„Austern essen?“ Text von Marita Brenken

„Austern essen?“ Text von Marita Brenken

„Austern essen?“ Text von Marita Brenken

Dieser Text stammt von der Gewinnerin des Food-Wettbewerbs und ist einer der zahlreichen Textgenüsse aus dem Kurs Food-Writing.

Austern essen?

„Ist hier noch frei?“

„Nein.“

„Vielen Dank, dann setzte ich mich mal! Ist ja der einzige freie Platz im Lokal.“

Das hatte ihr gerade noch gefehlt. Sie wollte in Ruhe ihren Sekt trinken und den ersten Tag des neuen Jahres genießen. Mit Blick auf die Alster. In feinem Ambiente. Stilvoll. Sie hatte das Kostüm mit dem Bleistiftrock gewählt, und dem taillierten Jäckchen, vierzig Prozent Mohair. Eine neue Strumpfhose hatte sie sich gegönnt und die Perlenkette angelegt. Nur einmal im Jahr trug sie Lippenstift und Nagellack, am ersten Januar, um das neue Jahr zu begrüßen. Das war ihr Ritual, eine freundliche Begrüßung war wichtig, um das Jahr milde zu stimmen, in jeder Beziehung. Und jetzt versperrte ihr diese Person, diese Matrone die halbe Aussicht auf das neue Jahr und die Umgebung. Raumgreifend. Sie trug keine elegante Perlenkette am fetten Hals, sondern gleich drei Reihen, und drei Reihen am feisten Handgelenk. Widerlich. Und dieses aprikotfarbene Gewand aus Seide, das sanft über die Fettpölsterchen floss, geschickte Tarnung, gutes Material, das konnte sie nicht leugnen. Sie drehte den Kopf zur Seite, um ihr Gegenüber nicht zum Sprechen zu animieren, hob ihr Sektglas, und prostete wortlos den Wolken zu, und Werner, der schon vor so langer Zeit von ihr gegangen war.

Prickelnd ergoss sich der Champagner

Sie hörte den Kellner kommen, hart stellte er etwas neben dem Tisch ab, ein klirrendes, ratschendes Geräusch, ein metallenes Knistern, ein trockener Knall. Die Person lachte spitz mit hoher Stimme und sie musste ihr den Kopf zuwenden. Prickelnd ergoss sich der Champagner in den hohen Kristallkelch. Die Flasche verschwand im Eis des aufgestellten Sektkühlers. Mit leuchtenden Augen hob die Person das Glas dem Kellner und dann ihr entgegen. Else nickte trocken und schaute wieder aus dem Fenster. Und schon wieder wurde ihre Meditation unterbrochen. Der Kellner erschienen mit einem silbernen Tablett voller Austern, Austernmesser, Stoffservietten, Zitrone, Tabasco, Koriander. Else atmete den Duft von Meerwasser, reifen Zitronen in warmen Sommernächten, die Schärfe einer durchliebten Nacht und die Würze des heraufziehenden Morgens. Sie schloss die Augen. Werner!

„Zwölf Stück. Für jeden Monat eine!“

„Bitte?“

„Das ist mein Ritual am Neujahrsmorgen. Ich esse zwölf Austern, für jeden der neuen Monate eine.“

„Dann beglückwünsche ich Sie zu diesem miesen Jahr, das jetzt vor ihnen liegen wird, mit Unfällen, Krankheit, Tod, Geldmangel.“

Else hätte sich auf den Mund hauen wollen. Wie konnte es sein, dass ihr dieser unkultivierte Wortschwall über die Lippen kam? Nur weil die Düfte Erinnerungen in ihr wach riefen?

Die fremde Frau stutzte kurz, dann lachte sie laut und ihr Brustkorb bebte heftig.

„Ich habe für heute Morgen kein Drama bestellt, aber ich spiele gerne mit. Ihre Verwünschungen können mir nichts anhaben, dazu bin ich zu dick. Schutzspeck, wissen Sie, sollten Sie sich auch anschaffen, damit Sie nicht so empfindlich sind. Ich wünsche Ihnen, dass Ihre unhöflichen Beschimpfungen Sie selber treffen, alle auf einmal, damit Sie mal die Wucht des Lebens kennenlernen. Das scheint Ihnen zu fehlen, das pralle Leben. Geben Sie mal den schlechten Sekt zurück. Probieren Sie von meinem Champagner, eine Köstlichkeit. Sie sind eingeladen.“

Else schüttelte störrisch den Kopf, doch die Person schnippte schon mit den dicken Fingern und der Kellner brachte einen frischen Sektkelch.

„Zum Wohl!“

„Nun essen Sie mal, sonst werden diese Austerndinger schlecht.“

„Diese Dinger kommen aus französischen Tidengewässern und duften wunderbar. Sie riechen so wie das Meer, in dem sie heranwuchsen.“

„Sie stinken. Und sie sehen aus wie Spucke….oder Sperma.“ Else log und es bekam ihr nicht. Ihr  Brustkorb schnürte sich zusammen.

Verdutzt sah die Person ihr ins Gesicht und schüttelte den Kopf. „Pardon, Madame, bitte missbrauchen Sie mich nicht, ich bin nicht ihre Therapeutin.“

Die erste Auster

Else schämte sich, ihre Wangen hatten eine rosa Färbung angenommen. Sie stürzte den Champagner in einem Zug und hielt dem herbeieilenden Kellner ihr Glas hin. Die Person nickte fast unmerklich und der Kellner schenkte nach. Dann nahm sie die erste Auster, legte sie mit der gewölbten Seite in die gestärkte Stoffserviette. Vorsichtig hobelte sie den Deckel an der spitzen Seite mit dem Austernmesser auf. Sie durchtrennte den Muskel, öffnete die Schale und löste das perlenartig glänzende Tier von der Unterschale. Ein bisschen Tabasco und Zitrone ließen das Tier erschrecken, es zog sich zusammen. Mit einem lauten Schlürfen verschwand es samt Meerwasser im roten Mund der Matrone. Sie kaute gründlich und genussvoll bevor sie schluckte.

„Ekelhaft“, entfuhr es Else.

„Wunderbar“, schwärmte ihr Gegenüber, „essen sie denn gar nichts?“

„Doch, natürlich, ich bin Vegetarierin, ich esse nichts was Augen hat.“

„Hätte ich mir ja denken können“, murmelte die Person abfällig. „Übrigens, Austern haben keine Augen.“

„Aber es sind Tiere, und die Perle ist das Auge der Auster.“

„Sehr poetisch gnädige Frau, dann sind Sie ja eine Massenmörderin, wenn ich die ganzen Austernaugen an ihrem Hals zählen würde.“

Betroffen fasste sich Else an den Hals. Die Kette! Sollte sie jetzt wieder lügen und sagen, dass die Perlen unecht sind. Das kam nicht in Frage, ein Verrat an Werner wäre das. Er hatte ihr die Kette geschenkt.

„Voila, vegetarische Sommerrollen.“

Elegant platzierte der Keller den feinen weißen Teller vor ihr, die Soßenschälchen daneben.

„Für einen guten Februar“, sagte die Person und machte sich über die Februarauster einher.

Else schaute auf ihren Teller. Dort lagen zwei wurstähnliche bleiche Stränge, anmutig schräg aufeinander drapiert, mit Petersilienstängelchen und geschnitzten Möhren garniert. Auch die Person starrte auf den Teller.

„Was ist das denn?“

„Sommerrollen mit Tofufüllung.“

„Mit was?“

„Tofu! Asiatische Köstlichkeit. Sojabohnen werden zu Sojamilch verarbeitet. Der Quark wird dann entwässert, die Proteine werden denaturiert. Ähnlich wie bei der Käseherstellung.“

„Verstehe, Tofu, dieses graue wabbelige Zeug, das nach gar nichts schmeckt, wenn man es nicht künstlich mit Gewürzen aufpeppt. Da lob ich mir doch ein gutes Stück Brie de Meaux. Und was ist das da drum herum, diese komische Hülle!“

„Ein Reispapierblatt.“

„Sieht aus wie ein gebrauchtes Kondom, nur mit der falschen Füllung.“

Else knallte ihr Besteck auf den Tellerrand, Porzellan splitterte. Es schnürte ihr die Kehle zu, ihr Magen krampfte sich jäh zusammen. Jetzt nicht die Kontrolle verlieren.

Die Person schnippte schon wieder mit dem Finger, der Kellner trug den zerstörten Teller mit den blassen Würsten ab. Else stürzte das dritte Glas Champagner hinunter. Sie trank sonst nie und hatte plötzlich leichte Probleme die Dinge auf dem Tisch ordentlich zu fixieren.

„Bringen sie meiner Tischpartnerin bitte sechs Austern auf meine Rechnung. Sechs reichen. Mit sechs Monaten Glück in diesem Jahr ist sie wahrscheinlich schon heillos überfordert.“

Die fünfte Auster

Else wollte sich wehren, aber sie hatte keine Kraft mehr. Ihr Gegenüber schluckte die fünfte Auster. Else verschwamm kurzzeitig das Bild vor Augen. Ein Korken knallte, die zweite Flasche Champagner war offen. Das kühle Nass gluckste durch die Kehle der Person. Vor Else landete ein Teller mit sechs schiefergrauen zerfurchten Austern. Der Kellner näherte sich ihr von links, streifte leicht ihre Schulter und öffnete die harten Schalen der Tiere mit einem Krachen. Das Muskelfleisch zuckte. Elses Magen zuckte auch und zog sich schmerzhaft zusammen. Jetzt nicht übergeben. Else presste die schneeweiße Serviette auf die Lippen. Der Stuhl fiel um als sie abrupt aufstand. Beinah hätte sie das Gleichgewicht verloren. Der Kellner stützte sie freundlich.

„Toilette“, konnte sie zwischen den Lippen hervor pressen.

Sie wusste nicht, wie sie es geschafft hatte, aber nun kniete sie über der nach Frische duftenden Kloschüssel und versuchte sich zu übergeben. Es konnte nicht funktionieren, es kam nur Flüssigkeit. Sie hatte ja nichts im Magen außen Alkohol.

Verflixt, was sollte ein Jahr bringen, das schon so anfing. Sie erhob sich, strich Rock und Bluse glatt, ordnete ihre Haare. Jetzt war es genug, sie wollte gehen, ein wenig an der Alster spazieren. Stolz und erhobenen Hauptes ging sie zwischen den Tischen einher zu ihrem Platz, um ihre Handtasche zu holen. Die Person hatte sich inzwischen über den zweiten Austernteller gebeugt.

„Ich esse ihre auch noch. Achtzehn Stück, sechs Monate doppeltes Glück. Wenn Sie ein bisschen Glück abhaben möchten, rufen sie mich an. Ich hab genug für alle.“

Die Matrone schob eine glänzende Karte mit Goldprägung über den Tisch.

„Ein frohes neues Jahr“, wünsche Else höflich und ging. Die Karte ließ sie liegen. Diese Art von Glück brauchte sie nicht.

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