Die Reisende – von Susan Baumann

Es ist morgens. Die Sonne fällt auf das zerwühlte Bettzeug auf der Couch. Havier sieht es von der Küche aus, sieht es als leuchtende Insel im Hausflur. Er nimmt noch einen Schluck Kaffee und spürt nach. Spürt ihre Hand auf seinem Hinterkopf, und hört sie sagen, wie weich doch seine Stoppeln sind. Zumindest möchte er das hören.

Er spült die beiden Kaffeetassen unter lauwarmem Wasser ab, reibt ein paar Mal über den zarten rosa Abdruck ihrer Lippen, bis auch das verschwunden ist.

Sein Mitbewohner hatte sie mitgebracht, von so einem kleinen Konzert einer lokalen Band, gestern Abend. Havier wäre auch gerne mitgekommen, aber in der Firma war Not am Mann und sie hatten ihn gefragt, ob er nicht länger bleiben könnte. Er war zwar nur Praktikant, aber irgendwie hatte es ihm doch geschmeichelt, dass man ihn brauchte.

Sein Mitbewohner hat ein Händchen dafür hübsche Frauen auf zu gabeln. Aber sie war anders, eine Reisende auf der Durchreise. Sie brauchte tatsächlich nur einen Platz zum Schlafen. „Und jemanden für gute Gespräche,“ hatte sie mit einem Augenzwinkern beigefügt. Der Mitbewohner hatte sich bald verabschiedet, er war ja auf etwas anderes aus gewesen.

Er und Merle hatten sich bis tief in die Nacht unterhalten. Darüber wo sie schon überall gewesen war. Wie es sie verändert hatte, mit Fremden über sich selbst zu sprechen. Und welche Pläne sie hatte. Irgendwie nichts, aber dennoch mehr als Havier, der sein Studium erfolgreich abschließen wollte, um danach bei der Firma zu arbeiten, bei der er gerade Praktikum machte. Dann, wenn er sich erst ein bisschen etabliert hatte, würde er eine Frau finden und eine Familie gründen. So in etwa. „Du steckst fest, Havier,“ meinte Merle, „in dieser Gesellschaftslüge, diese Karotte, der alle Esel hinterher rennen.“

Jetzt fragt er sich, was diese Karotte seien sollte, der er angeblich hinterher rannte. Und das was er tat, wollte er doch tun, oder? Nachdenklich reißt er ein Kalenderblatt ab, der August erscheint. Das Motiv zeigt ein Boot am Ufer eines Sees. Irgendwie schön. Darunter kommen merkwürdige Felsen zum Vorschein, oder waren es Pilze? Er fand keine Ortsbeschreibung auf dem Kalender, normalerweise stehen immer ein paar Informationen unter den Bildern oder auf der Rückseite der Blätter. Das nächste zeigt mehrere Kreuzfahrtschiffe, die im Hafen liegen. Und das darauf einen Leuchtturm und drei kleine Häuser auf einer Insel, nicht mehr als ein Fels. Ob Merle diese Orte kannte? Er beschloss es heraus zu finden, heute Abend würde wieder ein Konzert sein, zu dem sie noch gehen wollte, bevor sie die Stadt verlassen würde. Vielleicht würde er sie dort noch einmal sehen.

Er bewegt sich langsam durch die Menschen und hält Ausschau. Am besten ganz vorne stehen und von dort in die Menge sehen, denkt er sich. Er betrachtet die Gesichter vor ihm, die erwartungsvoll auf die Bühne schauen. Doch Merles kann er nicht finden. Langsam geht er zurück, diesmal auf einem anderen Weg, vielleicht steht sie auf der anderen Seite. Die Band betritt die Bühne und fängt an zu spielen. Ganz gut eigentlich, er nickt im Takt mit dem Kopf, kommt sogar ein bisschen ins tanzen. Vielleicht kann er sie später am Ausgang abpassen.

Wieder betrachtet er jede Frau, die an ihm vorbei geht, und sucht nach ihr. Langsam glaubt er, dass er schon vergessen hat, wie sie aussieht. Sie ist nicht unter ihnen. Auf dem Weg zu seiner Wohnung macht er Halt an einer Ampel und wartet darauf, dass sie auf grün schaltet. In seinem Blickfeld liegt eine kleine Bar. Als sein Fokus sich ändert, sieht er Merle. Sie kellnert. Er beobachtet sie durch das Panoramafenster. Wie hat sie den Job so schnell gekriegt? Kennt sie den Besitzer? Hätte sie nicht auch dort übernachten können?

Er beschließt sie zu fragen und betritt die Bar. Sie sieht nicht aus, als ob sie ihn erkennt. „Hey, ich dachte du bist schon längst weg, du wolltest doch weiter reisen.“ „Mandy und reisen? Die hat doch noch nie die Stadt verlassen!“ Der Barkeeper lacht und winkt ab. Havier kann nur fragend die Stirn runzeln. „Das ist so eine Masche von mir,“ sie zuckt entschuldigend mit der Schulter, „manchmal denke ich mir Sachen aus und tue so, als wäre ich jemand anderes. Das geht ganz gut in einer Stadt, in die ständig neue Leute kommen und niemand wirklich jemanden kennt.“ „Und die Sache mit der Karotte und der Lebenslüge?“ Sie zuckt wieder mit der Schulter. „Habe ich irgendwo gelesen, fand ich ganz interessant, aber wer kann schon leben wie er will?“