Eine Reise in die Arktis – von Helga Knocke

Dieser Bericht ist in dem Kurs „Schreib&Reise“ im Sommer 2017 entstanden und führt uns in kältere Regionen.
Helga Knocke, ehemalige Lehrerin, lebt in Berlin

 

Ich wollte eine Reise ans Ende der Welt  machen

Freitag, 13. Juli 2012

Liebe Vera,

sicher erinnerst du dich noch an meinen sechzigsten Geburtstag, den ich – ich war gerade mal vier Jahre in Berlin – im großen Freundeskreis gefeiert habe. Damals war es mir ein Bedürfnis, mein altes und mein neues Leben zusammenzuführen, mit Menschen, die mich in meinem Leben begleitet haben, ein großes Fest zu feiern. Als mein fünfundsechzigster anstand, war mir nach etwas ganz Anderem, ich wollte mir selbst einen Wunsch erfüllen, den ich schon eine Weile mit mir herumtrug. Ich wollte eine Reise ans Ende der Welt machen, weit in den Norden, so weit, wie man mit einem Schiff kommen kann, bis an die Packeisgrenze, ins Reich der Eisbären und Polarfüchse.

Ein kleines Schiff und so wenig Leute wie möglich

Ich war fest entschlossen und rief Doris an, du weißt, eine gute Bekannte und Reisefachfrau, die ein kleines Reisebüro hier in Berlin führt und mich auch damals bei meiner Südamerikareise gut beraten hat.

„Hallo Doris, Helga ist hier, hast du etwas Zeit für mich?“
„Sicher, passt gut gerade, was gibt’s?“
„Kannst du dich noch erinnern, dass ich mich vor einiger Zeit für eine Polarreise interessiert habe?“
„Klar, habe ich dir nicht Reisekataloge mit Angeboten geschickt?“
„Ja, die habe ich auch schon rausgesucht, aber die meisten sprengen mein Budget.“
„Was genau willst du denn?“
„Die Reise soll möglichst über meinem Geburtstag am 29. Juni sein. Ich möchte Eisbären in ihrem natürlichen Umfeld erleben und dabei bis an die Packeisgrenze gelangen, solange das bei dem fortschreitenden Klimawandel noch möglich ist.“
„Ok, wie viel darf es denn kosten? Wo liegt deine Schmerzgrenze?“
„Maximal fünftausend Euro.“
„Da lässt sich sicher etwas finden, ich melde mich später bei dir.“
„Warte, ich möchte ein kleines Schiff und so wenig Leute wie möglich.“

Keine Bekannte, keine Freundin, auch nicht die beste

Die Vorstellung, auf so einem Luxusliner unterwegs zu sein, war einfach nur gruselig, selbst die Schiffe auf den Hurtigruten schienen mir zu groß. Auch war mir von Anfang an klar, dass ich diese Reise allein machen wollte. Keine Bekannte, keine Freundin, auch nicht die beste, wollte ich dabei haben. Ich stellte mir eine meditative Reise vor, auf der ich einen fast unberührten Teil der Welt auf mich wirken lassen wollte, ohne diese Eindrücke gleich zu teilen oder zu zerreden. Ob Doris etwas Passendes finden würde? Da klingelte das Telefon.

„Doris?“
„Hallo Helga, ich glaube, ich habe etwas für dich gefunden. Du könntest bis Spitzbergen fliegen und dort für eine Woche an Bord eines kleinen Expeditionsschiffs für ca. siebzig Personen gehen.“
„Das klingt doch super, und, kann ich mir eine Einzelkabine leisten?“
„Das glaube ich kaum, du müsstest dann das Doppelte hinblättern. Du musst eine halbe Damenkabine buchen und dich überraschen lassen, wer deine Mitreisende ist.“

Oh shit! Wäre dann nicht eine Freundin besser? Nein, entschied ich, ich reise allein, wenn mich auch bei der Vorstellung ein eigenartiges Gefühl beschlich.

„Helga, bist du noch da?“
„Ja, ja, schick mir mal alle Unterlagen zu, ich melde mich dann wieder bei dir.“

Ich wusste, auf Doris war Verlass. Sie plante und organisierte meine Reise perfekt. Mein Geburtstag fiel genau in die Reisewoche, in der ich mit dem Reiseunternehmen „Polarkreuzfahrten“ Spitzbergen besuchen wollte.

Schon im Vorfeld kamen Unterlagen für die Reise an, u.a. auch eine Packliste für den Koffer.

Schwierig wurde es mit den Gummistiefeln

Obwohl wir im Juni reisen würden , waren natürlich Wintersachen gefragt, liegt doch die Durchschnittstemperatur auf Spitzbergen im Sommer bei nicht mehr als plus ein bis sieben Grad.

Natürlich sollte die Kleidung auch wasserfest sein, wir würden ja täglich Zodiac-Fahrten zum Anlanden machen. Kein Problem. Wie du dich sicher erinnerst, lieh ich mir von dir die warme Schihose und Thermounterwäsche, von einer Freundin eine wasserfeste Gore-tex-Jacke, alles andere hatte ich selbst oder musste es mir kaufen.

Schwierig wurde es mit den Gummistiefeln, die eine Profilsohle haben sollten. Die waren leider im Bekanntenkreis nicht aufzutreiben, so wagte ich mich mutig ins Internet, obwohl ich dort noch nie etwas bestellt hatte. Ich gab ein: Gummistiefel mit Profilsohle – und klick, Zalando sprang auf – graue Stiefel mit Blumenmuster, herrlich! Ich bestellte gleich zwei Größen, die passenden würde ich behalten. Schon am nächsten Tag klingelte es an meiner Wohnungstür, da stand der Zalando-Bote. Vor meinem inneren Auge spulte die Werbung ab. „Muss ich jetzt kreischen?“, fragte ich ihn deshalb. Der Bote schaute mich irritiert an, er hatte meinen Witz nicht verstanden. Egal, die Stiefel waren super.

Da ich oft kleine Reisen machte, habe ich eine gewisse Routine für die nötigen Dinge wie Medizin, Kosmetika und natürlich mein Tagebuch. Ich kaufte mir auch noch eine neue Kamera mit sechzehnfachem Zoom, damit ich die Eisbären – wenn wir denn welche sehen würden – auch tatsächlich einfangen könnte. Wie sich später herausstellen sollte, nahm ich mich recht bescheiden damit aus neben den Objektiven, die die anderen Mitreisenden ausfuhren.

Diese Vorbereitungen liefen recht unaufgeregt, die Vorfreude dominierte. Das änderte sich schlagartig, als ich vierzehn Tage vor Reisebeginn die telefonische Nachricht bekam, dass die Reise nicht stattfinden könne, weil das vorgesehene Schiff aus dem Verkehr gezogen worden sei. Es hatte den vorgeschriebenen Standards wohl nicht entsprochen. War diesem Reiseunternehmen wirklich zu trauen?

Aufregung und undefinierbare Angstgefühle wollten nicht mehr verschwinden.

„Können Sie eine Woche später?“, wurde ich am Telefon gefragt.

„Leider nein, da organisiere ich ein Klassentreffen in Berlin.“

So wurde meine „Polarexpedition“ um vierzehn Tage verschoben und ich musste darauf verzichten, meinen Klassenkameradinnen von einer wunderbaren Reise vorzuschwärmen. Dieser Aufschub schenkte mir aber die Zeit, noch zwei Bücher zu lesen, die mir ein Bekannter zur Vorbereitung geliehen hatte, einmal „Hohe Breitengrade“ von A. Andersch und eine Reiseerzählung von 1913 von L. Gerstenberger, die mich köstlich amüsiert hat.

Liebes Töchterchen, nun will ich dich aber nicht länger auf die Folter spannen.

Es ist Freitag, der 13., wenn das kein gutes Omen ist! Der Koffer steht gepackt im Flur und der Rucksack wartet auf die letzten Kleinigkeiten.

Werde ich einschlafen können? Natürlich nicht. Mein Kopfkino spult in Dauerschleife, mein Herz klopft wie wild. Ich versuche es mit Muskelentspannung und Atemkontrolle, aber nichts zeigt irgendeine Wirkung.

 

Also nahm ich eine Vierteltablette

Samstag, 14. Juli 2017

Ach, Vera,

was hatte ich denn erwartet? Ich verreise mit mir ja nicht zum ersten Mal. Bevor sich das Ganze zu einer Panikattacke auswuchs – die überfallen mich manchmal ungefragt – griff ich dann doch lieber zu meiner Zauberpille.

Den Tip hatte mir eine Freundin gegeben, der ich meine Angst vor dieser Reise geschildert hatte.

„Vielleicht ist sie doch eine Nummer zu groß für mich.“, gestand ich ihr.
„Mach dich doch nicht verrückt“, sagte sie, „schmeiß einfach ’ne Pille ein, dann hast du Ruhe.“

Warum war ich nicht selbst darauf gekommen. Seitdem habe ich immer eine Lexotanil dabei, das beruhigt ungemein.

Also nahm ich eine Vierteltablette, die schnell ihre Wirkung tat und erwachte mit dem Klingeln des Weckers um fünf Uhr früh. Um sechs stand Volker (mein Sohn) auf der Matte und brachte mich zum Flughafen Tegel – der BER war ja nicht rechtzeitig fertig geworden.

Jetzt war ich auf mich allein gestellt. Wegen des verschobenen Reisetermins musste ich zunächst nach Frankfurt, wo ich die Reisegruppe treffen sollte.

Wenn ich mir eins immer wieder wünsche, dann, dass ich spontan und ungezwungen auf Menschen zugehen und ein Gespräch beginnen kann. Kann ich aber nicht! Eine innere Anspannung und die Angst, etwas falsch zu machen, lassen mich praktisch mit angezogener Handbremse durch’s Leben laufen. Natürlich habe ich ein paar Strategien, die mir helfen, auf Lager. Am besten funktioniert inzwischen, wenn ich mir liebevoll Mut zuspreche.

„Helga, den Knoten im Bauch kennen wir ja schon, trotzdem sprechen wir jetzt diese Frau an.“

„Gehören Sie auch zur Gruppe „Polarreisen“, die nach Oslo fliegt?“, fragte ich und gab meiner Stimme einen freundlichen Ton. Ein kurzes „Ja“ war alles, was ich als Antwort bekam, dazu ein hochnäsiger Blick und eine Kehrtwendung von mir weg. „Na prima, das fängt ja gut an!“ Da wurde ich überraschend von einem netten Herrn angesprochen:

„Sind Sie Frau Knocke? Sie haben doch umgebucht. Herzlich willkommen. Ich bin Herr Fiez, der Leiter des Reiseunternehmens und habe auch zwei Mitarbeiterinnen dabei, die sie jederzeit ansprechen können. Wir wollen uns persönlich ein Bild von der Reise machen, die wir unseren Kunden so oft empfehlen.“ Das tat gut. Jetzt fühlte ich mich angenommen, ein großer Teil der Anspannung fiel von mir ab.

Von da ab lief alles wie am Schnürchen

Von da ab lief alles wie am Schnürchen, der Flug von Frankfurt nach Spitzbergen war gut; nur mein Koffer hatte den Anschluss von Oslo nach Spitzbergen verpasst. Doch ich war nicht die Einzige ohne Gepäck, das Problem war in Longyearbyen, der Hauptstadt von Spitzbergen, schon bekannt. Hin und wieder bleiben Gepäckstücke beim Umsteigen in Oslo hängen und müssen dann mit der nächsten Maschine nachgeschickt werden. So erhielt ich ein Notpaket für eine Übernachtung im Hotel und ein Versprechen. Sollte wider Erwarten der Koffer nicht auftauchen, bevor ich aufs Schiff ging, könnte ich mit einem Guide einkaufen gehen. Ich wollte mir nicht ausmalen, wie dann meine Reisegarderobe ausgesehen hätte.

Der Anflug auf Spitzbergen in strahlendem Sonnenschein und sieben Grad Außentemperatur war eine Wucht! (Ich sollte mit den Superlativen achtsam umgehen, ich brauche sicher noch mehr davon ;)) Der Pilot, Mette Marens Bruder, steuerte den kleinen Flieger im Tiefflug über das Inland, ab von der vorgeschriebenen Route, ein Willkommensgeschenk sozusagen für uns Gäste. Unter uns lag sonnenbeschienen eine schneebedeckte Fläche, aus der unzählige große und kleine Bergspitzen ragten. Bei dem Anblick wäre dir sofort klar geworden, woher Spitzbergen seinen Namen hat.

Um elf Uhr abends sitze ich nun im weißen Sleepshirt XXL aus dem Notpäckchen vom Flughafen im Hotel ‚Radison Blue‘ allein im Doppelbett. Es ist taghell, draußen scheint die Sonne

 

Deine Mutter

Helga

 

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