Sauerstoff-Mangel – eine Short Story von Beate van den Berg

Die Short Story „Sauerstoff-Mangel“ ist im  Speed-Writing-Kurs entstanden.
Die Autorin Beate van den Berg lebt in Berlin

Dass es so einfach sein würde

Dass es so einfach sein würde, hatte er nicht erwartet. Immer und immer wieder hatte er im Kopf alles durchgespielt und sich sämtliche Eventualitäten vorgestellt. Aber als die Tür sich ohne weiteres mit der kleinen Scheckkarte öffnen ließ, war er für einen kurzen Moment überrascht.

Er hatte das Haus über Wochen beobachtet

Er hatte das Haus über Wochen beobachtet und kannte die Abläufe seiner Bewohner in- und auswendig. In den letzten Stunden lag es im Dunkel vor ihm, während er draußen im Schatten der großen Eiche, auf der er in seiner Kindheit seine Kletterkünste erprobt hatte, eine Zigarette nach der anderen rauchte. Er liebte diesen Baum so sehr, wie er seinen Vater hasste.

Er zuckte kurz

„Komm da runter, du blöder Bengel! Wie oft soll ich dir noch sagen, dass du auf dem Baum nichts zu suchen hast.“ Er zuckte kurz und schuldbewusst zusammen, als er an die rüde Ermahnung dachte, rief sich aber sofort zur Ordnung.
Diese Demütigungen, von denen es viele und tiefere gab, lagen lange zurück. Sein Vater hatte ihn und seine Mutter vor Jahren verlassen und nichts Eiligeres zu tun gehabt, als eine weitere Familie zu gründen und sich mit neuer Frau und neuer Tochter im alten Haus einzurichten. Er konnte nicht genau bestimmen, wann er das erste Mal dieses bohrende Gefühl des Hasses und der Eifersucht gespürt hatte.

Er wusste nur

Er wusste nur, dass es während der letzten Jahre immer dringlicher und unausweichlicher wurde. Dass es ihn mit Genugtuung erfüllte, als er aus der Ferne registrierte, dass „die Neue“ erkrankte, verstarb und IHN als Witwer und Vater einer kleinen Tochter zurück ließ. Und dass es damit noch nicht getan war. Er hatte gewartet und wusste, dass nun endlich sein Moment gekommen war. Rasch schlüpfte er in den dunklen Flur und bemühte sich, geräuschlos die Treppe hinauf zu steigen. Hinter der zweiten Tür rechts lag sein Ziel. Leise drückte er die Türklinke herunter und trat in das Zimmer.

Die Luft im Raum roch verbraucht

Nur schemenhaft konnte er an der gegenüberliegenden Wand das Bett erkennen. Die Luft im Raum roch verbraucht und fühlte sich konsistent an. Für einen kurzen Augenblick wurde ihm übel bei dem Gedanken, den abgestandenen Sauerstoff mit seinem Vater teilen zu müssen. Er blinzelte, denn seine Augen hatten sich noch nicht vollständig an die Lichtverhältnisse im Raum angepasst, als eine dünne Stimme ihn überraschte. „Micha?“ Er hielt die Luft an, denn da war es wieder, das Gefühl, ertappt zu werden. „Micha. Da bist du ja. Wie hab ich auf dich gewartet.“ Er sah die Umrisse eines dünnen Armes, der nach dem Lichtschalter tastete, während er auf dem in der Ecke stehenden Stuhl langsam Platz nahm.

Das junge Mädchen im gegenüber liegenden Bett

„Lisa!!!“ Das junge Mädchen im gegenüber liegenden Bett richtete sich auf: „Ja, überrascht?“ Er schlug die Hände vor sein Gesicht und sackte kurz in sich zusammen. „Ich weiß nicht, ich kann es dir nicht sagen.“ „Na, nun tu mal nicht so, ich habe dich beobachtet, genauso, wie du uns. Und ich wusste, dass du kommen würdest… es war nur eine Frage der Zeit. Denn ich kenne dich, das glaubst du vielleicht nicht, und ich kenne IHN und ich weiß um IHN. Es war eben nur diese Frage der Zeit, bis die Dinge sich fügen, wie man so schön sagt. Es war so erhellend, wie du um die große Eiche geschlichen, wie du um unser Haus gependelt bist.

Vermisst du ihn eigentlich sehr?

Durftest auch nie klettern, oder? Aber lieb zu ihm sein. Vermisst du ihn eigentlich sehr? Oder liebhasst du ihn so wie ich? Ach, egal. Andere Frage: Wer möchtest du sein? Mein großer Bruder, den ich mir immer so gewünscht habe, und der mich beschützt oder der Loser, von dem mein Papa immer gesagt hat, dass er es sowieso nie zu etwas bringt? Na ja, wenn ich dich so anschaue, dann bist du wohl GAR NICHTS von beidem, deine Knie schlottern ja schon bei dem Gedanken, mal aufzuräumen mit dieser verpissten Familie, die genau auf ein Konto gehen, nämlich auf SEINS. Du bist genau die NULL, von der er immer gesprochen hat, du Idiot…“

Sauerstoff-Mangel

Während sie sprach, hörte er auf einmal nur noch dumpfe Geräusche. Er schaute sinnentleert in diese großen, sich fast blähenden Augen und auf die sich bewegenden Lippen, die sich in der Kaskade von Worten zu einer hässlichen Grimasse verzogen. Es war, als würde sich ein Hammer stetig auf und ab bewegen und auf seinen Schädel einwirken. Er hörte nicht mehr die Stimme seiner Halbschwester, sondern die seines Vaters. Er war nicht mehr der vierundzwanzigjährige Micha, sondern der sechsjährige Idiot, Idiot, Idiot. Einatmen, ausatmen, einatmen. Nach links greifen, die Waffe aus der Jackentasche ziehen. Einatmen. Zielen. Schuss. Seufzen. Ruhe. Ausatmen. Nichts. Nichts. Schritte. Die Tür. Er. Einatmen. Zielen. Schuss. Unendliche Stille.

 

 

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