Wie entstehen Romane? In unseren Kursen!

Wie entstehen Romane? Vom Mythos zur Methode

Es ranken sich viele Mythen darum, wie ein Roman entsteht. Woher nimmt man die Idee, wie erkennt man, dass sie etwas taugt … Macht man sich zuerst einen Plan oder schreibt man einfach drauf los?
Viele Fragen kreisen um den kreativen Schaffensprozess – weshalb Autor*innen auch immer wieder danach gefragt werden, wie ihre Romane entstehen. Daniel Kehlmann hat in „Ruhm“ diese scheinbar naiven Fragen ziemlich auf die Schippe genommen. „Woher nehmen Sie Ihre Ideen?“ wird sein reisender Schriftsteller x Mal am Tag gefragt. Und x Mal am Tag antwortet er: „In der Badewanne“. Diese ironische Volte führt zurück zu dem berühmten Heureka-Moment von Archimedes, der in einer öffentlichen Badeanstalt sein nach ihm benanntes Prinzip fand – und deshalb „Heureka“ (ich habe es gefunden“) schreiend durch Syrakus gelaufen ist. Nackt, so will es die Legende. Archimedes schrieb keine Romane, aber auch er überließ sich der Intuition und der Muße, die unbedingt zum kreativen Prozess gehören.

Ein kleiner Lichtpunkt

Robert Seethaler sagt: „Im Schreibprozess beginnt alles im nebelhaft Unbewussten, ein kleiner Lichtpunkt taucht verschwommen am Horizont auf. Es kann eine Szene sein, eine Empfindung, eine Figur – und mit dieser einen vagen Szene wächst dann eine Art Struktur, kommen erste Bilder, ein grober Ablauf. Schreiben bedeutet auswählen, streichen, wegschnitzen.“, so Robert Seethaler über das Schreiben. Das lesen Sie auf seiner  Autorenseite.

Strukturiertes Vorgehen

Es gibt verschiedene Methoden, Romane zu schreiben. Manche arbeiten wie Robert Seethaler aus der Intuition heraus. Andere, vor allem Krimiautor*innen, strukturieren vor und bestimmen erst den Plot und die einzelnen Szenen und arbeiten dann aus. Elizabeth George beschreibt in Wort für Wort, wie strukturiert sie vorgeht, um ihre Thriller zu entwerfen. Da spielt der Zufall kaum eine Rolle.

Von den Protagonist*innen ausgehen: lernen Sie ihre Schlüpfer kennen

Zwischen diesen beiden Polen oszillieren die Romanautor*innen, doch für jeden kommt irgendwann die Notwendigkeit, zu strukturieren und zu „plotten“, also die Handlung zu planen. Wir haben unsere Kurse so aufgebaut, dass Sie von den Protagonist*innen ausgehen, die in Ihren Romanen die Hauptrollen spielen werden und im Laufe der Zeit zu einem Plot gelangen. Wir gehen von der amerikanischen Creative-Writing-Lehre aus, die besagt, dass eine Story  erst dann „laufen lernt“, wenn die Autor*innen quasi in die Schuhe ihrer Figuren schlüpfen können – und eben auch deren Schlüpfer kennen. Dann kennen sie nämlich auch die (geheimen) Wünsche und Sehnsüchte, die Fehler und die Vorzüge und wissen, woher der Handlungsimpuls kommen muss, um den „Helden“ (oder die „Heldin“) in Bewegung zu setzen.

Spielerisch an den Schreibprozess

Bei uns können Sie von Beginn an (Creative Writing) über die Kurzgeschichte (Fiction Writing) bis zum Roman (Novel Writing) das Schreiben lernen. Im Online-Kurs Creative Writing geht es spielerisch an den Schreibprozess, in dem wöchentlich ein neues Thema im Vordergrund steht: Ideen entwickeln, einen Protagonisten entwerfen, eine Krise für ihn/sie finden, Dialoge schreiben, Beschreibungen von Personen, Orten und Gegenständen, Szenen entwickeln und schließlich einen ganzen Plot. Im Fiction Writing-Kurs enwtickeln Sie die Grundlagen für Ihren Roman: von der Idee zum Thema über die Protagonisten und die Gegenspieler bis zum mindestens ersten Kapitel Ihres Werks. Wenn Sie weitere Begleitung wünschen, sind wir auch danach für Sie da (Lektorat und Coaching).

Ein schöner kleiner Artikel über schreibwerk

Sommer-Empfehlung: Storytelling – aber richtig

von Eric Kubitz am 5. Juni 2015

Wenn du deinen Tag mit Schreibereien für Webseiten oder PR-Texte verbringst, wird dir das irgendwann nicht mehr genügen. Das ist sicher auch ein Grund, warum Storytelling derzeit zum guten Online-Marketing-Ton gehört. Merke: In jedem Texter steckt auch ein Autor. Also ein echter Kreativer. Einer, der mit etwas Ruhe eine spannende Kurzgeschichte oder eine bewegende Biographie aufs Papier bringen kann. Oder sagen wir: “könnte”. Denn etwas Handwerk und Übung gehören schon dazu. Man braucht Anleitung dafür – ich sage dir, von wem. 
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Die Bewegung meiner Hand auf ihrer Haut – Short Story von Nicola Tams

Die Bewegung meiner Hand auf ihrer Haut

Nicola Tams hat Kulturwissenschaften in Lüneburg und Santiago de Chile studiert und widmet sich derzeit ihrer Doktorarbeit über die Philosophie der Freundschaft von Jacques Derrida. Der Text entstand im Kurs Speed-Writing

Eine Reise führte mich zu ihr. Ich weiß nicht mehr, was für eine Stunde des Tags es war, aber der Winter war gerade dabei zu verschwinden, und auf den Felsgrund an der Küste von Caen hatte sich Eis gelegt. Ich kam von der Hauptstadt und war auf dem Weg zu einem Geschäftstermin in der Normandie. In dieser Region von Frankreich war es kalt und rau, aber sonnig an diesem Tag. Ich erinnere mich jetzt, wie ich in diesen kleinen Ort fuhr und fasziniert war von den schmalen Gassen, die sich überall in die Landschaft hinauszogen.

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Die Taufe – von Ulrike Pisiotis

Ulrike Pisiotis, Germanistin und Anglistin, lebt in Brüssel

Die Taufe

Hätte mir letztes Jahr jemand gesagt, dass ich im Sommer Lydias Tochter taufen würde, ich hätte nur gelacht. Auch jetzt erinnere ich mich noch gut daran, wie falsch es sich anfühlte, vor allen geladenen Gästen vorn in der Kirche zu stehen. Direkt neben dem Blumenarrangement mit Lydias Tochter auf dem Arm. Zum Glück war die kleine Laura nicht aufgewacht, als Lydia sie mir zu Halten gab. Ich hatte wirklich keine Lust, ein schreiendes Baby zu beruhigen. Der Kindespapa auf der anderen Seite des Altars musste sich da schon mehr abmühen. Obwohl ich mir bis heute nicht sicher bin, ob sein Gehopse Lauras Zwillingsbruder nicht noch mehr aufregte. Wahrscheinlich spürte der kleine Lorenz instinktiv, was ihm bevorstand.  Erst als Lydia mit einer Babyflasche heranflog und ihrem Sohn zu trinken gab, verstummte der Kleine. Während er zufrieden nuckelte, strahlte sie ihn an und machte Gurrlaute dabei.

Sie ist die einzige Frau, bei der ich das nicht lächerlich finde, obwohl ich sie mir vorher nicht als Mutter hatte vorstellen können. Aber natürlich hätte ich es besser wissen sollen. So hatte sie es sich vorgenommen und dann durchgezogen. Wie alles in ihrem Leben. Sie hat es mir nicht erzählt, aber ich bin mir sicher, dass sie sich, als sie schwanger war, verschiedene Kirchen angeschaut hat, um die passende für die Taufe zu finden. Ihre Wahl war gut. Weg vom Zentrum, wo es keine Parkplatzprobleme gibt, aber immer noch eine gute Anbindung für die Gäste ohne Auto. Die Kirche hatte den Charme der alten Dorfkirche, die sie einmal war, behalten, auch wenn sie mittlerweile vor allem jene mitteljunge, gut situierte und aufgeschlossene Vorstadtklientel bediente, die sich sonntags gern einmal erschüttern lässt von den krass anschaulichen Predigten ihres Pfarrers aus Tansania.

Mit den zur Taufe geladenen Gästen war das Gotteshaus bis zum letzten Platz gefüllt, einige mussten sogar stehen. Vor Beginn des Gottesdienstes hatten sich Lydia und ihr Mann zu beiden Seiten des Eingangs postiert, um die Ankommenden zu begrüßen. Dabei verteilten sie an jeden ein Handsträußchen mit einer rosa und einer gelben Rose aus den Körben, mit denen der andere Pate und ich ihnen zur Seite standen. Was für ein Bild. Alle beide mit festlich erhitzten Gesichtern, ein schmuckes Baby auf dem Arm und zu jedem Gebinde ein paar nette Worte. Und als krönender Abschluss der Gang des jungen Paares mit den zwei süßen Geschöpfen mitten durch die in den Bänken sitzende Gemeinde bis vor zur ersten Bank. Kurz hinter ihnen laufend konnten der andere Pate, dessen Name ich leider nicht behalten habe, und ich gar nicht anders, als ebenfalls zu strahlen angesichts all der uns zugewandten heiter-glücklichen Mienen.

Von der Predigt habe ich nicht viel mitbekommen. Nächstenliebe kam darin vor, Verantwortung für das Leben anderer. Tauftaugliches halt. Lydia neben mir hatte die Augen geschlossen und schien ganz andächtig zuzuhören mit Laura friedlich schlummernd auf ihren Knien. Ich starrte auf die Schuhe der Kleinen, perfekte Miniatursandalen in weiß mit einem aufgesetzten Schmetterling aus rosa Spitze, der aussah, als würde er gleich losfliegen. Auch später am Altar war ich fast unempfänglich für die Zeremonie, da ich gebannt auf das Lichtspiel schaute, das die Sonne durch das Bleiglasfenster auf Lydias gelocktem Haar aufführte. Das passiert mir oft, dass sich mir das große Ganze verschließt, wenn ich selbst daran teilnehme, während sich optische Details, Geruch, Stimmungen dafür umso hartnäckiger in meiner Erinnerung festsetzen. Ich wurde erst wieder auf meine Umgebung aufmerksam, als Laura plötzlich in meinem Arm hustete, vielleicht hatte sie sich im Schlaf verschluckt. Ich schaukelte sie ein wenig, was sie beruhigt weiterschlafen ließ. Als ich aufblickte, erhaschte ich noch Lydias forschenden Blick, bevor ihr liebevoll-zustimmendes Lächeln ihn wegwischte.

Automatisch lächelte ich zurück, während mich für den Bruchteil einer Sekunde das Verlangen überschwemmte, ihr Baby fallen zu lassen. Das Kribbeln dieser Anwandlung fuhr mir aus den Eingeweiden durchs Herz bis in die Fingerspitzen, mit denen ich Laura fester umklammerte. Ich hätte es natürlich nicht getan. Allein der Gedanke war schockierend und ich merkte, wie sich meine Halsmuskulatur verkrampfte bei der Bemühung, so entspannt wie vorher auszusehen. Ich hoffte nur, dass sich dieser Gehirnreiz nicht bis zu meinem Gesicht durchgearbeitet hatte. Immer noch lächelnd wandte ich mich ab, als Lydia den Ausschnitt ihres Stretchkleids hochzog. Wie oft hatte ich diese Geste gesehen, die bei jeder anderen vulgär wirkt. Aber dezent ist kein Wort aus Lydias Sprachschatz, auch wenn sie das bei mir angeblich faszinierend fand. Nun ja, passé.

Während des Glaubensbekenntnisses fiel mein Blick auf Meinhardt, den Abgeordneten, der mit seiner Frau gleich hinter Lydias Familie in der dritten Reihe saß. Mit modischer Hornbrille, die ich da zum ersten Mal an ihm sah. Ich konnte mich nicht erinnern, dass er eine Sehschwäche hat. Nach der Wahl wird er sich wohl nicht mehr so privat in der Öffentlichkeit zeigen. Wenn alles so kommt, wie Lydia es mir erzählt hat – und wieso sollte es das nicht – dann darf er in der neuen Regierung wohl mit einem Ministeramt rechnen. Und Lydia kann gleich nach ihrem Mutterschaftsurlaub als eine seiner engsten Mitarbeiterinnen vom Abgeordnetenbüro ins Ministerium wechseln. Perfektes Timing.

Als ich sie kennenlernte, war sie Referendarin in einer Anwaltskanzlei. Ein Ostkind im Berliner Westen. Das waren die kokett deplatzierten Worte, die mir von unserem Vorstellungsgeplänkel noch im Gedächtnis sind. Und natürlich ihr Lächeln und ihr Blick, die mich wie unter eine Glocke setzten, an die der Partylärm gedämpft von außen heranschwappte. Mein Freund, der nur dem Geburtstagskind hatte gratulieren wollen, um dann weiter durch die Nacht zu ziehen, ließ mich irgendwann neben Lydia sitzen und verschwand. Ich weiß nicht, was aus ihm geworden ist. Erst viel später wurde mir klar, dass er damals einfach aus meinem Leben herausgefallen ist. Ich dachte nicht einmal daran ihn anzurufen, als ich nach Hause kam nach zwei Tagen, in denen ich Lydias Zimmer nur verlassen hatte, um Klo und Dusche auf dem Gang zu benutzen. Und auf Facebook habe ich ihn später auch nie gesucht. Wahrscheinlich ist er sowieso nicht dabei. Würde ihm jedenfalls ähnlich sehen.

Zwei Wochen nach unserem Kennenlernen hatte Lydia ihr Zimmer gekündigt und war bei mir eingezogen. Vielleicht war das zu schnell. Vielleicht hätte ich sie hinhalten sollen. Aber das konnte ich nach der Partygeschichte sowieso nicht mehr. Da war kein Zögern gewesen, kein Innehalten, keine Verschämtheit. Ihr Mund auf meinem und überall sonst, ihre Hände auf meinem Körper versetzten mich in ein fortwährendes Wechselspiel von Befriedigung und Verlangen.

Ich glaube nicht, dass sie mir etwas vorgemacht hat. Lydia ist keine Schauspielerin. Und deshalb ist sie so überzeugend. Sie handelt und fühlt, wenn es darauf ankommt, genau so, wie sie es sich vorher für den Moment zu handeln und zu fühlen vorgenommen hat. Wie alle wirklich erfolgreichen Menschen steht sie nicht einfach hundertprozentig hinter einer Sache, sie steht mittendrin, sie verkörpert sie total.  Und genauso hundertprozentig kann sie sich  davon verabschieden.  Vielleicht hat Lydia das von ihren Eltern gelernt, die es nie ganz geschafft haben, sich von der DDR zu lösen. Aber vielleicht ist das auch nur mein Versuch, eine Erklärung zu finden, wo es nichts zu erklären gibt. Und für Lydia gab es als Siebenjährige zur Wende sowieso nichts zu verabschieden. Es ist nicht ihr Fehler, wenn ich geglaubt hatte, dass sie ihren Reset-Modus nicht auf  Beziehungen anwendet oder jedenfalls nicht auf mich.

Ohne, dass ich es kontrollieren konnte, war mein Blick zu Lydias Eltern schräg vor dem Abgeordneten Meinhardt gewandert. Sie saßen versunken in ihrer Bank, beide in festlicher Kleidung, die man sich an niemandem außer ihnen vorstellen konnte. Sie waren etwas später hereingekommen, wahrscheinlich, um die Begrüßung mit mir zu vermeiden. Auch als ich im Altarraum stand, war ihre ganze Aufmerksamkeit an mir vorbei auf den Pfarrer gerichtet. Nicht, dass ich sie nicht verstehen konnte. Sie konnten einfach nicht oberflächlich freundlich sein, zumal zu mir, als fast schon Familienmitglied. Ich erinnere mich noch gut an mein erstes Treffen mit ihnen. Das war erst nach der Verlobung. Lydia und ich fuhren mit dem Zug zu ihnen in die Lausitz, damit ich mich mal richtig entspannen konnte. Die Zugfahrt hatte natürlich den gegenteiligen Effekt. Anstatt den Blick auf die vorbeifliegende Landschaft zu genießen, wurde ich immer nervöser, je näher wir unserem Ziel kamen. Nachdem wir in Dresden umgestiegen waren, hielt es mich bis zum Aussteigen kaum noch auf dem Sitz. Das Vorhaben, mich jetzt gleich in einem ostdeutschen Dorf als Verlobte der einzigen Tochter zu präsentieren, empfand ich mittlerweile gelinde gesagt als Schnapsidee.

Lydia hatte meine Verfassung natürlich mitbekommen und war die ganze Fahrt sehr aufmerksam gewesen. Händchenhalten, zärtliche Gesten und Geplänkel über alles und jeden, auf das ich aber nur mit halbem Ohr hörte. Vom Bahnhof in Bautzen zog sie mich dann sofort in den Überlandbus, der uns ins Dorf brachte. An der Haltestelle dort würde uns  ihr Vater abholen. So hatten sie es ausgemacht.

Anders als ich stillschweigend angenommen hatte, war Lydia bei  ihren Eltern so wie immer. Sie schlüpfte nicht in eine andere Rolle, sobald sie zuhause ankam, so wie ich das tue, wenn ich meinen Vater in Köln besuche. Was selten genug vorkommt. Vielleicht deshalb. Die Begrüßung mit ihrem Vater, der uns vom Bus abholte, verlief genauso herzlich wie sonst mit unseren besten Freunden in Berlin. Auch mich sog Lydias Vater förmlich in seine Umarmung, bevor ich reagieren konnte. Vielleicht war sein Lächeln für mich eine Spur weniger breit, aber vielleicht bilde ich mir das im Nachhinein auch nur ein. Lydia hatte in ihren unglaublich häufigen Telefonaten mit ihren Eltern ja oft genug von mir gesprochen. Dass wir nach ihrem Empfinden so spät hinfuhren, lag bestimmt nicht an ihr.

Beim Essen erwartete ich die üblichen Kennenlernfragen, auf die ich mich innerlich schon vorbereitet hatte. Es kamen auch Fragen zu meiner Familie und zu meiner Arbeit, allerdings nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Spätestens als mich Lydias Mutter mit großer Anteilnahme fragte, ob das schwierige Personalgespräch mit meiner Chefin drei Tage zuvor mir das Erwünschte gebracht hätte, wurde mir klar, dass ihre Eltern wahrscheinlich mehr von mir wussten als ich ahnte. Ich hatte natürlich mitbekommen, dass Lydia mich immer mal am Telefon erwähnte, aber der Detailreichtum war mir wohl doch entgangen. Meistens rief sie sowieso vom Büro aus an, da ihre Eltern früh zu Bett gingen. Lydia hatte mir auch oft von ihren Eltern erzählt, nicht so viel, wie andersherum von mir, wie es schien, aber ich fragte auch wenig.

Ich wollte damals aus Diskretion im Zimmer ihres kleinen Bruders schlafen, aber das fand Lydia spießig. Klein soll natürlich jung heißen, auf den Fotos, die überall herumstanden, war er mindestens einen Kopf größer als Lydia, die ebenfalls nicht zierlich ist. Er befand sich zu meinem Besuch irgendwo für ein Auslandspraktikum. Rumänien, glaube ich. Später hat er uns dann einmal in Berlin besucht, aber viel hatten wir nicht miteinander zu tun. Damals glaubte ich, dass er meine Anwesenheit unangenehm fand, was seine Sympathiewerte bei mir natürlich nicht gerade steigen ließ. Heute weiß ich es besser. Er wollte sich einfach Lydia und ihren Fragen nach seiner Lebensplanung möglichst entziehen. Richtig kennengelernt habe ich ihn erst viel später.

Als uns der Pfarrer die Tauffrage stellte, schaute ich Lydias Eltern direkt an und murmelte: „Ja, mit Gottes Hilfe.“ Ich fing an, Laura in meinem Arm sanft zu wiegen, obwohl sie immer noch ganz ruhig war. Vielleicht riskierten sie so einen Blick auf mich. Wahrscheinlich hatte ihnen Lydia noch nicht erzählen können, dass sie sich keine Sorgen machen mussten, wie sie sich mir gegenüber verhalten sollten, denn ich war in Begleitung zur Taufe, auch wenn mein Liebster erst danach zur Feier im Gasthof kommen konnte. Ich verstand ja, dass er die Kirchenatmosphäre, noch dazu als seliges Familienfest, lieber mied. Lydia hatte natürlich gleich alles über ihn wissen wollen, aber ich hielt mich zurück. Und mit Facebook musste ich sie enttäuschen, dagegen sperrt er sich total. Was durchaus sein Gutes hat.  Die Beziehung bestand zur Taufe erst ein halbes Jahr, war also noch ein zartes Pflänzchen, das ich hegen und pflegen musste.

Der Pfarrer machte mir ein Zeichen vorzutreten. Ich neigte Lauras Köpfchen ein wenig nach unten, damit er dreimal Wasser darüber gießen konnte. Beim zweiten Mal riss sie die Augen auf, um dann beim dritten Mal loszubrüllen. Und natürlich war Lydia sofort da, um sie mir mit einnehmender Geste aus dem Arm zu nehmen. Ich war erleichtert, als sich das Spektakel fast identisch bei meinem Mitpaten wiederholte, nur war es diesmal Lydias in jeder Hinsicht blasser Mann, der den kleinen Lorenz aufnahm. So hatte ich zumindest die Hände frei, um den von Lydia sorgsam ausgewählten Taufspruch der versammelten Gemeinde vorlesen zu können.

Beim Segen des Pfarrers, der es schaffte, diesen liturgischen Protokollpunkt bewegend und persönlich zu vollziehen, merkte ich, wie sich etwas in mir regte. Ich gehe dieser Tage nicht mehr oft in die Kirche, aus verschiedenen Gründen. Auch deshalb habe ich mich innerlich der Heuchelei bezichtigt für das ungute Gefühl, das Lydias plötzliche Kirchennähe bei mir ausgelöst hat. Dabei hat sie ja völlig recht, die besten Feste richtet immer noch die Kirche aus. Das hat sie mir mal bei der Trauung von Freunden ins Ohr geflüstert. Wir mussten beide kichern danach.

Auch ihre eigene Trauung war beeindruckend, wie mir gemeinsame Freunde berichteten. Eine Doppelzeremonie mit Lydias Taufe direkt davor. Ich war nicht dabei, obwohl sie mich eingeladen hatte. Damals hätte ich den Blick auf das Brautpaar nicht ertragen können, ohne mir vorzustellen, dass ich an ihre Seite gehöre. Und ebenso wenig hätte ich die Blicke auf mich ertragen und die Erleichterung in ihnen, dass ich nicht an ihrer Seite stand. Erstaunlich, dass sich in einem Jahr soviel ändern kann. Jetzt lache ich über mich selbst, weil ich diesen Spruch genauso abließ, als ich Lydias Hochzeitseinladung bekam. Wie passend. Ich hatte damals noch nicht einmal unsere Trennung verarbeitet und sie lud mich zu ihrer Hochzeit ein! Heute weiß ich, dass die Zeichen für unsere Trennung an der Wand gestanden haben, seinerzeit habe ich sie nicht sehen wollen. Da war der Tag, an dem sie mich einer neuen Kollegin als ihre Mitbewohnerin vorstellte und ich sie noch damit aufzog, dass ich als Mietzahlerin doch etwas mehr Respekt verdiente. Oder der Tag, an dem ich wissen wollte, wie sie gemerkt hat, dass sie Frauen mag und sie mir antwortete, sie wolle sich da noch gar nicht festlegen, sie möge einfach Menschen. Oder ihr Kinderwunsch, den ich nicht ablehnte, aber wohl auch nicht zu ernst nahm. Und dann die Untersuchung beim Gynäkologen, ob ihre Geburtsorgane alle funktionstüchtig sind, was ich ihrer übertriebenen Vorausplanung zurechnete. Wie recht ich hatte.

Sie zog direkt nach der Trennung aus, eine neue Wohnung hatte sie da bereits gemietet. Perfekt organisiert. Und drei Monate später verliebte sie sich dann Hals über Kopf in den Wohnungsnachbarn, der inzwischen ihr Mann und der Vater ihrer Zwillinge ist. Sie hatte sich wohl in den Finger geschnitten und in ihrer Panik an der nächstbesten Tür geklingelt. Ich weiß nicht, ob es Lydias Absicht war – das weiß man nie – seine Wirkung hat es jedenfalls nicht verfehlt. Die Hochzeit war dann ein Jahr nach diesem ersten Zusammentreffen. Wie romantisch. Ich wünsche ihm, dass er sie immer so bewundert wie jetzt. Sie sind nicht wirklich ein schönes Paar, eher eines der Kategorie Gegensätze ziehen sich an. Aber auch das hat durchaus seinen Reiz, wie ich neidlos zugeben kann.

Nach dem Gottesdienst half ich ihr ein wenig beim Zusammenpacken der Geschenke und Sachen für die Babys. Eilig hatte ich es nicht, mein Liebster würde erst im Gasthaus zu uns stoßen. Lydias Eltern waren mit den Zwillingen schon rausgegangen und schoben dort sicher den Kinderwagen hin und her. Während Lydia geschäftig herumwuselte, Sitzkissen hochhebend, damit wir auch wirklich nichts vergaßen, fragte sie mich nach meinen Eindrücken der Taufe. Meine Bestätigung eines perfekten Ablaufs quittierte sie mit einem strahlenden Lächeln. Beim Hinausgehen war ich diesmal die erste, Lydia hinter mir schaute noch einmal in alle Bankreihen, ob auch wirklich nichts vergessen wurde. Der Tritt aus der dämmerigen Kirche hinaus auf den sonnenbeschienenen Vorplatz war wie der Einlass in eine andere Welt. Zuerst war ich so geblendet, dass ich nur Schemen erkannte. Rechts unten an der Treppe sah ich Lydias Eltern neben dem Doppelkinderwagen, dabei eine Gestalt, die sich gerade über Lorenz’ Seite beugte. Ich blinzelte ein paar Mal, weil ich meinen Augen nicht recht traute. Das war nicht Lydias Mann, sondern Robert, mein Liebster! Warum war er schon da? Mein Herz schlug bis in den Hals als ich auf ihn zuflog. Unsere Begrüßung war ein langer tiefer Kuss, den ich umso mehr genoss, als ich Lydias entsetzten Blick in meinem Rücken spürte. Während ich überglücklich in seinen Armen versank, schien es mir, dass ein kleiner Rest von mir außerhalb der Szene blieb und Lydias Ringen um Fassung beobachtete angesichts meiner mehr als innigen Umarmung mit ihrem Bruder.

Günter Grass und der Vegetarismus

Die Interpretation, Grass habe sich in seinem Gedicht „An alle Gärtner“ aus dem Jahr 1956 (sic!) ausschließlich gegen die Vegetarier gewandt, ist sicher so nicht richtig. Hier das Gedicht in voller Länge – wir wären froh über neue Sichtweisen, zu posten als Kommentar

An alle Gärtner

Warum wollt ihr mir verbieten Fleisch zu essen?
Jetzt kommt ihr mit Blumen,
bereitet mir Astern zu,
als bliebe vom Herbst nicht Nachgeschmack genug.
Laßt die Nelken im Garten,
sind die Mandeln doch bitter,
der Gasometer,
den ihr den Kuchen nennt –
und ihr schneidet ihn mir ab,
bis ich nach Milch verlange.
Ihr sagt: Gemüse –
und verkauft mir Rosen im Kilo.
Gesund, sagt ihr und meint die Tulpen.
Soll ich das Gift,
zu kleinen Sträußchen gebunden,
mit etwas Salz verspeisen?
Soll ich an Maiglöckchen sterben?
Und die Lilien auf meinem Grab –
Wer wird mich vor den Vegetariern schützen?
Laßt mich vom Fleisch essen.
Laßt mich mit dem Knochen alleine,
damit er die Scham verliert und sich nackt zeigt.
erst wenn ich vom Teller rücke
und den Ochsen laut ehre,
dann erst öffnet die Gärten,
damit ich Blumen kaufen kann –
weil ich sie gerne welken sehe.

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