Der Liebhaber – Short Story von Ria Gato

Der Liebhaber – Short Story von Ria Gato

Der Liebhaber – Short Story von Ria Gato

Der Liebhaber

Short Story von Ria Gato, die im Kurs Incentive entstanden ist.

Irgend etwas war anders als sonst

Irgendetwas war anders als sonst. Anne öffnete langsam die Augen. Ein Blick auf den Wecker sagte ihr, dass es schon nach acht war. Aber durch den Spalt zwischen den hölzernen Fensterläden fiel kaum Licht. Und – jetzt wusste sie, was es war – es war kein Vogelzwitschern zu hören. Dabei war seit ihrer Ankunft vor ein paar Tagen hier oben auf der Alm kein Morgen vergangen, an dem sie nicht von den Vögeln geweckt worden wäre. Es war ein völlig anderer Klang als das Gurren der Tauben, die auf der kleinen Piazza San Michele in Venedig um die Brotkrumen kämpften, die ihnen Annes betagte Vermieterin Signora Robbini mit für eine so zierliche Person erstaunlich kraftvollem Schwung des Unterarms hingeworfen hatte.

Kein gutes Haar an Antonio

Anne mochte die alte Dame, auch wenn sie kein gutes Haar an Antonio ließ. Sie habe grundsätzlich nichts gegen Männerbesuch, nein! „Bitte halten sie mich nicht für eine konservative alte Schachtel. Aber ein Mann, der immer vor Mitternacht den Rückzug antritt…“, mit bedeutungsvollem Blick zog sie eine Augenbraue nach oben und verschwand in der kleinen Wohnung neben dem Apartment, das Anne gemietet hatte.

Ein leises Donnergrollen unterbrach Annes Gedanken. Erst jetzt bemerkte sie das gleichmäßige Plätschern des Regens. Schnell schob sie die schwere Bettdecke beiseite, schlüpfte in ihre Hausschuhe und lief die wenigen Schritte zum Fenster. Mit geübtem Griff öffnete sie Laden und Fenster. Wie sehr sie Regen liebte. Obwohl nur im Nachthemd, blieb sie stehen und lauschte dem gleichmäßigen Geräusch, das nur von entferntem Donner unterbrochen wurde. Ein Gewitter. Noch besser. Wie hatte sie den Regen vermisst in den Sommermonaten, die sie in Italien verbracht hatte. Aber es hatte sich gelohnt. Sie strich sich eine braune Haarsträhne hinters Ohr, eine Geste, die Antonio immer gemocht hatte. So unschuldig wirke sie, hatte er immer gesagt und sie in den Arm genommen. Sie hatte nichts dazu gesagt.

Café Venezia

Kennengelernt hatten sie sich im Café Venezia, wo sie jobbte, um ihren Aufenthalt zu bezahlen. Sie hatte unbezahlten Urlaub in der Agentur genommen. Sie brauchte Luft, musste etwas Anderes machen, bevor sie im Dezember vierzig wurde. Antonio war einer der Stammgäste, die jeden Morgen kamen. „Einen Espresso und ein Hörnchen“, bestellte er und sah ihr etwas länger in die Augen als notwendig Und wenn sie sich umdrehte, um die Espresso-Maschine zu bedienen und auf das nicht enden wollende Zischen lauschte, spürte sie seinen Blick auf ihrem Rücken. Wenn sie ihm die kleine Tasse und den Teller hinstellte, lächelte er sie strahlend an. Er sah gut aus. Ein bisschen wie George Clooney, und das wusste er auch. „Bitte keinen Nespresso“, hatte er grinsend gesagt, als sie sich etwas länger kannten. Auch das sicher nicht zum ersten Mal. Aber sie mochte Männer mit Humor. Und wenn er lachte, zeigte sich eine Reihe gerader, guter Zähne.

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Der feine Regen blieb

Anne beobachtete, wie es am Horizont heller wurde. Das Gewitter zog weiter über die Berge, nur der feine Regen blieb. Und aus dem Tal riefen die Kirchenglocken bis hoch in ihr Refugium zur Messe. Nein, sie würde nicht gehen. Sie wollte niemanden sehen. Schon gar nicht die alten Gesichter aus ihrem bayerischen Heimatort, aus dem sie sofort nach dem Abitur geflohen war. Sie wusste noch gut, wie sie es damals kaum hatte erwarten können, den Klang von hungrigen Kühen, trägen Treckern und mühsamem Holzhacken gegen Straßenlärm, hektische Arbeit in der Werbebranche, Disko und Konzerte einzutauschen. Und doch war sie jetzt in das kleine Holzhaus hier oben in den Bergen gefahren, in dem sie schon als Kind Ferien gemacht hatten. Sie strich sich über den Bauch. Es war nicht alles so gelaufen wie sie gehofft hatte. Aber hier oben in der Stille der Berge würde sie die Kraft finden zu vergessen.

Ein bisschen routiniert

„Wann bist du hier fertig? Wenn du willst, zeige ich dir Rom.“ Antonio sah ihr in die Augen. Ein bisschen routiniert, der Spruch, hatte Anne gedacht. Aber auch das hatte ihr gefallen. Er machte ihr den Hof, brachte Rosen und lobte ihre Kochkünste. „Fast so gut wie bei meiner Mutter“, sagte er lächelnd mit seiner etwas zu hohen Stimme, so als wäre er nicht ganz richtig in den Stimmbruch gekommen. Er stellte sie nie seinen Freunden oder seiner Familie. Und lud sie auch nicht zu sich nach Hause ein. Signora Robbini mahnte mit den Augen rollend zur Vorsicht. „Vielleicht ist er ein Messie – seien Sie vorsichtig“, fantasierte die alte Dame genüsslich. „Oder er ist verheiratet!“, mutmaßte sie, wenn Antonio wieder einmal so viel arbeitete, dass er nur zweimal die Woche Zeit hatte, um sich mit ihr zu treffen. Doch was wusste sie schon? „Nichts weiß ich, aber ich kann zwei und zwei zusammenzählen.“ Die alte Dame kniff die Augen zusammen. Aber Anne hatte das Gefühl, genau den Richtigen gefunden zu haben. Und dass er verheiratet war, hatte er ihr längst gebeichtet. Signora Robbini hätte nie verstanden, dass ihr das egal war.

Zwei Mal die Woche

Antonio war vielleicht ein Schürzenjäger, aber keiner, der sie nur ins Bett kriegen wollte. Das hatte sich schnell herausgestellt. Sie hatte ihn regelrecht dahin drängen müssen. Nicht, dass ihr das schwer gefallen wäre. Aber sie musste ihm die „Ich liebe dich, daher halte ich mich zurück“-Nummer regelrecht austreiben. Was ihr gelungen war. Doch zwei Mal die Woche, das hatte sie sich anders vorgestellt. Sie musste mit ihm sprechen. So kamen sie nicht weiter. Die Zeit begann zu drängen. Ihr Rückflug nach Deutschland war schon in sechs Wochen.

Mit einem Mal bemerkte Anne, dass sie zu frösteln begann. Schützend schlang sie die Arme um ihren Körper. Der Regen fiel gleichmäßig und in der Ferne zeugte noch einmal ein Donner vom weitergezogenen Gewitter.

Und dann waren ihre Tage ausgeblieben. Der Teststreifen war eindeutig. Sie war so aufgeregt, dass sie gleich noch einen Test machte. Wieder verfärbte sich der Streifen. Anne musste sich setzen und bedeckte den Mund mit der Hand. Sie war so glücklich! Sie hatte ihr Ziel erreicht.

Ungläubig

„Antonio, ich muss mit dir reden!“, begann sie, nachdem sie am Abend gegessen hatte. „Was ist denn los?“, er sah sie fragend an. „Ich muss früher nach Deutschland zurück. Meine Mutter ist krank. Ich werde schon am Wochenende mit dem Zug fahren.“ Ungläubig blickte Antonio sie an. Mit einem Blick, der ihr schlagartig klar machte, dass etwas nicht nach Plan lief.

Immer noch regnete es Bindfäden. Anne blickte mit verschränkten Armen durch den Schleier nach draußen. Sie erinnerte sich nur ungenau an den weiteren Verlauf des Abends. Irgendwann hatte sie ihm gesagt, dass eine Fernbeziehung für sie nicht in Frage käme, da sie ein gebranntes Kind sei, enttäuscht von vielen Beziehungen. Sie käme besser allein zurecht. Er nahm es schlechter, als sie gehofft hatte. Er ging ins Bad, vielleicht, um Abstand zu gewinnen.

Zu spät bemerkte, dass sie einen Fehler gemacht hatte, als er mit dem Teststreifen in der Hand zurückkehrte. Sie musste ihn im Badregal liegen gelassen haben. Mit Schrecken sah sie Antonios freudiges Gesicht. „Du bist schwanger? Das ist wunderbar!“

„Im Ernst? Und was ist mit deiner Frau? Antonio, ich wollte nie einen Mann. Ich wollte ein Kind. Wir lassen es dabei und alles ist gut.“

„Auf gar keinen Fall!“, er wirkte so entschlossen wie nie. „Es ist auch mein Kind. Und, ich muss dir auch etwas sagen. Ich bin nicht verheiratet, war es nie. Und: Ich lebe noch bei Mutter. Die mag nicht, dass ich Frauen mit nach Hause bringe.“

Wie angewurzelt

Anne war sprachlos. Als sie sich wieder gefasst hatte, sagte sie. „Nein, Antonio, es ist vorbei.“ Als er nicht gehen wollte, zog sie ihre Jacke an und verließ fluchtartig die Wohnung. Doch er folgte ihr, versuchte sie zu überreden, drängte sie zu bleiben, ihn zu heiraten. Sie lief schneller, dicht am Kanal entlang, immer schneller, doch Antonio ließ sich nicht abschütteln. Es kam zum Streit, zu Handgreiflichkeiten. Sie stieß ihn mit aller Kraft von sich, so dass er stolperte und über die kleine Mauer stürzte. Woher hätte sie wissen sollen, dass er nicht schwimmen konnte? Wie angewurzelt stand sie da, als sein Schreien ungehört verhallte.

„Ich habe es ja immer gewusst“, kommentierte Signora Robbini zufrieden, als Anne ihr erzählte, dass Antonio verheiratet sei und sie ihn nie wieder sehen wolle.

In der Ferne hörte sie einen Schuss aus der Richtung des Hochstandes am Waldesrand, wie ein Echo des Schlussstrichs, den sie unter Antonio gezogen hatte. Niemand würde auf sie kommen. Es hatte sie ja nie in seinem Leben gegeben. Das Gewitter war vorbei. Sie strich sich über den leicht gewölbten Bauch. Sie hörte, wie die Vögel die ersten Sonnenstrahlen begrüßten.

 

Hanne Landbeck

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