Geschichten aus dem Hasenheim (eine etwas andere Weihnachtsgeschichte) von Maria Unger

Der Text ist im Kurs „Advent, Advent, das Textchen brennt“ entstanden

Personen:
Hoppo von Popo (ein alter Hase)
Hoppa von Popa (seine Gattin)

Der Vorhang geht auf.
Bühnenbild:

Wohnstube, an der Wand – groß – eine Reproduktion, Dürers „Hase“, daneben eine Großphotographie: Hochzeitsbild von Hoppo und Hoppa, daneben zahllose kleine Photos von Hasenkindern, -enkeln, -urenkeln usw. Durchs Fenster sieht man Schneetreiben, vom Plattenspieler her ertönt „Leise rieselt der Schnee“. Hoppo von Poppo sitzt gedankenschwer auf einem altmodischen Sofa, seufzt und wischt sich manchmal mit einem großen Schneuztuch Tränen ab. Nach einer Weile öffnet sich die Türe, Hoppa tritt ein mit einem Schälchen gestiftelter Karotten. Sie erschrickt, stellt das Schüsselchen auf den Beistelltisch und macht den Plattenspieler aus.

Hoppa: Ja du mein lieber Schnuckelhase! Ich hab’s geahnt, ich hab’s befürchtet: Du hast wieder deine Dezember-Depression, alle Jahre wieder.

Hoppo: …. kommt das Christuskind: Und mit dem begann der Abstieg unsere Hasendynastie. jahrhundertelang war Bethlehem die Stallhasenzucht-Metropole und bloß wegen geringfügiger Dax-Einbrüche stürzte sich die Börse auf die anfangs völlig übersehene Christkind-Aktie. Von wem das forciert wurde, weiß man heute noch nicht. Der Einzige, der diesen Kurswechsel überschaut hat, war der Hasen-Großaktionär Herodes, ohne Erfolg. Mit diesem Kind hat alles angefangen, bzw. mit dem ganzen Brimborium um das Kind herum: Werbestrategisch war das Ganze bestens organisiert: Zur Beruhigung der zeitgenössischen Hasenfraktion sprach man von einer Geburt im Stall, dann wurde – man nennt das die anthropozentrische Wende – der Hase durch ein Kind ersetzt und schließlich stellte man – auch das eine sehr langfristige und vorausschauende Planung – die ledige Mutter, die ihr Einzelkind vergöttert, ins Zentrum.

Hoppa: Das ist doch hasisch verständlich! Wenn man bloß ein Junges hat! Wenn diese Mutter in ihrem Leben wie ich 53 Junge geworfen hätte, sähe die Welt ganz anders aus! Wie viele habe ich dann verloren durch Fallen oder Schrotkugeln, aber immer wieder haben wir ….

Hoppo: Langfristig hat die Werbeagentur Paulus und Co. durch die Propagierung der so genannten „Heiligen“ Familie vor ca. 2000 Jahren den Grundstein für die Ein-Kind-Familie der Christen in der westlichen Welt gelegt. Die Chinesen haben diese Politik erst sehr viel später gefördert, aus anderen Gründen.

Hoppa: Aber damit verstoßen die Paulaner gegen ihre eigenen Prinzipien, die da heißen „Wachset und mehret euch“!

Hoppo: Meine liebe Hoppeline, es gilt jeweils das neueste Testament, und das, was du sagst, stand im Alten!

Hoppa: Komm du mir nicht mit juristischen Spitzfindigkeiten! Wenn ich mein Jura-Studium nicht nach einem halben Semester wegen fortwährender Schwangerschaften aufgegeben hätte, wäre ich heute eine Staranwältin. Sie stellt sich in Positur, doziert, gestikuliert gekonnt mit ihrer Hasenbrille:

ad 1: Wir Hasen sind, zwar nicht namentlich, aber gewissermaßen als Mitglied der Körperschaft „Tier“ schon am 5. Schöpfungstag erwähnt, waren folglich vor dem Menschen da.
ad 2: Die Regel „Wachset und mehret euch“ haben wir nach dem Vorbild unseres seligen Rammelow I. schon praktiziert, bevor sie ratifiziert wurde.
ad 3: Bei der Arche Noah wurden wir auf einer Anordnung des alten Chefs unter Artenschutz gestellt, weil das Verhalten der Menschen, nicht aber das der Tiere sündig war. Conclusio: Unser Geschlecht fußt also auf einer Jahrtausende alten, göttlich begründeten Tradition!

Hoppo: Das ist ja alles schön und gut, aber die Menschen kümmert seit Jahrhunderten weder Gott noch Tradition. Das neue Menschen-Motto lautet „Man muss mit den Wölfen heulen, und wenn einer nicht mitmacht, nennen sie ihn abfällig „Hasenfuß“.

Hoppa: Abfällig? Zum Glück! Deshalb landen wir nicht am Kreuz. Wir stiften kein Neues Testament, sondern wir gehen stiften. Man schlägt uns nicht ans Kreuz, weil wir Haken schlagen und flüchten.

Hoppo: Ja, wenn man es so sieht. – In der Lateinschule habe ich ja auch gelernt „Homo homini lupus“.

Hoppa: Und das ist kein Hasenlatein! Wir Hasen leben nach dem Motto: „Du sollst Deinen Nächsten lieben wie dich selbst!“ Das sollte man den Paulanern vielleicht mal sagen!

Hoppo: Ach, Hoppeline, wenn ich dich nicht hätte! Du kannst einen richtig aufrichten.

Hoppa: Du musst aber auch selbst was tun! Nimm jetzt deine Löffel und iss den Karottensalat. Karotten sind gut für die Augen, da werden dir die Lichter aufgehen! Hoppo frisst.

Hoppo: Hoppeline?

Hoppa: Ja?

Hoppo: Hoppelinchen? Weißt du, was Christiane Vulpius ihrem Goether-Gatten geschrieben hat.

Hoppa: Jetzt komm mir nicht mit fremden Frauen!

Hoppo: Sie hat ihm geschrieben, sie fühle sich so „hasig“, so hat sie ihm geschrieben. Und das nicht nur zur Weihnachtszeit.

Hoppa: Das ist die erste Menschenfrau, die mir nachahmenswert erscheint. Sie holt einen Kalender des Jahres 2015. Hoppolino?

Hoppo: Ja?

Hoppa: Jetzt blättern wir im Kalender einige Seiten voraus und feiern das Fest der Osterhasen, die Auferstehung. Das Schneetreiben vor dem Fenster hat aufgehört. Hoppa geht zum Plattenspieler und legt „Häschen in der Grube auf“. Als sich der Vorhang schließt, kann man gerade noch sehen, wie sie Hoppo ihre Hasenpfote reicht und ihn sanft in einen anderen Raum führt.

Martina E. Siems-Dahle: Die Alte und das Mädchen

Der Verstorbene musste eine bekannte Persönlichkeit gewesen sein. Wie viele folgten wohl dem Sarg? Siebzig? Einhundert? Die alte Frau auf der Bank sah dem schwarzen Zug hinterher. Sie schraubte den Becher von der Thermoskanne und schenkte sich einen Tee ein. Verträumt blickte sie auf den gegenüberliegenden Grabstein: Gustav Möller, 21. November 1921 – 09.Juni 2008. Für Grab, Sarg und die Trauerzeremonie war ihr Erspartes draufgegangen. Sie hätte finanzielle Unterstützung beantragen könne, aber das ließ ihr Stolz nicht zu. Ihr Mann und sie hatten sich nie etwas borgen müssen und waren zufrieden mit dem bescheidenen Lebensstil, den sie sich erarbeitet hatten.

Sie massierte ihren Nacken und kreiste den Kopf. Sie hatte gerade die verdorrten Sommerblumen aus dem Grabbeet gezupft, Töpfchen mit Heidekraut warteten darauf, eingepflanzt zu werden. Eine grüne Plastikgießkanne hatte sie vom Wasserhahn bis zur Grabstelle geschleppt, es hatte in diesem außerordentlich warmen Oktober noch keinen Tropfen geregnet. Auf ihrem Schoß lag auf einem rotkarierten Geschirrhandtuch ein schrumpeliger Apfel. Bedächtig, ohne hinzuschauen, (Wie viele Äpfel aus ihrem Schrebergarten, den es seit dem Tod ihres Gustavs nicht mehr gab, hatte sie schon zu Apfelmus verarbeitet?), schälte sie ihn mit wulstigen Fingern.

Der Kies auf dem Weg knirschte, die alte Frau drehte ihren Kopf in die Richtung, hielt mit dem Schälen inne. Ein schwarzes Ding ließ sich auf die Bank plumpsen. Mädchen oder Junge war nicht auf Anhieb zu erkennen. Die Alte griff zu ihrer Lederhandtasche, der man ansehen konnte, dass sie einen großen Teil des Lebenswegs ihrer Besitzerin mitgegangen war. Die Frau presste das kleine Gut auf ihren Bauch und umschloss es mit der selbstgestrickten Jacke. Sie schob sich ein Apfelstück in den Mund und schaute mit neugieriger Skepsis ihren Nachbarn an (oder Nachbarin?).

„Was glotzt du denn so?“, fragte trotzig eine Mädchenstimme. „Schwarz ist doch aufm Friedhof angesagt, oder?“ Reichlich beringte Finger mit Dunkellila lackierten Nägeln öffneten ein Packung Zigarettentabak und holten einen Papierstreifen hervor. Das Mädchen steckte ihn zwischen ihre schwarz angemalten Lippen, kratzte den Tabak zusammen, den sie flink und geschickt in das Papierchen rollte. Es klemmte die Zigarette zwischen ihre schmalen Lippen, steckte sie mit einem Feuerzeug an und nahm einen tiefen Zug. Es schluckte den Rauch geradezu hinunter, um sich dann der alten Frau zu zuwenden und ihr den Rauch ins Gesicht zu blasen. Die Lippen grienten, die Augen verrieten nichts, sie lagen unter einem Pony schwarzer Haare.

„Wenn du mich hier schon anbläst“, sagte die alte Frau und wedelte den Rauch mit einer Hand weg, „dann möchte ich dir dabei auch in die Augen schauen.“

„Klar“, sagte das Mädchen, steckte den Pony hinter die Ohren, zog kräftig und pustete den Dampf wie gefordert der Nachbarin ins Gesicht.

„Hast du keine Schule?“

„Was geht dich das denn an?“, das Mädchen klappte seine dünnen Beine, die in Springerstiefeln steckten, zu einem Schneidersitz zusammen.

Ein Mann im dunklen Wollmantel und Hut schlurfte an den beiden vorbei, im Schlepptau einen Dackel, der abrupt stoppte und auf den Weg ein Häufchen setzte.

„Ey, Alter“, rief das Mädchen, „dein Hund hat gekackt. Mach das mal weg.“ Der Mann aber ging weiter. „Frechheit. Was sind das für Manieren! Willst ein Kaugummi?“, fragte es die alte Frau und hielt ihr eines hin.

„Ich habe mein ganzes Leben noch keines gegessen und jetzt auch nicht.“

„Was? Deine ganzen hundert Jahre nicht?“

„Achtzig Jahre. Ich heiße Berta Möller, und du?“

„Anna.“

„Und wie lange hast du diesen Namen schon?“

„Fünfzehn Jahre.“ Anna mahlte ausladend mit den Kiefern, blähte einen Kaugummiblase und ließ sie zusammen mit Zigarettenrauch platzen.

„Ich wünschte, ich könnte auch im Schneidersitz sitzen. Besonders auf Parkbänken. Aber guck“, Berta Möller zog ihren knielangen, beigen Glockenrock hoch, „Wasser.“

„Die sehen ja aus wie Elefantenbeine in Ballettschuhen! Alt sein ist schon Scheiße, was?“

„Nein, wenn man zufrieden ist, macht einem das nichts aus.“

„Ich bin nicht zufrieden und noch so jung.“ Anna setzte sich nun auf die Rückenlehne der Bank und schnipste den Zigarettenstummel weg. Sie stopfte die Kopfhörerstöpsel ihres iPods in die Ohren, sie zuckte am ganzen Körper zu einer kreischenden Melodie. Dabei drehte sie sich erneut eine Zigarette.

„Haste letztes Jahr das in der Zeitung gelesen?“, sie schrie fast die Frage und hustete den Rauch auf Berta Möllers Apfel.

„Was?“

„Das von dem Mädchen, das einen Sexualtäter in die Flucht geschlagen hat?“

Berta Möller holte sich ein Stofftaschentuch und Echt Kölnisch Wasser aus der Handtasche, spritze eine Menge auf das Tuch und wedelte damit vor Annas Nase.

„I pfui, da wird einem ja schlecht von.“

„Was war mit dem Mädchen?“, fragte die alte Frau und wischte sich ihren Mund und die Hände ab, um dann dem Mädchen die Hörer aus den Ohren zu ziehen.

„Na, die ganze Polizei hatte doch nach dem fremden Bösewicht gesucht, und die Eltern schickten ihre Mädchen nur in Begleitung zur Schule. Tätä! Hat über zwei Wochen gedauert, bis klar wurde, das alles nur erlogen war.“

„Was haben denn deine Eltern dazu gesagt?“

„Na, peinlich war‘s denen … ‚Was sollen denn die Leute von uns denken?‘ und haben mich dann auf eine andere Schule geschickt“ Sie äffte offensichtlich die Stimme ihrer Mutter nach. „Und wenn du dich nicht sofort normal kleidest, schicken wir dich aufs Internat?“

„Das ist aber bestimmt teuer.“

Anna hielt kurz inne und runzelte ihre helle Stirn. Sie schaute die alte Frau an, wie sie da so in den abgetragenen Klamotten saß, etwas gekrümmt und schlaff, durch stumpfe dünne Haare schimmerte Kopfhaut. Und doch schienen die Millionen Falten fröhlich über ihr Gesicht zu tanzen.

„Das ist denen doch egal“, Anna pulte Nagellack ab, „wenn ich brav bin, krieg ich alles von denen. Und wenn ich mal wieder was brauche, bin ich für paar Stunden lieb, trage Jeans und so weiter, was alle so tragen, aber ich bin nicht alle.“

„Ich glaub‘, meine Schildkröte redet mehr mit mir als deine Eltern mit dir.“

Anna zuckte mit den Achseln, stopfte wieder die Hörer in die Ohren, drehte die Musik lauter und zappelte dazu.

„Willst ein Butterbrot?“, fragte die Frau.

Anna hörte das nicht. Sie zog aus ihrer Umhängetasche ein Fläschchen Underberg hervor.

Berta Möller räumte schnell ihr kleines Picknick zusammen und stand so zügig wie ihr möglich war auf. Die Bank kippte nach hinten. Anna fiel rückwärts auf einen Haufen zusammen gerechter Blätter.

„Ey, Alte, noch alles fit im ..?“

„Steh‘ auf und stell‘ die Bank wieder hin, Anna!“, befahl Berta Möller in einem Ton, dass Anna nicht wagte zu widersprechen.

„OK.OK.“

„Ich brauche dich, Anna. Hilf mir beim Bepflanzen des Beets.“ Braune Augen unter schwarzem Augenmakeup funkelten ihr entgegen. Berta Möller setzte sich wieder hin und zeigte auf Harke und Schaufel.

Nachdem Anna blühende Heide in die warme Erde gepflanzt und sie gewässert hatte und die Grabumrandung gereinigt hatte (und auch über den Namen Gustav Möller gefegt hatte), hörte sie Berta Möller sagen:
„Komm‘ bitte morgen nach der Schule hier her. Wir müssen noch das Grab meines Bruders pflegen. Und zieh‘ dir andere Klamotten an. Wär‘ doch schade, wenn dein – wie sagt ihr? Outfit? – schmutzig wird.“

Anna packte die Gartengeräte in einen Jutesack und ging. Berta sah, wie sie ein kleines Fläschchen in einen Mülleimer warf.

Die Warnung – von Rainer Güllich

Keiner wusste zu sagen, wo er plötzlich hergekommen war. Auf einmal saß er da. Er hatte sich ohne ein Wort zu sagen an den Tisch gesetzt. Hinter seinem Kopf flatterten die roten und blauen Wimpel, die über das Deck gespannt waren. Das Gesicht war weiß geschminkt mit blutrotem Mund, dunkel umrandeten Augen und einer hellblauen Träne unter dem rechten Auge. Ein trauriger Clown. Er passte aber in die Gesellschaft, denn viele der Passagiere waren ebenfalls kostümiert. Maskenball war angesagt an Bord. Das Luxusschiff war seit einigen Tagen auf See, um keine Langeweile aufkommen zu lassen, musste man den Passagieren etwas bieten.

Die See war unruhig, die Schiffsmotoren liefen volle Kraft, der Bug des Schiffes durchschnitt die Wellen.

Rechtsanwalt Cordes, Direktor Momberg und deren Ehefrauen, die am Tisch saßen, sahen sich erstaunt an. Doch bevor einer von ihnen etwas sagen konnte, sprach der Fremde. „Guten Abend, ich sehe, Sie sind überrascht, dass ich aus heiterem Himmel erscheine und ungefragt hier Platz nehme. Ich hoffe, Sie nehmen es mir nicht übel. Es ist wichtig, dass ich mit Ihnen rede, ich hoffe, Sie schenken mir Gehör.“

Frau Momberg, eine resolute Dame um die sechzig, fasste sich als Erste. „Guter Mann, mich haben Sie jedenfalls durch Ihren überraschenden Auftritt neugierig gemacht. Ich denke, meinem Gatten wird es ähnlich gehen. So ist es doch, Robert?“ Sie wendete den Kopf. Ihre goldenen Ohrringe blitzten im Licht. Sie griff nach ihrer Halskette und ließ deren Perlen durch ihre Hand gleiten.

Direktor Momberg drehte seinen Kopf zur Seite und sah seine Frau an. „Du hast natürlich recht, Liebes.“ Er drehte sich zu dem Clown um. “Sagen Sie was Sie zu sagen haben. Vorausgesetzt unsere Freunde sind einverstanden.“

Rechtsanwalt Cordes nickte zustimmend und schob sich die Brille höher. Dort wo sie gesessen hatte, war eine leichte Rötung der Nase zu sehen. Seine Frau hob die Augenbrauen und griff sich an ihren mit Straußenfedern verzierten Hut. Auch sie nickte.

„Noch eines.“ Direktor Momberg hob warnend einen Finger. „Ich hoffe, dass Ihr Erscheinen nichts mit dem Maskenball zu tun hat und Sie uns irgendeinen Spaß verderben wollen.“

Der Clown schüttelte den Kopf. „Mein Auftritt hat mit dem Bordfest nichts zu tun. Es gibt auch keine Verbindung zur Reederei oder zu sonst wem hier an Bord. Ich habe lang überlegt, ob ich überhaupt in Erscheinung treten, oder dem Schicksal seinen Lauf lassen soll. Doch ich habe mich entschieden, in Ihr Geschick einzugreifen.“ Er drehte die Arme nach außen und öffnete die Hände. Er lächelte.

Cordes setzte an, um etwas zu sagen, doch Direktor Momberg bedeutete ihm mit einem Wink, zu schweigen.

Der Clown nahm beide Hände wie zum Beten zusammen. „Herr Cordes, Sie haben vielen Unschuldigen zu ihrem Recht verholfen und das oft unentgeltlich. Herr Direktor Momberg hat meist auf eigenes Risiko viele Schuldner seiner Bank unterstützt. Solches Verhalten ist in den heutigen Zeiten selten zu finden und sollte meiner Meinung nach belohnt werden. Ich möchte Sie retten.“

„Retten!? Wovor retten?“ Frau Momberg erhob sich von ihrem Stuhl, setzte sich aber gleich wieder.

Der Clown lächelte sanft. „Dieses Schiff ist ein Unglücksschiff. Es fährt seinem Untergang entgegen. In weniger als zwei Stunden wird es vom Meer verschwunden sein. Das ist es, was ich Ihnen sagen will. Es liegt an Ihnen, was Sie mit dieser Information machen. Vielleicht können Sie den Kapitän überreden, den Kurs zu ändern oder die Geschwindigkeit zu drosseln. Denn das würde genügen, das Schicksal des Schiffes und aller Menschen an Bord zum Guten zu wenden. Mehr kann ich nicht sagen und nicht tun.“ Ruckartig erhob sich der Mann im Clownskostüm von seinem Stuhl und verschwand so plötzlich, wie er erschienen war im Niedergang zum Unterdeck des Schiffes.

Am Tisch herrschte sekundenlang Schweigen, das von dem Rechtsanwalt gebrochen wurde. „Was war denn das? Eine Halluzination oder ein Verrückter? Sie haben doch auch gehört, was er gesagt hat?“

Direktor Momberg nickte. „Natürlich. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Ist es ein dummer Witz, doch ein Arrangement des Kapitäns, so als skurrile Einlage zum Bordfest. Oder war das einfach nur eine absonderliche Person?“

Clara Cordes, die sich noch nicht geäußert hatte, sagte: „Ich denke, dass wir es hier mit einem Menschen zu tun hatten, der sich einen Schabernack leisten wollte. Ich mag es nicht, wenn man mit mir solche Scherze treibt. Wir sollten jedenfalls kein Aufhebens davon machen. Man würde nur über uns und unsere Leichtgläubigkeit lachen.“

Ihr Ehemann zögerte kurz, dann meinte er: „Ich bin deiner Meinung, mein Schatz. Wir werden uns nicht echauffieren und werden schweigen. Ich nehme an, Ihnen ist dies genehm so.“ Mit den letzten Worten hatte er sich an Direktor Momberg und seine Frau gewandt.

Das Ehepaar war ebenfalls der Meinung, dass man einem Phantasten aufgesessen war und die Sache vergessen sollte.

Man schwieg und ließ sich von einem Steward die Mäntel aus der Kabine bringen, denn es war kälter geworden.

Neunzig Minuten später kollidierte das Schiff mit dem Eisberg und versank. Der Namen des Schiffes ging am nächsten Tag um alle Welt: Titanic.

Späte Rückkehr – von Iris Otto

Nichts verursachte in ihm ein solches Gefühl von Behaglichkeit wie das dumpfe Geräusch, mit dem der Keramikdeckel vom Flaschenhals sprang, als er den Bügelverschluss nach hinten drückte. Olaf lehnte sich auf der Couch zurück, während die Jungens von Schalke über den Rasen rannten, um den Bayern den Ball abzujagen. Das Läuten an der Haustür konnte unpassender nicht sein. Olaf blieb sitzen. Der Stürmer ging nach einem Foul der Bayern zu Boden, begleitet von den Pfiffen der Fans und dem schrillen Dauerton der Türklingel. „Hat man hier nicht mal am Wochenende seine Ruhe?“ Fremd klang seine eigene Stimme, die er das erste Mal an diesem Tag hörte. Zweimal drehte er den Schlüssel, bevor sich die Eingangstür öffnete. „Hallo Olaf, lange nicht gesehen. – Und trotzdem gleich wiedererkannt“, fügte die Frau hinzu. Ihr Lachen war eine Spur zu schrill, um echt zu sein. „Monika.“ Mehr fiel ihm nicht ein. „Darf ich reinkommen?“ „Es ist lange her.“ Olaf füllte den Türrahmen mit seiner kräftigen Statur aus und musterte im Gegenlicht der tief stehenden Sonne seine Schwester. Die Zeit hatte bei ihr Spuren hinterlassen. Der Haaransatz schimmerte grau entlang ihres Scheitels, erste Falten umzogen ihre Augen. Jeans und Lederjacke waren wohl nicht nur aus modischen Gründen abgewetzt. „Was willst du?“ Ihr Lächelnd verschwand und sie zog aus einem Stoffbeutel, den sie über der Schulter trug, einen Brief. „Ich bin angeschrieben worden. Wegen der Erbschaft.“ „Das ist lange her.“ „Ich weiß, aber ich war unterwegs. Ausstellungen und so, weißt du.“ Olaf drehte sich um. „Warte hier, ich hole den Schlüssel zur Werkstatt.“ Als er aus der kleinen Kammer zurückkam, die ihm seit Kindertagen als Schlafzimmer diente, stand Monika in der Tür zum Wohnzimmer und sah sich um. „Ich fass es nicht! Hier hat sich nichts verändert in zwanzig Jahren.“ „Warum sollte es? Komm.“ Er fasste ihren Ellbogen und zog sie mit sich. Nacheinander leuchteten die Neonröhren auf. „Wow, das sieht ja picobello aufgeräumt aus. Läuft die Schlosserei gut?“ „Geh so“, antwortete er und ging an einem halb fertigen Treppengeländer vorbei. „Deine Erbschaft steht hier hinten“, sagte er und deutete auf eine Plane. Monika trat näher und hob zögernd die Abdeckung. Dann brach sie in Gelächter aus. „Das soll wohl ein Witz sein! Hier steht, ich bekomme aus dem Nachlass ein Auto.“ Sie wedelte mit dem Brief in ihrer Hand. „Was hast du erwartet, einen Jaguar?“ „Sicher nicht, aber auch nicht diese Schrottkiste ohne Räder und mit zerfetzten Sitzen!“ Olaf zuckte die Schultern. „Es war Vaters ausdrücklicher Wille, dass der Käfer an dich geht.“ „Und was soll das sein? Die Strafe für die entlaufene Tochter, die jetzt mit einer Rostlaube abgespeist wird, die sie nicht einmal von hier fortbewegen kann? Eine Erinnerung an harmonische Familienfahrten, die zum Kotzen waren?“ Wütend ließ sie die Plane fallen und drehte sich um. „Dann eben nicht. Entsorgst du ihn oder soll ich das übernehmen?“ Olaf folgte ihr zur Tür. „Das kannst du machen!“, schrie sie ihm entgegen. „Du hast ja schließlich den ganzen Rest bekommen: das Haus, die Firma, das Grundstück.“ Monika zog an dem Ausschnitt ihres Pullovers. „Mein Gott, wie muffig, hier alles ist. Es nimmt mir den Atem!“ Die metallene Eingangstür donnerte gegen die Hauswand, als sie ins Freie eilte. Olaf folgte ihr. „Mir steht ein Pflichtteil zu!“ Sie rang nach Luft. „Pflichtteil?“ Olaf lachte auf. „Und wo war dein Pflichtteil all die Jahre als Mutter krank war und gepflegt werden musste? Wo war dein Pflichtteil als Vater mit Demenz ins Pflegeheim kam? Wo war dein Pflichtteil, als das alles jeden Monat bezahlt werden musste? Du erzählst mir was von deinem Pflichtteil?“ Olaf spuckte auf den Boden. „Du kannst gern deinen Pflichtteil haben. Die Bank wird sich freuen, wenn einer für die Schulden hier aufkommt. Nur zu!“ Feuchtigkeit sammelte sich in ihren Augen. „Das habe ich nicht gewusst. Ich konnte damals nicht bleiben, es hat mich alles erdrückt. Vielleicht können wir zwei noch einmal…“ Olaf winkte ab. „Lass gut sein. Die Chance ist vorbei. Früher hätte ich dich gebraucht. Jetzt nicht mehr. Gib dem Nachlassverwalter Bescheid, dann kann das Ganze hier abgewickelt werden.“ Er ging zurück zum Wohnhaus. „Olaf, kann ich dir helfen?“ Langsam wanderten seine Augen über ihre Gestalt. „Du siehst nicht so aus, als ob du mir helfen könntest.“ Er schloss die Haustür auf. „Und das war es jetzt?“, fragte sie ungläubig vom Hof. „Sieht so aus“, antwortete Olaf und verschwand in seinem Elternhaus. Er schaltete die Werbung im Fernsehen aus und griff nach der Bierflasche. Olaf trank einen letzten Schluck Bier bevor er die gepackte Reisetasche aus dem Kleiderschrank holte. Er würde weit fahren müssen, um sich aus seinem alten Leben zu befreien. Gefangen und eingesperrt in der Rolle des Lieblingssohnes, der alle Eskapaden der ausgeflippten Schwester ausglich. Der Sonnenschein der Mutter. Der Stolz des Vaters, dessen Beruf er sogar erlernt hatte, um die Firma zu übernehmen. Wie oft hatte er mit seinem Vater gestritten, ob der alte Käfer nicht endlich entsorgt werden könne. Doch der war für Monika bestimmt, wenn sie eines Tages nach Hause zurückkäme. Stolz war Olaf gewesen, dass ihm ein ganzes Anwesen zufiel und seiner Schwester nur die alte Rostlaube. Und dann der Tag an dem er allein am Grab des Vaters stand! Er hatte seiner Verzweiflung Luft gemacht, war anschließend in die Werkstatt gegangen und hatte sinnlos auf die Rückbank des Käfers eingestochen, auf der sie bei so vielen Fahrten nebeneinander gesessen hatten. Irgendwann war das Messer abgeglitten. Er hatte einen kleinen Goldbarren getroffen, der unter ihrem Sitz für Monika bereit lag.

Die Reisende – von Susan Baumann

Es ist morgens. Die Sonne fällt auf das zerwühlte Bettzeug auf der Couch. Havier sieht es von der Küche aus, sieht es als leuchtende Insel im Hausflur. Er nimmt noch einen Schluck Kaffee und spürt nach. Spürt ihre Hand auf seinem Hinterkopf, und hört sie sagen, wie weich doch seine Stoppeln sind. Zumindest möchte er das hören.

Er spült die beiden Kaffeetassen unter lauwarmem Wasser ab, reibt ein paar Mal über den zarten rosa Abdruck ihrer Lippen, bis auch das verschwunden ist.

Sein Mitbewohner hatte sie mitgebracht, von so einem kleinen Konzert einer lokalen Band, gestern Abend. Havier wäre auch gerne mitgekommen, aber in der Firma war Not am Mann und sie hatten ihn gefragt, ob er nicht länger bleiben könnte. Er war zwar nur Praktikant, aber irgendwie hatte es ihm doch geschmeichelt, dass man ihn brauchte.

Sein Mitbewohner hat ein Händchen dafür hübsche Frauen auf zu gabeln. Aber sie war anders, eine Reisende auf der Durchreise. Sie brauchte tatsächlich nur einen Platz zum Schlafen. „Und jemanden für gute Gespräche,“ hatte sie mit einem Augenzwinkern beigefügt. Der Mitbewohner hatte sich bald verabschiedet, er war ja auf etwas anderes aus gewesen.

Er und Merle hatten sich bis tief in die Nacht unterhalten. Darüber wo sie schon überall gewesen war. Wie es sie verändert hatte, mit Fremden über sich selbst zu sprechen. Und welche Pläne sie hatte. Irgendwie nichts, aber dennoch mehr als Havier, der sein Studium erfolgreich abschließen wollte, um danach bei der Firma zu arbeiten, bei der er gerade Praktikum machte. Dann, wenn er sich erst ein bisschen etabliert hatte, würde er eine Frau finden und eine Familie gründen. So in etwa. „Du steckst fest, Havier,“ meinte Merle, „in dieser Gesellschaftslüge, diese Karotte, der alle Esel hinterher rennen.“

Jetzt fragt er sich, was diese Karotte seien sollte, der er angeblich hinterher rannte. Und das was er tat, wollte er doch tun, oder? Nachdenklich reißt er ein Kalenderblatt ab, der August erscheint. Das Motiv zeigt ein Boot am Ufer eines Sees. Irgendwie schön. Darunter kommen merkwürdige Felsen zum Vorschein, oder waren es Pilze? Er fand keine Ortsbeschreibung auf dem Kalender, normalerweise stehen immer ein paar Informationen unter den Bildern oder auf der Rückseite der Blätter. Das nächste zeigt mehrere Kreuzfahrtschiffe, die im Hafen liegen. Und das darauf einen Leuchtturm und drei kleine Häuser auf einer Insel, nicht mehr als ein Fels. Ob Merle diese Orte kannte? Er beschloss es heraus zu finden, heute Abend würde wieder ein Konzert sein, zu dem sie noch gehen wollte, bevor sie die Stadt verlassen würde. Vielleicht würde er sie dort noch einmal sehen.

Er bewegt sich langsam durch die Menschen und hält Ausschau. Am besten ganz vorne stehen und von dort in die Menge sehen, denkt er sich. Er betrachtet die Gesichter vor ihm, die erwartungsvoll auf die Bühne schauen. Doch Merles kann er nicht finden. Langsam geht er zurück, diesmal auf einem anderen Weg, vielleicht steht sie auf der anderen Seite. Die Band betritt die Bühne und fängt an zu spielen. Ganz gut eigentlich, er nickt im Takt mit dem Kopf, kommt sogar ein bisschen ins tanzen. Vielleicht kann er sie später am Ausgang abpassen.

Wieder betrachtet er jede Frau, die an ihm vorbei geht, und sucht nach ihr. Langsam glaubt er, dass er schon vergessen hat, wie sie aussieht. Sie ist nicht unter ihnen. Auf dem Weg zu seiner Wohnung macht er Halt an einer Ampel und wartet darauf, dass sie auf grün schaltet. In seinem Blickfeld liegt eine kleine Bar. Als sein Fokus sich ändert, sieht er Merle. Sie kellnert. Er beobachtet sie durch das Panoramafenster. Wie hat sie den Job so schnell gekriegt? Kennt sie den Besitzer? Hätte sie nicht auch dort übernachten können?

Er beschließt sie zu fragen und betritt die Bar. Sie sieht nicht aus, als ob sie ihn erkennt. „Hey, ich dachte du bist schon längst weg, du wolltest doch weiter reisen.“ „Mandy und reisen? Die hat doch noch nie die Stadt verlassen!“ Der Barkeeper lacht und winkt ab. Havier kann nur fragend die Stirn runzeln. „Das ist so eine Masche von mir,“ sie zuckt entschuldigend mit der Schulter, „manchmal denke ich mir Sachen aus und tue so, als wäre ich jemand anderes. Das geht ganz gut in einer Stadt, in die ständig neue Leute kommen und niemand wirklich jemanden kennt.“ „Und die Sache mit der Karotte und der Lebenslüge?“ Sie zuckt wieder mit der Schulter. „Habe ich irgendwo gelesen, fand ich ganz interessant, aber wer kann schon leben wie er will?“

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