Pizza Hawaii, I love you

PIzza Hawaii

Dieser Text von Maria Unger stammt aus dem Food-Writing-Special.

Pizza Hawaii, I love you

Lucy Fricke hat mit „Töchter“ einen tollen Roman über zwei Frauen um die Vierzig geschrieben, die völlig ungeplant eine Reise machen. Sie beginnt in Berlin und führt über die Schweiz und Italien nach Griechenland.
Da ich mich bei „Food Writing“ angemeldet habe, obwohl ich nicht kochen kann, folge ich den Spuren der Ich-Erzählerin Betty, die sich, bevor sie an einem überquellenden griechischen Ostermahl teilnimmt, so charakterisiert:
Wir hätten nicht ablehnen können. Der Tisch war gedeckt für sechs Personen. Er bog sich unter Suppe, Gebäck und rotgefärbten Eiern. Die Mutter von Yannis, die ich bisher nur aus der Ferne gekannt hatte, umarmte uns alle nacheinander. Gegen diese Gastfreundschaft war kein Kraut gewachsen. Eine solche Gastfreundschaft konnte den schönsten Ort der Welt unerträglich machen. Man entkam ihr nicht und lobte sie nach der Rückkehr, aber eigentlich machte sie einen fertig. Das war eine Sache, die ich in Deutschland insgeheim schätzte. Niemand dort hatte mich je zum Essen gezwungen, jeder schien bereit, mich meinem Schicksal zu überlassen.

Pizza Hawaii, I Love You

„Bergmannstr. 104, 104 Stufen nach oben, bis es nicht mehr weitergeht“, so habe ich neuen Freunden meine Adresse beschrieben und bei der Zahl 104 gegrinst, wenn ich sah, wie sie die Augen rollten oder „Geht’s noch?“ stöhnten.
Heute grinse ich nicht. Ich bin 104 Stufen gestiegen mit einem Rollkoffer in der Hand, der auf ebener Strecke wunderbar rollt, aber für Stufen nicht gerüstet ist. Das wäre doch mal eine nützliche Erfindung! Ich stelle den Koffer ab, stecke den Schlüssel ins Schloss, drehe ihn um, die Tür geht auf. Endlich! Koffer rein, Schlüssel umstecken, Türe zu. Tief durchatmen! Ich recke mich, dehne mich: Wie-der-zu-Hau-se, wie-der-zu-Hau-se. Dazu gehört: Raus aus den Schuhen. Ramponiert sehen sie aus. Aber wie sollen sie sonst aussehen nach einem Drei-Wochen-Trip mit ramponierten Menschen in einem ramponierten Auto, mit Fähre, zu Fuß oder auf Eselsrücken, und zum Schluss mit der Bahn? „All inclusive“ kann man auch anders verstehen. Weiterlesen

„Austern essen?“ Text von Marita Brenken

Austern

Dieser Text stammt von der Gewinnerin des Food-Wettbewerbs und ist einer der zahlreichen Textgenüsse aus dem Kurs Food-Writing.

Austern essen?

„Ist hier noch frei?“

„Nein.“

„Vielen Dank, dann setzte ich mich mal! Ist ja der einzige freie Platz im Lokal.“

Das hatte ihr gerade noch gefehlt. Sie wollte in Ruhe ihren Sekt trinken und den ersten Tag des neuen Jahres genießen. Mit Blick auf die Alster. In feinem Ambiente. Stilvoll. Sie hatte das Kostüm mit dem Bleistiftrock gewählt, und dem taillierten Jäckchen, vierzig Prozent Mohair. Eine neue Strumpfhose hatte sie sich gegönnt und die Perlenkette angelegt. Nur einmal im Jahr trug sie Lippenstift und Nagellack, am ersten Januar, um das neue Jahr zu begrüßen. Das war ihr Ritual, eine freundliche Begrüßung war wichtig, um das Jahr milde zu stimmen, in jeder Beziehung. Und jetzt versperrte ihr diese Person, diese Matrone die halbe Aussicht auf das neue Jahr und die Umgebung. Raumgreifend. Sie trug keine elegante Perlenkette am fetten Hals, sondern gleich drei Reihen, und drei Reihen am feisten Handgelenk. Widerlich. Und dieses aprikotfarbene Gewand aus Seide, das sanft über die Fettpölsterchen floss, geschickte Tarnung, gutes Material, das konnte sie nicht leugnen. Sie drehte den Kopf zur Seite, um ihr Gegenüber nicht zum Sprechen zu animieren, hob ihr Sektglas, und prostete wortlos den Wolken zu, und Werner, der schon vor so langer Zeit von ihr gegangen war. Weiterlesen