Die Gewitterschwimmerin – neuer Roman von Franziska Hauser

Stolz und froh können wir die Neuerscheinung von Franziska Hauser verkünden:

Die Gewitterschwimmerin

Franziska Hauser arbeitet, wenn sie nicht schreibt, auch für schreibwerk berlin – jeden ersten Donnerstagabend im Monat unterrichtet sie Kreatives Schreiben im Prenzlauer Berg. Die Schriftstellerin arbeitet auch als Fotografin, hat zwei Kinder und lebt in Berlin.
Der Roman ist ein sehr gelungenes Beispiel dafür, wie (im weitesten Sinn) autobiographisches Schreiben fiktionalisiert werden kann – ähnlich wie Karl Ove Knausgård musste auch Franziska Hauser ihre Familienmitglieder um das Einverständnis zur Veröffentlichung bitten, allerdings hat sie dafür nicht ihr ganzes Leben riskiert.

Da Franziska eine Fotografin mit viel Fantasie ist, hat sie in einer Art Selfie-Reihe ihre Gefühle beim Schreiben illustriert, die wir in den Text einfügen.

Nach Ihrem Debütroman Sommerdreieck (Rowohlt, 2015) erscheint nun mit Die Gewitterschwimmerin Ihr zweiter Roman, der von Ihrer eigenen Familiengeschichte inspiriert worden ist. Wie ist die Idee zu Die Gewitterschwimmerin entstanden?

Angefangen habe ich mit der Gewitterschwimmerin schon vor Sommerdreieck. Die Gewitterschwimmerin brauchte sieben Jahre. Entstanden ist die Idee aus der Frage, warum meine Mutter so ein Biest geworden war. Ich fing an, in der Vergangenheit zu wühlen und plötzlich fielen mir so viele ungeheuerliche Zusammenhänge auf, die weit auseinanderliegende Ereignisse miteinander vernetzten, dass ich anfangen musste, diese Verknüpfungen aufzuschreiben und aufzuzeichnen. Die Geschichte bildete sich von selbst, ich musste nur ihre Grenzen bestimmen und die innerfamiliären Helden von den Sockeln werfen, um frei erzählen zu können.

Was hat es mit dem Titel Die Gewitterschwimmerin auf sich?

Die Gewitterschwimmerin ist meine Mutter, die Ich-Erzählerin, die bei jedem Gewitter schwimmen ging, um sich in ihrer überheblichen Todessehnsucht mit den Elementen anzulegen.

Was sind die zentralen Erzählthemen in Ihrem neuen Roman?

Es ist die Geschichte einer trotzigen Familie, die sich nie anpassen wollte, es letztendlich aber doch getan hat.

Die Lebensziele sind zwar auf tragische Weise, trotzdem aber auch mit viel guter Laune, gescheitert. Die Themen sind, neben der Haupterzählung, die das Leben meiner 1952 geborenen Mutter in Etappen rückwärts erzählt, u.a. – die unmögliche Verwandlung meiner Großmutter, die Pfarrerstochter war, in eine kommunistische Ehefrau, die mit der Freien Liebe klarkommen sollte – das hundertjährige Leben meines weisen Urgroßvaters, der kein Jude mehr sein wollte – die Agententätigkeit meines Großvaters und seiner Frau in der französischen Résistance – und der Niedergang der DDR, der für meinen Großvater eine Katastrophe und für meine Mutter eine Befreiung war.

Der Roman wird auf zwei verschiedenen Zeitebenen erzählt. Wie sind Sie beim Schreiben vorgegangen? 

Ich habe mir beim Schreiben zwei Zahnräder vorgestellt, die ja in entgegengesetzte Richtungen laufen und mir gefiel der Gedanke, dass die beiden Erzählstränge sich irgendwo treffen werden. Ich wollte wissen, wo das sein wird. Es war wie ein Spiel. Ich habe alles in Kapitel zerhackt und das letzte Kapitel an den Anfang gesetzt, das vorletzte hinter das zweite und so weiter. Das war sehr aufregend, weil ich, radikalerweise, von der chronologischen Variante, vorher keine Kopie gemacht hatte und somit meine einzige Gesamtfassung „zerstörte“. Danach erst habe ich erkannt, dass meine Mutter die eigentliche Hauptfigur ist. Offenbar hatte ich mich dagegen gewehrt. Ich beschloss, mit ihrer Figur respektloser umzugehen, um mich besser in sie hineinversetzen zu können. Meine Mutter fühlte sich trotzdem von mir verstanden.

Wie sind Sie zum Schreiben gekommen?

Als ich elf Jahre alt war, wurde ich gefragt, was ich später werden wolle. Ich habe voller Inbrunst gesagt: „Ich will Schriftstellerin werden“. Wäre ich dabei nicht gefilmt worden (das Video ist auf meiner Webseite www.foto-haus.info zu sehen), hätte ich nicht geglaubt, das gesagt zu haben. Ich studierte dann Bühnenbild, freie Kunst und Fotografie und jobbte, um meine Kinder zu ernähren. Mein Exmann, der Vater meiner Kinder, ist Autor und wir veröffentlichten gemeinsame Zeitungskolumnen. Er schrieb, ich fotografierte. Als er aber anfing, am Theater zu arbeiten, fing ich an, den Stift in die Hand zu nehmen, den er zuhause liegen gelassen hatte. Ich merkte, dass sich der Raum für Geschichten beim Schreiben noch viel weiter öffnen ließ als beim Fotografieren.

Was stand beim Schreiben für Sie zuerst fest: die Geschichte oder die Figuren?

Zuerst stand die Geschichte fest und die Figuren haben sich in ihr entwickelt. Vor allem meine Mutter hat erst in den letzten Jahren während des Schreibens ein Gesicht bekommen.

Inwiefern spiegelt der Roman Ihre eigene Familiengeschichte wider?

Bis auf meinen leiblichen Vater, haben alle Figuren, die im Roman vorkommen, ein reales Vorbild. Selbst die Nebenfiguren. Es gibt einen unheimlich großen Nachlass meiner Familie im DDR Bundesarchiv – Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen. Da liegen riesige Briefberge, die ich gar nicht alle lesen konnte. Ich musste also, bis auf meinen Vater, keine Figur erfinden, sondern nur sehr viele weglassen. Einige Familienmitglieder sehen nicht nur sich selbst anders als ich sie sehe, sondern haben auch verschiedene Sichtweisen aufeinander. Als der Roman fertig war, musste ich alle lebenden Verwandten bitten, mir zu unterschreiben, dass sie mit der Veröffentlichung einverstanden sind. Das war für einige sehr schwer und hat teilweise monatelanger Gespräche bedurft.

Was ist für Sie die zentrale Botschaft Ihres Buches?  

Anfangs habe ich an den Spruch geglaubt: „Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnert, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen“. Ich wollte diese Schleife öffnen. Aber daran glaube ich jetzt nicht mehr. Ich glaube, die Vergangenheit wiederholt sich trotzdem. Ob man sich erinnert oder nicht. Aber dass die Gründe für alle Entwicklungen und menschlichen Verhaltensweisen sich immer aus der Vergangenheit erklären lassen und ein so komplexes Netz bilden, hat mich fasziniert. Ich fand das unterhaltsam und dachte, dass ich so ein Buch gerne lesen würde. Vielleicht ist es auch ein Aufruf, ein paar Schritte zurückzugehen, um die eigenen Vorfahren zu verstehen und mit den Wiederholungen besser klarzukommen.

Sie sind Autorin und arbeiten als freie Redakteurin für namhafte Zeitungen und Magazine. Darüber hinaus sind Sie als ausgebildete Fotografin tätig, und Ihre Fotos erscheinen regelmäßig in renommierten Printmedien sowie 2015 in Ihrem Fotobildband „Sieben Jahre Luxus“ im Kehrer Verlag. Worin besteht für Sie der besondere Reiz von Fotografie?  

In der Fotografie liegt eher meine Seele und in den Texten mein Verstand. Deshalb bin ich auch eine sehr schlechte Auftragsfotografin. Ich kann keine Vorgaben erfüllen. In der Fotografie muss ich meine Haltung nicht erklären, mich nicht rechtfertigen, sondern kann es dem Betrachter selbst überlassen, was er darin sehen will. Eigentlich sollte es beim Schreiben auch so sein. Aber die Verantwortung dafür, was ich beim Leser mit meinen Worten hinterlasse, fühlt sich viel größer an. Meine Bilder sind ungreifbarer und damit auch weniger angreifbar.

Was können Ihrer Meinung nach Fotos leisten, wozu Texte nicht in der Lage sind?

Ich glaube, man bekommt beim Betrachten von Fotos nicht so leicht das Gefühl, dass einem etwas „aufgedrückt“ werden soll. Man lässt sich leichter darauf ein, Bilder zu betrachten, als Texte zu lesen, weil Bilder mehr Spielraum für eigene Interpretationen lassen. Ich brauche nicht so viel Vertrauen vom Betrachter meiner Bilder, aber ich brauche viel Vertrauen vom Leser meiner Texte.

Sie sind selbst Mutter zweier Kinder. Wie hat sich Ihre Sicht auf Ihre eigene Kindheit und Jugend durch das Muttersein verändert?

Ich hätte mich, ohne meine Kinder, nicht in meine Mutter hineinversetzen können. Beide Kinder habe ich im selben Alter bekommen, in dem auch meine Mutter ihre beiden Kinder bekommen hat. Ich habe nicht nur gelernt, sie besser zu verstehen, sondern auch sie stärker zu verurteilen.

 

 

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