Ohne dich – von Matthias Pieper

Ohne dich 

Beitrag zum Wettbewerb „Frühling“ von Matthias Pieper – einer der drei Gewinner-Texte

Noch bleich vom Winter

Rose schaute lange aus ihrem Fenster in das Grün hinter der Klinik. Die Wiese war noch bleich vom Winter, der Wald stand dunkelgrau, vor ihrem Fenster stießen die Blätter der Narzissen wie Büschel grüner Skalpelle aus dem Boden. Wenn sie in die Tasse blies, um den Tee abzukühlen, beschlugen ihre Brillengläser, und Wald und Wiese verschwanden. Draußen war es sonnig und kühl, in den kahlen Sträuchern am Fußweg gleich unterhalb ihres Fensters ließen die Meisen ihre zweisilbigen Rufe hören.

Wenn sie doch nicht immer so müde wäre

Wenn sie doch nicht immer so müde wäre. Je weniger Medikamente sie bekam, desto besser wurde es, aber an manchen Tagen war ihr jeder Schritt zu viel. Anfang des Jahres hatte sie einen Zusammenbruch erlitten, an den sie sich nur entfernt erinnern konnte. Fast auf den Tag ein Jahr nach Peters Tod, „wir können ihrem Mann nicht mehr helfen, es tut uns leid“, Krebs, inoperabel. Er hatte die Diagnose noch genau vier Wochen überlebt. Warum gerade er? Er war doch erst zweiundfünfzig gewesen. Nicht grübeln, das Leben musste weitergehen, die Kinder mussten versorgt werden. Sie war schnell wieder arbeiten gegangen, ihre Freundinnen halfen, wo sie konnten. Rose hatte sich gewundert, dass sie ohne ihn atmen und sprechen, ja dass sie weiterleben konnte ohne ihn.

Es sollte endlich milder werden

Heute war unerwartet ein Brief von ihrer alten Klassenkameradin Heike gekommen. Sie hätte von ihrem Klinikaufenthalt gehört – sie vermied Wörter wie Zusammenbruch oder Krankheit – und sie wollte sie gerne besuchen kommen, wenn es ihr recht wäre, obwohl sie ja schon länger nichts voneinander gehört hätten. Vielleicht am Wochenende? Es sollte endlich milder werden, dann könnten sie vielleicht ein bisschen spazieren gehen. Der Brief schloss mit einem Postskriptum: Ich habe auf Youtube ein Video entdeckt von dem Konzert, wo wir und viele aus der Klasse damals waren, Münchener Freiheit, erinnerst Du Dich? Stell Dir vor, in dem Video bist Du zu sehen!

Ihr war flau gewesen

Sie schüttelte ungläubig den Kopf, als sie das las. Wie alt war sie gewesen? Fünfzehn? Münchener Freiheit. Sie war so sehr in den Sänger Stefan mit der großen gebogenen Nase und den schwarzen Locken verknallt, dass sie Tag und Nacht nur an ihn denken konnte… In der Konzerthalle war es heiß und eng gewesen, Hunderte Teenager hatten ein ohrenbetäubendes Pfeifen und Kreischen von sich gegeben. Sie selbst hatte sehr weit vorne gestanden, fast direkt hinter der Bühnenabsperrung, sie wusste gar nicht warum, wo sie sich doch sonst lieber im Hintergrund aufhielt. Bei den ersten Akkorden von „Ohne dich“ flogen alle Hände in die Luft und klatschten im Takt. Ich will mich nicht verändern, um dir zu imponier’n, sang Stefan, auch sie hatte die Arme erhoben. Ihr war flau gewesen von der Aufregung und der stickigen Luft; später am Ausgang hatte es Gedränge und Geschrei gegeben und nach Kotze gerochen.

Hinter Ihrer stillen Fassade

Natürlich hatte sie nicht Stefan Zauner geheiratet, sondern, viele Jahre später, Peter Lange. Die Mittagspause war vorbei, sie hielt Heikes Brief unschlüssig in der Hand, gleich musste sie zu Frau Wilhelm, ihrer Psychologin, gehen, die letztes Mal zu ihr gesagt hatte: Hinter Ihrer stillen Fassade ist eine große Kraft. Die müsse sie sich zurückholen, wenn Sie wieder auf die Füße kommen wolle. Rose fühlte sich wohl bei ihr, sie hatte nie das Gefühl, dass die junge Frau mit der strengen Brille und dem straffen Pferdeschwanz etwas besser wusste. Nein, sie hörte zu, fragte nach, machte Vorschläge, die ihr manchmal weiterhalfen, das Unbegreifliche zu verstehen. Rose musste oft weinen in den Sitzungen, und zuweilen schwiegen sie beide eine Zeitlang. Sie wunderte sich, dass Schweigen in einer Gesprächstherapie sein durfte. Es erinnerte sie an das vertraute Schweigen zwischen ihr und Peter, früher. Später beim Abendessen, der Speisesaal war voll und laut, pochte ihr Herz heftig, als sie in Gedanken wieder bei ihrem Peter war.

Nicht viel zu erzählen

Wie wertvoll ihr das jetzt erschien, dass er oft so selbstverständlich schweigend am Abendbrottisch gesessen hatte und auf ihre Frage, wie sein Tag gewesen sei, nur gut gebrummt, unter seinem braunen widerspenstigen Schopf zu ihr herübergelächelt und in sich gekehrt gegessen hatte. Trotzdem hatte sie nie das Gefühl gehabt, es fehle etwas zwischen ihnen, es war eher, als verstünden sie sich ohne viele Worte. Nach dem Essen war er aufgestanden, hatte sie kurz umarmt, auf den Scheitel geküsst und begonnnen, das Geschirr abzuräumen. Seine Gegenwart hatte ihr gut getan. Sie beugte sich über ihren Teller, um die Tränen zu verbergen, die Trauer stieg in ihr hoch wie graues Wasser, sie sah die Dankbarkeit wie ein Blatt an der Oberfläche treiben.
Abends telefonierte sie immer mit den beiden Kindern. Zum Glück konnten sie zuhause wohnen bleiben, Roses Cousine Susanne war vorübergehend eingezogen, um sie zu versorgen. Heute gab es nicht viel zu erzählen. Für Frederik, den Kleinen, war es schwer, daß sie nicht da war, er brauchte sie.

Silberkettchen an den Handgelenken

Aber sie konnte es nicht ändern. Sie musste noch eine Weile hier bleiben. Später nahm sie ihr Smartphone, öffnete den Browser und suchte „Münchener Freiheit“. Tatsächlich, eine Liveaufnahme von 1986, „Ohne dich“, noch nie gesehen, das Video, obwohl es doch eins ihrer Lieblingslieder war, das regelmäßig im Radio lief. Aber eines geb‘ ich zu, das was ich will bist du, und da! – da war sie: Die Kamera hielt sie ungefähr drei Sekunden lang fest, wie sie in der zweiten Reihe stand, das Gesicht, damals so rund wie heute, zur Bühne erhoben, Silberkettchen an den Handgelenken, kräftige dunkle Augenbrauen. Unter der Schminke wucherte ein Pickel an ihrem Kinn. Die Lippen ihres jugendlichen Abbilds bewegten sich, sie hielt, wie alle anderen, die Hände erhoben, aber ihre Hände vergaßen mitzuklatschen, sie sah aus wie abwesend. Rose drückte auf Pause, das Bild blieb stehen, und sie sah sich mit fünfzehn, den Mund leicht geöffnet, die Augen dunkel glänzend, das Gesicht weich und offen wie das eines Babys.

Ihr Gesicht in die Decke

Ohne dich schlaf‘ ich heut‘ nacht nicht ein! / Ohne dich fahr‘ ich heut‘ nacht nicht heim! Hunderte erhobene Arme bewegten sich im Takt wie Halme, Münder formten Liedzeilen, Gesichter glänzten. Und ich gebe offen zu: / Das, was ich will, bist du! Sie weinte schon wieder. Peter war seit über einem Jahr tot, vor zwei Monaten war sie selbst zusammengebrochen und hatte so lange geschrien und geweint, bis man sie in ein Krankenhaus gebracht und ihr starke Medikamente gegeben hatte, anschließend war sie hierher verlegt worden.
Später, viel später legte sie sich erschöpft ins Bett, rollte sich ein und grub ihr Gesicht in die Decke.

Wie eine schmale, silberne Nadel

Ohne dich komm‘ ich heut‘ nicht zur Ruh‘! / Das, was ich will, bist du! Als sie erwachte, lag ihr Telefon noch neben dem Kopfkissen, draußen begann es zu dämmern, sie wusste nicht, was sie geweckt hatte. Vielleicht war es die Amsel gewesen – ihr blieb fast das Herz stehen, als wäre es die erste Amsel, die je sang, als wäre sie die erste Frau am ersten Morgen der Welt. Als hörte sie zum ersten Mal eine Amsel singen. Vorsichtig, um den Vogel nicht zu erschrecken, öffnete sie das Fenster einen Spalt und ließ sich wieder in ihr Bett sinken, ließ sich vom Lied der Amsel durchströmen und spürte im Innern einen Streifen Helligkeit wie eine schmale, silberne Nadel.

Der Frühling hatte begonnen.

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