Die Freiheit des Schreibens

Frei sein - Karussell

Ein seltsam Ding

Es ist ein seltsam Ding mit der Freiheit des Schreibens: Viele wollen Romane und Erzählungen schreiben, weil sie sich dadurch frei fühlen und weil das (kreative) Schreiben eine der letzten Bastionen des individuellen Ausdrucks eines Menschen ist. Der nigerianische Autor Peter Kimani formuliert das recht drastisch: „Literatur“, so sagt er, sei „in der heutigen Welt womöglich als einziger Freiraum übrig“ geblieben. Weiterlesen

Die Zeit, die Zeit II: Was ist das epische Präteritum?

Rotkaeppchen

Was ist das epische Präteritum?

Das epische Präteritum kann einen zum (Ver)Zweifeln bringen. Es ist ein spezielles Phänomen der Literatur.  Denn da schreiben wir nicht genauso, wie wir im wirklichen Leben erzählen. Meist schreiben AutorInnen im Präteritum, das aber – anders als in der Normalsprache – damit keine Vergangenheit ausdrückt. Sondern im Gegenteil: es simuliert eine Gegenwart. Käte Hamburger legte dieses Phänomen 1957 in „Die Logik der Dichtung“ dar. Es ist an sich ja paradox, dass die Literatur durch eine Vergangenheitsform, das Präteritum, eine Gegenwart imitiert. Darüber gab es natürlich immer wieder Streit. Ich aber schließe mich der Interpretation Käte Hamburgers an. Denn wir lesen die Geschichten, die im Präteritum erzählt sind, so, als würden sie jetzt, gerade eben, stattfinden. Weiterlesen

Die Zeit, die Zeit – Teil 1

Zeit

„Keine Zeit, keine Zeit“ ruft der Hase bei „Alice im Wunderland

Die Zeit, die Zeit

Unser Zeitempfinden ist ein seltsames Ding. Manchmal rast sie, die Zeit. Dann wieder vergeht sie unendlich langsam. Insbesondere Kinder, die auf die großen Ferien, den Weihnachtsmann oder den Vater … warten, wissen, dass die Zeit auch quasi stillstehen kann. Dann wieder gibt es Momente, eben wenn der Papa gekommen ist, das Christkind klingelt, die Ferien schon wieder fast vorbei sind, wo wir sie gerne anhalten würden. Oder gar: sie zurückdrehen wollen. Wenn der erste Kuss zu schnell vorbei war, die erste Liebe vertrocknete, oder: Wenn wir endlich nach langer Suche nach neuen Ideen, Sätzen oder Wendepunkten im Flow, in der Versenkung sind. Die Zeit beschäftigt uns ein Leben lang und immer mal wieder im Leben. Sie begleitet uns durch die Jahreszeiten und natürlich, wenn wir uns beim Altern zuschauen. Weiterlesen

Das Leben gehört den Lebenden

Ursula Sinemus

„Das Leben gehört den Lebenden“,

so lautet der Titel des zweiten Romans  von Ursula Sinemus und das war auch Ursulas Lebensmotto. Sie starb in den frühen Morgenstunden des 02. Mai im Alter von 79 Jahren in Mölln.

Es gibt Begegnungen, die sind ganz besonders. Die von Ursula Sinemus und mir war so. Komisch, schüchtern, auf jeden Fall nachhaltig. Komisch war ich, schüchtern war sie: Ursula – aber nur auf den ersten Blick. Kannte man sie näher, schälte sich eine Draufgängerin heraus: sie war unerschrocken, sie war abenteuerlustig – und immer neugierig. Und sie war bescheiden. Das hatte ich wohl anfangs mit Schüchternheit verwechselt. Weiterlesen

Bild und Text für biographische Projekte

Interessante Projekte

Auf unserer Suche nach den Vor- und evtl. Nachteilen biographischen Schreibens sind wir auf interessante Projekte gestoßen. Diese arbeiten mit einer Symbiose von Bild und Text – und passen sich dadurch den Gewohnheiten der modernen Rezeption an. Sie sind in kurzer Zeit zu lesen und anzuschauen. Man kann aber auch länger verweilen. Keinesfalls leidet das Reflektionsniveau. Und: Sie regen zur Nachahmung an.

Vielleicht probieren Sie auch einmal eine Mischung aus Bild und Text – insbesondere für biographische Texte – aus?

Projekt 1: Nora Krug

Nora Krug Weiterlesen

Kostbare Augenblicke

Augenblicke

Text von Frigga Pfirrman als Antwort auf unsere Frage: „Ist autobiographisches Schreiben heilsam?

 

Kostbare Augenblicke der Erinnerung an Hildegard Anna Gottwald

Am 1.März jährte sich wieder ihr Geburtstag. Ich spreche von meiner Mutter. Sie war ein Kind des frühen 20.Jahrhunderts. Geboren im 1. Weltkrieg. Sie wuchs mit vielen Geschwistern auf und verließ mit 14 Jahren – nach dem Ende ihrer Schulzeit – das strenge Elternhaus in Schlesien. Nie wieder kehrte sie zurück.

Sie arbeitete als Haustochter bei verschiedenen Familien und an verschiedenen Orten. Sie wurde geschätzt, blühte auf und lebte sehr selbständig. Wenn sich etwas Besseres bot, wechselte sie ihre Stelle. Sie ließ sich eine Zeitlang in Berlin nieder, danach in Leipzig und später in Wien, wo sie meinen Vater traf.

Er war Berufssoldat. Der 2. Weltkrieg war in vollem Gang. Sie heirateten kurz vor der Geburt meines Bruders während eines Heimaturlaubs meines Vaters. Die Heimat meines Vaters – die Südpfalz – wurde auch ihre. Weiterlesen

„Austern essen?“ Text von Marita Brenken

Austern

Dieser Text stammt von der Gewinnerin des Food-Wettbewerbs und ist einer der zahlreichen Textgenüsse aus dem Kurs Food-Writing.

Austern essen?

„Ist hier noch frei?“

„Nein.“

„Vielen Dank, dann setzte ich mich mal! Ist ja der einzige freie Platz im Lokal.“

Das hatte ihr gerade noch gefehlt. Sie wollte in Ruhe ihren Sekt trinken und den ersten Tag des neuen Jahres genießen. Mit Blick auf die Alster. In feinem Ambiente. Stilvoll. Sie hatte das Kostüm mit dem Bleistiftrock gewählt, und dem taillierten Jäckchen, vierzig Prozent Mohair. Eine neue Strumpfhose hatte sie sich gegönnt und die Perlenkette angelegt. Nur einmal im Jahr trug sie Lippenstift und Nagellack, am ersten Januar, um das neue Jahr zu begrüßen. Das war ihr Ritual, eine freundliche Begrüßung war wichtig, um das Jahr milde zu stimmen, in jeder Beziehung. Und jetzt versperrte ihr diese Person, diese Matrone die halbe Aussicht auf das neue Jahr und die Umgebung. Raumgreifend. Sie trug keine elegante Perlenkette am fetten Hals, sondern gleich drei Reihen, und drei Reihen am feisten Handgelenk. Widerlich. Und dieses aprikotfarbene Gewand aus Seide, das sanft über die Fettpölsterchen floss, geschickte Tarnung, gutes Material, das konnte sie nicht leugnen. Sie drehte den Kopf zur Seite, um ihr Gegenüber nicht zum Sprechen zu animieren, hob ihr Sektglas, und prostete wortlos den Wolken zu, und Werner, der schon vor so langer Zeit von ihr gegangen war. Weiterlesen

Die Jury hat gesprochen – Gewinnertext ist „Der Zwiebelkuchen“

Jury

22 Jury-Mitglieder

Vielen Dank an alle, die sich am Wettbewerb Food-Writing beteiligt haben: An die vier AutorInnen und an die zweiundzwanzig (22!) selbst ernannten Jury-Mitglieder. Es hat Spaß gemacht, mitzuerleben, wie Sie uns die Arbeit abgenommen haben. Vielen Dank!

Gewonnen hat „Der Zwiebelkuchen und die Suche nach dem Glück“ mit dem eindeutigen Votum von 17 von 22 abgegebenen Stimmen – abgegebene Stimmen bedeutet, dass per Mail an schreibwerk berlin das jeweilige Votum geschickt wurde.

2 Stimmen  erhielt Text 1, Plädoyer für eine Wurst, die beiden anderen Texte je eine Stimme. Den drei MitbewerberInnen, die heute leer ausgehen, gilt unser großer Dank und die Hoffnung, dass sie Freude am Schreiben hatten. Auch möchten ich ihnen zurufen: schreibt weiter, verliert weiter, das ist der richtige Weg bis zum Gewinn (fail, fail again, fail better).

Gewinnerin ist Marita Brenken

Marita Brenken hat die Teilnahme am Online-Kurs Food-Writing gewonnen. Sie lebt in Berlin und hat sogar schon ein Buch übers Essen&Lieben geschrieben: Vom Essen und Lieben.


Stellvertretend für alle mit dem Votum abgegebenen Begründungen sei hier jene von Frau Martina Arnold genannt:

Platz 1 Zwiebelkuchen.
Begründung: Sehr sinnlich schöne Beschreibung des Zubereitens, geschickt verwoben mit Ebene 1: Die Sehnsucht nach dem Sohn und Ebene 2: der TV Sendung.
Man folgt der Köchin und Mutter sehr gern, hat Sympathie für ihre Gedanken und Gefühle. Das ist einfach gut geschrieben, mit viel Warmherzigkeit.

Die Texte wurden mit Kommentaren versehen, auch hier wieder eindeutig: Für den „Zwiebelkuchen“ gab es 12 Kommentare, die „Wurst“ erhielt 3 Kommentare, ebenso „Endstation Essen“.

Zu unserem Online-Special „Food-Writing“ nehmen wir gerne noch Anmeldungen entgegen: Start ist der 17. Januar 2019.

Hier können Sie noch einmal alle Beiträge nachlesen.

Wettbewerb Food Writing – Die Beiträge

 

Die Ausschreibung lautete folgendermaßen

Wettbewerb: Schreiben Sie einen Text (bis zu 5 Seiten) über ein Essen in der Weihnachtszeit. Schicken Sie uns den Text bis zum 31. Dezember (info@schreibwerk-berlin – Betreff: Wettbewerb Food-Writing). Gewinnen können Sie die Teilnahme am Online-Kurs Food-Writing. Der führt rund ums Essen zu Blog- oder literarischen Texten oder zu Essays. Der Kurs dauert drei Wochen und präsentiert jeweils in einem Anregungstext das Thema, danach sind die TeilnehmerInnen aufgefordert, ihren aktuellen Text zu schreiben. Erlaubt sind dieses Mal auch Fotos und Instagram-Texte.