch Operationen durchgeführt werden sollen. Ich selber glaube immer noch nicht an die Dramatik der Situation und bin der Meinung, dass wir einen Auftrag zu erfüllen haben (obwohl irgendwo in den Erlassen von einem Einstellen der ambulanten Operationen die Rede ist – aber wir führen ja keine kosmetischen Eingriffe durch ! Wenn unsere Operationen momentan so überflüssig wären, dann dürften wir sie eigentlich in normalen Zeiten auch nicht durchführen – zumindest nicht mit reinem Gewissen). Wir haben aber nicht nur Verantwortung für unsere Patienten, sondern auch für die Mitarbeiter und deren Gehälter. Das wird momentan aber nicht immer berücksichtigt. Insofern wurde meine Stimmung schon beeinträchtigt und nach dem Arbeitstag fühlte ich mich angestrengt und müde.

Das Virus schafft Distanz und Nähe zugleich. Distanz legen wir räumlich zwischen uns, Reisetätigkeiten sind unterbunden, ein jeder bleibt in seinem Bau. Auf der anderen Seite entsteht viel menschliche Nähe: ich nehme eine Verbundenheit mit fremden Mitmenschen wahr. Grüsse beim Spazierengehen. Aufmunternde Worte beim gemeinsamen Warten in der Schlange. Zur Verwandtschaft sowieso: Telefonate mit Eltern und Geschwistern finden häufiger bzw. überhaupt wieder statt. Wir sorgen uns umeinander. Durch Distanz induzierte Nähe.

Mir fällt auch auf, dass die Berichterstattung heute nicht mehr ganz so dramatisch ist. Natürlich werden noch 90jährige Tote vermeldet und genauso alte Überlebende des Virus. Aber die Sensationsmeldungen in den seriöseren Medien scheinen abzunehmen. Ein Hinweis auf eine Entspannung der Lage ? Oder auf den Beginn einer anderen Einschätzung der Bedrohungslage ? Ich hoffe ja nach wie vor auf Letzteres, aber damit stehe ich wohl noch sehr alleine.

Die Kanzlerin ist jetzt auch in Quarantäne. Der erste Corona-Test war zwar negativ, aber das heisst ja noch nichts. Sie sieht alt aus und angestrengt. Sie tut mir leid. Es muss eine schwere Last sein, einem ganzen Volk vorangehen zu müssen. Die Erwartungen der Bürger zu erfüllen. Die Herde durch diese unruhigen Zeiten zu führen. Bedrängt von den Ängsten ihrer Bürger, bedrängt von den ganzen Alphatieren, die ihrerseits ihre Vorstellungen durchsetzen wollen. Jeder Tote wird ihren Entscheidungen zugerechnet, jeder wirtschaftliche Verlust ebenso. Sie kann nur verlieren in dieser Situation, egal, wie sie ausgeht. Es ist eine Negativ-Zwickmühle, jeder Zug verliert. Ich glaube, sie weiß es. Schade, sie ist mir sympathisch. Wie könnte ich ihr eine Freude machen ?

Konrad berichtete mir von einem Supermarkt: auf dem Boden vor den Kassen Linien, die den Sicherheitsabstand zwischen zwei Kunden markieren sollen. Ich muss schmunzeln. Jeder bemüht sich in seinem Bereich, die Abläufe zu optimieren. Manchmal sehr bemüht. In diesem Fall ginge es doch viel einfacher: eine Einaufswagenlänge bedeutet eine Distanz von 1,5m (ich werde es in den nächsten Tagen mal nachmessen). Damit wäre ein ausreichender Abstand gewahrt. Allerdings: Rollatorfahrer würden ihrem Vordermann sehr auf die Pelle rücken – aber das ist ja gerade die Risikogruppe, die es zu schützen gilt.

Mein Kampf gegen Corona gestern – hab ich einfach aufgegessen

Corona-Knödel

Text 8 von Lakrimo

Alles Corona

Die Autorin lebt in Brandenburg
Vorm Fenster steht eine Kastanie. Ihre Knospen glänzen schon. Morgens halten die Spatzen hier ihr Schwätzchen, bespricht ein Amselpaar die Tagesroutine und genießt die Sonne nach der kalten Nacht. Der Moment nach dem Aufwachen, in dem Corona noch keine Rolle spielt, ist der schönste.
Heute muss ich in die Welt. Die Welt der sandigen Böden rund um Beelitz. Es geht um Blühflächen und einen insektenfördernden Landwirt. Freundliche Blicke statt Händeschütteln. Das Büro ist klein, wir sitzen auf Abstand. Nach einer halben Stunde kommen noch zwei Menschen dazu, die das Projekt fördern. Inhaltlich ist das toll, aber mein Sicherheits- und Verantwortungsgefühl schlägt Alarm: Es geht nicht nur um Dich. Sieh zu, dass Du hier rauskommst! Wir kürzen ab und machen auf dem Acker weiter.
Den zweiten Termin lässt das Innenministerium platzen. Ausländische Arbeitskräfte dürfen ab heute, 17 Uhr, nicht mehr einreisen, auch nicht die Rumänen, die den Beelitzer Spargel stechen sollten. Mein Interviewpartner, der noch gestern fröhlich einem Gespräch zugesagt hatte, steht enorm unter Druck und redet nicht mehr mit der Presse, bevor die Situation nicht geklärt ist. Verstehe. Ich fotografiere leere Spargelfelder, wehende Folien, Stapel mit bunten Plastekisten und eine Reihe Wägelchen mit denen sie durch die Reihen gezogen werden. Von wem auch immer. Alles Corona.
In Beelitz ist der tote Hund begraben. Kaum ein Mensch auf der Straße. Ich fotografiere die Suppenfabrik, die letztes Jahr im Oktober geschlossen wurde, die Plakate, die zum Spargelfest einladen, das vermutlich nicht stattfinden wird. Nichts wie weg.
Zu Hause ziehe ich die Duschnummer durch und tausche die kontaminierte Außenweltkleidung mit Homeoffice-Schlabberlook. Dann desinfiziere ich den Rachenraum mit einem butterweichen, siebenjährigen Metaxa: schlürfen, durch die Zähne ziehen, gurgeln – ich wette, das hilft nicht weniger als Globuli.  Feierabend. Heute sind wir übrigens bei 505 positiv getesten Brandenburgern, und Defender2020 wurde tatsächlich abgesagt. Schon vor zehn Tagen, es hat nur kaum jemanden interessiert.

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