Abendessen mit Frauenarzt – von Michaela Christians

Abendessen mit Frauenarzt – von Michaela Christians

Jakobsmuscheln

Abendessen mit Frauenarzt – von Michaela Christians 

Michaela Christians lebt in Bielefeld

Der Text stammt aus dem Online-Kurs Literarisches Schreiben

Alexander Fischer zog einen dunkelblauen Kaschmirpullover über das weiße Polohemd und setzte seine Goldrandbrille wieder auf. Wiebke hatte ein junges Ehepaar, das sie beim Spanischkurs in der VHS kennengelernt hatte, zum Abendessen eingeladen. Damit war die Sportschau für heute gestorben. Hoffentlich waren die beiden keine Ärzte. Er hasste Kollegengespräche beim Essen. Irgendwas mit Design hatte Wiebke vermutet, aber sie wusste es nicht genau.

Schneegestöber wie bei einem Ultraschall

Prüfend schaute er aus dem Fenster. Schneegestöber wie bei einem Ultraschall vor der zwölften Schwangerschaftswoche. Wenn die beiden keine Winterreifen aufgezogen hatten, kamen sie garantiert den Berg nicht hoch.
„Kümmerst du dich um die Vorspeise, Schatz?“, rief Wiebke aus der Küche.
Er hatte sich für mit Ahornsirup glasierte Jakobsmuscheln auf Linsensalat entschieden. Er liebte alle Sorten von Linsen.
Wiebke tanzte um den Backofen wie eine hysterische Vierzigjährige mit Kinderwunsch, deren biologische Uhr tickte. Typisch Wiebke, dass sie ein neues Rezept ausprobierte, wenn Besuch kam und dann fast in Ohnmacht fiel, wenn es nicht klappte.
Sie huschte zur Tür, als es klingelte.

Kinderwunsch-Patientin unter Hormonbehandlung

„Sebastian und Andrea“, stellte sie vor, „das ist mein Mann Alexander.“ Sie scheuchte die Gäste an den großen Esstisch im Wohnzimmer.
Sie sahen wirklich jung aus, höchstens Mitte dreißig.
„Ob Hertha heute wohl gewinnt?“, er zwinkerte dem jungen Mann  zu und verwickelte ihn in ein Gespräch über Fußball, bevor diese Andrea vertraulich werden konnte. Sie hatte das aufgedunsene Gesicht einer Kinderwunsch-Patientin unter Hormonbehandlung und wollte garantiert einen Rat – vielleicht war sie doch schon eher Ende dreißig.
„Die Jakobsmuscheln sind köstlich“, sagte sie gerade zu Wiebke.
Eifrig hielt Alexander die Karaffe mit Ahornsirup hoch: „Darf’s noch etwas mehr vom Vierundzwanzig-Stunden-Sammelurin sein?“ Andrea lachte gekünstelt und wich seinem Blick aus.

So zart wie ein gutartiger Mammatumor

Zufrieden zerteilte er die auf seinem Teller verbliebene Jakobsmuschel, die so zart wie ein gutartiger Mammatumor war und die hervorragend mit den winzigen, stanzengroßen Linsen harmonierte. Wiebke warf ihm einen bösen Blick zu, den er mit Unschuldsmiene erwiderte. Dann holte sie den Braten von der Größe eines postklimakterischen Uterus aus dem Backofen. Wie davon vier Erwachsene satt werden sollten, war ihm ein Rätsel. Sie entfernte das Braten-Thermometer, das wie ein Intim-Piercing aus dem rosa Fleisch ragte und überließ ihm das Aufschneiden. Chirurgisch präzise trennte er exakt gleich große Scheiben ab und legte sie auf die Teller. Wiebke verteilte das Kartoffelgratin, das sie aus unerfindlichen Gründen mit einer Béchamelsoße – wie dickflüssiger Ausfluss – übergossen hatte. Unauffällig schaute er auf die Uhr. Wenn sie sich mit dem Essen beeilten, konnte er vielleicht noch das Sportstudio schaffen.

Wie ein unauffälliges Abradat

„Wollen wir mit dem Nachtisch noch etwas warten?“, fragte Wiebke in die Runde lächelnd. Alexander ging zum Kühlschrank.
„Ich stelle die Rote Grütze einfach auf den Tisch – wer mag, nimmt sich“, sagte er und löffelte sich eine ordentliche Portion in sein Schälchen. Es sah so köstlich aus wie ein unauffälliges Abradat.
Als sich die Gäste kurz darauf verabschiedeten, fühlte er sich wie bei einer vor den Feiertagen eingeleiteten Geburt: Alles war glatt gelaufen und man war rechtzeitig zur Bescherung zu Hause. In fünf Minuten fing das Sportstudio an.

Foto: Pixabay

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