Geschichten aus dem Hasenheim (eine etwas andere Weihnachtsgeschichte) von Maria Unger

Der Text ist im Kurs „Advent, Advent, das Textchen brennt“ entstanden

Personen:
Hoppo von Popo (ein alter Hase)
Hoppa von Popa (seine Gattin)

Der Vorhang geht auf.
Bühnenbild:

Wohnstube, an der Wand – groß – eine Reproduktion, Dürers „Hase“, daneben eine Großphotographie: Hochzeitsbild von Hoppo und Hoppa, daneben zahllose kleine Photos von Hasenkindern, -enkeln, -urenkeln usw. Durchs Fenster sieht man Schneetreiben, vom Plattenspieler her ertönt „Leise rieselt der Schnee“. Hoppo von Poppo sitzt gedankenschwer auf einem altmodischen Sofa, seufzt und wischt sich manchmal mit einem großen Schneuztuch Tränen ab. Nach einer Weile öffnet sich die Türe, Hoppa tritt ein mit einem Schälchen gestiftelter Karotten. Sie erschrickt, stellt das Schüsselchen auf den Beistelltisch und macht den Plattenspieler aus.

Hoppa: Ja du mein lieber Schnuckelhase! Ich hab’s geahnt, ich hab’s befürchtet: Du hast wieder deine Dezember-Depression, alle Jahre wieder.

Hoppo: …. kommt das Christuskind: Und mit dem begann der Abstieg unsere Hasendynastie. jahrhundertelang war Bethlehem die Stallhasenzucht-Metropole und bloß wegen geringfügiger Dax-Einbrüche stürzte sich die Börse auf die anfangs völlig übersehene Christkind-Aktie. Von wem das forciert wurde, weiß man heute noch nicht. Der Einzige, der diesen Kurswechsel überschaut hat, war der Hasen-Großaktionär Herodes, ohne Erfolg. Mit diesem Kind hat alles angefangen, bzw. mit dem ganzen Brimborium um das Kind herum: Werbestrategisch war das Ganze bestens organisiert: Zur Beruhigung der zeitgenössischen Hasenfraktion sprach man von einer Geburt im Stall, dann wurde – man nennt das die anthropozentrische Wende – der Hase durch ein Kind ersetzt und schließlich stellte man – auch das eine sehr langfristige und vorausschauende Planung – die ledige Mutter, die ihr Einzelkind vergöttert, ins Zentrum.

Hoppa: Das ist doch hasisch verständlich! Wenn man bloß ein Junges hat! Wenn diese Mutter in ihrem Leben wie ich 53 Junge geworfen hätte, sähe die Welt ganz anders aus! Wie viele habe ich dann verloren durch Fallen oder Schrotkugeln, aber immer wieder haben wir ….

Hoppo: Langfristig hat die Werbeagentur Paulus und Co. durch die Propagierung der so genannten „Heiligen“ Familie vor ca. 2000 Jahren den Grundstein für die Ein-Kind-Familie der Christen in der westlichen Welt gelegt. Die Chinesen haben diese Politik erst sehr viel später gefördert, aus anderen Gründen.

Hoppa: Aber damit verstoßen die Paulaner gegen ihre eigenen Prinzipien, die da heißen „Wachset und mehret euch“!

Hoppo: Meine liebe Hoppeline, es gilt jeweils das neueste Testament, und das, was du sagst, stand im Alten!

Hoppa: Komm du mir nicht mit juristischen Spitzfindigkeiten! Wenn ich mein Jura-Studium nicht nach einem halben Semester wegen fortwährender Schwangerschaften aufgegeben hätte, wäre ich heute eine Staranwältin. Sie stellt sich in Positur, doziert, gestikuliert gekonnt mit ihrer Hasenbrille:

ad 1: Wir Hasen sind, zwar nicht namentlich, aber gewissermaßen als Mitglied der Körperschaft „Tier“ schon am 5. Schöpfungstag erwähnt, waren folglich vor dem Menschen da.
ad 2: Die Regel „Wachset und mehret euch“ haben wir nach dem Vorbild unseres seligen Rammelow I. schon praktiziert, bevor sie ratifiziert wurde.
ad 3: Bei der Arche Noah wurden wir auf einer Anordnung des alten Chefs unter Artenschutz gestellt, weil das Verhalten der Menschen, nicht aber das der Tiere sündig war. Conclusio: Unser Geschlecht fußt also auf einer Jahrtausende alten, göttlich begründeten Tradition!

Hoppo: Das ist ja alles schön und gut, aber die Menschen kümmert seit Jahrhunderten weder Gott noch Tradition. Das neue Menschen-Motto lautet „Man muss mit den Wölfen heulen, und wenn einer nicht mitmacht, nennen sie ihn abfällig „Hasenfuß“.

Hoppa: Abfällig? Zum Glück! Deshalb landen wir nicht am Kreuz. Wir stiften kein Neues Testament, sondern wir gehen stiften. Man schlägt uns nicht ans Kreuz, weil wir Haken schlagen und flüchten.

Hoppo: Ja, wenn man es so sieht. – In der Lateinschule habe ich ja auch gelernt „Homo homini lupus“.

Hoppa: Und das ist kein Hasenlatein! Wir Hasen leben nach dem Motto: „Du sollst Deinen Nächsten lieben wie dich selbst!“ Das sollte man den Paulanern vielleicht mal sagen!

Hoppo: Ach, Hoppeline, wenn ich dich nicht hätte! Du kannst einen richtig aufrichten.

Hoppa: Du musst aber auch selbst was tun! Nimm jetzt deine Löffel und iss den Karottensalat. Karotten sind gut für die Augen, da werden dir die Lichter aufgehen! Hoppo frisst.

Hoppo: Hoppeline?

Hoppa: Ja?

Hoppo: Hoppelinchen? Weißt du, was Christiane Vulpius ihrem Goether-Gatten geschrieben hat.

Hoppa: Jetzt komm mir nicht mit fremden Frauen!

Hoppo: Sie hat ihm geschrieben, sie fühle sich so „hasig“, so hat sie ihm geschrieben. Und das nicht nur zur Weihnachtszeit.

Hoppa: Das ist die erste Menschenfrau, die mir nachahmenswert erscheint. Sie holt einen Kalender des Jahres 2015. Hoppolino?

Hoppo: Ja?

Hoppa: Jetzt blättern wir im Kalender einige Seiten voraus und feiern das Fest der Osterhasen, die Auferstehung. Das Schneetreiben vor dem Fenster hat aufgehört. Hoppa geht zum Plattenspieler und legt „Häschen in der Grube auf“. Als sich der Vorhang schließt, kann man gerade noch sehen, wie sie Hoppo ihre Hasenpfote reicht und ihn sanft in einen anderen Raum führt.

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