Archiv November 2014

Martina E. Siems-Dahle: Die Alte und das Mädchen

Der Verstorbene musste eine bekannte Persönlichkeit gewesen sein. Wie viele folgten wohl dem Sarg? Siebzig? Einhundert? Die alte Frau auf der Bank sah dem schwarzen Zug hinterher. Sie schraubte den Becher von der Thermoskanne und schenkte sich einen Tee ein. Verträumt blickte sie auf den gegenüberliegenden Grabstein: Gustav Möller, 21. November 1921 – 09.Juni 2008. Für Grab, Sarg und die Trauerzeremonie war ihr Erspartes draufgegangen. Sie hätte finanzielle Unterstützung beantragen könne, aber das ließ ihr Stolz nicht zu. Ihr Mann und sie hatten sich nie etwas borgen müssen und waren zufrieden mit dem bescheidenen Lebensstil, den sie sich erarbeitet hatten.

Sie massierte ihren Nacken und kreiste den Kopf. Sie hatte gerade die verdorrten Sommerblumen aus dem Grabbeet gezupft, Töpfchen mit Heidekraut warteten darauf, eingepflanzt zu werden. Eine grüne Plastikgießkanne hatte sie vom Wasserhahn bis zur Grabstelle geschleppt, es hatte in diesem außerordentlich warmen Oktober noch keinen Tropfen geregnet. Auf ihrem Schoß lag auf einem rotkarierten Geschirrhandtuch ein schrumpeliger Apfel. Bedächtig, ohne hinzuschauen, (Wie viele Äpfel aus ihrem Schrebergarten, den es seit dem Tod ihres Gustavs nicht mehr gab, hatte sie schon zu Apfelmus verarbeitet?), schälte sie ihn mit wulstigen Fingern.

Der Kies auf dem Weg knirschte, die alte Frau drehte ihren Kopf in die Richtung, hielt mit dem Schälen inne. Ein schwarzes Ding ließ sich auf die Bank plumpsen. Mädchen oder Junge war nicht auf Anhieb zu erkennen. Die Alte griff zu ihrer Lederhandtasche, der man ansehen konnte, dass sie einen großen Teil des Lebenswegs ihrer Besitzerin mitgegangen war. Die Frau presste das kleine Gut auf ihren Bauch und umschloss es mit der selbstgestrickten Jacke. Sie schob sich ein Apfelstück in den Mund und schaute mit neugieriger Skepsis ihren Nachbarn an (oder Nachbarin?).

„Was glotzt du denn so?“, fragte trotzig eine Mädchenstimme. „Schwarz ist doch aufm Friedhof angesagt, oder?“ Reichlich beringte Finger mit Dunkellila lackierten Nägeln öffneten ein Packung Zigarettentabak und holten einen Papierstreifen hervor. Das Mädchen steckte ihn zwischen ihre schwarz angemalten Lippen, kratzte den Tabak zusammen, den sie flink und geschickt in das Papierchen rollte. Es klemmte die Zigarette zwischen ihre schmalen Lippen, steckte sie mit einem Feuerzeug an und nahm einen tiefen Zug. Es schluckte den Rauch geradezu hinunter, um sich dann der alten Frau zu zuwenden und ihr den Rauch ins Gesicht zu blasen. Die Lippen grienten, die Augen verrieten nichts, sie lagen unter einem Pony schwarzer Haare.

„Wenn du mich hier schon anbläst“, sagte die alte Frau und wedelte den Rauch mit einer Hand weg, „dann möchte ich dir dabei auch in die Augen schauen.“

„Klar“, sagte das Mädchen, steckte den Pony hinter die Ohren, zog kräftig und pustete den Dampf wie gefordert der Nachbarin ins Gesicht.

„Hast du keine Schule?“

„Was geht dich das denn an?“, das Mädchen klappte seine dünnen Beine, die in Springerstiefeln steckten, zu einem Schneidersitz zusammen.

Ein Mann im dunklen Wollmantel und Hut schlurfte an den beiden vorbei, im Schlepptau einen Dackel, der abrupt stoppte und auf den Weg ein Häufchen setzte.

„Ey, Alter“, rief das Mädchen, „dein Hund hat gekackt. Mach das mal weg.“ Der Mann aber ging weiter. „Frechheit. Was sind das für Manieren! Willst ein Kaugummi?“, fragte es die alte Frau und hielt ihr eines hin.

„Ich habe mein ganzes Leben noch keines gegessen und jetzt auch nicht.“

„Was? Deine ganzen hundert Jahre nicht?“

„Achtzig Jahre. Ich heiße Berta Möller, und du?“

„Anna.“

„Und wie lange hast du diesen Namen schon?“

„Fünfzehn Jahre.“ Anna mahlte ausladend mit den Kiefern, blähte einen Kaugummiblase und ließ sie zusammen mit Zigarettenrauch platzen.

„Ich wünschte, ich könnte auch im Schneidersitz sitzen. Besonders auf Parkbänken. Aber guck“, Berta Möller zog ihren knielangen, beigen Glockenrock hoch, „Wasser.“

„Die sehen ja aus wie Elefantenbeine in Ballettschuhen! Alt sein ist schon Scheiße, was?“

„Nein, wenn man zufrieden ist, macht einem das nichts aus.“

„Ich bin nicht zufrieden und noch so jung.“ Anna setzte sich nun auf die Rückenlehne der Bank und schnipste den Zigarettenstummel weg. Sie stopfte die Kopfhörerstöpsel ihres iPods in die Ohren, sie zuckte am ganzen Körper zu einer kreischenden Melodie. Dabei drehte sie sich erneut eine Zigarette.

„Haste letztes Jahr das in der Zeitung gelesen?“, sie schrie fast die Frage und hustete den Rauch auf Berta Möllers Apfel.

„Was?“

„Das von dem Mädchen, das einen Sexualtäter in die Flucht geschlagen hat?“

Berta Möller holte sich ein Stofftaschentuch und Echt Kölnisch Wasser aus der Handtasche, spritze eine Menge auf das Tuch und wedelte damit vor Annas Nase.

„I pfui, da wird einem ja schlecht von.“

„Was war mit dem Mädchen?“, fragte die alte Frau und wischte sich ihren Mund und die Hände ab, um dann dem Mädchen die Hörer aus den Ohren zu ziehen.

„Na, die ganze Polizei hatte doch nach dem fremden Bösewicht gesucht, und die Eltern schickten ihre Mädchen nur in Begleitung zur Schule. Tätä! Hat über zwei Wochen gedauert, bis klar wurde, das alles nur erlogen war.“

„Was haben denn deine Eltern dazu gesagt?“

„Na, peinlich war‘s denen … ‚Was sollen denn die Leute von uns denken?‘ und haben mich dann auf eine andere Schule geschickt“ Sie äffte offensichtlich die Stimme ihrer Mutter nach. „Und wenn du dich nicht sofort normal kleidest, schicken wir dich aufs Internat?“

„Das ist aber bestimmt teuer.“

Anna hielt kurz inne und runzelte ihre helle Stirn. Sie schaute die alte Frau an, wie sie da so in den abgetragenen Klamotten saß, etwas gekrümmt und schlaff, durch stumpfe dünne Haare schimmerte Kopfhaut. Und doch schienen die Millionen Falten fröhlich über ihr Gesicht zu tanzen.

„Das ist denen doch egal“, Anna pulte Nagellack ab, „wenn ich brav bin, krieg ich alles von denen. Und wenn ich mal wieder was brauche, bin ich für paar Stunden lieb, trage Jeans und so weiter, was alle so tragen, aber ich bin nicht alle.“

„Ich glaub‘, meine Schildkröte redet mehr mit mir als deine Eltern mit dir.“

Anna zuckte mit den Achseln, stopfte wieder die Hörer in die Ohren, drehte die Musik lauter und zappelte dazu.

„Willst ein Butterbrot?“, fragte die Frau.

Anna hörte das nicht. Sie zog aus ihrer Umhängetasche ein Fläschchen Underberg hervor.

Berta Möller räumte schnell ihr kleines Picknick zusammen und stand so zügig wie ihr möglich war auf. Die Bank kippte nach hinten. Anna fiel rückwärts auf einen Haufen zusammen gerechter Blätter.

„Ey, Alte, noch alles fit im ..?“

„Steh‘ auf und stell‘ die Bank wieder hin, Anna!“, befahl Berta Möller in einem Ton, dass Anna nicht wagte zu widersprechen.

„OK.OK.“

„Ich brauche dich, Anna. Hilf mir beim Bepflanzen des Beets.“ Braune Augen unter schwarzem Augenmakeup funkelten ihr entgegen. Berta Möller setzte sich wieder hin und zeigte auf Harke und Schaufel.

Nachdem Anna blühende Heide in die warme Erde gepflanzt und sie gewässert hatte und die Grabumrandung gereinigt hatte (und auch über den Namen Gustav Möller gefegt hatte), hörte sie Berta Möller sagen:
„Komm‘ bitte morgen nach der Schule hier her. Wir müssen noch das Grab meines Bruders pflegen. Und zieh‘ dir andere Klamotten an. Wär‘ doch schade, wenn dein – wie sagt ihr? Outfit? – schmutzig wird.“

Anna packte die Gartengeräte in einen Jutesack und ging. Berta sah, wie sie ein kleines Fläschchen in einen Mülleimer warf.