„Tote Fische“ von Nadine Hilmar

Tote Fische

Nadine Hilmar lebt mit Mann und drei Kindern in einem Wohnprojekt in Wien. Sie arbeitet als Familienbegleiterin.
Der Text entstand im Speed-Writing

Tote Fische

Greta lag verknotet auf ihrem Bett und schloss die Augen. Das Leintuch hatte sie um sich herum gewickelt wie eine zweite Haut. Sie betrachtete ihren Daumen und schob ihn langsam in ihren Mund. So, wie sie es als Kind getan hatte, wenn sie traurig war.

Er saß unten in der Küche über einem Eimer frisch gefangener Fische. Der Geruch von Meer und Fisch hing im ganzen Haus. Greta würgte. Der Daumen war zu groß geworden für ihren Mund. Der Streit mit ihrem Vater zu schwer für ihr Herz. Und der Gedanke an die toten Fische widerte sie an. Die Worte ihres Vaters hallten in ihrem Kopf. Ihr schweigendes Entsetzen darüber drückte schmerzhaft in ihrem Bauch. Sie zog die Beine noch näher an sich heran bis weit unters Kinn. Hielt das Leintuch noch straffer und kniff die Augen noch fester zusammen. Sie schaltete die Welt da draußen aus, den Streit, ihren Schmerz. Das hatte sie nicht erwartet. Weiterlesen

Zuckerguss für den Verstand

Zuckerguss - Pixabay

Morgens um sieben …

Morgens um sieben ist die Welt noch in Ordnung, lautet der berühmte Titel des Romans von Eric Malpass aus dem Jahr 1967, und er erzählt eine Familiengeschichte aus der Sicht eines sechsjährigen Jungen, für den bald darauf gar nichts mehr in Ordnung ist. Der Film Das Leben ist ein langer, ruhiger Fluss (1988) handelt vom genauen Gegenteil eines langen, ruhigen Flusses alias Leben. Familienkonstellationen, die anfangs in ihrem Oberschichtendasein geborgen erscheinen, werden aufgebrochen und die Gefühlswelt der Figuren gehörig durcheinander geschüttelt. Der Roman Heile Welt von Walter Kempowski (1998) nimmt das Klischee des idyllischen Dorflebens auf und lässt bald keinen Gartenzwerg mehr in Ruhe schlafen. So können Titel täuschen. Wenn sie es ernst meinen mit dem Versuch, die Welt oder einen Ausschnitt davon erlebend zu verstehen. Wenn sie es ernst meinen damit, den Leser oder Zuschauer mit auf eine Reise zu nehmen, auf der wir etwas Neues, Unbekanntes, „Unerhörtes“ erleben können. Weiterlesen

Schreiben Sie – endlich! – Ihren Roman

Schreiben - Pixabay

Egal, wie sehr committet (überzeugt) Sie sind, dass Sie jetzt Ihren ersten Roman schreiben, ihn wirklich schreiben, komme, was da wolle – Sie wären nicht die oder der Erste, der von dem berühmten Writer’s block (der lieben guten Schreibblockade) betroffen wäre. Viele AutorInnen benötigen immer wieder Motivation, um weiter zu schreiben. Es gibt ein paar praktikable Tipps, wie man sich neu motivieren kann und die Widerstände überwindet: Teil 1 unserer Serie mit Ratschlägen für das Schreiben. Weiterlesen

Mord kommt vor dem Fall

Mord kommt vor dem Fall - Pixelbart

Mord kommt vor dem Fall
Ein Krimi von Iris Otto

Ein ungewöhnliches Duo ermittelt im Wettlauf mit der Polizei

Es ist kein guter Morgen, als der junge Bademeister Marius die Leiche der erfolgreichen Kunstspringerin Sarah Müller im Schwimmparadies Main-Taunus findet. Und der Umstand, dass der ruppige Kommissar und dessen hübsche Kollegin ihn als Hauptverdächtigen im Auge haben, macht die Sache nicht besser. Als Marius plötzlich ein zweiter Toter zu Füßen liegt, macht er sich notgedrungen selbst auf die Suche nach dem Mörder. Dabei unterstützt ihn die wunderliche alte Dame Rosalie. Scheinbar selbstlos und mit skurrilen Ideen ist sie dem jungen Mann nicht immer eine Hilfe. Bei ihrer Recherche offenbart sich ein Sumpf aus Korruption, Vetternwirtschaft, Betrug und Eifersucht, der nicht nur Marius in einen Strudel unvorhergesehener Ereignisse zieht.

Das Buch ist im normalen Buchhandel erhältlich, ebenso bei Amazon oder direkt beim Verlag www.tredition.de

Paperback ISBN 978-3-7345-1362-6 12,99 €
Hardcover ISBN 978-3-7345-1363-3 20,99 €
Ebook ISBN 978-3-7345-1364-0 3,99 € (erscheint am 10. Mai)

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Der Knicks hat einen Knacks

Schreiben 2 - Pixabay

Die Literaturknackse
In memorian Roger Willemsen

Es war einmal ein Knicks, der machte Hicks. Ich fragte, hast du einen Knacks? Und dann fiel er mir wieder ein, Roger Willemsen, der ein Buch mit dem Titel „Der Knacks“ geschrieben hat – Roger Willemsen ist gestorben, aber sein Diktum von der Literatur als dem Medium des Knacks, das bleibt.

KnicksJeder, den er in der Literatur angetroffen habe, habe einen Knacks, sagte Willemsen, und erzählte auch von seinem eigenen Knacks, dem frühen Krebstod seines Vaters. Unbemerkt kämen die Knackse, behauptete er – aber der Krebstod eines Vaters kommt ebenso unbemerkt für seinen Sohn wie Willemsens Tod für das deutsche Publikum.

Weil diese Logik nicht ganz logisch ist, und der Knicks, einer der letzten seiner Art, dies messerscharf analysierte, er aber wegen der vielen Todesmeldungen der letzten Zeit keinen Triumph verspürte, sondern eher Verzweiflung, hatte er sein Schicksal in die eigene Hand genommen und war am Faschingsdienstag mit den Narren gezogen. Er hatte sich sogar, was sonst ganz und gar nicht seine Art war, mit den Narren in die Kneipe gesetzt und mehrere Schnäpse getrunken. Was ihm anfangs noch gut gelang, nämlich bei jedem neu ankommenden Narren einen Knicks zu machen, wie es ja so seine Art war, das wurde mit der Zeit immer schwerer.

Der Knicks verlernt das Knicksen

Der Knicks, der zunächst messerscharf wie der Analyseverstand des Knickses funktionierte, die Knie knickten ein, aber der Oberkörper blieb ganz gerade, nur das Haupt senkte sich leicht, das wurde immer bogiger und unscharf, am Ende taumelte der Knicks gar und blieb dann einfach bei jedem Neuankömmling, ungeachtet seines Pflichtgefühls, sitzen und trank weiter Schnaps. Bis er zu mir kam, das war in den frühen Morgenstunden, da hatte er ungefähr 85 Schnäpse getrunken. Ich legte ihn in sein Bett und machte ihm am Nachmittag, als er wieder zu sich kam, ein paar kalte Wickel. Er aß brav die Heringe, die ich ihm auf den Nachttisch gestellt hatte, und bald war er wieder hergestellt. Aber die Traurigkeit blieb. Denn der Knicks hatte tatsächlich einen Knacks abbekommen, der ganz so, wie Willemsen es zur Knacksnatur erhoben hatte, unbemerkt auf ihn zu gekommen war. Früher, in guten Zeiten, lebte der Knicks nämlich in Gemeinschaften von hauptsächlich Mädchen und Frauen, die brav und artig einen Knicks machten. Wenn sie es einmal vergaßen, dann wurden sie vom Herrn Knicks (der nämlich merkwürdigerweise ein Mann war) darauf aufmerksam gemacht, und erst wenn die sanften Häupter sich mit dem Knie gemeinsam nach unten senkten, war er’s zufrieden. Weiterlesen

Max Frisch fragt: Wen soll das interessieren?

Max Frisch, gelassen, souverän und nachdenklich

Max Frisch, gelassen, souverän und nachdenklich

Max Frisch fragte: „Wen soll das interessieren“

in seinen Tagebüchern – und er meint mit „das“ eben das, was er schreibt. Der schweizer Autor (1911 – 1991) hat zeitlebens sein Schreiben durch die Reflektion über das Schreiben begleitet. Er formulierte dabei auch eigene Zweifel (die uns Prokrastinierern bekannt vorkommen, die wir wahrscheinlich aber anders ausdrücken würden):

Ja, wer soll lesen, was ich in diesen Heften schreibe. Und doch, glaube ich, es gibt kein Schreiben ohne die Vorstellung, dass jemand es lese, und wäre dieser Jemand nur der Schreiber selbst. Dann frage ich mich auch: Kann man schreiben, ohne eine Rolle zu spielen? Man will sich selbst ein Fremder sein. Nicht in der Rolle, wohl aber in der unbewusster Entscheidung, welche Art von Rolle ich mir zuschreibe, liegt in meiner Wirklichkeit. Zuweilen habe ich das Gefühl, man gehe aus dem Geschriebenen hervor, wie eine Schlange aus ihrer Haut. Das ist es, man kann es nicht niederschreiben, man kann sich nur häuten. Aber wen soll diese tote Haut noch interessieren! Die immer wieder einmal auftauchende Frage, ob denn der Leser jemals etwas anderes zu lesen vermöge als sich selbst, erübrigt sich: Schreiben ist nicht Kommunikation mit dem Leser, auch nicht mit sich selbst, sondern Kommunikation mit dem unaussprechlichen. Je genauer man sich auszusprechen vermöchte, um so reiner erschiene das Unaussprechliche, das heißt die Wirklichkeit, die den Schreiber bedrängt und bewegt. Wir haben die Sprache, um stumm zu werden. Wer schweigt, ist nicht stumm. Wer schweigt, hat nicht einmal eine Ahnung, wer er nicht ist.
aus: Stiller

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