Max Frisch fragt: Wen soll das interessieren?

Max Frisch fragt: Wen soll das interessieren?
Max Frisch, gelassen, souverän und nachdenklich

Max Frisch, gelassen, souverän und nachdenklich

Max Frisch fragte: „Wen soll das interessieren“

in seinen Tagebüchern – und er meint mit „das“ eben das, was er schreibt. Der schweizer Autor (1911 – 1991) hat zeitlebens sein Schreiben durch die Reflektion über das Schreiben begleitet. Er formulierte dabei auch eigene Zweifel (die uns Prokrastinierern bekannt vorkommen, die wir wahrscheinlich aber anders ausdrücken würden):

Ja, wer soll lesen, was ich in diesen Heften schreibe. Und doch, glaube ich, es gibt kein Schreiben ohne die Vorstellung, dass jemand es lese, und wäre dieser Jemand nur der Schreiber selbst. Dann frage ich mich auch: Kann man schreiben, ohne eine Rolle zu spielen? Man will sich selbst ein Fremder sein. Nicht in der Rolle, wohl aber in der unbewusster Entscheidung, welche Art von Rolle ich mir zuschreibe, liegt in meiner Wirklichkeit. Zuweilen habe ich das Gefühl, man gehe aus dem Geschriebenen hervor, wie eine Schlange aus ihrer Haut. Das ist es, man kann es nicht niederschreiben, man kann sich nur häuten. Aber wen soll diese tote Haut noch interessieren! Die immer wieder einmal auftauchende Frage, ob denn der Leser jemals etwas anderes zu lesen vermöge als sich selbst, erübrigt sich: Schreiben ist nicht Kommunikation mit dem Leser, auch nicht mit sich selbst, sondern Kommunikation mit dem unaussprechlichen. Je genauer man sich auszusprechen vermöchte, um so reiner erschiene das Unaussprechliche, das heißt die Wirklichkeit, die den Schreiber bedrängt und bewegt. Wir haben die Sprache, um stumm zu werden. Wer schweigt, ist nicht stumm. Wer schweigt, hat nicht einmal eine Ahnung, wer er nicht ist.
aus: Stiller

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Der Berg dampft. Gedanken zum Wintersport und den Fotografien von K.T. Blumberg: Relax, if you can.

Der Berg dampft. Gedanken zum Wintersport und den Fotografien von K.T. Blumberg: Relax, if you can.

 Der Berg dampft

Schräg rechts im Bild trifft das Auge auf eine verspiegelte Wand. Dort sehen wir Menschen, die von einer Aussichtsplattform einen Blick auf die unter ihnen liegenden Bergkuppen werfen. Die Hänge sehen mitgenommen aus. Die Bergrücken zeigen Straßen, eine Berghütte, ermattete Pisten, viel erschöpftes Grün. Und Reste von Schnee. Aus den Bergen steigt Dampf auf, als ob sie ihr Mütchen kühlen müssten, als ob in ihrem Inneren etwas, vielleicht Empörung, Hitze entwickelte. Als ließen sie jetzt schnell noch mal Dampf ab, bevor der nächste Alpenansturm ausbricht.
Links neben der Spiegelscheibe regiert ein trister Himmel. Weiterlesen

Die Meerhexe – Short Story von Britta Wedam

Die Meerhexe – Short Story von Britta Wedam

Die Meerhexe

Britta Wedam hat Germanistik mit einem Schwerpunkt auf deutschsprachig-jüdische Literatur in Graz studiert. Derzeit arbeitet sie an ihrer Dissertation, doch eigentlich lieber an literarischen Texten. Die Short short Story entstand im Kurs „Speed-writing“

Sie drückte ihre Zigarette im Aschenbecher aus und winkte dem Kellner mit einem Geldschein. Als der Kellner näher kam, hob der Dalmatiner am Nebentisch seinen Kopf und knurrte. Für einen Moment leuchteten seine Flecken auf dem Fell rot auf, dann legte er sich wieder hin und schlief eingeringelt auf dem Kopfsteinpflaster weiter. Das Retourgeld steckte sie in eine Filmdose, die sie in der Handtasche verstaute, dann zündete sie sich noch eine Zigarette an. Der Straßenmusiker, der vor dem Café Geige spielte, beobachtete sie. Eine Vespa fuhr laut knatternd vorbei, er hörte zu spielen auf und sah intensiver zu ihr. Sie lächelte und deutete ihm an, sich zu ihr zu setzen. Er verstaute die Geige, steckte das Geld aus dem Hut in seine Hosentasche und kam näher. Es fiel ihm auf, dass sie um einiges älter war als er, doch sie duftete nach weißem, frisch gestärktem Leinen, sodass er sich mit einem begrüßenden Tippen an den Hut zu ihr setzte.

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Requiem für vier Fische – Eine Short Story von Martina Siems-Dahle

Requiem für vier Fische – Eine Short Story von Martina Siems-Dahle

Requiem für vier Fische

Martina Siems-Dahle lebt in Köln. Die amerikanische Short Story ist ihr literarisches Vorbild. Ihr biografischer Roman „Briefe Lügen nicht“ erschien 2013. Die Short Story entstand im Speed-Writing

Der blausilbrige Reisekoffer in seiner linken Hand pendelt im Rhythmus seiner Schritte, deren Länge vorgeschrieben ist. Er kann sie nicht selbst bestimmen. Wie alles bisher in seinem Leben. Eine merkwürdige Parallelität, stellt er fest, während sein Blick auf seine marschierenden Füße fällt, die, einer nach dem anderen, die Bohlen zwischen den Schienen abschreiten. Verfehlt er eine, drücken spitze Kiesel durch die dünnen Sohlen seiner abgetragenen Schuhe. Er besitzt sie schon, seitdem er diese Schuhgrüße hat. Er kann sich kaum erinnern, wie alt er war, als er sie bekam, es muss kurz vor der Militärzeit gewesen sein. Damals war er noch ein Kindskopf, der in seinem Spint Plastikfische aufgehängt hatte, silbrig bläulich schimmernd, wie das Meer im Abendlicht.

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Zum 30. Todestag von Heinrich Böll

Zum Todestag von Heinrich Böll

möchte auch ich an ihn erinnern; daran, dass Heinrich Böll mich lehrte, was Details in der Literatur bedeuten („Blut im Urin“ – unvergessen) und dass eine Literatur mit moralischem Impetus entgegen der Lehren der Germanistik, die zu meiner Zeit nur Verachtung für den „Gutmenschen“ übrig hatte, es vermag, Menschen zum Denken zu bringen – und zum Mitgefühl.

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Wie entstehen Romane? In unseren Kursen!

Wie entstehen Romane? In unseren Kursen!

Wie entstehen Romane? Vom Mythos zur Methode

Es ranken sich viele Mythen darum, wie ein Roman entsteht. Woher nimmt man die Idee, wie erkennt man, dass sie etwas taugt … Macht man sich zuerst einen Plan oder schreibt man einfach drauf los?
Viele Fragen kreisen um den kreativen Schaffensprozess – weshalb Autor*innen auch immer wieder danach gefragt werden, wie ihre Romane entstehen. Daniel Kehlmann hat in „Ruhm“ diese scheinbar naiven Fragen ziemlich auf die Schippe genommen. „Woher nehmen Sie Ihre Ideen?“ wird sein reisender Schriftsteller x Mal am Tag gefragt. Und x Mal am Tag antwortet er: „In der Badewanne“. Diese ironische Volte führt zurück zu dem berühmten Heureka-Moment von Archimedes, der in einer öffentlichen Badeanstalt sein nach ihm benanntes Prinzip fand – und deshalb „Heureka“ (ich habe es gefunden) schreiend durch Syrakus gelaufen ist. Nackt, so will es die Legende. Archimedes schrieb keine Romane, aber auch er überließ sich der Intuition und der Muße, die unbedingt zum kreativen Prozess gehören.

Ein kleiner Lichtpunkt

Robert Seethaler sagt: „Im Schreibprozess beginnt alles im nebelhaft Unbewussten, ein kleiner Lichtpunkt taucht verschwommen am Horizont auf. Es kann eine Szene sein, eine Empfindung, eine Figur – und mit dieser einen vagen Szene wächst dann eine Art Struktur, kommen erste Bilder, ein grober Ablauf. Schreiben bedeutet auswählen, streichen, wegschnitzen.“, so Robert Seethaler über das Schreiben. Das lesen Sie auf seiner  Autorenseite.

Strukturiertes Vorgehen

Es gibt verschiedene Methoden, Romane zu schreiben. Manche arbeiten wie Robert Seethaler aus der Intuition heraus. Andere, vor allem Krimiautor*innen, strukturieren vor und bestimmen erst den Plot und die einzelnen Szenen und arbeiten dann aus. Elizabeth George beschreibt in Wort für Wort, wie strukturiert sie vorgeht, um ihre Thriller zu entwerfen. Da spielt der Zufall kaum eine Rolle.

Von den Protagonist*innen ausgehen: lernen Sie ihre Schlüpfer kennen

Zwischen diesen beiden Polen oszillieren die Romanautor*innen, doch für jeden kommt irgendwann die Notwendigkeit, zu strukturieren und zu „plotten“, also die Handlung zu planen. Wir haben unsere Kurse so aufgebaut, dass Sie von den Protagonist*innen ausgehen, die in Ihren Romanen die Hauptrollen spielen werden und im Laufe der Zeit zu einem Plot gelangen. Falls Sie schon anfangs eine Idee haben, integrieren wir diese natürlich von Beginn des Kurses in alle Überlegungen. Wir gehen von der amerikanischen Creative-Writing-Lehre aus, die besagt, dass eine Story  erst dann „laufen lernt“, wenn die Autor*innen quasi in die Schuhe ihrer Figuren schlüpfen können – und eben auch deren Schlüpfer kennen. Dann kennen sie nämlich auch die (geheimen) Wünsche und Sehnsüchte, die Fehler und die Vorzüge und wissen, woher der Handlungsimpuls kommen muss, um den „Helden“ (oder die „Heldin“) in Bewegung zu setzen.

Spielerisch an den Schreibprozess

Bei uns können Sie von Beginn an (Creative Writing) über die Kurzgeschichte (Fiction Writing) bis zum Roman (Novel Writing) das Schreiben lernen. Im Online-Kurs Creative Writing geht es spielerisch an den Schreibprozess, in dem wöchentlich ein neues Thema im Vordergrund steht: Ideen entwickeln, einen Protagonisten entwerfen, eine Krise für ihn/sie finden, Dialoge schreiben, Beschreibungen von Personen, Orten und Gegenständen, Szenen entwickeln und schließlich einen ganzen Plot. Beim Fiction writing vertiefen Sie die Kenntnis des schriftstellerischen Handwerks. Sie schreiben neben vielen anderen Texten am Ende eine 12seitige Kurzgeschichte. Om Novel Writing-Kurs entwickeln Sie die Grundlagen für Ihren Roman: von der Idee zum Thema über die Protagonisten und die Gegenspieler bis zum mindestens ersten Kapitel Ihres Werks.  Sie erfahren etwas über Genres, über Vorgehensweisen beim Schreiben und erhalten viel Input.Wenn Sie weitere Begleitung wünschen, sind wir auch danach für Sie da (Lektorat und Coaching).

Ein schöner kleiner Artikel über schreibwerk

Ein schöner kleiner Artikel über schreibwerk

Sommer-Empfehlung: Storytelling – aber richtig

von Eric Kubitz am 5. Juni 2015

Wenn du deinen Tag mit Schreibereien für Webseiten oder PR-Texte verbringst, wird dir das irgendwann nicht mehr genügen. Das ist sicher auch ein Grund, warum Storytelling derzeit zum guten Online-Marketing-Ton gehört. Merke: In jedem Texter steckt auch ein Autor. Also ein echter Kreativer. Einer, der mit etwas Ruhe eine spannende Kurzgeschichte oder eine bewegende Biographie aufs Papier bringen kann. Oder sagen wir: “könnte”. Denn etwas Handwerk und Übung gehören schon dazu. Man braucht Anleitung dafür – ich sage dir, von wem. 
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Die Bewegung meiner Hand auf ihrer Haut – Short Story von Nicola Tams

Die Bewegung meiner Hand auf ihrer Haut – Short Story von Nicola Tams

Die Bewegung meiner Hand auf ihrer Haut

Nicola Tams hat Kulturwissenschaften in Lüneburg und Santiago de Chile studiert und widmet sich derzeit ihrer Doktorarbeit über die Philosophie der Freundschaft von Jacques Derrida. Der Text entstand im Kurs Speed-Writing

Eine Reise führte mich zu ihr. Ich weiß nicht mehr, was für eine Stunde des Tags es war, aber der Winter war gerade dabei zu verschwinden, und auf den Felsgrund an der Küste von Caen hatte sich Eis gelegt. Ich kam von der Hauptstadt und war auf dem Weg zu einem Geschäftstermin in der Normandie. In dieser Region von Frankreich war es kalt und rau, aber sonnig an diesem Tag. Ich erinnere mich jetzt, wie ich in diesen kleinen Ort fuhr und fasziniert war von den schmalen Gassen, die sich überall in die Landschaft hinauszogen.

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