Frühling – von Stephanie Schwarzelbach

Frühling

Am Bett ihrer kranken Mutter

Der Winter war lang in jenem Jahr. Tag für Tag und Stunde um Stunde saß sie in dieser dunklen Jahreszeit am Bett ihrer kranken Mutter, las ihr vor, erzählte ihr kleine Anekdoten von früher und versuchte, sich die Angst vor dem nahenden Ende nicht anmerken zu lassen. Und dann war die Mutter in der Nacht gestorben, einfach so. Obwohl die Tochter darauf vorbereitet war, traf sie das Gefühl des Verlustes doch mit einer Wucht, die sie nicht für möglich gehalten hatte. Weiterlesen

Frauentag – von Stefan Gross

Frauentag

Beitrag zum Wettbewerb „Frühling“ von Stefan Gross – einer der drei Gewinner-Texte

Wie nach einem Dauerlauf

Wir waren in Tegel verabredet, um sechs am Gate. Ich war schon deutlich früher da, kann einfach nicht auf den letzten Drücker fliegen. Mein Nervenkostüm zwickte und kratzte wie blöd und mein Kreislauf war in Wallung wie nach einem Dauerlauf. Auch ohne Spiegel wusste ich, dass sich eine Seenplatte aus roten Flecken in meinem Gesicht gebildet hatte. Ich hatte mir eine Überdosis Guarana (einen Esslöffel voll!) in den Joghurt gepackt, um in die Gänge zu kommen. T.C. Boyles Terranauten hatten mich um den Schlaf gebracht. Ich wollte unbedingt wissen, wie es ausging. Um drei hatte ich das Buch erschöpft zur Seite gelegt. Als um vier der Wecker klingelte, glühte mein heiß gelaufenes Gehirn immer noch und war ziemlich durcheinander. Ich hatte was geträumt, von einem eigenartigen Ort im Dschungel, ich trug ein Menschenkind auf dem Arm, vielleicht war es auch ein Primatenbaby. Weiterlesen

Ohne dich – von Matthias Pieper

Ohne dich 

Beitrag zum Wettbewerb „Frühling“ von Matthias Pieper – einer der drei Gewinner-Texte

Noch bleich vom Winter

Rose schaute lange aus ihrem Fenster in das Grün hinter der Klinik. Die Wiese war noch bleich vom Winter, der Wald stand dunkelgrau, vor ihrem Fenster stießen die Blätter der Narzissen wie Büschel grüner Skalpelle aus dem Boden. Wenn sie in die Tasse blies, um den Tee abzukühlen, beschlugen ihre Brillengläser, und Wald und Wiese verschwanden. Draußen war es sonnig und kühl, in den kahlen Sträuchern am Fußweg gleich unterhalb ihres Fensters ließen die Meisen ihre zweisilbigen Rufe hören. Weiterlesen

Warme Schokolade – Short Story von Diana Ohmann

Diana Ohmann aus Köln schreibt nur ab und zu in ihrer Freizeit und braucht, um sich Zeit für dieses Hobby zu nehmen, einen Push, wie das inspirierende Speedwriting-Seminar von Schreibwerk Berlin.

Warme Schokolade

Die Frau schreit so in den Hörer

„Und wieso ist es dann schon nach drei Tagen kaputt?“ Die Frau schreit so in den Hörer, dass ich das Gefühl habe, ihre Speichelfetzen treffen auf meine Ohrmuschel und ich kann nur mühsam der Versuchung widerstehen, mir mit der Schulter das Ohr abzuwischen.

Ich stelle mir mein telefonisches Gegenüber vor: Wahrscheinlich ist sie Anfang 40, blonde Haare, sehr blond, natürlich gefärbt. Sie ist schlank, bestimmt hat sie einen von diesen Personaltrainern, der sie zur Bestform anregt. Und sie hat so einen kleinen Hund, so eine Trethupe, der auf ihrem Schoß sitzt, während sie mich anschreit und sich zu einer kleinen Kugel zusammengerollt hat, damit weniger von dieser lauten, hohen Stimme bei ihm ankommt. Ich verdrehe innerlich die Augen, vielleicht ist sie auch klein, rothaarig und pummelig, wer weiß das schon. Ist ja auch völlig egal. Weiterlesen

Feine Gesellschaft – Short Story von Andrea Gärtner

Diese Story entstand im Speed-Writing
Andrea Gärtner, Jahrgang 1974, lebt und arbeitet in Südniedersachen. Nebenbei schreibt und veröffentlicht sie Kurzgeschichten. 2017 erschien ihr erster Roman „Herzfehler“.

Sie war und blieb allein

„Du kannst mich doch hier nicht so liegen lassen!“

Unten fiel mit lautem Knall die Tür ins Schloss. Für einen Moment hielt sie den Atem an. Er würde zurückkommen und sie losmachen. Ganz sicher. Sie lauschte, hoffte etwas zu hören, das seine Rückkehr ankündigte. Als das Zimmer vor ihren Augen zu verschwimmen begann, atmete sie keuchend aus. Sie war und blieb allein. Um sie herum nichts als Stille. Lediglich das Ticken der Standuhr war zu hören. Weiterlesen

Schreibanlass Fait divers – Allerwerteste Informationen

 Dieser Text von Ruth Golding entstand im Kurs Fiction Writing; Schreibanlass aus der Zeitung (fait divers).
Deshalb hier ein Link zur Nachrichtenquelle. (Man fand in Spanien im Allerwertesten einer Jesusstatue Informationen aus dem Leben des 18. Jahrhunderts. )

Allerwerteste Informationen

Ein eisiger Hauch

Joaquín Mínguez, Kaplan in der Kathedrale von Burgos, war äußerst nervös. Man schrieb den dritten Monat des Jahres 1777 und der neue Erzbischof würde in wenigen Wochen zu Ostern in der Diözese eintreffen, um seinen Antrittsbesuch zu absolvieren. Ein höchst konservativer Ruf eilte dem Bischof voraus, es hieß, ein eisiger Hauch aus der finsteren Gruft der Inquisition umhülle ihn und ergreife jeden in seiner Nähe mit Grabeskälte.

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In der Stille der Nacht – eine Weihnachtsgeschichte

Die Autorin Christina W. lebt, arbeitet und vertreibt sich ihre Zeit in Wien

In der Stille der Nacht 

Mit dem schwärzlichen Silberlöffel

Als ich ihr so gegenüber saß, tat sie mir beinahe leid, diese alte, zerbrechliche Frau. Ihre faltigen Hände zitterten leicht, als sie vier Stück Würfelzucker in ihre kleine Kaffeetasse fallen ließ und danach in Zeitlupe mit dem schwärzlichen Silberlöffel umrührte, den sie sich aus ihrem alten angenehmen Leben hinüberretten hatte können. Damit er nicht verloren ginge, bat sie mich nach jedem Gebrauch mit ihrer charmanten Nachkriegs-Art und rollendem R, ich möge ihn doch gleich abwaschen. Da sie mir dabei immer gönnerhaft einen Fünf-Euro-Schein zusteckte, tat ich das, wenn auch mit wenig Liebe. Dann legte sie ihn in ein kleines Täschchen, das sie in ihrem Nachtkästchen ganz nach hinten schob, so als ob ihr jemand diesen lächerlichen Löffel wegnehmen wollte. Am gleichen Ort versteckte sie auch an manchen Tagen ihre Unterhosen, wenn sie trotz Inkontinenzeinlage nass geworden waren. Sie schämte sich deswegen zu Tode, wenn ich sie am nächsten Morgen zur Rede stellte.  Weiterlesen

Der Besucher – Eine Short Story von Stefan Gross

Stefan Gross ist Architekt und wohnt in München
Diese Short Story ist im Speed-Writing entstanden

Ihr Nachtgeruch hing noch im Zimmer

Ihr Nachtgeruch hing noch im Zimmer, in der Kammer sollte ich besser sagen, denn es war ein sehr altes Haus. Sie war vor wenigen Minuten abgerauscht mit ihrem C3, metallic blau. Termin in Berlin, ich hab‘ vergessen was es genau war. Kommunikationstrainerin… wohl ein Seminar. Ich öffnete das Fenster, ein vorbildlicher Septembertag strömte herein, die Sonne ging im Osten auf, über dem Bruch lag Frühnebel. Die Verheißung der heilen Welt da draußen behütete mich wenigstens heute davor, in ihr unverschämt ungemachtes Bett zurück zu kehren und darüber zu grübeln, wie lange meine Beziehung zu dieser viel zu jungen Frau noch dauern könnte, bevor wir uns ernsthaft beschädigen würden. Weiterlesen

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