Fruchtbare Landschaften?

Furcht- und Fruchtbar: Landschaften

Heute trauern wir mal – nicht nur um Helmut Kohl, sondern um unsere Landschaften (Teil 1). Dann werden wir wieder froh und gehen auf eine Reise (Teil 2).

1: Landschaften

Wir haben gelernt, solche Landschaften wie die hier abgebildete pfälzische als „schön“ anzusehen. Die Reben sind auf gleiche Höhe getrimmt, die Abstände zwischen ihnen sind identisch, damit die Erntemaschinen auch gut durchkommen, die Farbigkeit gibt eine Illusion von Harmonie, grün, so grün … und doch ist es eine durch und durch konstruierte und – Monsanto, BASF, Bayer et. al. sei Dank – fast insektenfreie Anordnung einstmals variationsreichen Wachstums mit Bäumen, Wiesen, (blühenden) Blümchen, Wildkräutern und einem bisschen Chaos. Die Wege sind so gerade wie die Gedanken, die sie uns erlauben. Armes Deutschland. Armes Deutschland?

Blühende Landschaften

Foto: Agnieszka Szeląg

Helmut Kohl, dessen ich hiermit gedenke (und mit einem Gruß an meine Mutter, der er immerhin das Schwimmen beibrachte), hat mit seinem Wunsch nach „blühenden Landschaften“ idealistisch und romantisch zugleich versucht, zusammen zu bringen, was zusammen gehört – und wie so oft, sind Politiker auch nur Menschen. Und die sind sterblich. Jedenfalls hatte er eine Vision, die immerhin in der ostdeutschen Landschaft visionär eine blühende sah, denn diese ist, mit Verlaub, liebe Bayern, Pfälzer, Hessen und sonstwie die (eigene) regionale Landschaft liebenden Menschen: die einzige – bis vielleicht auf die Schwäbische Alb –, die tatsächlich noch so zu nennen ist. Dort im Osten gibt es noch: Wiesen, Insekten und braches Land, krumme Wege, die blaue Korblume und Bäume, die einfach nur da stehen, weil sie Bäume sind.

Foto:Agnieszka Szeląg

Nutzflächen, Nutzdenken, Nutzmenschen

Im durchindustrialisierten Westen (ich pauschaliere jetzt einbisschen) ist das sehr selten geworden. Die Wälder müssen Geld bringen und werden entsprechen raub-gebaut, jedes Fitzelchen Land muss Ertrag bringen, Ertrag und nochmal Ertrag. Doch wohin trägt uns dieses Nutzdenken über Nutzflächen und Nutzvieh und Nutz…menschen???? Wohin? Ich befürchte, in den Abgrund. In Deutschland gibt es bereits einen erheblichen Verlust natürlicher Arten, egal ob Pflanze oder Tier (Agrarreport des BfN 2017). Wann haben Sie zuletzt einen Feldhamster gesehen? Wie viele Schmetterlinge flattern gerade auf Ihre Terasse? Wie viele Vögel hören Sie auf Ihrem Balkon? Wie lange werden wir Menschen diesen Raubbau durchhalten?

Ideale Landschaften?

Landschaft hat die Menschheit, die Kultur, unser Denken und das Sehen geprägt. Sie prägt uns weiterhin – gerade, geordnet, nutzbringend. Sie prägt auch immer die Literatur, in der Landschaftsbeschreibungen eine Beziehung zwischen Mensch und Natur, zwischen Denken und Verstehen, herstellen, z.B. in der Romantik, im Naturalismus und natürlich auch jetzt im „Anthropozän“. Landschaften können, z.B. als heroische, einen Idealraum darstellen, eine Fläche, in die wir unsere Fantasie und unsere Seele legen und die auch immer wieder symbolisch genutzt wurde. Vielleicht bleibt uns bald nur noch die Literatur, um „ideale Landschaften“ zu ersinnen.

Joseph Anton Koch: Heroische Landschaft mit dem Regenbogen (1805)

So lange unser Denken aber noch nicht ganz verlernt hat, weitere Bögen zu ziehen, als uns die beherrschte Natur das lehren möchte, sollten wir über diesen Verlust an Lebens- und Kulturraum zumindest nachdenken dürfen. Helmut Kohl sei Dank.

2. Reise

Meist sind die Landschaften in Reisen eingebettet, die der Wanderer, die Zugreisende, der Tramper, die Fliegerin und der Pilger unternimmt. Und das Reisen hat sich im Laufe der extremen Nutzflächenphilosophie ebenso geändert wie die Landschaften selbst. Was können wir, eingepfercht in den Billigflieger, ausgespuckt auf Ferienparadiese, die wie Fabriken geführt werden, überhaupt noch erleben? Romantik? Landschaft? Sonnenuntergänge? Wildwasserrafting, Drachenfliegen und die große Liebe?

(Drachenfliegen über gestaltete Landschaft, Fotograf unbekannt)

Wir haben eine kurze Schreibreise – die Sie bequem von zuhause aus unternehmen können – organisiert, die kleine Erzählungen über das Reisen zum Ergebnis haben wird. Dabei sollen Beschreibungen von Landschaften und Menschen ebenso eine Rolle spielen wie die modernen Abenteuer, die trotz allem noch möglich sind. Egal, ob es sich um eine Fern- oder eine Nahreise handelt.
Der Kurs „Lust auf (neue) Welt“ dauert drei Wochen und kostet 200 Euro. Er startet am 30. Juni 2017.
Ich verspreche Ihnen keine Traumreise, aber Abenteuer Ihrer Fantasie. Wenn Sie diesen Zug besteigen möchten, haben Sie die erste Hürde schon überwunden, indem Sie bis zu dieser Stelle gelesen haben.

4 Kommentare

  1. Eva de Voss
    Kleines Blitzlicht zum "Reisen" aus meinem Förderunterricht. Ich arbeite mit der Kurdin Joana im Deutsch- Lehrbuch zum Thema "Ferienreisen". Diverse Jugendliche erzählen da in den Texten, was sie so alles in den Sommerferien gemacht haben. Ein Junge schildert sein "River-Rafting", daneben ist ein Bild mit gischtendem Wildwasser und roten Schlauchbooten. Joana: "Mit so einem Boot sind wir gekommen".....
    1. schreibwerkberlin
      Liebe Eva, tja, das sind natürlich ganz neue Arten des Reisens - und die sind sicher auch überaus erzählenswert, bringen sie doch nicht zuletzt unsere gesamte schöne Welt ins Wanken (und nicht nur Boote). Liebe Grüße, Hanne
  2. Elena
    Hallo liebes Team, ich interessiere mich für den Kurs "Lust auf (neue) Welt" und frage mich, wie dazu das Programm konkret aussieht. Es ist ein Online-Kurs, richtig? Wie sehen die Arbeitsmaterialien aus? Wie die Betreuung? Aus der Beschreibung werde ich nicht recht schlau und da ich noch keinen Kurs bei euch gebucht habe, kann ich mir wenig darunter vorstellen. Vielen Dank für mehr Infos und viele Grüße Elena
    1. schreibwerkberlin
      Liebe Frau Fischer, vielen Dank für die Anfrage. Der Kurs ist in drei Teile gegliedert, zu Beginn (Modul 1) wird der/die Reisende präsentiert, damit die Leser*innen sich die Person auch gut vorstellen können; das Reiseziel und die Hoffnungen, die damit verbunden sind bzw. die Flucht, die die Reise möglicherweise bedeutet, geschildert. Dann packt er/sie den Koffer und es geht los. Modul 2 schildert dann die Reise selbst, das Unterwegssein, das Ankommen, die am Ziel (oder eben, sollte es eine Art Road Movie sein, beim Unterwegssein) erlebten Abenteuer, Begegnungen mit Menschen, Orten und Landschaften. Das geht dann in Modul 3 noch ein bisschen so weiter, bis es wieder zurück nachhause geht - und dort angekommen, die alte Welt mit der neuen verbunden wird. In jedem der drei Module gibt es eine Einführung mit Beispielen aus der Literatur und Anregungen für die zu schreibenden (bis zu drei pro Modul) Texte. Sie erhalten zu jedem Ihrer Texte innerhalb von drei Arbeitstagen einen Kommentar mit Hinweisen zur Dramaturgie, zum Stil, zur Personenentwicklung, zur Beschreibung - je nachdem, was gerade anfällt. Und am Ende schreiben Sie einen längeren Text - bis zu 7 Normseiten. Für jedes Modul haben Sie eine Woche Zeit. Start ist der 30. Juni 2017. Ich hoffe, dass das Ihre Fragen beantwortet, schöne Grüße von Hanne Landbeck

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