Beitrag zum Wettbewerb „Notizbuch“ von Maria Unger

Maria Unger ist ehemalige Lehrerin und lebt in Bayern

Notizbuch 4 2017 – 08 – 29

Gedanken einer älteren Frau
ihren Umgang mit Notizbüchern betreffend

Eine Wolkenguckerin

Vor Jahren hat die Tochter der Mutter ein wunderschönes Buch geschenkt, SKYWRITING journal . Sie weiß nämlich, dass die Mutter eine Wolkenguckerin ist, dass sie manchmal Geschichten schreibt und noch öfter Geschichten liest. Aber Lesetexte enthält das Buch nicht, die Seiten sind nicht durchnummeriert, sondern über jede Doppelseite erstreckt sich ein Foto von Wolkenmassen, von Landschaften, die sich unter einem breiten Himmel ausdehnen, oder von Nebelschwaden, die Berge einhüllen. Krähen sitzen auf einem Kabel im blassen Abendlicht, ein gleißender Blitz zuckt aus einer Wolke, eine kaum sichtbare, schwach gekräuselte Linie trennt Himmel und Wasser. Überall viel freie Fläche, Wolkenweiß, Meeresblau und Nebelgrau.

Turn the sky

In diese Leere soll sie, schreibend oder zeichnend, mit dem Stift eingreifen, denn auf der Rückseite des Buchs steht „Turn the sky into a canvas for notes, doodles oder drawings“? Aber kann sie diese vom Fotografen grandios inszenierte Himmelsharmonie mit irdischen Banalitäten überschreiben?

„Abfahrt in Berkeley, 8,30 am, Cirruswolken“, „Über der Bus-Frontscheibe statt Zielangabe „GO WARRIORS GO“ oder „Ankunft Oakland 9.15, am Bahnhofsplatz riesige, bunt gekachelte Flächen →  Mackes Tunesienbilder,  → Scherenschnitte des alten Matisse“. Das hat sie in ein kleines Notizheftchen geschrieben, weil es ihr aufgefallen ist, weil es – anders als das Schnell-schnell-Fotografieren mit dem Handy – eine Synkope setzt im Fluss des Erlebens, weil in der Sekunde des Schreibens zum Bild ein Gegenbild entsteht, das der pflegeleicht gefliesten und neonweiß ausgeleuchteten Bahnhofsunterführungen in Deutschland.

Im Vokabelheft-Format

Sie schreibt in kleine Notizbüchlein im Vokabelheft-Format, bei denen sie immer weiß, wer sie ihr geschenkt hat oder wo sie sie gekauft hat. Sie freut sich, wenn man ihr so ein Büchlein schenkt, weil man ihr damit signalisiert, dass man ihr Schreiben ernst nimmt. Immer beschreibt sie nur die rechte Seite, links bleibt frei für Nachträge und Verbesserungen, denn schon beim ersten Durchlesen fällt ihr auf, was fehlt, was anders formuliert werden muss, und so entsteht links nicht selten ein Gewirr aus Fehlt-Zeichen, Sternchen und Pfeilen.

Fast unberührt

Zwei Heftchen sind fast unberührt, das eine dunkelrot, das andere blassblau, zwei papierene Schwestern, die im japanischen Laden in der Fourth Street in Berkeley gekauft wurden. Was für ein Geschäft, man betritt eine andere Welt! Natürlich hört man auch hier beim Eintreten Musik, aber wie eine leise Brise, wie ein sanfter Windhauch schweben die Töne eines japanischen Saiteninstruments über dem Raum. Der Store Manager, eine Asian American, aber nicht Kimono-kostümiert, lässt Besucher staunen, statt Kunden zu gängeln: Rollbilder an den Wänden, japanische Fächer und kleine Origami-Kunstwerke. Papierbögen sind über Stangen gehängt oder in großflächigen Schubladen ausgebreitet, auf kleinen Etikettchen stehen horrende Preise. Aber steckt nicht auch in jedem Blatt eine seit Jahrhunderten überlieferte Handwerkskunst? Soll man, ja darf man einen solchen Bogen zum Verpackungsmaterial degradieren? Und tut man es: Wem gebührt mehr Aufmerksamkeit, dem aufwändig hergestellten Papierbogen oder dem Geschenk, das irgendjemand darin verpacken wird?

Einmal zu Papier Gebrachtes

Kleine Büchlein mit Anleitungen zur japanischen Kalligraphie lassen die Frau überlegen, ob beim Schreiben nicht etwas Ähnliches geschieht wie beim Geschenk-Verpacken? Man kleidet Gedanken und Gefühle in Worte, schreibt sie auf Papier, damit sie so Wirkung entfalten können.

Dabei bedeutet „papieren“ doch auch „leblos, tot“. Ist einmal zu Papier Gebrachtes „tot“? Wird da etwas Fluides, die Idee, zum eingezäunten Besitztum? „Was man schwarz auf weiß besitzt, kann man getrost nach Hause tragen“.

Das Gegenteil stimmt ebenso: Was man aufschreibt, verlässt den Raum des Bloß-Gedachten, des Bloß-Gefühlten. Dem einmal ausgesprochenen, aufgeschriebenen Wort wachsen Flügel, es breitet sich aus, setzt sich andernorts fest.

Ein dunkelrotes und ein blassblaues

Die Frau kauft zwei schöne Heftchen als Erinnerung an den Laden, ein dunkelrotes und ein blassblaues. Nur ins dunkelrote hat sie schon einige Sätze in Schönschrift geschrieben, nicht mit Kugelschreiber, sondern mit schwarzer Tinte: „Der Stein beginnt zu reden“, „Radebrechend baue ich eine Sprechbrücke“ oder „Schreiben enthindert mich“. Schönschrift – Geheimschrift.

Als Christo den Reichstag verpackte, machte er etwas scheinbar Bekanntes geheimnisvoll: Der Reichstag vor der Einkleidung ist nicht der Reichstag nach der Entkleidung, denn sein Bedeutungsspektrum hat sich für alle Zeit erweitert. Da bleibt etwas zurück, auch wenn die Aktion selbst nur sternenschnuppenartig aufleuchtet und verglüht. Sogar das Davor bleibt, denn zahllose Skizzen, papierene Manifestationen der Idee, haben der Aktion den Weg bereitet. Dem Künstler ermöglicht ihr Verkauf die Realisation neuer Projekte, für die Käufer sind es Kostbarkeiten, manchen dienen sie als Spekulationsobjekte.

Gedächtnisstützen

Das könnte man von den Notizen der Frau nicht sagen. Es sind nur Gedächtnisstützen fürs private Fotoalbum. Auf dem elektronischen Notebook werden die Wörter mit Hilfe von Word in einen einheitlichen Schrifttyp gegossen, Halbsätze und linksseitige Kritzelzusätze werden in eine grammatikalisch korrekte Form geföhnt, das Programm moniert Rechtschreibfehler. Ordentlich sieht das Ergebnis dieser Arbeitsphase aus: kleine Absätze, von Datum und Ortsangabe eingeleitet. Doch mit dem nächsten Schritt verändert das Notebook seinen Charakter, wird vom gehorsamen Helfer zum widerborstigen Herausforderer, zur elektronischen Fußfessel, die das Ausschreiten nicht nur überwacht, sondern behindert.

Eine Designer-App wäre …

Wie ein riesiger Steinbruch stellt es in einer Groß-Datei die von zwei Personen auf vier verschiedenen Kameras gemachten Fotos bereit, eine Designer-App wäre zur Übernahme der ausgewählten Fotos und Textbausteine bereit. Wäre!

Das Programm ist kinderleicht, aber die Frau ist kein Kind mehr. Vielleicht liegt es daran, wenn die Fülle der Möglichkeiten ihr wie ein undurchdringlicher Dschungel erscheint, wenn sie fahrig Befehle eingibt, die einander widersprechen und schließlich jeden Ausweg aus dem Chaos blockieren.

Rettung verspricht der Hilferuf aus dem weiblichen Arbeitszimmer ins männliche Arbeitszimmer. Zuerst keine Reaktion, dann schon eine, leicht genervt oder schwer. Die Frau kann sich auch nicht richtig ausdrücken und man weiß nicht immer, was sie meint, wenn sie sagt, was sie will! Immer vergisst sie, was ihr schon hundertmal gesagt wurde! Was hat sie denn als Letztes gemacht? Schulterzucken ihrerseits, tiefes Durchatmen seinerseits, dann Rettung – bis zum nächsten Mal.

Momente des Notebook-Glücks

Daneben auch Momente des Notebook-Glücks, wenn es ihr gelingt, selbstständig Text und Bilder genauso zu verbinden, wie sie es will! Beim Zusammenstellen der Fotos ist ihr nämlich eingefallen, was ein älterer Mann aus dem kalifornischen Hinterland ihr einmal erzählt hatte: In seinen Jugendjahren sei er mit seinen Freunden oft dem öden Landleben durch einen Wochenend-Trip nach Berkeley entflohen, denn „Berkeley is bezerkeley“ Das ist es! Sie überwindet die vorgegebenen Raster, bringt die Bilder zum Tanzen: Übereinander, nebeneinander, verdreht und leicht beschwipst bilden sie eine Collage des „Summer of Love“, des „Struggle for Utopia“: Hallelujah the Pill!, Give Earth a Chance!, Make Love, not War! Equal Rights! Jetzt sind die Fotos „bezerkeley“. Die Frau ist zufrieden.

Anflug von Melancholie

Auch als sie das Papierexemplar des Albums „Berkeley, Mai 2017“ in den Händen hält. Sicher, da sind einige Fehler. Ärgerlich, aber naja. Vielleicht ist es gerade deshalb IHR Album.

Doch warum dieser Anflug von Melancholie? Weil das Album ihren vermutlich letzten Aufenthalt in Berkeley dokumentiert, denn die Tochter zieht mit ihrer Familie an die Ostküste. Oder auch, weil eine Schreib-Arbeit zu Ende gegangen ist? Ja, auch deshalb.

Es war eine Freude, Eindrücke in Worte zu fassen und jetzt, beim Blättern, beim Betrachten der Fotos und beim Lesen des Texts spürt sie ein stilles Einverständnis mit dem, was sie gemacht hat. Nicht jedes Detail stimmt, Frustsituationen werden nur nebenbei angedeutet, aber das Ganze stimmt.

Flug- oder Fluchtversuche

Was nun? Max Frisch hat aus seinem Tagebuch-Text „Der andorranische Jude“ ein ganzes Drama entwickelt. So etwas können richtige Schriftsteller. „Bleib auf dem Boden!“ hat ihr früher die Mutter gesagt, wenn sie Flug- oder Fluchtversuche angedeutet hat. Wie Flug- und Fluchtversuche ausgehen? Siehe Ikarus oder der Schneider von Ulm.

Trotzdem: es bleibt eine innere Unruhe, eine ziellose Schreiblust. Sie streckt die Fühler aus nach neuen Themen, überlegt, beginnt, verwirft dies und das. „Fällt mir denn gar nichts mehr ein?“

schreibwerk-Zündung

Dann plötzlich eine schreibwerk-Zündung: „Das Notizbuch als Rückgrat der Literatur. Ein Wettbewerb“. Das ist es. Die Ziellosigkeit bekommt ein Ziel. Oder doch nicht? Was soll sie schreiben? Vielleicht eine Liebesgeschichte? Ein amerikanischer Sinologie-Student verliert sein Notizbuch und lernt im japanischen Papierladen die Liebe seines Lebens kennen. Nein, Liebesgeschichten liegen ihr nicht. Einen Krimi? Über den Mord an einem Informatik-Professor und sein verschwundenes Notizbuch? Noch viel weniger.

Sie muss es anders versuchen. Einfach losschreiben, Stichwort „Notizbuch“.

„Es war einmal ein großformatiges Notizbuch SKYWRITING journal….“ Und mit einem Mal überschlagen sich die Gedanken. Über die Angst mit banalen Notizen ein schönes Buch zu verhunzen, über die kleinen Notizbücher, über ihre Freude, wenn sie beim Ausformulieren Erinnertes neu zum Leben erweckt. Dass es ihr Spaß macht zu überlegen „Aussagesatz oder Fragesatz?“ Ist das nicht egal? Nein, nicht egal! Sie hört beim Schreiben den Klang der Sätze, will, dass die Melodie stimmt. Nein, jetzt ist sie nicht unbeholfen, sie braucht niemanden, der ihr hilft. Sie schreibt einfach, beschreibt die Rückseiten eines alten Literatur-Kalenders. Links bleibt eine breite Spalte frei, für Ergänzungen, die durch verschlungene Pfeile zum Text hinüberführen, der am nächsten oder übernächsten Tag überarbeitet ins Notebook eingetippt wird.

Bis sie irgendwann spürt, dass auch das zu Ende geht. Wieder ein Stück Abschiedsschmerz. Was ist noch zu tun? Sie muss einen Titel finden. Nichts Spektakuläres, nichts Pathetisches. Vielleicht ganz spröde:

„Gedanken einer älteren Frau – ihren Umgang mit Notizbüchern betreffend“

 

 

 

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