Fatumas Fladenbrot – Short Story von Ernst Steffani

Fatumas Fladenbrot – Short Story von Ernst Steffani

Diese Short Story ist im Speed-Writing entstanden. Ernst Steffani wurde 1985 in Hamburg geboren. Nach einigen Jahren im Ausland lebt er in Berlin, ist selbständig und versucht sich an einer Promotion über nachhaltige Geschäftsmodelle. Aber eigentlich ist er am liebsten zusammen mit meinem Notizbuch irgendwo in der Welt unterwegs.

Fatumas Fladenbrot

Nora genoss diesen Moment. Die Nacht war vorbei. Der Morgen graute und sie stand erschöpft, aber seltsam erleichtert irgendwo auf einer Straße in Kreuzberg, vor einem dieser niemals schließenden, stetig vor sich hin vibrierenden Kellerclubs. Langsam fing sie an, ihre Sinne wieder wahrzunehmen. Sie schmeckte die frische Morgenluft. Sie fühlte, wie diese ihren schwitzenden Körper angenehm kühlte.  Für heute war es genug. Sie spürte bereits, dass die Wirkung des Ecstasy nachließ. Weiterlesen

Der Frauenarzt beim Abendessen – von Katharina Herrmann

Der Frauenarzt beim Abendessen – von Katharina Herrmann

Dieser Text ist im Online-Kurs Literarisches Schreiben entstanden. Die Aufgabe lautete, einen Helden mit professioneller Deformation zu inszenieren.

Katharina Herrmann lebt in Berlin-Tempelhof, ist im Bereich Kulturvermittlung/Museum tätig und hält gern in Wort und Bild Alltägliches und Absurdes fest.

Frauenarzt beim Abendessen

Hoffentlich hat die olle Seefeldt die restliche Bestellung im Blick? Poloshirts sind einfach zeitgemäßer, und die backsteinroten machen erst recht was her. Die jungen Damen achten ja auf sowas. Gut, dass ich die Praxis doch nicht verkauft habe. Die Gegend wird immer jünger und fruchtbarer. Aber heute werden wir Mittel- bis Spätmittelalten, in der ausklingenden fertilen Lebensphase, unter uns sein. Bis zum zweiten Gläschen Wein werden wir wieder versuchen uns vorzugaukeln, dass unser Leben im Fluss ist. Nie besser war. Dass wir im besten Alter durch´s Leben gehen, keinesfalls jünger sein wollen.

Apropos: Martin kommt mit einer deutlich verjüngten Version seiner Frau. Ich muss die Brille aufsetzen. Nein, ich diagnostiziere ein neues Modell; eindeutig im besten reproduzierbaren Alter mit einem gebärfreudigen Becken. Glatte Haut und auch die wohlgeformten Brüste verheißen ein ausgewogenes Hormonprofil. Martin, Du Glücklicher. Oh ja, schön Dich kennen zu lernen, Du kleine Venus! Weiterlesen

Schachmatt – Short Story von Martina Siems-Dahle

Schachmatt – Short Story von Martina Siems-Dahle

Diese Short Story ist im Kurs Speed-Writing entstanden. Martina Siems-Dahle ist Autorin und lebt in Köln

Schachmatt

Aus den Augen verloren

Wie hatten alle etwas anderes studiert. Aber unsere Unistadt war übersichtlich gewesen, man konnte sich nicht aus dem Weg gehen. Was auch prima war – wir wurden beste Freunde. Aber wie das so ist: Zu unseren Hoch-Zeiten waren wir acht Mädels und Jungen, die ihren Spaß hatten. Drei sind übrig geblieben. Felicitas, Ferdinand und ich. Nein – soweit ich weiß, ist vom Rest bisher niemand gestorben Aber man hat sich aus den Augen verloren.

In den vergangenen dreißig Jahren haben wir uns maximal fünf Mal gesehen, ab und zu miteinander telefoniert oder gemailt. An meiner Seite begleitet mich seit zwanzig Jahren Gisela, meine Frau. Sie hat mit unserer Studienzeit nichts zu tun, sie kennt die anderen nur flüchtig. Ich habe eigentlich auch nie viel erzählt – von früher. Das war meine Zeit. Unsere ist eine andere. Weiterlesen

Schreiben in Zeiten der Digitalisierung 2

Schreiben in Zeiten der Digitalisierung 2

Wie die Sternschnuppe so schnell

Wir erzählen – und lesen– Geschichten kaum mehr ohne Bilder. Die Literaturliteratur scheint ein aussterbendes Genre zu sein. Zumindest gibt es immer weniger LeserInnen (dafür aber immer mehr AutorInnen). Modernes Storytelling, also Geschichten-Erzählen, kommt mit Bildern, kurzen Absätzen und Zwischenüberschriften daher. Wir sind es inzwischen gewohnt, über den Bildschirm zu scrollen, um eine Information zu vertiefen – oder um zum nächsten Artikel zu wechseln. Wie uns die TV-Werbung mit den schnellen Schnitten in den 80er und 90er Jahren des letzten Jahrhunderts beigebracht hat, denken und sehen, vielleicht auch „erkennen“ wir unglaublich viel schneller als in den Jahrhunderten und Jahrtausenden zuvor, wo ein Gedanke bei seiner Entstehung beobachtet werden durfte. Jetzt beobachten wir den Gedanken allenfalls bei seinem Erlöschen. Wie die Sternschnuppe so schnell. Weiterlesen

Schreiben im Zeitalter der Digitalisierung (1)

Schreiben im Zeitalter der Digitalisierung (1)

Internetliga

Die Digitalisierung hat unsere Welt verändert. Nicht nur wir „Bürgerinnen und Bürger“ sind digital vernetzt, auch die Politik will die Digitalisierung zur „Chefsache“ machen. Sie kommt damit reichlich spät, und jeder, der in ein anderes Land reist, wird bemerken, dass Deutschland mitnichten in der ersten Digitalliga spielt. Schlechtes Netz auf dem Land, viel zu wenig Hotspots, horrende Internetkosten … und natürlich viele Programme, die das alles verbessern wollen, aber bürokratisch daher kommen und die Glasfaser irgendwo im brandenburgischen Streusand versenkt – ohne Anschluss, wie manchmal bei der Deutschen Bahn.

Doch lassen wir mal die Klagen und schauen uns an, wie diese digitale Welle auf uns zugekommen ist. Weiterlesen

Le Bassin – Siegerbeitrag von Matthias Pieper zum Wettbewerb Kindheitssommer

Le Bassin – Siegerbeitrag von Matthias Pieper zum Wettbewerb Kindheitssommer

Wettbewerbsbeitrag Nr. 4 von Matthias Pieper, Platz 1

Le Bassin

Unser hellblauer VW Käfer

Unser hellblauer VW Käfer fuhr mit klingelndem Auspuff am Flüsschen Furand entlang die letzten kurvigen Kilometer Landstraße von der Route Nationale zu dem alten Kloster Saint Antoine in der Nähe von Grenoble.
Das war 1977, ich war 10, meine Eltern hatten sich gerade getrennt. So fuhren meine Mutter, meine Zwillingsschwester und ich zu dritt in den Urlaub nach Frankreich. In einem Käfer war das eine lange Fahrt, stundenlang auf Autobahnen, mit einem Dachgepäckträger voller hell- und dunkelbrauner Kunstlederkoffer oben drauf.
Ich hatte einen neuen Stoffaffen, genannt Herr Nilsson, aus dessen Kopf oben eine Schnur mit einer weißen Perle am Ende herauskam. Zog man sie heraus, spielte eine Spieluhr im Innern „Weißt du, wieviel Sternlein stehen?“

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Kindheitssommer – Beitrag z. Wettbwerb Kindheitssommer – von Ruth Maria Knapp

Kindheitssommer – Beitrag z. Wettbwerb Kindheitssommer – von Ruth Maria Knapp

Kindheitssommer

Wettbewerb Beitrag Nr. 5 von Ruth Maria Knapp, 3. Platz (geteilt)

Der Himmel hoch und ungeheuer blau

Es ist warm, der Himmel hoch und ungeheuer blau. Solche Sommer gab es damals. Emilie zeigte ihr die fetten Dotterblumen am Bach. Nein, das sind keine Butterblumen, richtige Sumpfdotterblumen sind das, eine Kostbarkeit, die darf man nicht pflücken, die fühlen sich in der Vase nicht wohl. Anders als die Veilchen im Frühjahr, je dunkler das Lila, desto stärker ihr Duft. Dazu nahmen sie die Schlüsselblumen, die Himmelsschlüssel, der Name schöner als die unscheinbaren blassen Blütenkelche. Kuckucksblumen gab es viele, aber die taugen nicht für den Strauß, der Löwenzahn auch nicht – nicht schön genug. Weiterlesen

Es war … Beitrag zum Wettbewerb Kindheitssommer von Brigitta Scherleitner

Es war … Beitrag zum Wettbewerb Kindheitssommer von Brigitta Scherleitner

Es war

Beitrag Nr. 10 von Brigitta Scherleitner zum Wettbewerb Kindheitssommer Platz 3 nach Juryvotum (geteilt)

 

Es war…

einer dieser Sommer mit Morgenkühle und blankem Himmel, der Freude auf Abenteuer, überwucherten Beeten der Gärtnerei, dem alten Zaun mit gebrochenen Latten, die lose hingen an rostigen Nägeln, umgestürzten Marmorsteinen, deren ausgewaschene Buchstaben der Nachwelt erzählten, von wessen Grab sie stammten, in deren Nähe wir gerne spielten und Reden hielten zur Ehre derer, deren Leben wir erdachten, schmalen Gleisen, zwischen denen Löwenzahn wuchs und Wegwarte, dem steilen Hohlweg, der in den Wald führte, sperrigen Wurzelstufen, über die wir aufwärts sprangen, voller Freude und Erwartung, dem Wäldchen zu, in dem es so still war, dass wir unsere Schritte knacken hörten auf der Nadelstreu, wo das Sonnenlicht geheimnisvolle Flecken auf den Boden zauberte, der großen Lichtung mit den vielen Brombeersträuchern, die wir durchpflügten, trotz der Stacheln, die unsere Beine und Arme zerkratzten, nur die schwarzen Beeren im Sinn, deren süßer Saft unsere Lippen rot färbte, dem Hügel mit der bunten Sommerwiese, wo wir uns voller Lust ins hohe Gras warfen, zwischen leuchtend roten Mohn und Pechnelken, Wiesensalbei und Margeriten, und uns darauf freuten, den Hang hinab zu rollen, schneller, immer schneller, bis wir am Fuße des Hügels zum Stillstand kamen, uns aufrichtend, die Kleidung von Gras und Halmen befreiten, mit einem kleinen Gefühl der Schuld, wegen der vielen Grasflecken auf Hemd und Hose, mit denen Mutter viel Arbeit haben würde.