Abendessen mit Frauenarzt – von Michaela Christians

Jakobsmuscheln

Abendessen mit Frauenarzt – von Michaela Christians 

Michaela Christians lebt in Bielefeld

Der Text stammt aus dem Online-Kurs Literarisches Schreiben

Alexander Fischer zog einen dunkelblauen Kaschmirpullover über das weiße Polohemd und setzte seine Goldrandbrille wieder auf. Wiebke hatte ein junges Ehepaar, das sie beim Spanischkurs in der VHS kennengelernt hatte, zum Abendessen eingeladen. Damit war die Sportschau für heute gestorben. Hoffentlich waren die beiden keine Ärzte. Er hasste Kollegengespräche beim Essen. Irgendwas mit Design hatte Wiebke vermutet, aber sie wusste es nicht genau.

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Das Corona-Tagebuch V

Das Corona-Tagebuch lebt! Inzwischen schreiben noch vier AutorInnen täglich ihre Beobachtungen zum Tage, zum Virus, zu den Veränderungen – oder auch nur zu ihren Gefühlen. Interessant ist die Hinwendung zu literarischen Genres, hier besonders am Eintrag von Ulrich Fritz am 21. April 2020 (letzter Eintrag) erkennbar. Das Foto gehört zum Beitrag von Stefan Gross vom 20. April 2020. Die Urheberrechte liegen selbstverständlich bei den AutorInnen. Die Beiträge vom Corona-Tagebuch V sind chronologisch geordnet.

 

18. April 2020

Beate van den Berg – Herdenimmunität

Wir nähern uns dem Ende von Woche 4 der Kontaktsperre und Berlin hat mit dem heutigen Tag die Herdenimmunität ausgerufen. Mit anderen Worten: Berlin hat die Schnauze voll von Kontakt- und sonstigen Beschränkungen und kehrt zu alter, fast nostalgisch anmutender Renitenz zurück.
Ich war heute viel unterwegs, mit dem Griechen und um Besorgungen zu machen, und dachte, ich wäre im falschen Film oder wieder mal in einem meiner nächtlichen Träume stecken geblieben. Es war so viel Treiben: hupende, nervöse Autofahrer; rasende Fahrrad-GRUPPEN(!!), Wiesen voller Menschen, ebenfalls in Gruppen. Es war… wie immer. Weiterlesen

Wie gelähmt – Gastbeitrag zum Corona-Tagebuch

Opferkonkurrenz

Wie gelähmt – Gastbeitrag zum Corona-Tagebuch von Claudia Nentwich

Claudia Nentwich lebt in Berlin. Die Singer-Songwriterin und Autorin Claudia Nentwich hat bisher sieben CDs und zwei Bücher veröffentlicht, ihr drittes Buch wird 2020 im KLAK Verlag erscheinen. Seit 2007 ist sie Gastgeberin der Veranstaltungreihe Songs ohne Boot

Berlin, 16.04.2020

Gelähmt von meinen Gefühlen

Wie immer dauert es etwas bei mir, bis ich es schaffe, eine neue Situation zu bearbeiten, geistig und körperlich. Das hat etwas damit zu tun, dass meine physische Gesundheit von Kindesbeinen an wacklig ist, und dass ich hypersensibel bin und mir schnell alles zu viel wird. Auch in der Corona-Krise konnte ich das wieder beobachten, gelähmt und von meinen Gefühlen überwältigt, war es für mich schwer, einen klaren Gedanken zu fassen.

Gestern kam mir in den Sinn, dass mich diese Krise mit ihren Bewegungseinschränkungen an das Jahr 2000 erinnert oder besser die Erinnerungen daran triggert. Ein Jahr, das ich hauptsächlich zuhause verbracht habe, wegen einer Chemotherapie. Diese Zeit, in der ich so schwach war, dass ich die Wohnung kaum verlassen konnte, habe ich noch in guter schlechter Erinnerung. Weiterlesen

Das Corona-Tagebuch IV

Schaf

In loser Folge veröffentlichen wir Texte aus dem Corona-Tagebuch, bei dem die AutorInnen die aktuelle Zeit der Kontaktsperre schriftstellerisch bearbeiten. Das Copy-Right liegt bei den AutorInnen

Das Corona-Tagebuch IV

 

6. April 2020

Beate van den Berg – Bad Hair Day

Wir schreiben Woche 3, Tag 1 der Kontaktsperre, und ich wache schon mit schlechter Laune auf. Nicht nur ein bisschen schlechte Laune, sondern so richtig schlechte. Bereits gestern war mir gar nicht nach Tagebuch-Schreiben, aber ich hatte gedacht, nach einem Ruhetag würde es wieder runder laufen.
Aber als ich heute morgen in den Spiegel schaue, denke ich, mich tritt ein Pferd. Meine Haare hängen in blond-graumelierten Strähnen derart lustlos in der Gegend herum, dass ich kurz den Impuls verspüre, selbst mal kurz mit der Schere Hand anzulegen. Dann denke ich, vermutlich um einem Akt der Selbstverstümmelung vorzubeugen, dass heute ja Montag ist und mein Friseur auch ohne Corona heute geschlossen hätte. Und dann, dass die Mutter meines Schreibgefährten Stefan es ziemlich gut hat, eine Fachkraft in ihrem Bekanntenkreis zu haben. Bin weiterhin sehr angespannt. Untersuche den Griechen auf Flöhe, da ich seit Tagen einigen Pusteln auf der Haut habe. Weiterlesen

Das Corona-Tagebuch III Texte vom 4. bis 6. April

Engel

Wir veröffentlichen in loser Folge Texte aus dem Corona-Tagebuch, einem aktuellen Experiment von schreibwerk berlin. Das Urheberrecht liegt bei den AutorInnen.

Das Corona-Tagebuch III

2. April 2020

Rita Lindner – Grau in Grau

Seit gestern habe ich einfach keine Lust zum Schreiben. Mir fällt nichts ein. Ich schaue auf der hinteren Seite unseres Hauses in den Garten: grauer Himmel, die kahlen schmutzig weißen Holzpaneele, mit denen sich der Nachbar links abgrenzt, vom Wind und den Krähen umgestülpte Futterschalen für unsere Gastkatzen, Tristesse. Ich schaue vorne aus dem Fenster: grauer Himmel, kein Mensch, kein Tier ist zu sehen auf unserer kleinen Straße, die nur eine kurze Sackgasse mit einer Wendeplatte ist. Weiterlesen

Post aus Indien – von Petra

Indien

Post aus Indien – von Petra 

Die Autorin des Beitrags lebt in Deutschland und Indien. In Varansi betreibt sie gemeinsam mit ihrem Mann eine Künstlerresidenz. Alle Fotos stammen von Petra.

 

Indien / Varanasi 26.03.2020
RE: Ausgangssperre

Liebe B…,

Wir versuchen, hier irgendwie Routinen aufrechtzuerhalten. Morgens arbeiten wir im Garten solange die Temperaturen es zulassen. Wir ernten unsere Tomaten, Blumenkohl, Kohl, Auberginen. Danach Kaffee und Duschen. Navneet kocht dann was gemeinsam mit Lori, der Künstlerin aus New York, die es vorzieht hier zu bleiben, statt nach Hause zu gehen.

Ich sitze einige Stunden am Tag im Büro, da wir unsere Lieferanten beruhigen müssen, arbeite gewisse Dinge auf, die schon länger überfällig sind. Nachmittags gibt es Tee auf der Terrasse, Abendessen fällt aus, gegen 9 Uhr geht’s ins Bett. Lesen im Dunkeln ist nicht so schick, da anschließend das Zimmer voll Moskitos ist, die einem die Nachtruhe rauben. Weiterlesen

Magie ist ein rares Gut – Text von Jana Anouk Mansour

Drogen

 

Jana Anouk Mansour studiert Kultur- und Sozialanthropologie in München. Der Text ist im Speed-Writing entstanden.

Magie ist ein rares Gut

Semra schließt ihren Laden auf und tritt vor die Tür. Sonnenstrahlen fallen auf die alten Bücher im Schaufenster. Sie setzt sich auf die Bank, direkt neben dem Eingang draußen auf dem Bürgersteig, schließt die Augen und nippt an dem heißen Kräutertee. Sie hat schlecht geschlafen. Ihr Nachbar Marlon, der Sohn eines erfolgreichen und sehr wohlhabenden Schriftstellers, hat die ganze Nacht das Wohnhaus an einem seiner Drogenräusche teilnehmen lassen. Dann dreht er die Musik lauter als sonst und hat unüberhörbar Sex.

Marlon ist ein gut aussehender Mensch, einer dieser Schönlinge, den alle wollen und viele bekommen. Nächte wie diese sind keine Seltenheit. Gras, Alkohol, Ecstacy, Koks und MDMA. Er kann sich seinen ausgeprägten Hedonismus des Rausches leisten. Und braucht ihn auch. Während ihrer zufälligen, aber häufigen Begegnungen auf der Bank vor ihrem Laden ist ihr das schon oft aufgefallen. Er braucht den Rausch. Er braucht die Drogen und dieses Wertegerüst, dass ihm Bedeutsamkeit suggeriert, wenn er eine große goldene Uhr trägt. Und wenn ihn sein 5er BMW mit Glück erfüllt. Er braucht es. Er hat etwas zu unterdrücken, mit dem er noch nicht umgehen kann.     Weiterlesen

Das Auto-Biographische Experiment: ein Resümee

Sehr erfolgreich verlief die Probephase des innovativen Kurses „Das auto-biographische Experiment“ von schreibwerk berlin.

 

Die Bilanz der Kursleiterin

In der Tat hatte ich eigentlich wenig Erwartungen – a) wusste ich nicht, ob sich überhaupt jemand dafür interessieren würde und b) war ich dann lediglich gespannt, ob es funktionieren kann, andere Menschen zur Distanzierung von sich selbst zu animieren.

Das auto-biographische Experiment ist ab sofort als Online-Kurs individuell buchbar. 

Erwartungen weit übertroffen

Das Ergebnis hat meine (wie behauptet: nicht vorhandenen) Erwartungen weit übertroffen. Ich hatte an ganz anderer „Front“ zu kämpfen als die TeilnehmerInnen, aber natürlich hat auch mir es Spaß gemacht, die Aufgaben durchzuspielen. Und ich habe für mich selbst daraus viel Befriedigung und überraschenderweise auch Befreiung (u.a. von Schuld) erfahren. Also für mich persönlich ist diese Methode, sollte ich überhaupt jemals meine Biographie schreiben – oder Teile davon, richtig. Das muss nicht für jede gelten, und galt auch nicht für jede, die hier mitarbeiten wollte oder mitgearbeitet hat. Dass ein Kurs nicht immer alle Leute, die daran teilnehmen, abholt und mitzieht, ist normal. Manche hatten ihr Zeitbudget überschätzt, andere ihren Mut, zu sich selbst und das vor anderen zu stehen, für wieder andere war die Methode einfach nicht die richtige.

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