Cambli – Eine Story aus dem Kurs Fiction Writing

Cambli – Die Geschichte eines Landstreichers

von Gebhard Kopp (früher Banker, lebt in der Schweiz)
*Anm. d. Red.: deshalb ohne „ß“
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Der Text ist im Kurs „Fiction Writing“ entstanden
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Zeitungsnotiz
Am 26. Dezember ist Joseph Burky, genannt Cambli, am Ufer der Saane erfroren aufgefunden worden. Er wird auf dem Gemeinschaftsgrab des städtischen Friedhofs bestattet.

Madame de …

„Was machen Sie denn da, junger Mann?“ sagt sie indigniert. Die alte Dame in Zobel-Pelzmantel und -mütze steht vor ihm und betrachtet ihn mit scharfem Blick aus faltigen grauen Augen: Sie sieht einen stämmigen Mann – um die sechzig, mit grauem Stoppelbart, Walrossschnauz, wirren grauen Haaren unter einem verwaschenen grau-grünen Filzhut; abgetragene Hosen schlottern um seine dünnen Beine. Statt einem Gurt nutzt er eine Garbenschnur, um das kragenlose blaue Hemd in der Hose zu halten. Sein Cordkittel schlabbert um seine Hüften. All das sieht Cambli in den Augen der Zobeldame, als er aufschaut und sagt:

„Eh bien, Madame, ich untersuche den Mülleimer.“

„Das sehe ich! Was suchen Sie da?“

„Ich suche nach etwas Essbarem, Madame.“

„Essbares? Sie suchen nach Essen im Mülleimer?“

„Ja, Madame. Es wird so vieles weggeworfen, das man noch brauchen kann.“

„Widerlich! Ekelhaft! Das geht doch nicht! Aus dem Mülleimer! Kommen Sie mit, ich gebe Ihnen etwas zu essen.“

„Gerne, Madame, wenn es nicht zu weit ist.“

„Nein, es ist nicht weit, es ist die Maison de Castella, gleich da hinten.“

„Ah, gut. Dann sind Sie Madame de Castella?“

Cambli schaut auf zu dem dreistöckigen Patrizierhaus aus Sandstein. „Schöne Schmiedeeisen haben Sie da.“

Sie stösst die schwere, geschnitzte Eichentür auf, „Madame de Castella, ja.“ Sie betont das „de“. „Sie kennen sich aus mit Schmiedeeisen?“

„Ja, Madame, ich war Schmied von Beruf. Schon lange her.“

Im der geräumigen Halle mit ausgetretenen Sandsteinplatten steht gleich neben der Tür ein kleiner, runder Tisch aus Gusseisen, mit einer schwarzen Marmorplatte und zwei Stühlen. Es riecht nach Javelwasser. An den Wänden links und rechts hängen mehrere düstere Portraits blasierter Aristokraten mit hoch gezwirbelten Schnurrbärten und dicken Unterlippen.

„Setzen Sie sich. Ich hole Ihnen etwas. Wie heissen Sie? „Cambli“, sagt er, „man nennt mich Cambli.“

Er stellt seinen Sack auf den Boden und setzt sich vorsichtig auf die Stuhlkante. Gleich darauf kehrt die Frau zurück, immer noch im Zobel, und stellt ein Tablett mit einem Glas Rotwein und einem Teller mit ein paar Schinken- und Brotscheiben vor ihn hin. „Bitte sehr, essen Sie.“

„Merci Madame, Vergelt’s Gott.“

Er isst schnell, Madame steht vor ihm, schaut  interessiert zu, er stört sich nicht daran.

„Wie lange machen Sie das schon, mit den Mülleimern? Sie könnten doch einer geregelten Arbeit nachgehen!“

„Schon viele Jahre, Madame. Ich arbeite nicht, ausser kleinen Gefälligkeiten, und habe auch nicht im Sinn, wieder zu arbeiten. Meine Bedürfnisse sind sehr gering.“

Sie ruft nach hinten: „Geraldine, würden Sie das Gedeck wegräumen!“

Geraldine! Cambli ist elektrisiert: „Haben Sie Geraldine gesagt?“

„Ja, mein Dienstmädchen. Da ist sie ja.“

Eine dürre Gestalt taucht auf, alles an ihr ist grau oder schwarz: Graue Haare, graue Augen, eine anthrazitfarbene Bluse, schwarze Jupe, dunkelgraue Strümpfe, schwarze Schuhe. Selbst ihre faltige Haut scheint grau. Sie muss etwa gleich alt sein wie ihre Herrin, also über siebzig.

Er bedankt sich noch einmal und will gehen, da sagt sie:

„Warten Sie, Herr Cambli, ich habe noch etwas für Sie! Geraldine, der Hut!“ Die Jumpfer verschwindet durch eine Tür im Hintergrund, als sie wieder auftaucht, sagt Madame:

„Hier! Mit Ihrem zerbeulten Hut können Sie ja nicht herumlaufen. Nehmen Sie diesen hier, er ist von meinem verstorbenen Gatten, que Dieu ait son âme!“, sie streckt ihm einen glänzenden schwarzen Zylinderhut hin.

„Ein Chapeauclaque!“ Cambli lacht laut, „danke Madame, aber mit einem Chapeauclaque kann ich nichts anfangen. Ich würde ja aussehen wie ein Leichenbestatter! Da behalte ich lieber meinen alten Filz.“

Er bedankt sich nochmals, wirft seinen Sack über die Schulter und geht, lässt die beiden Frauen etwas perplex zurück.

***

Drinnen befiehlt Madame: „Geraldine! Machen Sie wieder einen Eintrag ins Journal der Guten Taten. Und reinigen Sie alles gründlich mit Eau de Javel!“ Beide deklamieren unisono: „Was du für den geringsten meiner Brüder getan hast, hast du mir getan.“

Café Funi

„Das ist nicht meine Geraldine, kann sie nicht sein, zum Glück!“, denkt Cambli, als er wieder draussen steht.

Sein Hunger ist für den Moment gestillt. Es ist für einen Dezembertag ungewöhnlich warm, aber das Wetter wird umschlagen, er spürt es in seinen Gelenken und das rechte Knie schmerzt besonders heftig. Heute Abend wird es wohl schneien, denkt er. Man soll nicht undankbar sein, aber er hat schon frischeres Brot aus dem Abfall gefischt und der Schinken hat auch schon eine Weile auf ihn gewartet.

Er kommt am Hinterausgang des „Schwarzen Adlers“ vorbei. Bis vor ein paar Wochen durfte er hier sein ausgedientes Militärgeschirr mit Essresten füllen lassen. Aber dann sagte ihm der Koch: „Ich darf dir nichts mehr geben, Cambli. Der Bruder des Patrons hat auf dem Land eine Schweinemästerei gebaut, jetzt geht alles dort hin.“

“Tant pis!“ Er geht am Rathaus vorbei und überquert den leeren Marktplatz mit dem Polizeiposten; er dreht den Kopf nicht, nur aus den Augenwinkeln behält er die Tür im Auge, um zu sehen, ob ein Polizist herauskommt, aber nichts regt sich; er vermeidet die „Kurzweg“-Treppe in die Unterstadt und macht stattdessen den Bogen über die Grand-Fontaine-Strasse, diese führt ihn direkt zum Café du Funiculaire.

Er weiss nicht mehr, wo er seine Geraldine suchen soll. Jemand hat ihm gesagt, sie sei im Pensionat „Regina Coeli“ untergebracht. Er glaubte schon, sie gefunden zu haben, aber der Gärtner sagte ihm, sie sei vor ein paar Monaten weggelaufen. Sie wäre ja sonst nicht seine Tochter. Cambli wollte auch immer weg, immer wieder.

* * *

 

Vor dem „Café du Funiculaire“ sitzt der Schaffner der Standseilbahn vor einem grossen Bier: „Ah, Cambli, komm, ich spendiere dir eins!“ Es sitzen nur wenige Gäste da. Das „Funi“ wird mit den Abwässern der Stadt betrieben und bei diesem Wetter riecht man dies sehr gut.

Das stört ihn nicht weiter, er ist andere Gerüche gewohnt. Es geschieht öfter, dass er gleich neben seinem Schlafquartier Hundekot wegräumen muss oder stinkende Windeln, die jemand dort entsorgt hat. Es tut gut, hier an der Sonne zu sitzen an diesem unerwartet warmen Dezembertag. Der Schaffner verabschiedet sich: „Ich muss wieder, der Schnellzug ist leer.“ Er meint damit, dass der Abwassertank des unteren Waggons geleert und der des oberen gefüllt ist.

Cambli ist froh darüber, er mag jetzt mit niemandem sprechen, er muss nachdenken. Meine Tochter, meine Geraldine – wie kann ich sie finden? Ich weiss nicht mehr wo suchen – so kreisen seine Gedanken um Geraldine. Als er vorhin ihren Namen hörte, hat es ihn erneut aufgerüttelt.

Er ist sich sicher, dass er, wenn er ihr auf der Strasse begegnete, sie sofort erkennen würde, ein Vater spürt das einfach. Ein Gefühl würde ihm sagen: Das ist sie!

Morgue

Er schreckt auf aus seinen Gedanken, ein Schatten ist  auf ihn gefallen. Vor seinem Tisch hat sich der Polizeiwachtmeister Corpataux aufgebaut. Er setzt an, ihm zu sagen, dass er ihm aus der Sonne gehen soll, doch Corpataux kommt ihm zuvor: „Sind Sie Joseph Burky, genannt Cambli?“

„Dumme Frage, Albert, wo wir uns schon seit so langer Zeit kennen!“

„Mitkommen!“, sagt der Wachtmeister barsch. „Mitkommen? Wohin? Ich bin völlig trocken, kein Bedarf, mich in der Zelle auszunüchtern!“

„Trink dein Bier aus und komm mit!“ Sie fahren mit dem „Funi“ in die Oberstadt, Cambli hockt still auf der hölzernen, abgewetzten Bank; mit Polizisten im Dienst zu diskutieren ist erfahrungsgemäss sinnlos und im Rattern und Knirschen der Bahn müsste man sehr laut sprechen.

Nicht weit von der Haltestelle entfernt liegt das Bürgerspital mit seiner markanten Kuppel, dorthin steuert der Wachtmeister, Cambli schlurft hinkend neben ihm her.

Sie treten durchs Tor in den Innenhof, in die Kapelle, beide benetzen automatisch die rechte Hand mit Weihwasser und bekreuzigen sich. Weiter geht es, hinunter ins unterirdische Gewölbe: „Hier werden die unbekannten Toten aufbewahrt, bevor man sie ins anatomische Institut bringt“, sagt der Polizist.

Cambli schaudert, es ist kalt in diesem Keller mit den Rundbögen aus Sandstein und dem rötlichen Fliesenboden. Das grelle Licht lässt den Raum noch kälter erscheinen. In der Mitte des weiss gekachelten Raums stehen in Reih‘ und Glied fünf Stahltische auf Rollen, vier sind leer, auf einem liegt ein menschlicher Körper, mit einem grünen Tuch bedeckt. An der rechten Wand sieht Cambli sechs weisse Türen mit Chromstahlgriffen und -scharnieren. Aus dem Hintergrund bewegt sich eine Gestalt im weissen, fleckigen Kittel auf sie zu, es ist der Pathologe. „Wir haben eine Leiche gefunden, Cambli“, sagt der Polizist, während der Arzt  den Kopf der Leiche bis zur Schulter freilegt. Es ist das bleiche, von rötlichen Locken umrahmte Gesicht einer jungen Frau. „Man hat sie im Wald hinter dem Pensionat „Regina Coeli“ gefunden. Sie trug einen Ausweis mit dem Namen Geraldine Jourdan, Tochter der Marlyse Jourdan, bei sich. Als ich den Namen las, habe ich an dich gedacht, du hast mir einmal erzählt, dass deine Freundin Marlyse Jourdan geheissen hat.“ Soviel kann Cambli noch wahrnehmen, dann wird ihm übel, er fällt neben seinem Jutesack zu Boden.

Nachtasyl

Der Polizist begleitet Cambli von der Morgue ins Nachtasyl in der Altstadt. Die Notschlafstelle ist in einer ehemaligen Kartonfabrik aus dem 19. Jahrhundert untergebracht, ein dreistöckiges, porphyrfarbenes Backsteingebäude. Sie setzen sich in das Besprechungszimmer. Es riecht nicht nach Javel, sondern nach frischer Bodenwichse, vermischt mit abgestandenem Zigarettenrauch. Corpataux räuspert sich und beginnt zu sprechen:

„Ich muss dir ein paar Sachen erzählen. Du weisst, ich  habe für Landstreicher und Taugenichts nicht viel übrig, sie sind eine Plage der Gesellschaft. Aber du tust mir Leid, du bist ein armer Kerl, der viel leiden musste, ohne eigenes Verschulden.

Ich habe auf eigene Faust Nachforschungen betrieben. Wie du weisst, ist deine Mutter kurz nach deiner Geburt gestorben, auf dem Bauernhof, auf dem du aufgewachsen bist. Die ledige Schwester der Bäuerin war eine Verwandte, genauer gesagt eine Tante, und sie hat deiner Mutter versprochen, für dich zu sorgen. Was sie auch getan hat, im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Das Leben dort muss für dich nicht einfach gewesen sein, ihr musstest hart arbeiten, deine Tante und du, aber ihr hattet zu essen und ein Dach über dem Kopf. Du bist hier zur Schule gegangen. Wie ging es weiter?“

Cambli blickt zuerst zu der Marienstatue aus Gips an der verblichen-hellgrünen Wand, mit himmelblauen Mantel und süssem Gesicht, dann zur Diele, wo die rissige weisse Farbe seltsame Muster bildet, schließlich zum vergilbten Poster, das einen Bauernhof aus dem Waadtland zeigt: Ein Wehrturm mit einem Wohnhaus und Scheunen. Er kennt den Hof gut aus seiner Jugend – „La Cerjaulaz“.

„Ich war bei einem Verwandten im Waadtland, in der Nähe dieses Bauernhofes“, er zeigt mit dem Kinn auf das Poster. „Er hatte mir eine Lehrstelle als Schmied besorgt.“, sagt Cambli mit tonloser Stimme.

„Ah, und dann?“ „Dann haben wir uns verliebt, Marlyse und ich. Sie war die Tochter des Patrons, Albert Jourdan.“

„Wie alt warst du damals?“

„Wir waren beide sechzehn. Der Patron hat es erfahren, hat mich zuerst verprügelt, getreten und dann zum Teufel gejagt. Seither ist mein rechtes Knie kaputt. Er drohte mir, meine Füsse in die glühende Esse zu stecken, wenn ich jemals wieder in die Nähe der Schmiede kommen würde. Ich war natürlich trotzdem dort, nachts, und wir konnten uns ein paar Mal treffen, aber dann war sie weg, einfach weg! Ich habe überall nach ihr gefragt, überall, immer wieder, ich konnte sie nirgends finden. Ich habe sie gesucht und gesucht, ich war völlig verzweifelt.“

Er macht eine Pause. Man hört das Rauschen einer WC-Spülung von oben. In der Ecke neben der Madonna ist ein dickes, schwarzes Abflussfohr mit einem Siphon zu sehen, man hört darin das Wasser hinunterplätschern.

Er fährt fort: „Ich fand dann eine Stelle als Hufschmied auf dem Eidgenössischen Haras von Avenches. Eines Tages, viele Jahre später, war ein Besucher des Gestüts aus dem Dorf von Marlyse zu Besuch. Er erkannte mich und sagte mir, dass Marlyse damals schwanger gewesen und bei der Geburt des Kindes, eines Mädchens, gestorben sei, fast wie meine Mutter. Es wurde von den Grosseltern, also meinem ehemaligen Patron und seiner Frau, aufgezogen. Ich erfuhr, dass sie Geraldine heisst.“

„Hast du sie jemals gesehen?“

„Nein, nie. Meine Situation auf dem Gestüt war nicht einfach und aus Kummer begann ich zu trinken. Und einmal bin ich betrunken zur Arbeit erschienen, da hat man mich rausgeworfen. Ich hatte dann nie mehr eine feste Stelle, lebte von Gelegenheitsarbeiten und schliesslich hörte ich ganz auf. Ich habe gemerkt, dass ich nicht für die Arbeit gemacht bin“, sagt er mit einem schiefen Lächeln.

„Ein Bekannter sagte mir, dass Geraldine in einem Pensionat hier in der Stadt sei. Ich habe in allen Pensionaten der Stadt und der Umgebung nach ihr gefragt, ich konnte sie nirgends finden. Sie war auch nicht hier, sondern im „Institut Contini“ in Montet.“

Die Türe öffnet sich, er verstummt, eine Nonne im blau-weissen Habit tritt ein, eine Vizentinerin. Wegen ihrer Haube nennt Cambli sie die „Schmetterlingsnonnen“, diese hier heisst Sr. Marie-Georges; Cambli dachte oft, der Drache des heiligen Georg passe gut zu ihr. Sie mustert ihn mit kritischem Blick, als sie den Polizisten sieht, murmelt sie „Dieu soit béni“, dieser antwortet: „Et béni soit son saint nom“, er kennt die Gepflogenheiten in diesem Haus. Sie verschwindet in den Nebenraum.

Nach einer Pause fragt Cambli: „Woran ist sie gestorben? Hat sie…?“

„Nein, so wie es aussieht, hat sie nicht Selbstmord begangen, wenn du das meinst. Sie muss gestürzt und über die Felswand hinaus gerutscht sein, man hat sie unten bei der Fischzucht gefunden. Sie ist wohl ausgebüxt. Der Leiter des Instituts wurde vor kurzem angeklagt wegen sexuellem Missbrauch und Misshandlung der Zöglinge. Mehr kann ich dir im Moment nicht sagen, Cambli. Das tut mir alles sehr Leid.“

Er verabschiedet sich. Das ausgetretene Eichenparkett ächzt unter seinen Schritten. Cambli starrt ins Leere. Er sieht wieder die zugedeckte Gestalt auf dem Tisch der Morgue vor sich, sieht, wie der Arzt das grüne Tuch wegzieht – statt des Frauenkörpers liegt nun ein Mann dort. Zuerst sieht er nur das Gesicht, ein alter Mann mit Stoppelbart. Das ist sein Gesicht, das ist er selbst, der da liegt!

Camblis Weihnachten

Es ist kalt in den Sandsteinhöhlen der alten Magdalena-Einsiedelei. Cambli ist aus dem Nachtasyl ausgezogen hierher. Die ehemalige Kapelle ist der einzige Raum, in dem es noch ein paar Fensterscheiben gibt, die den eisigen Wind abhalten. Gleich daneben befindet sich die Küche. Er kniet an den verwitterten Überresten des Herds und versucht, ein Feuer zu entfachen. Von der mitleidigen Frau in der Spezereihandlung hat er zwei Büchsen Ravioli erhalten und ein Pfund Brot vom Vortag.

Die Bilder des gestrigen Tages lassen ihn nicht los.

Die    Flammen beginnen zu lodern. Er öffnet die beiden Büchsen mit einem Sackmesser. Eine rostige Feuerzange liegt in der Ecke. Cambli benutzt sie, sobald die Flammen zusammengesunken sind, um die Büchsen auf die Glut zu bugsieren.

Aus seinem Jutesack zieht er eine Literflasche Rotwein und stellt sie auf den ehemaligen Altar, dazu die zwei Teile des feldgrünen Essgeschirrs und das Essbesteck.  In der Ecke beim Fenster steht ein Tännchen, kaum einen halben Meter hoch. Zwei Kerzenstummel aus seinem Sack platziert er darunter und entzündet sie mit einem brennenden Span. Der Geruch von heissem Harz durchzieht den Raum, schon bald vermischt mit dem verführerischen Duft von Tomatensauce. „Zeit zum Essen, Cambli!“, sagt er laut zu sich selbst.

Mit der rostigen Feuerzange holt er die Büchsen aus dem Feuer und giesst den Inhalt in das grösste Geschirr. Das kleine dient ihm als Glas, denn heute, an Weihnachten, will er nicht aus der Flasche trinken.

Er setzt sich hin, prostet sich selber zu und sagt: „Joyeux Noël, Cambli! Santé et bon appétit, Cambli.“ – „Fröhliche

Weihnacht auch dir, mein Lieber“, erwidert er sich selber! „A la tienne!“, fügt er noch hinzu und beginnt zu essen.

Die Ravioli schmecken köstlich. Endlich wieder etwas Warmes im Magen!

Im Nu hat er alles ausgelöffelt, nun nimmt er das letzte Stück Brot, bröckelt es in die verbliebene Sauce und putzt das Gefäss sauber aus.

Auf dem Weg durch die Altstadt hierher ist ihm, wie so oft, eine Schar Kinder nachgelaufen: „Cambli, schenk mir ein Spielzeug! Weil heute Weihnachten ist!“ Wie gewohnt hat er sie vertröstet: „Heute nicht. Vielleicht morgen, vielleicht nächste Woche. Aber schaut, ich habe ein paar Militär-Camblis für euch!“ Sie spielen das Spiel seit langem, nur der Anlass verändert sich: heute Weihnachten, ein andermal der Namenstag oder Geburtstag.

Eigentlich würde er sich gerne nochmals Wein einschenken, aber er hält sich zurück – Weihnachten! An Weihnachten betrinkt man sich nicht! Er legt zwei, drei dürre Aststücke nach, sitzt eine Weile da und starrt in die Flammen. Geschenke – er erinnert sich wehmütig an die Geschenke seiner Kindheit: Schafe, Kühe und Pferde aus Tannenzapfen oder Rosskastanien, mit Zündholzbeinen.

Es ist jetzt schon fast gemütlich warm, sodass er den alten Militärmantel ausziehen kann. Mit rostiger Stimme summt er „Petit Papa Noël, quand tu descendras du ciel…“ Aus der Brusttasche zieht er ein sorgfältig zusammengefaltetes Papier heraus und öffnet es. Es ist eine aus einer Illustrierten heraus getrennte Seite mit dem Porträt eines Models, das legt er sorgfältig neben das Tännchen. Er hat keine Ahnung, wer die Frau ist, er hat die Zeitschrift vor ein paar Jahren auf einer Parkbank gefunden. Beim Durchblättern stiess er auf dieses Foto und stutzte. Er meinte, seine verstorbene Marlyse vor sich zu sehen. Er wusste natürlich, dass sie es nicht sein konnte, sie war ja schon lange gestorben. Beim genaueren Hinsehen hatte er denn auch schnell festgestellt, dass die Ähnlichkeit nur oberflächlich war. Aber er hatte das Bild heraus getrennt und mitgenommen, und mit der Zeit war das Mannequin-Gesicht mit dem Antlitz von Marlyse in seinem Gedächtnis verschmolzen.

Er setzt sich davor und sagt: „Fröhliche Weihnacht, Marlyse, meine Liebe! Was wäre wohl aus uns geworden, wenn wir hätten zusammen bleiben können? So hat meine Suche nun ein trauriges Ende, aber ich bin froh, dass nun unsere Tochter auch bei dir ist. Vielleicht geht es gar nicht mehr so lange, und ich komme auch zu euch! In mir drinnen ist es schwarz und kalt und trostlos.“

Dann legt er noch einmal ein paar Äste nach, lehnt sich gegenüber der Feuerstelle an die Wand. Das Bild seines Körpers auf dem Stahltisch tanzt in den Flammen, mit einem Zettel am grossen rechten Zeh: „Joseph Burky, genannt Cambli“. Unmerklich schlummert er ein.

Ein paar Stunden später schreckt er auf. Er fühlt einen heftigen Druck auf der Brust und hat Mühe, zu atmen, muss heftig husten. Rauch im ganzem Raum! Der Kamin muss verstopft sein. Ich muss hier raus!, ist alles, was er denken kann. Er packt seine Habseligkeiten, wirft sich noch eine alte Pferdedecke über die Schulter und stolpert hustend hinaus, die Sandsteinstufen hinunter zum See.

Keuchend hockt er auf dem Bord des Weidlings, der hier auf dem Sandufer liegt. Nachdem er sich ein wenig erholt hat, wirft er den Jutesack und die anderen Sachen in das Boot, stösst den Weidling ins Wasser, springt hinein und setzt sich auf den flachen Boden.

Bald legt er sich hin, so trifft ihn die zunehmend beissende Bise nicht direkt. Der Weidling schaukelt leicht, die Strömung, kaum wahrnehmbar, nimmt sanft das Boot mit. Cambli schliesst die Augen. Das bleiche, blutleere Gesicht Geraldines taucht wieder vor ihm auf, er sieht sich neben ihr liegen. Sie dreht den Kopf zu ihm hin, lächelt mit blutleeren Lippen.

Unendliche Trauer erfüllt sein Herz, überflutet alles, sein ganzer Körper füllt sich mit Trauer, heisse Tränen fliessen über seine Wangen in den Stoppelbart, schmerzende, brennende Trauerwellen schütteln seinen Körper. Er hat seit Jahrzehnten nicht mehr geweint. Ein Bild nach dem anderen leuchtet auf, verschwindet wieder: Geraldine – der Bauerhof von     Grandfey, wo seine Mutter als Dienstmagd gearbeitet hatte – die Schmiede bei Vallorbe, wo er in die Lehre gegangen war – Marlyse, die Schmiedetochter, seine Marlyse! – das wütende Gesicht ihres Vaters, als er von ihrem Verhältnis erfuhr. Nachdem er ihn verprügelt hatte, schleppte er ihn vor die Esse und hielt sein Gesicht mit eisernen Fäusten direkt über die Glut, bis sich die Haut abschälte.
Die Stallungen von Avenches – die samtenen Pferdenüstern, ihr vertrautes Schnauben – Marlyses Lächeln, ihre grünen Augen, ihre weisse Haut, die roten Haare …

Es wird schwarz um ihn herum, doch sachte nur schlagen die Wellen an die Bootswände. Jetzt erblickt er von weitem ein Licht. Es leuchtet weiss und einsam durch die Nacht; der Weidling stösst an eine Sandbank am Ufer. Er steigt aus dem Boot, das Licht scheint von einer grosse Eiche zu kommen. Er geht auf sie zu, als er bei ihr angekommen ist, sieht er das Licht nicht mehr und so setzt er sich nieder und lehnt sich an den breiten, knorrigen Stamm. Die Pferdedecke  hat er offenbar im Boot liegen lassen, oder in der Höhle? Es erstaunt ihn nicht – und er ist gleichzeitig überrascht, dass es ihn nicht erstaunt – dass die Eiche Blätter hat, jetzt im Winter, und dass er nicht friert..

Nun sieht er das Leuchten wieder. Zwei helle Gestalten kommen auf ihn zu: Marlyse! Geraldine!

 

 

 

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