In der Stille der Nacht – eine Weihnachtsgeschichte

Die Autorin Christina W. lebt, arbeitet und vertreibt sich ihre Zeit in Wien

In der Stille der Nacht 

Mit dem schwärzlichen Silberlöffel

Als ich ihr so gegenüber saß, tat sie mir beinahe leid, diese alte, zerbrechliche Frau. Ihre faltigen Hände zitterten leicht, als sie vier Stück Würfelzucker in ihre kleine Kaffeetasse fallen ließ und danach in Zeitlupe mit dem schwärzlichen Silberlöffel umrührte, den sie sich aus ihrem alten angenehmen Leben hinüberretten hatte können. Damit er nicht verloren ginge, bat sie mich nach jedem Gebrauch mit ihrer charmanten Nachkriegs-Art und rollendem R, ich möge ihn doch gleich abwaschen. Da sie mir dabei immer gönnerhaft einen Fünf-Euro-Schein zusteckte, tat ich das, wenn auch mit wenig Liebe. Dann legte sie ihn in ein kleines Täschchen, das sie in ihrem Nachtkästchen ganz nach hinten schob, so als ob ihr jemand diesen lächerlichen Löffel wegnehmen wollte. Am gleichen Ort versteckte sie auch an manchen Tagen ihre Unterhosen, wenn sie trotz Inkontinenzeinlage nass geworden waren. Sie schämte sich deswegen zu Tode, wenn ich sie am nächsten Morgen zur Rede stellte. 

Aus wässrigen blauen Augen

Aus wässrigen blauen Augen, wie Greise sie haben, blickte sie mich mit fahlem Gesicht und herunterhängender Wangenhaut an und sagte mit ihrer hochnäsig nasalen Stimme, die in den letzten Jahren nicht an Kraft verloren hatte: “Gott hab ihn selig, den Anton!“

„Das hoffen wir“, sagte ich daraufhin und versuchte mir nichts anmerken zu lassen. Innerlich fand ich es höchst spannend, dass sie mit mir über Anton sprach. Es verursachte mir Bauchflattern und das erstaunte mich. Wie damals, als ich in der Schule meiner ersten Flamme heimlich Briefchen zusteckte.

Auf halbem Weg fiel

„Nie hat er mich im Stich gelassen, der Anton. Und jetzt ist er einfach weg!“ Tja, dachte ich, im Stich lassen wollte er dich wirklich nicht. Noch in seiner letzten Minute hat er nach dir geschrien, hätte ich ihr gerne gesagt, blickte aber scheinbar betroffen zu Boden und hielt meinen Mund.

Als ich wieder aufblickte, sah ich, wie sie sich redlich bemühte, ein Stück vom Kuchen auf ihrer Gabel zum Mund zu befördern. Mit weit offenem Mund wartete sie, aber auf halben Weg fiel das Kuchenstück von der schwankenden Gabel. Nach zwei, drei Stück Kuchen wurde es ihr zu anstrengend und sie schob den kleinen Teller zur Seite. Für mich war das besser so. Was sie sich oben reinstopfte, musste von mir auf der anderen Seite mühsam wieder weggewischt werden. Und dort duftete es weder nach Zimt noch nach Vanille.

„Es ging halt nicht anders“

Aufmerksamkeit wollten sie alle, und daher blieb ich noch eine Weile bei ihr sitzen und tat so, als ob ich ihrem Gelaber zuhörte.
Hin und wieder sagte ich Sachen wie „interessant“, oder „aha“. Im Prinzip war es aber unwichtig, was ich sagte. Die alten Leute wollten sich einfach ihr schlechtes Gewissen von der Seele reden, bevor sie starben. Hauptsache, sie waren die Sachen los, die sie im Leben verbrochen hatten. Sie verpackten es in Phrasen wie „es ging halt nicht anders“, „was hätte ich denn tun sollen“ oder „das war einfach damals so“. Feig waren sie, so kurz vor dem Tod. Angst hatten sie, vor dem jüngsten Gericht oder was auch immer.
Als ob man sich vor Gott verstecken könnte.

Dekubitus Stufe drei

Angeekelt lenkte ich mich ab, indem ich die anderen Bewohner beobachtete. Wer kommt als nächstes dran, fragte ich mich. Der Dekubitus Stufe drei, der den ganzen Tag vor Schmerzen schrie? Der Schlaganfall, der ständig das einzige Wort wiederholte das er noch sagen konnte, oder die spindeldürre Alte mit der Magensonde? Ich rechnete bei keinem von ihnen, dass sie noch ein weiteres Jahr durchhalten würden.

„Was wünschen SIE sich zu Weihnachten?“, fragte sie mich plötzlich und unerwartet.
„Ich?“ Überrascht wie ich war, kam mir einfach so die Wahrheit über die Lippen: “Ich wünsche mir einen ruhigen Arbeitstag, ohne Schreien und ohne Durchfall.“ Erst war ich etwas erschrocken über meine Antwort und sah mich kurz um, ob eine meiner Kolleginnen in der Nähe war. Aber die waren in den Zimmern beschäftigt und konnten mich nicht hören.

Wie erwartet, war das aber ohnehin nur eine rhetorische Frage gewesen. Sie kam sofort und ohne Umschweife auf ihre eigenen Wünsche zu sprechen. Sie legte ja schließlich einige Tausender pro Monat dafür hin, dass man ihr zuhörte.

Mitleid und Bewunderung

„Ich wünsche mir nur eines: beim Anton zu sein!“
Sie sagte das in diesem lächerlichen Ton, auf den hin sie Mitleid und Bewunderung erwartete. Dieser Ton machte mich wütend.
Aber dann wurde mir plötzlich klar, dass sie soeben einen Wunsch geäußert hatte. Einen Wunsch, von dem sie wusste, dass ich ihn ich erfüllen konnte. SIE WEISS, DASS ICH IHN ERFÜLLEN KANN!, hallte es in meinen Gedanken nach.
Einen Moment war ich verunsichert.

Bis zu diesem Zeitpunkt traf ich meine Wahl nach praktischen Kriterien. Es sollte eine Erleichterung, eine Erlösung sein, für alle Beteiligten. Ausgenommen Anton, den hatte ich einfach nicht leiden können. Er war präpotent, eigensinnig und überheblich. Egal um welche Uhrzeit – er klingelte. Ein Glas Wasser, eine dickere Decke, Fernsehen schauen, seinen Rechtsanwalt anrufen, was auch immer. Zumindest einmal im Leben war er demütig, als er mich vor einem halben Jahr auf seinem Bett um sein Leben anflehte.

Wirklich eine persönliche Geschichte

Das mit Anton war wirklich eine persönliche Geschichte.
Ansonsten ging ich praktisch vor bei der Auswahl und orientierte mich an Pflegestufe, Alter und Tumormarker und – ich gebe es zu – am Arbeitsaufwand.
Was getan werden musste, geschah dann. In der Stille der Nacht. Es war für alle ein fairer Deal.

Als ich noch darüber nachdachte, spürte ich plötzlich ihre Hand auf meinem Arm. Sie blickte mich eindringlich mit diesen wässrigen hellblauen Augen an und wiederholte langsam und leise: „Ich wünsche mir, Weihnachten bei Anton zu sein!“

Ich lehnte mich in meinem Sessel zurück und befreite mich so von ihrer ekelhaften dünnhäutigen Hand und blickte sie ebenso eindringlich an wie sie mich.
Jetzt war ich mir sicher. Sie provozierte mich.

Sie spinnt ihre modrigen Fäden

Ihr Blick sagte mir eindeutig, dass ich mir nicht sicher sein könne, wessen Leben in welcher Hand läge.
Diese alte, ausgefuchste und präpotente Frau, dachte ich mir. Sie erpresst mich, ganz offensichtlich. Sie droht mir! Dieser spöttische Blick! Sie macht sich über mich lustig! Sie nötigt mich, sie drängt mich, sie spinnt ihre modrigen Fäden!

Sie war auch nicht anders als Anton, der immer das Sagen haben musste. Machtgeil war sie, sogar jetzt noch, machtgeil bis zum letzten Atemzug!

„Gnädige Frau“, sagte ich kalt und stand vom Tisch auf. “Mal sehen, was der Weihnachtsmann für Sie tun kann“ und ging flott von ihr weg. Ich hätte ihre durchtriebenen wässrig blauen Augen keine Sekunde länger mehr ertragen. Ich wusste noch nicht, wie ich mich entscheiden würde, aber eines war mir klar: Ich wollte diese dominante und rechthaberische Person bis zum Heiligen Abend, bis zur Bescherung, bis zum Läuten des kleinen Glöckchens und dem Gesänge der Sängerknaben im Ungewissen lassen. Und dann, wenn alle Bekannten und Verwandten das Gebäude verlassen hätten, wenn alle Rollatoren in ihren Zimmern verschwunden und alle Gebisse in ihren Bechern in den Badezimmern lägen, dann würde ich sie wissen lassen, ob diese Nacht für sie tatsächlich mit Stille enden würde.

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