Leben im Corona-Country – von Jochen Witte

Haus an der Schlei

Leben im Corona-Country – von Jochen Witte

Jochen Witte hat als Unternehmer und Manager in der Softwarebranche gearbeitet. Jetzt segelt er und schreibt Geschichten.

Es klingelt an der Tür

Es klingelt an der Tür. Seltsam, wer kann das sein? Vielleicht unser Nachbar von gegenüber? Aber in diesen ansteckenden Zeiten meiden wir den Kontakt. Wenn wir uns draußen im Garten sehen, sprechen wir aus sicherer Distanz.
Ich lege mein Buch beiseite und betrete den kleinen Flur. Durch die Glasscheibe in der Haustür sehe ich zwei Polizeibeamte. Das ist das erste Mal in den bald sechzig Jahren meines Lebens, dass die Polizei bei mir klingelt. Ich ahne, worum es sich handeln könnte und öffne die Tür.

Ein Beamter steht etwa zwei Meter von mir entfernt, sein Kollege hält noch größeren Abstand. Wirken sie verlegen, oder kommt mir das nur so vor?
Höfliche Begrüßung, wir nicken uns zu. Ob wir aus Wiesbaden kämen, fragt der mir Näherstehende und zuckt mit seinem Kopf in Richtung unseres Wagens, der unter dem Carport abgestellt ist.

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Das Corona-Tagebuch I: 22. und 23. März

Katzen

Das Corona-Tagebuch

Sie finden hier Texte aus dem „Corona-Tagebuch“ Texte unterschiedlicher AutorInnen vom 22. und 23. März 2020. Weitere Texte folgen in loser Reihenfolge. Die Auswahl der Texte und ihre Zusammenstellung ist zufällig und transportiert keineswegs ein Urteil der Textqualität.

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Die Zeit, die Zeit III: Leben in Zeiten von Corona

schwarzes Loch

Die Zeit, die Zeit III: Leben in Zeiten von Corona

Schreiben Sie Ihr Corona-Tagebuch

Die Astrophysiker sagen, vor dem „schwarzen Loch“ (von denen in letzter „Zeit“ sehr viele entdeckt wurden), verlangsame sich die Zeit. Im Loch gibt es keine Zeit. Nach dem Loch aber: die Zukunft.

Unsere Zeit, mit Stunden und Minuten, Sekunden und Nanosekunden, mit Arbeitszeit und Freizeit, mit Kinder- und Elternzeit, mit einem von uns als normal angesehenen Rhythmus, sei eine Illusion.

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Franziska Hauser legt neuen Roman vor: Die Glasschwestern

Franziska Hauser

Im Jahr 2018 noch stand Franziska Hauser mit „Die Gewitterschwimmerin“ auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Jetzt ist ihr dritter Roman, Die Glasschwestern, im Eichborn Verlag erschienen.

Anlässlich der Buchpremiere erschien im Berlin-Magazin „Mein/4. Das Stadtmagazin für Berlin“ ein Interview mit der Autorin und Mitarbeiterin von schreibwerk berlin, das wir hier stolz gekürzt wiedergeben.

„Kurz und knapp“ ist eine Interview-Serie des Berliner Fotografen Jens Wazel, das Interview ist in „Mein/4-Berlin“, einem Berliner Stadtmagazin erschienen: Wir haben das Interview gekürzt.

Eine Unterhaltung mit Franziska Hauser

Kurz und knapp… wer bist Du?

Ich bin Schriftstellerin und Fotografin. 75 bin ich in Pankow groß geworden, und seitdem 4 U-Bahn-Stationen weitergekommen. Jetzt wohne ich im Prenzlauer Berg. […]

Wann hast Du mit dem Schreiben angefangen?

Mein Vater hat mich, als ich elf Jahre alt war, gefragt, was ich später werden will, hat eine Kamera aufgestellt und ich habe aus vollem Herzen gesagt: Ich will Schriftstellerin werden. Mit 34 habe ich aber erst angefangen. Vielleicht lag es an meiner Legasthenie, dass ich immer dachte, ich darf die Worte nicht benutzen, weil ich sie nicht richtig schreiben konnte. Dann hat mein Ex-Mann gesagt, die Rechtschreibung sei nicht so wichtig und ich habe angefangen.

Und dann?

Ich schreibe jetzt am vierten Roman. Es ist schwer zu sagen, wovon er handelt, weil es meistens ist wie ein Forschungsauftrag. Ich will irgendwas rausfinden und tue das indem ich eine Geschichte darüber schreibe.

Sind es wahre Geschichten?

Der zweite Roman ist biografisch. Er handelt nicht von mir, sondern von meiner Mutter und der ganzen Familie. Es hat sieben Jahre gedauert, daran zu schreiben und als er fertig war, habe ich mich sehr danach gesehnt, mir wieder was ausdenken zu dürfen. Das habe ich jetzt gemacht.

Dein neuer Roman „Die Glasschwestern“ ist gerade erschienen. Wie geht es dir damit?

Diesmal bin ich seltsamerweise sehr aufgeregt. „Die Glasschwestern“ ist ein Roman, von dem ich sagen kann, dass er so geworden ist, wie ich ihn mir vorgestellt habe. So wollte ich ihn haben. Das kann ich. „Die Gewitterschwimmerin“ konnte ich eigentlich nicht. Damit habe ich etwas Unmögliches versucht und mich auch übernommen. Ich hoffe, dass nun der neue Roman zumindest so gut aufgenommen wird, dass ich den Vierten auch wieder loswerde. Denn wenn nicht, bin ich wieder gezwungen, etwas Unmögliches versuchen.

Wann und wo schreibst Du?

Bisher ging es nur 20 Minuten, während die Kartoffeln kochten oder in der U-Bahn auf dem Weg von einem Job zum nächsten, in der Garderobe, während eins der Kinder beim Tanzkurs war. Immer wenn Zeit war. Auch wenn keine Zeit war, zwischendurch. Ich bin schon stolz auf diesen zweiten Roman und auf die Buchpreis-Nominierung. Aber viel stolzer bin ich eigentlich darauf, dass ich es geschafft habe, nebenbei zwei Kinder großzukriegen und zu ernähren und Geld zu verdienen in Jobs, die zwar schlecht bezahlt sind, dafür aber einen Sinn haben, den ich mit Stolz vertreten kann. Das ist für mich die eigentliche Leistung da dran.

Klar gab es auch ständig Verzweiflungsanfälle, in denen ich mich bei der ganzen Welt beschwert habe, dass es so auf keinen Fall weitergehen kann. Die Arbeit nie ablegen zu können, belastet ja immer die Familie und die Liebe.

Inzwischen sind die Kinder so groß, dass ich regelmäßiger schreiben kann.

Viele Deiner Texte spielen in der Vergangenheit…

Woraus soll man sonst schöpfen? Vielleicht sind meine Texte auch wie meine Fotos. Da ist immer viel kaputt und alt und es ist viel Geschichte drin.

Allerdings habe ich mich mit dieser Familiengeschichte auch selbst traumatisiert. In „Die Gewitterschwimmerin“ kommt eigentlich alles Schreckliche vor, was Menschen einander so antun können. Das habe ich ja alles irgendwie durchlebt. Ich dachte, ich wäre es los, wenn das Buch fertig ist. Aber es liegt mir immer noch wie ein Fels auf den Schultern und hat mich total empfindlich gemacht. Ich könnte bei jedem Stolperstein auf dem Bürgersteig losheulen. Davon gibt es ja im Prenzlauer Berg wirklich eine Menge, und andererseits bin ich ja auch froh, von diesem spürbaren Geschichtenreichtum umgeben zu sein.

Du bist ein Ost-Kind, hast Du auch ein Ost-Thema?

Wenn ich ein bisschen älter wäre, hätte ich auch diese maroden DDR-Schwarz-Weiß-Fotos machen können, von leeren Straßen, in denen ein Trabi steht, ein paar Straßenkatzen auf kaputten Fenstersimsen sitzen, und Omas in Dederon-Kitteln Einkaufsnetze schleppen. Man konnte ja sehr schöne Fotos machen in der DDR. Die waren auch damals schon schön. Und nach der Wende waren eben überall nur noch Autos, und Werbeplakate und alles wurde so laut und bunt und grell, und einfach fotografisch für mich nicht mehr interessant.

Was macht dann die Fotografin?

Was man nicht mehr fotografieren kann, kann man immer noch beschreiben. Ich hole alles schreibend zurück. Dabei habe ich gelernt, dem Leser nicht vor die Füße zu werfen, was ich selbst interessant finde. Das funktioniert nicht. Ich muss ihm zutrauen, es selbst rauszufinden, und das finden dann natürlich oft die Leute raus, die aus dem Osten kommen, weil sie vielleicht dieselbe Sehnsucht haben. Nach einer Welt, in der es nicht nur um Geld geht. Mit dem fotografieren ist es genauso. Der Betrachter muss selbst denken dürfen.

Was kommt als Nächstes?

Mein Uropa hat immer gesagt, das Leben fängt erst an, wenn der Hund tot ist und die Kinder aus dem Haus sind. Ich merke schon, dass ich jetzt langsam mal versuchen muss, eine andere Rolle zu finden und nicht mehr immer diese Herbergsmutter bleiben kann mit einer großen Wohnung, wo ständig Essen auf dem Herd steht und Kinder und Freunde da sind. Das ist einfach mein Lieblingszustand, aber der ergibt sich immer seltener. Schließlich habe ich jetzt schon eine kleine Enkeltochter.

Verdienst Du Deinen Lebensunterhalt mit dem Schreiben?

Im Moment ist es mein Lebenskonzept, immer so wenig Geld zu haben, dass ich mir keine Flugreisen leisten kann. Geld zu haben, stresst mich total. Auch wenn es ein Depot wäre. Ich brauch dieses Gefühl, verletzbar zu sein. Das geht natürlich nur in diesem hängemattenartigen Sicherheitsgefühl, das ich hier habe und mit der Möglichkeit, neben den Jobs noch genug Zeit zu haben. Im Moment unterrichte ich Deutsch als Fremdsprache und mache jeden Monat Interviews für Das Magazin. Einerseits leidet das literarische Schreiben darunter, wenn die Brot-Jobs sich immer dazwischendrängen, andererseits profitiert es auch von diesem kreativen Kampf, den ich zu führen gezwungen bin.

Wohin verreist Du gerne?

Das Prinzip Urlaub habe ich irgendwie nie richtig verstanden. Viele Leute müssen ja offenbar ständig irgendwo hin, weil irgendwer gesagt hat, dass es da toll ist und weil sie einfach dieses Bedürfnis haben. Ich verreise zwar auch total gerne, aber nur, wenn ich einen Grund hab, wenn es irgendeinen Sinn gibt, wenn ich da was rausfinden will oder jemanden besuche oder eine Lesung habe.

Bist Du dann eher ein Stadtmensch?

Ich wurde von dieser Stadt erzogen, habe gelernt, mich nicht ausbeuten zu lassen, mir zu nehmen was ich brauche und mich trotzdem anzupassen. Ich bin einerseits eine Berliner Straßenkatze – rede gerne mit Obdachlosen und verrückten Leuten – und andererseits auch eine verwöhnte Wohlstandstochter, indem ich den allergrößten Teil des kulturellen Angebotes hochnäsig ablehne, weil es mir nicht interessant genug ist und all mein Geld für gute Lebensmittel ausgebe. In beidem sehr individualistisch. Ich könnte behaupten, dass ich mit allem irgendwie klarkomme, aber sobald ich nicht jederzeit sagen darf, was ich denke, komme ich nicht mehr klar. Das ist meine „Berliner Erziehung“. Ich halte mich nicht gerne an vorgegebene Richtlinien. Solche Jobs wie einen Hausflur zu wischen, sind Sachen, an denen ich festhalte. Vielleicht aus dem Bedürfnis mich immer mal wieder selbst zu prüfen. So etwas machen inzwischen viele, wie ich festgestellt habe.

Und wenn Du mal draußen bist…?

Wenn ich auf dem Land bin und merke, dass ich von der Stille schon gar nichts mehr weiß und von der Langsamkeit, mit der dort die Dinge passieren, die einem nur auffallen können, wenn man genau hinsieht, dann komme ich mir ganz degeneriert vor. Ich könnte mich diesem stillen Dasein wahrscheinlich nur schwer ergeben, zumal es mir jeden Tag schwerer fällt, mit der Klima-Krise-Depression klarzukommen. […]

Vielen Dank!

Im Schatten der Welle – ein Roman über die Folgen des Tsunami

Titelbild Im Schatten der Welle

„Im Schatten der Welle“ – ein Roman von Andie Arndt

Ein Roman über die Folgen des Tsunami. Hier erzählt Andie Arndt die Entstehungsgeschichte.

Dieser Roman ist all jenen gewidmet,
die im Tsunami 2004 umkamen,
den Verschwundenen und denen, die sie liebten.
Schmerz geht, Liebe bleibt.

Im Frühjahr 2014 kam ich von einem längeren Auslandsaufenthalt zurück nach Berlin. Ich hatte u.a. wieder eine Zeitlang in Indonesien verbracht, was mir zur zweiten Heimat wurde. Schon seit einiger Zeit schrieb ich an einem privaten Blog, doch das reichte mir irgendwann nicht mehr. Ich beschloss, die Schreiberei professioneller anzugehen und meldete mich bei Hanne Landbeck zum Online-Kurs „Kreatives Scheiben“ an, nicht ahnend, dass dies mein Leben verändern würde! Weiterlesen

Bild und Text für biographische Projekte

Interessante Projekte

Auf unserer Suche nach den Vor- und evtl. Nachteilen biographischen Schreibens sind wir auf interessante Projekte gestoßen. Diese arbeiten mit einer Symbiose von Bild und Text – und passen sich dadurch den Gewohnheiten der modernen Rezeption an. Sie sind in kurzer Zeit zu lesen und anzuschauen. Man kann aber auch länger verweilen. Keinesfalls leidet das Reflektionsniveau. Und: Sie regen zur Nachahmung an.

Vielleicht probieren Sie auch einmal eine Mischung aus Bild und Text – insbesondere für biographische Texte – aus?

Projekt 1: Nora Krug

Nora Krug Weiterlesen

Der Stachel

                                                                                                9. Januar 2018

Dies ist eine der Antworten auf unsere Frage: Ist autobiographisches Schreiben heilsam?

Hi M., 

meinst du auch wie der ein oder andere, meine kleinen Geschichten taugen nicht für einen Leser. Ziehen ihn nicht an. Locken ihn nicht hinter dem Ofen hervor. Wann taugen denn Geschichten, Erinnerungen, Gedanken zu ihm zu ihr zu uns allen? Und wem sollen sie taugen? Soll nicht einfach  Wahrheit erneut gefunden und erfahren werden? Der Stachel “ bin ich gut genug, schreibe ich gut genug “ bohrt sich in meinen Kopf und  meine Seele und wird zur drängenden Frage. Gut genug ? Für wen? Für dich? Für mich? Für alle?

Erinnernd erzählen

Dir zu schreiben ist mir eine Freude. Mich zu erinnern öffnet mein Inneres für dich und für mich selbst. Und s i n d wir nicht erst, wenn wir uns erinnernd erzählen?
Ist das nicht Grund genug es zu tun? Ich schreibe, gut oder nicht. Es brodelt in meinem Kopf. Erinnerungen und Gefühle verweben sich miteinander, berühren, rühren auf, freuen, schmerzen. So kommst du mir näher. Bist schließlich ganz nah. Plötzlich will ich ganz genau wissen, wer du bist, was du gefühlt hast, was du gedacht hast. Es drängt mich zum Schreiben. Schreibend zu erfahren. Erinnernd zu begreifen. Nie war mein Wunsch zu schreiben intensiver als gerade jetzt.

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Ist autobiographisches Schreiben heilsam?

Autobiographisches Schreiben ist oft der erste Impuls, AutorIn zu werden. Das kann ein Trauma sein, irgendeine Art von Missbrauch, den sie oder er in der Kindheit oder auch später erlitten hat, eine Krankheit oder eine schwierige aktuelle Situation. Ein Tagebuch beginnen wir meist in der späteren Kindheit oder Jugend und notieren alle schlechten Gefühle – weniger die guten. Paul Auster hat in einem Interview gesagt, dass er zwar nicht glaubt, dass ein Mensch beständig glücklich sein könne, dass aber überwiegend glückliche Menschen keinen Anlass zum Schreiben hätten. Das Interview ist noch auf Arte zu sehen:

https://www.arte.tv/en/videos/080137-000-A/paul-auster-a-game-of-chance/

Wie ist es Ihnen ergangen? Haben Sie Ihren Schreibanlass im Glück oder eher im Unglück gefunden? Hat Ihnen das Schreiben geholfen? Hilft es Ihnen bei der Überwindung schwieriger Situationen?

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