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Wettbewerb Beitrag Nr. 10: Es war

Es war

Wettbewerb Beitrag Nr. 10

 

Es war…

einer dieser Sommer mit Morgenkühle und blankem Himmel, der Freude auf Abenteuer, überwucherten Beeten der Gärtnerei, dem alten Zaun mit gebrochenen Latten, die lose hingen an rostigen Nägeln, umgestürzten Marmorsteinen, deren ausgewaschene Buchstaben der Nachwelt erzählten, von wessen Grab sie stammten, in deren Nähe wir gerne spielten und Reden hielten zur Ehre derer, deren Leben wir erdachten, schmalen Gleisen, zwischen denen Löwenzahn wuchs und Wegwarte, dem steilen Hohlweg, der in den Wald führte, sperrigen Wurzelstufen, über die wir aufwärts sprangen, voller Freude und Erwartung, dem Wäldchen zu, in dem es so still war, dass wir unsere Schritte knacken hörten auf der Nadelstreu, wo das Sonnenlicht geheimnisvolle Flecken auf den Boden zauberte, der großen Lichtung mit den vielen Brombeersträuchern, die wir durchpflügten, trotz der Stacheln, die unsere Beine und Arme zerkratzten, nur die schwarzen Beeren im Sinn, deren süßer Saft unsere Lippen rot färbte, dem Hügel mit der bunten Sommerwiese, wo wir uns voller Lust ins hohe Gras warfen, zwischen leuchtend roten Mohn und Pechnelken, Wiesensalbei und Margeriten, und uns darauf freuten, den Hang hinab zu rollen, schneller, immer schneller, bis wir am Fuße des Hügels zum Stillstand kamen, uns aufrichtend, die Kleidung von Gras und Halmen befreiten, mit einem kleinen Gefühl der Schuld, wegen der vielen Grasflecken auf Hemd und Hose, mit denen Mutter viel Arbeit haben würde.

Wettbewerb Beitrag Nr. 5: Kindheitssommer

Kindheitssommer

Wettbewerb Beitrag Nr. 5

Der Himmel hoch und ungeheuer blau

Es ist warm, der Himmel hoch und ungeheuer blau. Solche Sommer gab es damals. Emilie zeigte ihr die fetten Dotterblumen am Bach. Nein, das sind keine Butterblumen, richtige Sumpfdotterblumen sind das, eine Kostbarkeit, die darf man nicht pflücken, die fühlen sich in der Vase nicht wohl. Anders als die Veilchen im Frühjahr, je dunkler das Lila, desto stärker ihr Duft. Dazu nahmen sie die Schlüsselblumen, die Himmelsschlüssel, der Name schöner als die unscheinbaren blassen Blütenkelche. Kuckucksblumen gab es viele, aber die taugen nicht für den Strauß, der Löwenzahn auch nicht – nicht schön genug. Weiterlesen

Wettbewerbsbeitrag Nr. 4: Le Bassin

Wettbewerbsbeitrag Nr. 4

Le Bassin

Unser hellblauer VW Käfer

Unser hellblauer VW Käfer fuhr mit klingelndem Auspuff am Flüsschen Furand entlang die letzten kurvigen Kilometer Landstraße von der Route Nationale zu dem alten Kloster Saint Antoine in der Nähe von Grenoble.
Das war 1977, ich war 10, meine Eltern hatten sich gerade getrennt. So fuhren meine Mutter, meine Zwillingsschwester und ich zu dritt in den Urlaub nach Frankreich. In einem Käfer war das eine lange Fahrt, stundenlang auf Autobahnen, mit einem Dachgepäckträger voller hell- und dunkelbrauner Kunstlederkoffer oben drauf.
Ich hatte einen neuen Stoffaffen, genannt Herr Nilsson, aus dessen Kopf oben eine Schnur mit einer weißen Perle am Ende herauskam. Zog man sie heraus, spielte eine Spieluhr im Innern „Weißt du, wieviel Sternlein stehen?“

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Wettbewerb Beitrag Nr. 3: Der letzte Sommer

Der letzte Sommer

Wettbewerbsbeitrag Nr. 3

Helikopter wie große Libellen

Über unseren Köpfen brummten die Helikopter wie große Libellen. Sie störten den perfekten Sommerhimmel, beendeten unsere Kindheit und der ganze Ort stand Kopf.
Kennt ihr das? Wenn ihr an die Sommer denkt, als ihr noch Kinder wart? Sommer, wie in den alten Astrid-Lindgren-Filmen, in denen die Sonne scheint und alle Farben gestochen scharf erscheinen. Eine Sommerfarbe am Himmel und ein Dunkelblau vom Meer verziert mit weißen Schaumkrönchen. Leuchtende gelbe Sanddünen, die sich gegen den Horizont abzeichnen, gesprenkelt mit saftigem Grasgrün und Dunkelgrün und den hellen Wedeln, die uns beim Verstecken-Spielen im Gesicht kitzeln. Poliertes, graues Treibholz am Strand, das darauf wartet, gefunden zu werden. Ein Sommer, der nach dem Wind in den Haaren schmeckt und nach Salz vermischt mit der Limonade aus schwarzen Johannisbeeren, die bei jedem unserer Picknicks dabei sein muss. Der Geruch der Sonne auf der Haut und von Sonnencreme, mit der wir eingeschmiert werden, wenn wir morgens nicht schnell genug entkommen können. Mövengeschrei, Fahrradklingeln und Freiheit, bis zur allmählichen Dämmerung, in der die Luft orange vibriert und wir vom Strandaufgang zum Abendessen gerufen werden. Weiterlesen

Kindheitssommer: ein Wettbewerb

NACHTRAG vom 5. September 2018

Die aus 16 Mitgliedern bestehende Jury hat gesprochen: Gewonnen haben:

1. Preis: „Le Bassin“ von Matthias Pieper

2. Preis: „Über ihren Köpfen summten die Helikopter …“ von Diana Khazaka

3. Preise: „Kindheitssommer“ von Ruth Maria Knapp und „Es war …“ von Brigitta Scherleitner.

Herzlichen Glückwunsch an die Gewinner und vielen Dank an die selbst ernannten Jurymitglieder für ihre Mühe!!

Wettbewerb Kindheitssommer

Werfen Sie einen Blick zurück in Ihren (schönsten) Kindheitsommer.

Ich borge dabei schamlos bei der ZEIT (und ihrer Aktion Sommerflimmern„), die einige SchriftstellerInnen gebeten hat, über den Sommer ihrer Kindheit zu schreiben. Nun fordere ich Sie auf: Tun Sie das auch!

Erinnern Sie sich vielleicht an kühle Schattenplätze auf dem Berg oder im Wald? An die Angst des Elfjährigen vorm 10Meter-Brett im Schwimmbad? An Ice in the sunshine oder die ersten Schwimmübungen? Als der Vater zum Glück seinen starken Arm im See unter den zappelnden Körper hielt? Oder wie Marcel Pagnol in „Eine Kindheit in der Provence“ an die Entdeckungen der erwachenden Sexualität und der damit einhergehenden Liebes“blödigkeit (um mit Wilhelm Genazino zu sprechen). Oder an etwas später, um die Blödigkeit auszubauen, an ein Sommerdreieck? Wir sind nicht so streng, es muss nicht immer nur Kindheit sein.

Kleiner Wettbewerb

Was auch immer: Schreiben Sie eine kleine, feine Sommergeschichte (ohne Apokalypse bitte, die haben wir in der Wirklichkeit nun leider zur Genüge)! Schenken Sie uns und Ihren LeserInnen ein bisschen von der Leichtigkeit und Freude, der Hoffnung und des stillen Augen-Blick-Glücks, wie sie fast nur ein Kindheitssommer bieten kann. Schreiben Sie nicht mehr als 5 Normseiten und schicken Sie uns Ihren Text bis spätestens zum 20. August. Der 1. Preis ist ein Speed-Writing-Kurs, der zweite und dritte ein Selbstlernkurs nach Wahl (kreatives oder literarisches Schreiben). Wir veröffentlichen alle Texte in unserem Blog und lassen Sie abstimmen.

Ihren Wettbewerbsbeitrag schicken Sie bitte an info@schreibwerk-berlin.de

Frühling – von Stephanie Schwarzelbach

Frühling

Am Bett ihrer kranken Mutter

Der Winter war lang in jenem Jahr. Tag für Tag und Stunde um Stunde saß sie in dieser dunklen Jahreszeit am Bett ihrer kranken Mutter, las ihr vor, erzählte ihr kleine Anekdoten von früher und versuchte, sich die Angst vor dem nahenden Ende nicht anmerken zu lassen. Und dann war die Mutter in der Nacht gestorben, einfach so. Obwohl die Tochter darauf vorbereitet war, traf sie das Gefühl des Verlustes doch mit einer Wucht, die sie nicht für möglich gehalten hatte. Weiterlesen

Frauentag – von Stefan Gross

Frauentag

Beitrag zum Wettbewerb „Frühling“ von Stefan Gross – einer der drei Gewinner-Texte

Wie nach einem Dauerlauf

Wir waren in Tegel verabredet, um sechs am Gate. Ich war schon deutlich früher da, kann einfach nicht auf den letzten Drücker fliegen. Mein Nervenkostüm zwickte und kratzte wie blöd und mein Kreislauf war in Wallung wie nach einem Dauerlauf. Auch ohne Spiegel wusste ich, dass sich eine Seenplatte aus roten Flecken in meinem Gesicht gebildet hatte. Ich hatte mir eine Überdosis Guarana (einen Esslöffel voll!) in den Joghurt gepackt, um in die Gänge zu kommen. T.C. Boyles Terranauten hatten mich um den Schlaf gebracht. Ich wollte unbedingt wissen, wie es ausging. Um drei hatte ich das Buch erschöpft zur Seite gelegt. Als um vier der Wecker klingelte, glühte mein heiß gelaufenes Gehirn immer noch und war ziemlich durcheinander. Ich hatte was geträumt, von einem eigenartigen Ort im Dschungel, ich trug ein Menschenkind auf dem Arm, vielleicht war es auch ein Primatenbaby. Weiterlesen

Ohne dich – von Matthias Pieper

Ohne dich 

Beitrag zum Wettbewerb „Frühling“ von Matthias Pieper – einer der drei Gewinner-Texte

Noch bleich vom Winter

Rose schaute lange aus ihrem Fenster in das Grün hinter der Klinik. Die Wiese war noch bleich vom Winter, der Wald stand dunkelgrau, vor ihrem Fenster stießen die Blätter der Narzissen wie Büschel grüner Skalpelle aus dem Boden. Wenn sie in die Tasse blies, um den Tee abzukühlen, beschlugen ihre Brillengläser, und Wald und Wiese verschwanden. Draußen war es sonnig und kühl, in den kahlen Sträuchern am Fußweg gleich unterhalb ihres Fensters ließen die Meisen ihre zweisilbigen Rufe hören. Weiterlesen

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