Feine Gesellschaft – Short Story von Andrea Gärtner

Diese Story entstand im Speed-Writing
Andrea Gärtner, Jahrgang 1974, lebt und arbeitet in Südniedersachen. Nebenbei schreibt und veröffentlicht sie Kurzgeschichten. 2017 erschien ihr erster Roman „Herzfehler“.

Sie war und blieb allein

„Du kannst mich doch hier nicht so liegen lassen!“

Unten fiel mit lautem Knall die Tür ins Schloss. Für einen Moment hielt sie den Atem an. Er würde zurückkommen und sie losmachen. Ganz sicher. Sie lauschte, hoffte etwas zu hören, das seine Rückkehr ankündigte. Als das Zimmer vor ihren Augen zu verschwimmen begann, atmete sie keuchend aus. Sie war und blieb allein. Um sie herum nichts als Stille. Lediglich das Ticken der Standuhr war zu hören.

Die Satindecke vom Fußende des Bettes

Carlotta schaute auf ihre Hände und zog und zerrte. Doch vergeblich. Die Handschellen schnitten ihr nur tiefer ins Fleisch. Auf jedem Zentimeter ihrer bloßen Haut richteten sich die feinen Haare auf. Und es war viel Haut entblößt. Das schwarze Spitzenhöschen und der paillettenbesetzte Büstenhalter verdeckten nur einen Hauch ihres Körpers. Mit den Füßen versuchte sie, die Satindecke vom Fußende des Bettes zu angeln. Zweimal gelang es ihr, eine Ecke zwischen die Zehen zu klemmen. Doch bevor sie die Decke weiter zu sich heranziehen konnte, war sie ihr schon wieder entglitten.
„Du elender Mistkerl!“, brüllte sie in das leere Haus. „Komm sofort zurück!“ Sie riss an den Handschellen, warf sich auf dem Bett hin und her und trommelte mit den Füßen auf die Matratze.
Die Türglocke ertönte. Ihr tiefer Klang schwappte durch das marmorne Treppenhaus bis zu ihr hinauf ins Schlafzimmer. Sie hielt inne. Kam er zurück? Blödsinn – er hatte ja einen Schlüssel. Also stand vielleicht Hilfe vor der Tür. Carlotta holte tief Luft. Doch bevor ein erster Hilferuf ihrer Brust entwich, erinnerte sie sich ihrer Lage. Sollte sie riskieren, so gesehen zu werden? Ans Bett gefesselt mit nichts als einem Hauch von Reizwäsche?

Gummisohlen quietschten

Die Glocke erklang erneut. Sie rührte sich nicht.
Als Nächstes hörte sie, dass die Haustür aufging. Für einen kurzen Moment drang der Verkehrslärm an ihr Ohr, verebbte aber sofort wieder mit dem Schließen der Tür. Sie lauschte. Würde er nun endlich zu ihr kommen und sie losmachen? Nichts geschah. Gerade als sie nach ihm rufen wollte, hörte sie Schritte unter sich. Gummisohlen quietschten über den Terrazzoboden. Sie schlug vor Schreck die Hand vor den Mund. Zumindest war das ihr Impuls, der das Klirren ihrer Handschellen und ein Scharren am Bettgestell verursachte. Sie hielt den Atem an und lauschte gespannt. Wer auch immer da durch das Haus schlich – ihr Mann war es sicher nicht. Schuhe mit Gummisohlen waren unter der Würde des Herrn Minister.

Die Schritte unter Carlotta hielten inne und setzten dann den Rundgang durch das Haus fort. Sie versuchte, an den Geräuschen zu erkennen, wohin die Person in ihrem Haus ging und was sie tat. Im Salon schwang mit einem Knarzen die Anrichte auf und wieder zu. Zwischendurch klirrten Münzen. Vermutlich die Sammlung ihres Mannes, die er dort aufbewahrte. Im Essraum klimperte das Silberbesteck, Kleingeld rasselte aus der Dose, in der sie es sammelte, wohl in einen Stoffbeutel, der den Lärm dämpfte.

Irgendjemand raubte sie aus

Irgendjemand raubte sie aus. Jemand mit Schlüssel und der genauen Kenntnis, wo was zu finden war. Sie überlegte angestrengt, doch die einzigen Menschen, die außer ihr und dem Minister einen Schlüssel zu ihrer Villa hatten, waren seine Mutter und die Putzfrau. Beide konnte sie ausschließen. Ihre Schwiegermutter lag nach einem Sturz im Krankenhaus und erwartete täglichen Besuch. Die Reinigungskraft Etilda hatte Urlaub und war zu ihrer Familie nach Albanien geflogen.

Unter ihr rumpelte es. Jemand fluchte leise. Die Stimme war tief und rau. Und unbekannt. Was auch immer geschehen war, hielt den Dieb nicht auf. Die quietschenden Sohlen kamen über die Treppenstufen nach oben.

Eine dunkel gekleidete Gestalt

Carlotta hielt den Atem an und versuchte sich tief in die Matratze zu drücken. Ein unsichtbares Gewicht auf ihrem Bauch schien dabei zu helfen, verursachte aber gleichzeitig Übelkeit.
Eine dunkel gekleidete Gestalt huschte an der angelehnten Tür des Schlafzimmers vorbei. Obwohl der Teppich der oberen Etage das Geräusch der Schritte schluckte, erkannte sie am Klappern der Kleiderbügel nebenan, dass nun ihr Ankleidezimmer durchwühlt wurde. Sogar das Versteck ihrer Schmuckschatulle in einem Koffer hinter den Abendkleidern war dem Eindringling offenbar bekannt. Sie hörte das metallische Klicken, mit dem der Koffer geöffnet wurde und das Klimpern ihrer Colliers, Ohrringe und anderer Geschmeide.
Kann er alles haben, dachte sie, wenn er nur verschwindet und mich in Ruhe lässt. Sie schloss die Augen, um sich besser auf die Geräusche konzentrieren zu können. Im Ankleidezimmer herrschte mittlerweile Ruhe. Wohin war er gegangen?

Eine Spur von Zitrus

„Was haben wir denn da?“ Noch ehe sie die Worte hörte, war ihr der Geruch in die Nase gestiegen. Erdig und eine Spur von Zitrus.
Carlotta riss die Augen auf und zog instinktiv die Beine zu sich heran. „Bitte! Tun Sie mir nichts!“, flehte sie. Gleichzeitig registrierte sie voller Erstaunen, das in der Tür eine junge Frau stand. Groß, schlank, von Kopf bis Fuß schwarz gekleidet, dunkle Locken um das südländische Gesicht mit den braunen Augen. Sie sah ihrer Mutter zum Verwechseln ähnlich.
„Linda?“, hauchte sie.
Die junge Frau stand noch immer im Türrahmen. Ihr Gesicht war starr, keine Gefühlsregung, kein Gedanke war abzulesen.

„Linda, bitte, machen Sie mich los! Ich werde Sie nicht verraten, wenn Sie mir jetzt helfen. Ich gebe Ihnen mein Wort.“

Die Diebin setzte sich in Bewegung, schritt am Bett vorbei zur rückwärtigen Wand und begann, das dortige Gemälde abzutasten. Ein alter Schinken mit einer Jagdszene. Carlotta hatte dieses Bild immer verabscheut. Nun schwang es zur Seite und gab den Blick auf einen in die Wand eingelassenen Tresor frei.

Sie hatte keine Ahnung gehabt

Carlotta schnappte nach Luft und wand sich auf dem Bett, um besser sehen zu können. Sie hatte keine Ahnung gehabt, dass es außer dem Tresor im Büro ihres Mannes, in dem er seine Munition aufbewahrte, noch einen weiteren im Haus gab. Linda hatte den Tresor zwischenzeitlich geöffnet und begann Geldbündel und Papiere hastig in einer Baumwolltasche zu verstauen.
Eine Million Fragen rasten durch Carlottas Kopf. Wieso wusste die Tochter ihrer Putzfrau besser in ihrem Haus Bescheid als sie selbst? Und woher kannte sie den Tresorcode? Dass sie den Schlüssel ihrer Mutter genutzt hatte, um hereinzukommen, war offensichtlich. Aber steckte Etilda mit ihr unter einer Decke? Hatte sie ihr verraten, wo es welche Wertgegenstände zu finden gab?
„Linda, ich bitte Sie“, versuchte Carlotta es erneut. „In der oberen Schublade des Nachtschränkchens liegt der Schlüssel für die Handschellen. Machen Sie mich los, bitte!“
Die junge Frau schloss den Tresor, klappte das Bild wieder davor und trat an das Bett. Ihr Blick glitt über Carlotta, die unter der unverhohlenen Musterung vor Scham errötete.

Eine Nuance dunkler

„Machen Sie das freiwillig?“, fragte Linda.
„Was meinen Sie?“ Carlotta war irritiert.
„Na, das hier.“ Sie umfasste mit einer Handbewegung das Bett, auf dem Carlotta ausgeliefert da lag. „Sich ihm untergeben.“
Carlotta schwieg und spürte, dass die Röte in ihrem Gesicht eine Nuance dunkler wurde.
„Hätte ich nicht gedacht. Ich mochte Sie immer und konnte mir nicht vorstellen, dass sie bei seinen Schweinereien mitmachen.“
„Ich verstehe nicht, wovon Sie sprechen, Linda.“
„Also, machen Sie das freiwillig?“
„Ich weiß zwar nicht, was Sie das angeht …“, begann Carlotta trotzig.
„Von Ihrer Antwort hängt ab, wie es hier weitergeht.“

Ich habe es gehasst

Tränen traten in Carlottas Augen. Sie hätte sie gern weggewischt. „Manchmal mache ich mit, ja. Ihm zuliebe.“ Ihre Stimme war ein Flüstern. „Aber so weit ist er noch nie gegangen. Er hat mich noch nie allein gelassen. Einfach so liegen gelassen.“
Linda setzte sich auf die Bettkante und sah mit glasigen Augen aus dem Fenster. „Ich habe es gehasst“, sagte sie.
Carlottas Atem setzte aus. „Wie bitte?“
„Seine dominanten Phantasien. Am Anfang hat ihm noch gereicht, dass ich jung war und ihn angehimmelt habe. Als ich unsere Affäre beenden wollte, drohte er, meine Mutter zu entlassen, wenn ich mich nicht weiter mit ihm träfe. Und irgendwann hat er alle Hemmungen verloren und mich benutzt, wie es ihm gefiel.“
Carlotta starrte die junge Frau entsetzt an.
„Mal war ich seine Prinzessin und er schmückte mich mit den teuersten Dingen, die er später alle Ihnen schenkte. Dann wieder war ich seine Hure und sollte vulgär und obszön sein. Oder er fesselte mich ans Bett und demütigte mich auf jede nur erdenkliche Weise.“

Ihr Mann ist ein Schwein

Lindas Erzählung war mehr und mehr ins Stocken geraten, bis sie verstummte. Dann zog sie die Schublade des Nachtschränkchens auf und fischte den Schlüssel für die Handschellen heraus. Sie schaute Carlotta in die Augen.
„Oft hat er geprahlt, was für ein toller Kerl er sei und wie weit er es im Leben gebracht habe. Dann hat er mir all seine Reichtümer aufgezählt und ihre Verstecke verraten. Genauso wie den Tresorcode. Dass ich mich eines Tages wehren würde, hat er wohl nicht eingerechnet.“
Linda beugte sich vor. „Ihr Mann ist ein Schwein!“, sagte sie und öffnete die Handschellen.
Carlotta richtete sich auf, zog die Bettdecke heran, wickelte sich darin ein, setzte sich neben Linda auf die Bettkante und rieb die schmerzenden Handgelenke. So saßen sie eine Weile schweigend beieinander, jede in die eigenen Gedanken vertieft.
„Reicht es Ihnen, ihn zu bestehlen?“, fragte Carlotta schließlich.
Nun war es an Linda, irritiert zu sein. „Wie bitte?“
„Bereitet es Ihnen schon Genugtuung, ihn zu bestehlen?“
„Ich verstehe nicht, was sie meinen.“
„Mir würde das nicht reichen. Ich finde, ein einfacher Diebstahl ist zu wenig.“
Linda schnaubte. „Und was schwebt Ihnen vor?“

Feine Wasserperlen auf ihrer Haut

Als der Minister zwei Stunden später nach Hause kam, lag Carlotta genauso im Bett, wie er sie verlassen hatte. Wie hätte es auch anders sein sollen.
Zufrieden mit seinem Jagderfolg spazierte er in das Schlafzimmer und setzte sich zu seiner Frau aufs Bett. Sie blickte ihn flehend an.
„Harald, bitte! Mach mich jetzt endlich los!“

Der Ton und ihre Hilflosigkeit gefielen ihm. In seiner Hose regte sich etwas. Er zog sich aus und warf die Kleider achtlos zu Boden. „Nicht so hastig, mein Schatz“, sagte er süffisant und hielt ihr seine Männlichkeit voller Stolz ins Gesicht. „Wir haben doch noch was vor.“
Sie stöhnte. „Dann gib mir wenigstens erst einen Schluck zu trinken. Ich verdurste.“ Sie deutete mit dem Kopf zum Nachtschrank, auf dem ein Glas und eine Flasche Mineralwasser standen. Kopfschüttelnd griff er danach. „Wie oft soll ich noch sagen, dass ich Wasser aus Glasflaschen bevorzuge. Wo kommt denn dieser Plastikmüll schon wieder her?“ Er öffnete den Schraubverschluss, mit einem Zischen entwich Kohlensäure.

„Das ist mir ehrlich gesagt im Moment völlig egal“, erwiderte Carlotta. „Hauptsache, Du lässt mich endlich einen Schluck trinken.“

Seine Augen traten hervor

Der Minister goss Wasser in das Glas und hielt es ihr vors Gesicht. Sie spürte feine Wasserperlen auf ihre Haut spritzen. Dann setzte er das Glas an seinen eigenen Mund und trank es in einem Zug aus. „Aah, das tut gut“, seufzte er. Gleich darauf verzerrte sich sein Gesicht. Er griff sich an den Hals, seine Augen traten hervor.

Carlotta lachte höhnisch auf. „Ich wusste es.“
Wie aufs Stichwort betrat Linda das Zimmer. „Er hat es tatsächlich getrunken?“, fragte sie.
„Natürlich. Genau so, wie ich es mir dachte.“

Harald wandte seinen Kopf hektisch von einer zur anderen und schnappte weiter verzweifelt nach Luft.
„Das wäre deine Chance gewesen, mein Lieber“, sagte Carlotta, während Linda sie abermals von den Handschellen befreite. „Du hättest nur einmal nicht egoistisch sein dürfen, dann hätten wir dich verschont. Aber jetzt ist es zu spät.“
„Ich habe übrigens die schäbige Plastikflasche besorgt.“ Linda legte dem Minister eine Hand auf die Schulter. „Denn nur so konnten wir das Gift ins Wasser injizieren, ohne die Flasche zu öffnen. Schließlich kennen wir beide Deine Abneigung gegen abgestandenes Wasser nur zu gut.“

Carlotta stand auf und trat neben die junge Frau. Gemeinsam betrachteten sie die Fassungslosigkeit in seinem Blick und beobachteten, wie er langsam die Augen verdrehte und vornüber auf das Bett sank.

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